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Eröffnung der Wim Wenders Ausstellung W.I.M. Im Lauf der Zeit im DFF

Das klingende Tabernakel

Wie für alle großen Filmregisseure ist auch für Wim Wenders der Einsatz von Musik von großer Bedeutung. Die Bilder und die Dialoge drängen die Wahrnehmung der Musik zwar oft aus dem Bewusstsein. Aber die Musik erzählt, was die Darsteller nicht sagen und was nicht zu sehen ist. Sie ist Stimmungsmacher und berichtet vom Gefühlsleben der Leinwandfiguren. Eva Claudia Scholtz von der Hessischen Kulturstiftung hat in ihrem Grußwort zur Eröffnung der Wim Wenders Ausstellung W.I.M. Im Lauf der Zeit im DFF den Wenders’schen Musikeinsatz thematisiert.

In Erinnerung an Jürgen Habermas

Warum ich bedauere, niemals mit ihm ins Gespräch gekommen zu sein

Ein Philosoph ist tot, mit dem einige Kollegen zu dessen Lebzeiten ihre Differenzen miteinander debattierten. Doch nicht immer kam es dazu. Dass Jürgen Habermas ein enorm einflussreicher und streitbarer Mensch war, ist bekannt. Dass er den dogmatischen Studenten in den späten 1968er Jahren Gesprächspartner und Widerpart war, ebenfalls. Claus Leggewie, der mit ihm gerne ein ernsthaftes Gespräch geführt hätte, aber die Gelegenheit nicht hatte, schreibt, dass es dabei um Krieg und Frieden gegangen wäre.

Jürgen Habermas

Ein Philosoph und Gesellschaftstheoretiker mit weltbürgerlicher Vision

Am 14. März 2026 starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren. Thomas Assheuer schrieb in seinem Nachruf in der ZEIT: Der junge Habermas „schrieb unverschämt selbstbewusst, in einem kühlen sonoren Sound und mit seltener intellektueller Brillanz.“ Mit seinem Selbstbewusstsein hat der Gelehrte nicht nur in öffentlichen Debatten Stellung bezogen, sondern auch die Publikationen aus seinem Interessenbereich sondiert und bewertet. Was aber sein eigenes Anliegen war, beschreibt in bester Kenntnis der ‚Frankfurter Schule‘ und ihrer Ideengeschichte, Rolf Wiggershaus.

Pariser Geschichten: Walter Benjamin und seine Pariser Hausgemeinschaft

Pokern in der Rue Dombasle 10

Es mag schwer vorstellbar sein, berühmte Schriftsteller und Philosophen, die sich uns mit anspruchsvollen Werken auf sehr unterschiedlichen Sachgebieten bekannt gemacht haben, sozusagen nach Dienstschluss gemeinsam kartenspielend an einem Tisch zu finden – in Not und wachsender Gefahr. Wie Walter Benjamin, Arthur Koestler, Daphne Hardy, Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Erich und Herta Cohn-Bendit, Fritz Fränkel in einem Haus des 15. Arrondissements zusammenfanden, erzählt in seinen Pariser Geschichten Rainer Erd.

Rede zum Internationaler Frauentag 2026

Gleichstellung ist eine Daueraufgabe der Demokratie

Anlässlich des Internationalen Frauentages nahm Tina Zapf-Rodríguez die bröckelnde Gleichstellung in den Blick. In jüngster Zeit sieht die Frankfurter Dezernentin die Gefährdung bedenklich wachsen. So verzeichne hierzulande etwa die Meldestelle Antifeminismus einen „massiven Anstieg von Vorfällen“, stilisieren rechtsextreme Gruppen Gleichstellung zur Bedrohung. In vielen Ländern der Welt sei „Gender“ ein Kampfbegriff geworden und die Lage von Frauen und queeren Menschen katastrophal. Vor diesem Hintergrund stellte die Stadträtin klar: Gleichstellung „ist eine Daueraufgabe der Demokratie“.

Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 4 und Fazit

Kimmy Schmidt: I have hope! 

Die als Kind entführte Kimmy holt sich in der Netflix-Serie Unbreakable Kimmy Schmidt ihr Leben zurück. Tina Fey und Robert Carlock erzählen in dieser Sitcom die Geschichte einer Frau, die trotz traumatischer Erfahrungen hartnäckig an das Gute im Menschen glaubt, an Solidarität appelliert und Optimismus zu ihrer Überlebensstrategie in einer brutalen Realität erklärt. Leonie Englert analysiert im letzten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film, wie Kimmys Naivität im Sinne eines radikalen Optimismus das pessimistische Menschenbild des Neoliberalismus dekonstruiert und einen Möglichkeitsraum für solidarische Zukunftsentwürfe öffnet.

Eine Reise zum Bauern Thomas Bernhard

Mein Hof ist meine Burg

Thomas Bernhard war nicht der erste Schriftsteller, der gerne im Bauernkostüm auftrat. Die Tracht rechtfertigte sich durch den Besitz eines Traktors und mehrerer Bauernhöfe. Diese soziale Selbstbehauptung, abgetrotzt seinem Verleger, erscheint wie ein stilisierter Gegenentwurf zum Leben derjenigen, die er nicht müde wurde zu schmähen. Ruthart Stäblein hat die Immobilien des Österreichers aufgesucht.

Die rechtlichen Kompetenzen staatlicher Kulturförderung

Der Kultur-Staat D

In einem Rechtsstaat werden die Bürger und Bürgerinnen vor der Willkür Einzelner und des Staates mit Gesetzen und deren exekutiver Durchsetzung geschützt. Wer Gesetze ignoriert oder gar eigene Gesetze geltend macht, verhält sich, gelinde gesagt, nicht korrekt. Matthias Buth hat sich schon des Öfteren zu den rechtlichen Kompetenzen und zum merkwürdigen Selbstverständnis der/des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) in TEXTOR geäußert. Nun hat er die wildwüchsigen Gepflogenheiten der deutschen Kulturpolitik zusammengefasst und auf ihre Legitimität hin befragt.

Krise des linksliberalen Zionismus in der Diaspora

Zwischen Freud und Epstein

„Die jüdisch-liberale Existenz ist nicht dazu bestimmt, ein Gefühl moralischer Selbstgewissheit oder seelischer Ruhe zu vermitteln, sondern moralisches Unbehagen als existenzielle Haltung zu halten.“, schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Eran Rolnik in seinen Überlegungen zur Situation der links-zionistischen Juden innerhalb und außerhalb Israels. Damit stehen sie im Widerspruch zum Freund-Feind-Denken der Regierung, werden nicht mehr verstanden und haben zunehmend Probleme, sich selbst zu artikulieren.

Stuttgart 21 und die Juden

Über guten Willen ohne Folgen

Wir können uns noch an die Demonstrationen gegen die Pershing-Raketen erinnern, an den Widerstand gegen die Startbahn West und viele andere Bürgerinitiativen und Proteste, die – wie die jährlichen Friedensaufrufe des Papstes – gar nichts bewirkt haben. Und wenn Thomas Rothschild waghalsig vom Widerstand gegen Stuttgart 21 zur Aufklärung über den Antisemitismus springt, dann deshalb, weil beide Anstrengungen vergeblich waren. Die Gründe dafür sind, wie Thomas Rothschild schreibt, durchaus unterschiedlich.

Porträt des Autors und Herausgebers Ralf-Rainer Rygulla

Der Entdecker

Der Zeit stets voraus, leistet Ralf-Rainer Rygulla in vielen Bereichen Pionierarbeit. So revolutionierte er etwa in den 1960er Jahren mit Übersetzungen amerikanischer Undergroundliteratur den deutschsprachigen Literaturbetrieb, später führte er als DJ im „Cooky’s“ Hiphop und Rapmusik in Frankfurt ein. Seit Anfang der 2000er Jahre widmet sich der frühere Lektor, Textdichter und Drehbuchautor wieder ganz der Literatur. Wolfgang Rüger ist schon lange mit ihm befreundet und gibt Einblick in die bewegte Vergangenheit des Multitalents.

Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 3

Bella Baxter: If I know the world, I can improve it! 

Mit dem Gehirn eines Babys, aber im Körper einer Frau lernt die Protagonistin Bella in Yorgos Lanthimos Oscar-prämierten Film Poor Things die Welt kennen. Aufgrund ihrer Unwissenheit widersetzt sie sich wider aller Erwartungen, die an eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft gestellt werden, den gesellschaftlichen Konventionen. In ihrer Naivität spricht sie Unsagbares schamlos aus und hält der Gesellschaft somit einen Spiegel vor. Leonie Englert analysiert im dritten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film, inwiefern die Erzählung der Figur Bella es bewerkstelligt, ein kapitalistisch-patriarchales System als Ideologie zu entlarven.

Porträt der Künstlerin Gabriele Muschel

Besuch im Atelier

Die Frage „Wer und was bin ich?“ ist für Gabriele Muschel das Leitmotiv ihres künstlerischen Werks. In ihren Arbeiten richtet sich das Augenmerk stets auf das, was sich nicht anders als mit Kunst mitteilen lässt. Hierbei sind ihre Möglichkeiten keineswegs beschränkt. Von der Detailgenauigkeit ihrer Tierbilder bis zur Beschränkung auf das Allernotwendigste in ihren getuschten Arbeiten vermittelt jedes ihrer Werke eine souveräne und beeindruckende Kraft. Marion Victor hat die eigenwillige und willensstarke Künstlerin in ihrem Atelier besucht.

Eine große Cezanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler

Der Berg, die Äpfel und die Frage nach dem Bild

Ein wesentlicher Zug der Moderne bestand im Prozess der Abstraktion von der Realität. Der Künstler löst sich vom Abbild, um das Bild zu erschaffen. In der großen Ausstellung der Fondation Beyeler sind die Überlegungen und Methoden des Malers Paul Cézanne nachzuvollziehen. Zunächst wurde er, wie fast alle Neuerer, verlacht. Erst gegen Ende seines Lebens, als er sich vor dem Unverständnis der Zeitgenossen zurückgezogen hatte, bekam er die Anerkennung für seine Kunst, die Martin Lüdke in Riehen bei Basel aufgesucht hat.

Vorstellung des syrischen Autors Hamed Abboud

Hamed Abbouds angezogene Geschichten

Die deutsche Redewendung „Wir tragen uns gegenseitig“ weckt bei Hamed Abboud eine völlig andere Assoziation als das gemeinsame Tragen einer Last. Der in Syrien geborene Autor wuchs in einem Umfeld auf, in dem er mit Brüdern und Vater etwa die Unterhemden teilte. Wie er in seiner nachfolgend zu lesenden Geschichte erklärt, geschah dies nicht aus Armut, sondern aus Liebe zur Kontinuität oder um unnötiges Wegwerfen zu vermeiden. Die Übersetzerin von Abbouds Erzählungen, Larissa Bender, stellt den Autor vor. In einem dem ersten Erzählband entnommenen Nachwort analysiert der Arabist Stephan Milich Stil und Kontext seines Frühwerks. 

Ein Dokumentarfilm über die Verfolgung von Homosexuellen in Kamerun

„Code der Angst“

Homophobie ist ein weltweites Phänomen, so auch in Kamerun, wo Polizeigewalt gegen Homosexuelle auf der Tagesordnung steht. Der kamerunische Regisseur Appolain Siewe führt in seinem Dokumentarfilm „Code der Angst“ die dortige bedrohliche Lage von queeren Menschen vor Augen. Aus sehr persönlicher Perspektive gedreht, kommen auch namhafte Unterstützer:innen sexueller Minderheiten, wie der verstorbene LGBTQ+-Aktivist Lambert Marc Lamba und die Anwältin Alice Nkom, zu Wort. Die Afrika-Wissenschaftlerin Rita Schäfer hat den inzwischen in Berlin lebenden Filmemacher interviewt.

Evolution im Theater

Selbst die Sintflut

Der Widerspruch ist nicht gänzlich auflösbar. Ist das Theater vom Besuch seines Publikums abhängig, darf es dessen Wünsche nicht ignorieren. Gibt es diesen Wünschen nach, so gibt es tendenziell seine eigene Daseinsberechtigung auf. Erhebt es aber einen künstlerischen Anspruch gegenüber dem Publikum, läuft es Gefahr, sein Publikum zu verlieren. Es muss also unabhängig sein, um die Zeit und die Mittel zu haben, sein ebenbürtig anspruchsvolles Publikum heranzuziehen, oder Verantwortliche, die dem kommerziellen Druck standhalten und dem Besseren, auf das wir mit Thomas Rothschild hoffen, alle Chancen bieten.

Vermindertes „bien-être“ in Frankreich

Gemütlich sind sie nicht

Wie für Gott in Frankreich gehört es auch für die dort ansässige französische Menschheit zum guten Leben, sich bei einem kleinen Roten oder einem Café über sich selbst zu verständigen. Studien zeigen nun, dass die Zahl der dafür vorgesehenen Räumlichkeiten, der Bars und Cafés, rapide abnimmt. Wohin soll man gehen, um miteinander zu sprechen? Der Ökonom Hugo Subtil sieht nicht nur das Selbstverständnis der Franzosen gefährdet, sondern auch den politischen Frieden in Frankreich. Jutta Roitsch erklärt den Zusammenhang.

Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 2

Barbie – Can I meet the woman in charge?

Greta Gerwigs Film Barbie löste eine heftige Debatte über die Frage aus, wie feministisch der Film tatsächlich ist. Die Regisseurin Leonie Englert sieht in der Protagonistin Barbie zwar das Potenzial zur Gesellschaftskritik, stuft den von Barbiepuppen-Hersteller Mattel finanzierten Film jedoch gleichzeitig als Beispiel für einen markttauglichen Feminismus ein, der letztlich eine kapitalistische Ideologie reproduziert. Im zweiten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film analysiert sie eine mit Ambivalenzen reich bestückte Kinoproduktion.

George Benjamins Oper „Written on Skin“ in Frankfurt

Das Herz auf dem Silberteller

Unter die Haut geht die Neuproduktion von George Benjamins Oper „Written on Skin“ in der Oper Frankfurt. Weil mehrere Faktoren zusammenkommen – musikalische Exzellenz, eine durchdachte Regie und ein Bühnenbild, das die Vielschichtigkeit des Werks visuell plausibel macht: die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Wie vor allem der Countertenor Iurii Iushkevich als 1. Engel/Boy, der Bariton Bo Skovhus als Protector und die zwischen ihnen stehende Elizabeth Reiter als Agnès mit Stimmen und Spielen das Geschehen vorantreiben, fesselt und vermittelt, warum dieses moderne Werk so viel gespielt wird. Andrea Richter war nach der Premiere begeistert.

Salut! Wim Wenders

Anachronistisches, Peripheres und Wesentliches

Das Zusammenspiel von Technik und Ästhetik hat die Künste immer vorangetrieben – zu sich selbst. Und es gibt Künstler wie den Regisseur Wim Wenders, die daraus ihre Visionen, konkret: ihre Bild- und Klangsprache in nie vorher dagewesener Weise beziehen. Dabei ist es unerheblich, ob das ein Etikett wie „radikal-romantisch“ oder „abseitig-mystisch“ bekommt. Anlässlich einer umfassenden Ausstellung zum Werk Wim Wenders‘ im Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt, den Music-Lectures in der Alten Oper und dem Wenders-Buch „Wesentliches“ hat Andreas Honneth „lose Gedanken“ aufgezeichnet.

Der Traum vom Führer als Namenspatron

„Adolfine“

Vor 93 Jahren haben die Deutschen willentlich einen Diktator zum Reichskanzler gewählt. Der Jubel muss so gewaltig gewesen sein, dass sich kein Mensch mehr daran erinnern kann. Nach dem Sieg über Hitler-Deutschland will niemand die Nazis unterstützt haben. Dabei bekam der „Geliebte Führer“ täglich Post mit Lobpreisungen, Anfragen und der Bitte um seinen Segen für Vornamen. Ein Einblick in die Gemütslage von Hitlers Deutschen von Helmut Ortner.

Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch

Gott ist aus der Kirche ausgetreten

Im vergangenen Jahr wäre der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hundert Jahre alt geworden. In Mainz, Köln, München und auch in der Schweiz wurde er aus diesem Anlass eingehend gewürdigt, die niederrheinische Region Moers rief ein ganzes Gedenkjahr aus. Der Autor und Hüsch-Biograf Gerd Laudert schätzt den „philosophisch-literarischen Kabarettisten“ sehr und bescheinigt ihm, mit seinen acht Bände umfassenden „politischen, poetischen und undogmatisch-christlichen Texten ein Werk von erstaunlicher Aktualität hinterlassen“ zu haben.

Johanna Hansens „Schamrot“

Ort der glücklichen Einsamkeit

„So tief kann man nur auf dem Land schweigen. Worte zerplatzen auf der Oberfläche der Tage, in denen alles ausgespart wird, was sich nicht aussprechen lässt. Sie werden straff über die Dinge gezogen, hochgebogen wie Bohnenranken am Spalier.“: Es sind ungewöhnliche Sprachbilder, die Johanna Hansen anbietet, um die Eindrücke, die sie seit ihrer Kindheit bewahrt hat, zu vermitteln. Es ist ihr also in dem Maße um Genauigkeit zu tun, das ihre Schilderung vom Erwartbaren entfernt. Sie schlüpft in die Poesie. Elke Engelhardt hat Johanna Hansens „Schamrot“ gelesen.

Deutsch-Rapper Fler beklagt seine Isolation

„Vibeshift“ im Deutschrap?

Die Rapper, deren reaktionäres Reizvokabular zum geschäftsüblichen Rollenspiel gehören, geraten zwischen die Fronten, wenn sie die Konsequenzen rechtsradikaler Ideologie unterschätzen. Ist doch alles nur Show? Beileibe nicht. Patrick Losenský, Künstlername Fler, hat der FAZ ein „cooles“ Interview gegeben, das Männlichkeit und Ausländerfeindlichkeit thematisiert. Claus Leggewie kommentiert.

Ausstellungsbesuch bei Louise Nevelson in Wiesbaden

Legen, schichten, montieren

Die monochromen schwarzen, weißen oder goldfarbenen Assemblagen der US-amerikanischen Bildhauerin Louise Nevelson (1899-1988) waren inzwischen vielfach zu sehen. Weitgehend unbekannt sind ihre Collagen. Ihnen widmet das Museum Wiesbaden eine Einzelschau und nimmt Bezug auf die Gruppenausstellung „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“, in der Nevelson vor 35 Jahren das erste Mal in Wiesbaden gezeigt worden ist. Isa Bickmann denkt an diese erste Begegnung mit dem Werk der Künstlerin zurück.

Dirk von Petersdorffs „Wir Kinder der Leichtigkeit“

Die Irrtümer der Auguren

Wenn ein englischer Diplomat davon sprach, dass es unmöglich sei, die Zukunft der chinesischen Vergangenheit vorauszusagen, so gilt das für die Zukunft unserer Gegenwart ebenso. Welchen Deutungen wird unsere Zeitanalyse und unsere Selbsteinschätzung in fernen Tagen ausgesetzt sein? Dirk von Petersdorff nimmt in seinem Buch das Selbstverständnis der Babyboomer auseinander, die die Welt etwas anders sahen, als sie ihm und  Jamal Tuschick im Rückblick erscheint.

Laudatio zum Karfunkel-Sonderpreis 2026 an Barbara Englert

Der Fassungslosigkeit eine Fassung geben

Junge Menschen im Theater existenziell ansprechen zu können, ist ein seltenes Talent. Der Theatermacherin Barbara Englert ist dies mit einer neuen Art des Erzählens in ihrem  Stück „Die Ilias – Jetzt erzähle ich“ eindrucksvoll gelungen. Statt aus männlicher Perspektive inszeniert sie den Urstoff westlicher Erzähltradition aus weiblicher Sicht, spricht aus Kalliopes Perspektive über die destruktiven Folgen, die ein seit Jahrhunderten zelebrierter kriegerischer Männlichkeitswahn bis heute für Frauen hat. Im Frankfurter Römer wurde Barbara Englert hierfür mit dem Karfunkel-Sonderpreis 2026 ausgezeichnet. Die Opernregisseurin Aileen Schneider sprach die Laudatio.

Aus dem Notizbuch

Quo vadis Israel?

Man könnte auf den Gedanken kommen, Identität sei ein Instrument des Erkennungsdienstes. Das betrifft aber nur die Äußerlichkeiten. Denn wie viele Menschen suchen verzweifelt nach ihrer Identität und forschen nach ihren eigenen Wurzeln! Doch es gibt auch Unverträglichkeiten im Wurzelreich der Identitäten. Die familiären, religiösen, landschaftlichen und politischen Wurzeln können ideologisch kontaminiert werden – wenn diese Metapher aus der Botanik bis dahin noch statthaft ist. In seinem Notizbuch hat Eldad Stobezki diverse Beispiele festgehalten.

Einführung zu Thomas Bayrles Ausstellung „Fröhlich Sein!“

Weberei

Die Bezeichnung „Kartenschlägerin“ hat nichts mit der Dame am Pokertisch zu tun, sondern mit einem Beruf, der nur von Frauen ausgeübt wurde: dem Lesen und Herstellen von Lochkarten, zunächst für den somit steuerbaren automatisierten Jacquard-Webstuhl. Eva Claudia Scholtz, Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung in Wiesbaden, bezieht sich in ihrer Einführung zu Thomas Bayrles Ausstellung „Fröhlich Sein!“ auf dieses Gerät, das die mechanische Herstellung großflächiger Webmuster erlaubte, die zum Gestaltungsprinzip des gelernten Webers Bayrle wurden.

Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ in Frankfurt

In Moskau ist der Teufel los

Es geht um den Satan und um das christliche Menschenbild im stalinistischen Terror. Michail Bulgakow hat mit seinem beziehungsreichen Buch „Der Meister und Margarita“ einen zeitlosen Zeitroman verfasst, der gerade mal wieder an Aktualität gewinnt. Der Aspekt der Repression, „die sich zur neuen Normalität erklärt“, hat dem Stoff sicher auf die Bühne geholfen. Martin Lüdke hat sich das Stück angesehen.

Thomas Bayrle in der Frankfurter Schirn

Wir (und zwar) Alle sind (eigentlich) Viele

Im Impressionismus des 19. Jahrhunderts sah man vermutlich die Entwicklung des naturgetreuen Abbilds abgeschlossen. Georges Seurat und Paul Signac lassen das Konkrete bis in die Pigmente zurückweichen. Der Pointilismus zerlegt das Gegenständliche. Roy Lichtensteins Pop-Art sucht die pointilistischen Raster mit der Vergrößerung von Comic-Bildern wieder auf. Thomas Bayrle aber lässt das Abbild aus mikroserialistischen Abbildern hervortreten. Martin Lüdke hat die Ausstellung seiner Werke in der Frankfurter Schirn, die gerade in Bockenheim untergekommen ist, besucht. Sie ist bis zum 10. Mai 2026 zu sehen.

Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren

Das Comeback der Naivität

Aufbauend auf der Beobachtung, dass in den letzten Jahren ein Comeback der naiven Frauenfigur in Film und Fernsehen stattgefunden hat, geht Regisseurin Leonie Englert der Frage nach, ob und inwiefern die Naivität dieser Figuren als Mittel zur Subversion fungieren kann. Beispielhaft anhand der Protagonistinnen von Barbie, Poor Things und Unbreakable Kimmy Schmidt analysiert sie das Potenzial der Naivität, eine gesellschaftliche Ordnung als historisch und veränderbar zu kennzeichnen und damit die vorherrschenden Ideologien des Zynismus und des patriarchalen Neoliberalismus zu dekonstruieren. Dies ist die theoretische Einleitung der Analyse und der erste von vier Beiträgen.

 

Selbstbestimmter Tod

Mit einem Lächeln auf den Lippen

„Mors certa, hora incerta“, hieß es im antiken Rom: „Der Tod ist gewiss, die Stunde nicht“. Darüber können wir froh sein. Denn die Kenntnis unserer Todesstunde nähme uns alle Lebensperspektive. Wenn aber ein Arzt mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit auch gleich, wenn auch ungefähr, das Datum des Ablebens verkündet, können wir verzweifeln oder den Mut, vielleicht auch die Gelassenheit aufbringen, unser Ende anzunehmen. Rainer Erd gedenkt eines Freundes, der dies tat.

Petra Bonavitas und Dieter Maiers „Erica Ludolph“

Im Gebiet äußerster Hingabe und Gefahr

Erica Ludolph lebte ihren Glauben. Und das bedeutete für sie, äußerste Hingabe, Furchtlosigkeit in äußerster Gefahr, aber auch Angst und Mitleiden. Wegen Kontakt zu verfolgten Juden zum Verhör durch die Gestapo bestellt, wurde sie nach ihrer Freilassung als Fluchthelferin tätig, half, wo sie konnte, bis an ihr Lebensende. Petra Bonavita und  Dieter Maier haben ein Buch über Ludolphs Leben geschrieben, und Peter Kern hat es gelesen.

Hindemiths „Cardillac“ in Zürich

Ein Mörder wird zum Helden

Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ wurde 1926 uraufgeführt. Dieses selten aufgeführte Werk in den Spielplan 2026 des Opernhauses Zürich hundert Jahre danach aufzunehmen, passt also gut. Und es wirkt heute noch in seiner Musikalität ungeheuer modern, geradezu aktuell, weil es kaum fassbare Widersprüche in sich vereint. Geradeso, wie wir die Welt derzeit erleben. Dirigent Fabio Luisi setzte mit dem Zürcher Ensemble inkohärent scheinende Einzelteile so zusammen, dass ein kunstvoll ausbalanciertes Ganzes entstand, geeignet, den frühen und den späten Hindemith miteinander zu versöhnen, fand Andrea Richter, die die Premiere besuchte.

Andrea von Treuenfeld: Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober

Funken der Hoffnung

Andrea von Treuenfeld versammelt in ihrem Buch Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober Stimmen von Israelis, die über ihr Leben in Berlin vor und nach dem 7. Oktober 2023 berichten. Die zwischen 1970 und 1990 Geborenen schildern ihre Motive für den Neuanfang in Deutschland sowie die Zäsur durch die jüngsten Ereignisse. Ein Auszug erzählt die Geschichte von Ruthe Zuntz, die in den 1990er-Jahren nach Berlin zog und dort durch den Besuch ihres Vaters erneut mit der Holocaust-Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert wird. Riccarda Gleichauf hat das Buch gelesen.

Bücherpodcast „Geliebtes Kabul“

Diese Frauen müssen schreiben

Nach der Machtübernahme der Taliban tauschten sich 22 afghanische Autorinnen in einer WhatsApp-Gruppe ein Jahr lang aus. Während die meisten das Land inzwischen verlassen haben, musste Maryam bleiben. Auf den Rollstuhl angewiesen, vermittelt die Poetin mit ergreifenden Bildern und Worten ihre Gedanken und Gefühle. Das Podcast-Gespräch zwischen Anita Djafari und Daniela Leykam, Programmleiterin Kunst und Kultur bei der KfW-Stiftung, vermittelt einen Einblick in den enormen Kraftakt, die Texte der Schriftstellerinnen für die Publikation „Tagebuch“ zu sammeln und zu übersetzen.

Essay zum kulturellen Klima in Israel

Der Karneval der Degenerierten

Im Karneval sind die etablierten Regeln aufgehoben. In der Geschichte geschah es aber immer wieder, dass dann verkleidete Büttel der Herrschenden blutige Rache an der Selbstermächtigung nahmen. In Israel wird das Bewusstsein angegriffen. Die politische Kultur Israels wird als ein dauerhafter „Karneval der Degenerierten“ beschrieben, in dem Inszenierung Argumente und Herabwürdigung die Urteilskraft ersetzt. Degeneration wird hierbei nicht biologisch, sondern als Verfall von Sprache, Denken und Verantwortung verstanden. Eran Rolnik zeigt auf, wie sich karnevaleske Öffentlichkeit, Anti-Intellektualismus und Macht verbinden und das demokratische Denken systematisch unterminieren.

Ein Nachruf auf Cees Nooteboom

Die Insel der Mönche: Gedichte als Heimat

Als sein erster Gedichtband erschien, war er 23 Jahre alt. Als Lyriker hat Cees Nooteboom sich selbst immer gesehen, ungeachtet der Tatsache, dass er seine Bekanntheit, vor allem in Deutschland, seiner Reiseliteratur und seinen Romanen verdankte. 1933 geboren, schlug er sich nach der Klosterschule als Gelegenheitsarbeiter durch und fuhr als Leichtmatrose in die Karibik, um zu heiraten. Der vielgereiste Schriftsteller lebte in Amsterdam und auf Menorca, wo er am 11. Februar 2026 gestorben ist. Stefan Heyer schreibt, wo er dennoch lebt.

Bernhard Bausers Roman „DADA“

Nachkriegsvernachlässigte Seelenkampfgebiete

DADA ist ein Roman über ein komplexes Vaterbild der 60er und 70er Jahre im westdeutschen Nachkriegsdeutschland. Dabei zoomt der Lyriker und Spoken-Word-Artist Bernhard Bauser ganz nah an eine Kleinfamilie heran und beleuchtet pathologische Verhaltensmuster, die nicht zuletzt der damaligen Norm von „Bürgerlichkeit“ geschuldet sind. Riccarda Gleichauf hat sich auf eine Zeitreise begeben. 

Der Lyriker und Essayist Peter Maiwald

Der Dichter aus Düsseldorf

Die Einfachheit der Märchenlyrik und die Lakonie der Brechtschen Gedichte haben ihm wohl die Richtung vorgegeben. 1968 trat Peter Maiwald zudem der DKP bei und war damit in den Augen der Genossen nicht nur ein politischer Lyriker, sondern ein Arbeiterdichter. 1984 war an der Gründung der linken Monatszeitschrift „Düsseldorfer Debatte“ beteiligt, was zum Parteiausschluss führte. Entdeckt wurde der Autor satirischer Texte, Agitprop-Stücke, Songtexte für die Gruppe „Floh de Cologne“, Essays und Hörspiele von der Zeitschrift „neues rheinland“. Matthias Buth erzählt.

Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ – 60 Jahre nach der Frankfurter Uraufführung

Ihr Schleimscheißer, Katzbuckler, Griesgräme, ihr

Wer verlässt denn empört das Theater, weil er beschimpft wurde, nachdem er dorthinein gegangen ist, um sich die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke anzusehen? Worin besteht denn der Skandal, von dem damals berichtet wurde? Das Paradox erklärt sich durch die Theaterkunst selbst. Auf der Bühne wird ja auch fleißig gestorben und für den Schlussapplaus sind alle Toten wieder lebendig. Eine Beschimpfung auf der Bühne ist, wenngleich sie dagegen aufbegehrt, eine theatrale Kunst. Martin Lüdke hat sich beschimpfen lassen und fand’s gut.

Martin O. Kochs Roman „Das Riff der verlorenen Fische“

Unsanfte Fantasie

Wer auf den paradiesischen Philippinen eine Tauchschule eröffnen will, wird mit einem Problem konfrontiert, bei dem es um die Existenz geht. Wenn die Fischer von ihren Erträgen nicht mehr leben können, greifen sie zum Raubbau an den Fischen. Das ökologische Gleichgewicht geht verloren und damit den Tauchern das Unterwasserparadies. Ewart Reder hat Martin O. Kochs realistischen Roman gelesen und kritisch besprochen.

Wiedergesehen (1)

Der Mann, der Liberty Valance erschoss

Man kann nicht behaupten, dass die USA sich einem friedlichen Zusammenschluss souveräner Staaten verdanken. Die kurze Geschichte der nordamerikanischen Großmacht führt ein ständiges Problem mit sich: die unsichere Legitimität. Gespiegelt wird es von einem Filmgenre, dem Western, in dem in immer ähnlicher Konstellation das geschriebene Recht gegen das Recht des Stärkeren durchgesetzt werden muss, – wobei das Faustrecht beiden Seiten dient. Selbstverständlich handelt auch „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ davon. Mit der Vorstellung des Films eröffnet Rainer Erd die Reihe „Wiedergesehen“.

Reisen ans Ende der Welt

Die Chinesen sind Heiden

Ibn Battuta (1304–1368/77) war ein berberischer Rechtsgelehrter und Weltreisender, der mit 21 Jahren beschloss, nach Mekka zu pilgern, dann aber weiterzog nach Mesopotamien, Indien und China. Kein Land ist sicherer als China, befand Ibn Battuta. Datenabgleich und Personenüberwachung praktizierten die Chinesen schon im Mittelalter. Aus seinem Reisebericht hat Clair Lüdenbach zwei Auszüge gewählt.

Zum Tod des Komponisten Rolf Riehm

Der Auftrag

Der Komponist Rolf Riehm, der 1937 in Saarbrücken geboren wurde und am 3. Januar 2026 starb, hat sich früh von den ästhetischen Strömungen der Nachkriegsavantgarde abgesetzt und seine eigenen Vorstellungen von avancierter Musik realisiert. Er hat sich als politischen Menschen begriffen, der auf die zeitgenössischen Zumutungen mit Klangbildern von intensiver Zartheit bis zu expressiver Radikalität reagierte. Bernd Leukert erinnert an den ausdrucksstarken Komponisten und Freund.

Charlotte Rampling im Film „Swimming Pool“ von François Ozon

Lauernde Suspense

Der Schauspieler Bernhard Minetti nannte einmal als Motiv für seine Berufswahl den Wunsch nach Selbstentäußerung. Ebenso sehr ist für diese Entscheidung sicher der Wunsch nach Selbstverbergung maßgebend, der die dargestellten Personen mit einem geheimnisvollen Charakter versah. Charlotte Rampling, die gerade 80 Jahre alt geworden ist, ist gerne für Rollen besetzt worden, deren Ausstrahlung auf Suspense beruhten. Marli Feldvoß hat die Künstlerin im Film „Swimming Pool“ gesehen.

„Praxis für Kunst und Politik“ in Darmstadt

Sand fürs Getriebe der Demokratie

Die politische Kunst haben wir etwas aus den Augen verloren. Was in den siebziger Jahren noch auf Litfaßsäulen, wie etwa Klaus Staecks „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“, die Öffentlichkeit erreichte, findet heute in Galerien sein Refugium. Die beiden Künstler PH Gruner und EL EGO stellen ihre Objekte in der Darmstädter Farbraum Art Gallery aus, und Emil Dröll hat sie besucht.

Florian Günthers Gedichtband „Einmal für umsonst“ und seine Literaturzeitschrift „DreckSack“

Der Standhafte

Die Abneigung gegen die etablierte Literatur und das Bewusstsein, zu den wahren und reinen Poètes maudits zu gehören, motivierte Autoren von François Villon über Arthur Rimbaud und Charles Bukowski bis heute. Zweifellos sieht sich Florian Günther in dieser Tradition. Der gelernte Drucker, der sich als Totengräber, Anstreicher, Chauffeur, Paketsortierer, Bauarbeiter, Lager- und Fließbandarbeiter, Buchverkäufer, Pizzafahrer und Grafiker durchschlug, redigiert die Zeitschrift „DreckSack“ und hat einen neuen Gedichtband herausgebracht. Ní Gudix schreibt über beides.

Essay zum Missverständnis liberaler Staatlichkeit

Die Verstaatlichung der Werte

Platons idealer Ständestaat beruht auf einer Sklavenhaltergesellschaft und wird autoritär von Philosophenkönigen regiert. Es gibt Zensur, und Wächter kontrollieren die Einhaltung der Moral. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung vom idealen Staat republikanischen Zuschnitts der Jetztzeit. Da ist der Vater Staat, anders, als das Wort nahelegt, kein Erziehungsberechtigter, zumindest, wenn es sich um einen liberalen demokratischen Staat handelt. Niko Alm, der Präsident des österreichischen Zentralrats der Konfessionsfreien, zu den Missverständnissen und Umdeutungen politischer Grundsätze.

Aus dem Notizbuch

Wie geht es dir? Wie heißt du?

Wenn man sich im Italienischen trifft, heißt das Wort dafür „incontrare“. Da schwingt noch das Konträre, das gegeneinander Gerichtete mit. Das Unvertraute des Aufeinandertreffens wird in Eldad Stobezkis Notizen aber im gemeinsamen Leid aufgelöst und mit selbstironischen Betrachtungen auf eine verbindliche Ebene geschickt. Daran will man sich erinnern.

Rita Süssmuth im Video

„Wir haben Rückfallzeiten in Europa.“

Als erste Bundesministerin für Bildung, Familie, Frauen und Jugend setzte sie sich entschieden für die Wahlfreiheit von Frauen zwischen Familie und Beruf ein, vertrat ein liberaleres Abtreibungsrecht, kämpfte gegen die Ausgrenzung von Aidskranken und für die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Süssmuth betonte früh: „Deutschland ist ein Einwanderungsland.“ Mit dieser Position stieß sie auf Widerspruch in den eigenen Reihen. In der Videoarbeit „Zoon Politikon“ von Jonas Englert erzählt Rita Süssmuth über ihr Wirken. 

Reiner und Elisabeth Kunze fern von Rainer Maria Rilke

Dichter und Diktatoren

Die immer wieder gern gestellte Frage, ob Literatur in der Gesellschaft etwas bewirken kann, wird meistens mit guten Gründen negativ beantwortet. Aber es gibt eben Ausnahmen (Harriet Beecher Stowe, Jean-Jacques Rousseau etc.). In den Köpfen der Individuen kann sie hingegen einiges anrichten, im besten Fall ein Widerstandspotenzial gegen Falschmeldungen, Propaganda und Sprachmissbrauch entwickeln. Für Matthias Buth gehören die widerständigen Schriften von Reiner und Elisabeth Kunze dazu.

Wie die Shoah ihre warnende Kraft verliert

Das Tabu des Vergleichs

Der Glaube, dass das Bewusstsein das Sein bestimme, führt geradewegs zu Manipulationen am Bewusstsein, an der Sprache und ist die Grundlage der Sprachregelung. Dazu gehört das Vergleichsverbot, was die Voraussetzungen der Shoah angeht. In Eran Rolniks Gedanken zum Internationalen Holocaust-Gedenktag heißt es: „In der gegenwärtigen Lage vieler Demokratien darf die Erinnerung an die Shoah nicht ausschließlich als singulär verstanden werden; Der Aufruf Nie Wieder muss als Warnung vor dem Zusammenbruch der Menschlichkeit dienen, der jedem Menschen droht.“

Nachruf auf Astrid Heligonda Roemer

Kein Mann, keine Frau, nicht schwarz, nicht weiß

Astrid Heligonda Roemer, die Grande Dame der niederländischsprachigen Literatur in der Karibik, ist tot. Sie starb am 8. Januar 2026 im Alter von 78 Jahren in ihrer Heimatstadt Paramaribo, wo sie seit 2019 wieder lebte. Ihr Oeuvre, bestehend aus Romanen, Theaterstücken und Gedichten, ist immens, in deutscher Übersetzung liegen drei Romane vor. Die Übersetzerin Bettina Bach würdigt in ihrem Nachruf Leben und Werk von Astrid Roemer und gibt dabei auch einen Einblick in ihre Zusammenarbeit mit dieser beeindruckenden Frau. 

Porträt der Lyrikerin Julia Mantel

Die Wortjongleurin

Es ist das Leichte, das so schwer zu machen ist. Doch einige Künstler:innen haben ein Händchen dafür. Julia Mantel ist sehr erfolgreich mit Gedichten, die die Eitelkeiten unserer Gegenwart, die gnadenlose Geldgier ihrer Reichen, die prekäre Situation ihrer Opfer und die Unmündigkeit der Netzabhängigen aufgreifen. Geschickt pflückt sie die Früchte, die vom Baum der Spruchweisheiten und Redewendungen herabhängen und bringt sie lakonisch-gewitzt ins Sprach- und Denkspiel. Wolfgang Rüger porträtiert die Lyrikerin.

Netflix-Serie „Emily in Paris“

Schöner Schein

Für jemanden, dem an Literatur, Musik, den bildenden und darstellenden Künsten gelegen ist, ist es herabstimmend wahrzunehmen, wie erfolgreich gerade das ist, was künstlerische Ansprüche vermeidet. Erfolg aber misst sich an hohen Verkaufszahlen, an der eingenommenen Geldmenge. Wer Qualität möchte, kann Erfolg als Betriebsunfall hinnehmen. Rainer Erd berichtet über eine Erfolgsserie.

Rapport zu französischen Muslimen

Über dem Gesetz?

Findet Integration nicht statt, können sich Parallelgesellschaften bilden; und der Wunsch nach sichtbarer Identität wird gegen die Gesetze gewendet, deren Einhaltung ein friedliches Zusammenleben sichern soll. Das zeichnet sich unter jungen Muslimen in Frankreich ab, die, um respektiert zu werden, die Gesetze nicht respektieren. Nach der jüngsten Erhebung des französischen Instituts der öffentlichen Meinung (IFOP) sympathisiert ein Drittel mit dem radikalen Islamismus. Jutta Roitsch berichtet.

Korngolds Violanta in der Deutschen Oper Berlin

Deckel drauf, Mann allein

Am Sonntag vor dem Holocaust-Gedenktag eine Oper von Erich Wolfgang Korngold, einem Komponisten, der im US-Exil überlebte: Mit seinem Frühwerk „Violanta“ bestritt der seit 17 Jahren amtierende Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles, seine letzte Premiere am Haus und erntete vom Berliner Publikum stürmischen Applaus. Eine neue, besondere Entdeckung im riesigen Kanon der Opernliteratur war „Violanta“ für Andrea Richter

Auszug aus „Die Schöne und der Papagei“ von Mrinal Pande

Das Universum im Bauch der Kuh

Mit einem satirischen Roman aus Indien beginnt auf TEXTOR ein neuer Themen-Schwerpunkt, der in Kooperation mit dem Litprom-Freundeskreis in loser Folge übersetzte Welten-Literatur vorstellt. Der Roman der indischen Autorin Mrinal Pande stand 2024 bereits auf der Weltempfänger-Bestenliste. Wie wahr oder unwahr eine erzählte Geschichte ist, darüber wird auf der Grundlage uralter Überlieferungen entschieden, den heiligen Veden und den großen indischen Epen. Die Indologin und Übersetzerin Almuth Degener führt in das Werk ein. Eine Passage des Romans gibt Einblick in den – übersetzten – Originalton des Werkes.

Ocean Vuongs Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“

Literarische Selbstermächtigung

Mit seinem Debüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“ rief Ocean Vuong beachtliche Aufmerksamkeit hervor. Als Kleinkind 1990 von Vietnam in die USA gekommen, überschreitet er in dem Roman die Gattungsgrenzen und entwickelt eine neue Form politischer Literatur, indem er ungeschminkt vom Leben in einer strukturell gewalttätigen und homophoben Gesellschaft erzählt. Die Literaturkritikerin Insa Wilke beeindruckte besonders, dass es dem Autor „nie um reine Darstellung“, sondern um Erkenntnis geht und Gewaltszenen zu Metaphern werden. Das macht für sie das „realitätssüchtige und energiegeladene“ Buch so „stark und souverän“.

Die Rückkehr der „deutschen Sache“

„Fragile Demokraten” und „rechte Patrioten”

Man muss nicht über die Absichten und Ziele einer rechtsradikalen Partei spekulieren. Sie verhehlt ja nichts. Äußerungen ihrer Repräsentanten sind zu oft von NS-Parolen nicht zu unterscheiden, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit sind die Basis ihres Programms. Begriffe wie „Volk, Volksgemeinschaft und Führer” finden wieder Verwendung – nicht nur im nationalgesinnten Gedankengebräu rechtsextremer „Patrioten“. Helmut Ortner schreibt über Nationalismus, Erinnerungstilgung der AfD – und warum Bundespräsident Steinmeier als Demokratie-Mahner nicht taugt.

Porträt der schwedischen Schauspielerin Ingrid Thulin

Der schwere Samt des Grases

Die Schwedin Ingrid Thulin gehörte zu den schillerndsten europäischen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer darstellerischen Genialität verlieh sie unter anderem dem revolutionären Zeitgeist in Filmen von Ingmar Bergman und Luchino Visconti Gestalt. Vor dem Hintergrund ihres 100. Geburtstags am 27. Januar dreht der Filmemacher Dirk Schäfer derzeit eine dokumentarische Hommage. Seit jungen Jahren von ihrer Ausdruckskraft gepackt, wirft er hier auf Ingrid Thulin einen sehr persönlichen Blick.

Wenn Präzision und Leidenschaft sich verbinden

Die Dirigentin Anja Bihlmaier

Anja Bihlmaier (47) gehört zur raren Spezies von Frauen am Dirigenten-Pult, der es gelungen ist, sich international zu profilieren und deren Können von Orchestern, Publikum, Veranstaltern und Opern-Häusern sehr geschätzt und von Kritikern hoch gelobt wird.  Es ist absurd, aber den Umweg übers Ausland hat es offensichtlich gebraucht, um sich nun auch endlich hierzulande einen Namen zu machen. Andrea Richter hat sie im Konzertsaal erlebt und mit ihr gesprochen. 

Gerhard Richter in Paris

Es bleiben immer Rätsel

Unter den alten Meistern, die noch leben, steht Gerhard Richter sicher auf einer herausgehobenen, erhabenen Position. Seine unscharfen Abbilder, die die Flüchtigkeit ihrer Objekte fixieren, die klaren Farbkonstellationen, die dynamisch wirkenden, abstrakten Arbeiten umspielen aber auch das Unmalbare, das ohnehin das Unsagbare ist. Martin Lüdke hat die große Richter-Ausstellung in der Pariser Fondation Louis Vuitton gesehen und hat auch gleich den prächtigen Katalog von Schirmer/Mosel mitgebracht, dem wir die Abbildungen entnehmen durften.

Anna Katharina Fröhlichs Buch „Roberto und Ich“

Grenzenloses Begehren

Die Sonnenseite des Lebens, die wir einzig in der romantischen Literatur aufzufinden glaubten, erhellt überraschenderweise die Buchseiten des sechsten Romans der Autorin Anna Katharina Fröhlich aus dem Jahr 2025. Sie, jung und schön, trifft ihn, den rund 30 Jahre älteren Roberto Calasso, Schriftsteller, Essayist und vor allem, seit 1971, geschäftsführender Direktor der Mailänder Adelphi Edizioni. Calasso stirbt 2021, und Fröhlich schildert ihre Liebesbeziehung über ein Vierteljahrhundert hinweg. Wolfgang Rüger hat sich in die Geschichte hineinbegeben.

„Alles um mich herum war sehr gedämpft.“

Out of Order

Out of Order erzählt vom Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und fragiler Innenwelt. Auf der Suche nach der eigenen Wahrnehmung und Identität gerät die Protagonistin zunehmend in einen Zustand der Unsicherheit, in dem vertraute Ordnungen und Kontrollmechanismen brüchig werden. Was als funktionierender Alltag beginnt, verliert schrittweise an Stabilität. Wahrnehmungen verschieben sich, zeitliche Bezüge lösen sich auf, und das eigene Erleben entzieht sich eindeutiger Deutung. In dieser Schwebe wird Orientierung prekär, während die Wirklichkeit ihre Verlässlichkeit einbüßt.

Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit

Das Bockenheimer Netzwerk

Das mutige Handeln der im „Bockenheimer Netzwerk" engagierten Menschen war lange unbekannt. Erst die Soziologin Petra Bonavita fand im Rahmen ihrer Recherchen zu Rettern und Helfern in Frankfurt um die Jahrtausendwende heraus, dass der Theologe Heinz Welke und das Arztehepaar Fritz und Margarete Kahl die Köpfe einer Gruppe von NS-Gegnern waren, die Unterschlupfmöglichkeiten, Fluchtwege und falsche Papiere für Jüdinnen und Juden organisierte. Die Autorin mehrerer Bücher über die NS-Gräuel hat Doris Stickler von ihren Recherchen und von Pfarrer Welke erzählt.

Die Meisterklasse Max Beckmanns

Ehrfurcht vor dem Gegenstand und das Gesetz der Fläche

„Im Schatten eines mächtigen Baumes gedeihen keine saftigen Früchte.“ – Man muss diesen Spruch wohl als Verdacht begreifen, nicht aber als Regel. Denn der Schatten liegt oft genug in den Augen der nachfolgenden Generationen, die nur noch künstlerische Prominenz wahrnehmen. Max Beckmann, dessen zeichnerisches Werk im Städel zu sehen ist, hatte Meisterschülerinnen und Meisterschüler, deren Schaffen und Lebensweg, bis hin zu ihren ästhetischen Ab- und Unabhängigkeiten Marion Victor nachzeichnet.

Ausstellung „Jardiner, les sciences cachées du jardin.“

Gärtnern, von Paris aus gesehen

„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“, soll Rabindranath Tagore gesagt haben. Auch wer dieses unbedachte Ranking bedenklich findet, kann doch kaum das wundersame Verhältnis des Menschen zum Garten leugnen. In Paris ist nun die Ausstellung „Die versteckten Wissenschaften des Gartens“ zu erleben, die mit idealtypischen Gartenprojekten Aspekte des Gärtnerns thematisiert, an die man nicht sogleich denkt. Ruthard Stäblein war dort und berichtet.

Ein Zeuge zu viel

Netanjahu weiß von nichts

Hätten Sie’s gewusst? Wissen ist Macht, aber Nicht-Wissen ist noch mehr Macht, wenn man die Macht hat. Ambiguität ist kein Mangel an Kontrolle, sondern eine ihrer raffiniertesten Formen: Verantwortung wird nach unten verlagert, Macht nach oben konzentriert. Vor diesem Hintergrund erscheint Netanjahus Regierungsstil weniger als Anomalie denn als zeitgenössische Variante eines bekannten Musters. Der Psychoanalytiker und Historiker Eran Rolnik beschreibt ein bekanntes Verhaltensmuster der Machtausübung.

Francois Ozons Verfilmung „Der Fremde“ von Albert Camus

Ca m’est égal

Wer ist hier der Fremde? Der Araber, weil er kein weißer Franzose ist? Das ließe ein rassistisch-nationalistisches Motiv zu. Oder ist es das gesamte Ambiente samt toter Mutter? Das deutete auf eine autistische Persönlichkeit. Oder ist der Fremde Mersault selbst, der wegen völlig fehlender Empathie keine menschlichen Beziehungen kennt? Gleichgültigkeit ist in Albert Camus‘ „Der Fremde“ nicht nur ein philosophisches Problem. Claus Leggewie schreibt über François Ozons aktuelle Verfilmung des Romans.

Fiktives Interview mit dem armenischen Dichter Tumanyan und Dana Kube

Ein Schnellboot neben dem großen Tanker Bildungssystem

Für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit von jungen Menschen wird in Frankfurt am Main im April ein wegweisendes Leuchtturmprojekt eröffnen. Der Name TUMO des MINT-Lernzentrums geht auf den armenischen Dichter Hovhannes Tumanyan zurück. Die Stadtverordnete und Bildungswissenschaftlerin Dana Kube beschreibt das innovative Projekt für digitale Bildung und wählt dafür die Form des fiktiven Gesprächs mit dem Namensgeber.

Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz

„Reichtum verpflichtet“

In Berlin und Rom gedachte man des Paares Johanna und Eduard Arnhold, Unternehmer, Kunstsammler und Mäzene bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein. In der römischen Villa Massimo wird man sich mit der Geschichte und Bedeutung ihres Gründers und seiner Frau beschäftigen; in Berlin wurde die Piazetta vor dem Kulturforum auf den Namen des Ehepaares getauft. Christel Wollmann-Fiedler hat anlässlich des hundertsten Todestages Eduard Arnholds die Arbeit der vermögenden Stifter skizziert.

Lew Tolstoj in seinen letzten Tagebüchern

Weiterschreiben, um zu überleben

In seinen Tagebüchern soll sich der Satz finden: „Es gibt etwas, was ich mehr als das Gute liebe: Ruhm.“ Lew Tolstoj hat deshalb stets auf seine Außendarstellung als moralische Autorität größten Wert gelegt. Der Graf im Bauernkittel hatte sich nach siebzehn Büchern und seinen beiden monumentalen Werken „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ seinen dauerhaften Ruhm erschrieben. Danach verfasste er noch über 70 Werke: Ruhm will erhalten und genutzt werden. Der Vater des realistischen Romans war, wie Felix Philipp Ingold berichtet, eine widersprüchliche Persönlichkeit.

Nicht die Kunst, sondern die Ökonomie spielt in großen Orchestern die erste Geige

Das Pausenproblem

Es ist verblüffend, auf welche Weise sich gesellschaftliche Verhältnisse in einem großen Orchester widerspiegeln. Zuweilen glaubt man sogar einen Ständestaat en miniature vor sich zu haben. Der Schein einer verschworenen Frackgemeinschaft, die die bestmögliche Realisierung welcher Musik auch immer anstrebt, verblasst bei näherem Besehen. Rainer Erd hat sich die Struktur dieser musikalischen Repräsentationskollektivs angesehen.

„Antigone“, Tragödie nach Sophokles von Roland Schimmelpfennig am Staatstheater Wiesbaden

Wir wollen leben!

Auf deutschen Bühnen hat derzeit „Antigone“ nicht ohne Grund Konjunktur. In seiner Tragödie thematisiert Sophokles den Zerfall von Moral und Verantwortung der Herrschenden und die Ohnmacht der Bürgerinnen und Bürger. Im vergangenen September brachte Selen Kara das Stück am Schauspiel Frankfurt auf die Bühne, im Oktober Mikheil Charkviani am Staatstheater Wiesbaden. Walter H. Krämer ist besonders von Mikheil Charkvianis Inszenierung begeistert. Seinem Urteil nach versteht es der georgische Regisseur, mit theatralen Mitteln die Figur und ihren Widerstand gegen staatliche Willkür mit deutlichem Gegenwartsbezug zu erzählen.

Trauer um den Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt

Meister der Dialektik

Die Dinge des Wissens und der selbstkritischen Reflexion zusammenzudenken mit den Dingen des Glaubens und der Dogmen, also Philosophie und Religion glaubhaft zur Religionsphilosophie zu vereinen, ist mutig und wurde von Thomas M. Schmidt mit einem Selbstverständnis betrieben, das ihm große Anerkennung einbrachte. Am letzten Tag des letzten Jahres ist er plötzlich gestorben. Sein Freund und Kollege Rainer Forst hat ihm einen Nachruf geschrieben.

Nachruf auf Bernhard Bauser

FU

Der Autor, Filmemacher, Medienpädagoge Bernhard Bauser, der auch Co-Vorsitzender des Hessischen Schriftstellerverbandes VS war, verdiente sein Geld als Lehrer und Medienpädagoge. Seine Aktivitäten im alternativen Literaturbetrieb, als Performer auf der Bühne und als Videokünstler überblendeten fast seine stillere Kunst, den Dichter Bernhard Bauser. An ihn, der im Dezember des letzten Jahres unerwartet gestorben ist, erinnert Dirk Hülstrunk.

Überlegungen zum Mord an Rob und Michele Reiner

Der Mord am Regisseur und die Rückkehr des Urvaters

Das beschönigende Wort Deregulierung lässt vergessen, dass Regeln unser Zusammenleben sichern. Wenn Eltern von ihrem Sohn getötet werden, ist das auch eine öffentliche Angelegenheit. Rob Reiner war nicht nur ein Vater, der ermordet wurde. Er war ein Künstler, dessen Lebenswerk sich mit Vaterschaft, Autorität und der fragilen Möglichkeit von Reparatur beschäftigte. In diesem Sinn – zugegebenermaßen mit einer gewissen Überzeichnung – lässt sich sein Tod, schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Eran Rolnik, auch als eine Art politischer Mord lesen.

Valery Tscheplanowas Roman „Ist es Liebe“

„Wie hatte das passieren können?“

Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Valery Tscheplanowa hat jetzt ihren zweiten Roman vorgelegt. Hier erzählt sie von einer Liebe, die Grenzen sprengt und trotz aller Widrigkeiten zu bestehen versucht. In der Beziehung zwischen einer aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Frau und einem aus Nairobi Geflüchteten ohne Aufenthaltserlaubnis prallen soziale, geografische und kulturelle Welten aufeinander. Beim Lesen des auch von Misstrauen und Vorverurteilung handelnden Buches hat sich Walter H. Krämer bei eigenen Vorurteilen ertappt.

Aus dem Notizbuch

Übersetzen, Erinnern, Verstehen

Das italienische Wortspiel tradurre=tradire unterstellt, dass, wer übersetzt, zum Verräter wird. Tatsächlich irrt, wer denkt, eine Sprache ließe sich adäquat in eine andere übertragen. Spätestens, wenn es um literarisches Übersetzen geht, gar um poetisches, werden die Differenzen unausweichlich. Das Verstehen, das Eldad Stobezki nicht nur in seinen Aufzeichnungen anstrebt, geschieht womöglich in einer Nachdichtung. Da feiert sich der Verrat aufs allerschönste.

Benny Morris und Joseph Croitoru zur Geschichte Israels

Wie kann es im Nahen Osten weitergehen?

Historiker stützen sich auf ausweisbare Quellen, aufgrund derer sie Geschichte beschreiben, zuweilen auch deuten. Das Deuten, da es interessengeleitet sein mag, bringt die Vergangenheitsexperten oft gegeneinander auf. Und oft, widerspricht ihr Befund der staatlichen Propaganda, werden sie als „umstritten“ gekennzeichnet. Was die Geschichte Israels anbelangt, herrschen unter Historikern des Landes sehr unterschiedliche Meinungen. Die neuesten Veröffentlichungen lassen Jutta Roitsch an einer Lösung der Probleme zweifeln.

Isolde Ohlbaums Langzeitporträt Peter Handke

Wie Handke Handke geworden ist

Peter Handke teilt sich mit, indem er unaufhörlich schreibt. In Gesprächen dagegen zeigt er sich oft reserviert. Nun öffnet sich ein anderer Zugang zum Schriftsteller Handke, der seinen Werdegang und seine familiären Verhältnisse sichtbar macht. Die Fotografin Isolde Ohlbaum, die vor allem mit Autorenporträts bekannt geworden ist, hat über ein halbes Jahrhundert hinweg den nahe Paris lebenden, prominenten Autor mit zahllosen Momentaufnahmen abgelichtet und eine Auswahl daraus in Buchform veröffentlicht. Martin Lüdke ist davon beeindruckt.

Worauf sich MAGA, Trump und Vance stützen

Politische Theologie

Wenn es so ist, dass der Ausnahmezustand die Geltung aller geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze aufhebt, dann leben wir in gefährlichen Zeiten. Der gewaltsame Eingriff in die Souveränität anderer Länder auf der ganzen Erde mit vorgeschobenen Begründungen ist bei Regierungen der Großmächte schlechte Gewohnheit, erreicht aber gerade in Verbindung mit pathologischem Weltenherrscherbewusstsein, Ignoranz, Propaganda und bestürzender Unkenntnis ein alarmierendes Niveau. Matthias Buth zeigt auf die ideologischen Wurzeln solchen Handelns.

Gegenkultur

Eine Frankfurterin: Else aus dem Club Voltaire

Es gab und es gibt sie noch, die offenbar von allen Unsicherheiten und Ängsten befreiten Persönlichkeiten, die fest im Milieu verankerten und mit mundartlichem Schalk begabten „Originale“. Sie beindrucken mit ihrer Unangepasstheit, vermitteln Authentizität und bilden mit ihrem Charakter die Stützpfeiler der Gegenkultur. In Frankfurt am Main, wo die Selbstironie zuhause ist, muss man nicht danach suchen. Eva Demski feiert Else Gromball aus dem Club Voltaire, die im Dezember 90 Jahre alt geworden ist.

„Hinter die Kulissen“ der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main

Geht alles glatt, weiß niemand, dass es mich gibt

Zum Gelingen einer Theaterinszenierung müssen unzählige Rädchen ineinandergreifen. Um die Wünsche von Regie, Dramaturgie, Bühnenbild und Kostüm zu realisieren, unterhalten die Städtischen Bühnen Frankfurt einen riesigen Apparat mit mehr als eintausend Beschäftigten. Als Bindeglieder zwischen den künstlerischen und den handwerklich-technischen Teams sind am Schauspiel vier Inspizienten zugange. Einer von ihnen ist Robert von Marck den es reizt, in misslichen Situationen die Nerven zu bewahren um den reibungslosen Ablauf einer Aufführung zu sichern. Doris Stickler hat mit ihm gesprochen und sich verborgene Welten zeigen lassen.

ZDF, ARD und DER SPIEGEL durchlauchtigst

Es adelt weiter

Der Adel in Deutschland ist nicht nur Gegenstand von Spott und Belustigung, er versorgt auch einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung über die bunte Klatschpresse mit Märchen, die ihr offensichtlich sonst fehlen. Doch auch seriöse Medien können ihren Durst nach blauem Blut und den politischen Legenden, die sich als Patina auf die edlen Menschen gelegt hat, nicht verleugnen. Die Repräsentanten der Ungleichheit sind aber, erklärt Matthias Buth, in einem demokratischen Rechtsstaat unpassend.

Ein (Fabel-)Tier in der Kunst: Das Einhorn

Nichts, was es nicht gibt

Es gehört zu den wunderlichsten Rätseltieren und ist nicht frei von Frivolität. Und vor allem, wie gelangte es in die christliche Mythologie? „Das Einhorn entstand in den orientalischen Sagen und gehörte zu den Wundern der Welt. Auf verschlungenen Wegen kam es nach Europa und stachelte die Phantasie an.“, schrieb Ria Endres. Mit seinem gedrechselten Horn ist es in einer großen Ausstellung des Potsdamer Museums Barberini präsent, die Martin Lüdke gesehen hat.

Peter Bulthaups „Der Wissenschaftsbegriff des Deutschen Idealismus“

Der Philosoph als Mitkämpfer

Was ist aus der Kritischen Theorie geworden? Man könnte annehmen, deren ideologie- und gesellschaftskritische Ansätze haben sich im Bewusstsein ihrer Leser und Leserinnen festgesetzt. Das gilt vor allem für die Schriften Theodor W. Adornos und Max Horkheimers, aber nicht mehr für die davon abweichende nächste Generation der „Frankfurter Schule“ und deren eben später geborenes Publikum. Die nun erschienenen philosophischen Einführungsvorlesungen Peter Bulthaupts zeigen, wie Peter Kern beschreibt, was versäumt wurde.

Alexandru Buluczs „Über Leben und Literatur“

Ohne Sicherheitsgurt und Fangnetz

Allein die große Zahl der Texte nötigt zum Staunen und, liest man sie, zur Bewunderung. Alexandru Bulucz, der als 13-Jähriger in die deutsche Sprache geschickt wurde, ist es gewohnt, Literatur mit analytischem Blick zu lesen. Im Zusammenhang mit erhellendem Hintergrundwissen bringt er den Befund auf seine Begriffe. Da steht kein Wort zuviel. Ein Dutzend Jahre Literaturkritik und Essays, ein literarisches Panorama jenseits der Bestsellerei: Paul-Henri Campbell hat das Buch mit Freude gelesen.

Nino Haratischwilis „Europa, wach auf!“

Wir haben genug dekonstruiert

Nino Haratischwili hat schon als Jugendliche in Georgien fürs Theater geschrieben. Heute ist die Dramatikerin, Regisseurin, Essayistin und Romanautorin mit ihren Werken bekannt und erfolgreich. In ihrem Buch „Europa, wach auf!“ setzt sie sich mit der Borniertheit, Fremdenfeindlichkeit und den Vorurteilen in Deutschland auseinander, mit der immer noch traditionellen Rolle der Frau, aber auch mit der eigenen Orientierung in vorgegebenen Verhaltensmustern. Wie sie ihre Vorstellung von Freiheit in Wünsche und Forderungen gießt, hat Wolfgang Rüger ihrem Buch entnommen.

Aus dem Notizbuch

Eisblumen und Wünsche

Das ist der Fortschritt. Da muss man mitlaufen. So bissig wurden bisher die absurden Errungenschaften der technischen Entwicklung kommentiert. Nicht nur die Post wünscht Adressen in Druckschrift, damit sie maschinenlesbar sind. Das Tempo bestimmt auch die Bestrebungen, an Grundschulen die Schreibschrift durch die Druckschrift zu ersetzen, weil Schüler und Schülerinnen, wie man feststellen musste, handschriftlich langsamer schreiben. Doch Eldad Stobezki beschäftigt sich in seinen Notizen darüber hinaus mit Zwetschgenkuchen, Kornelkirschen, Wasser, gekochten Eiern und – Eisblumen.

Große Filme der Filmgeschichte: „Yi Yi“ in restaurierter Fassung

Yi Yi von Edward Yang

Mit „Yi Yi (A One and a Two)“ legte Edward Yang vor 25 Jahren einen Spielfilm vor, der ebenso ernsthaft wie unterhaltsam eine Art sozio-psychologische Bestandsaufnahme der Gegenwart lieferte. Seine durch den Regiepreis in Cannes weltweit bekannt gewordene comédie humaine führt auf vielschichtige Weise den Einbruch der Moderne in das traditionelle Leben in Taiwan der neunziger Jahre vor Augen. Für die Filmkritikerin Marli Feldvoß besteht Edward Yangs große Kunst darin, dass er das Alte und das Neue zu integrieren versteht. Lange von der Leinwand verschwunden, kommt „Yi Yi“ nun in restaurierter Fassung ab 18. Dezember wieder in die Kinos. 

Kommentar zur NGO-Förderung

Geld vom Staat: Jetzt wird gedoppelt!

„Wissen wir nicht“ kann auch eine verweigerte Antwort sein. Unwissenheit schützt zwar vor Strafe nicht, ist aber unangreifbar. Die konservative Denkfabrik „R21“ bekommt künftig viel Geld vom Staat, dabei fand die Union NGO-Förderung doch zweifelhaft. Auf Fragen dazu reagiert die Regierung einsilbig. Stattdessen hat Schwarz-Rot im Bundestag beschlossen, die Förderung zu verdoppeln. „R21“ bekommt künftig 500.000 Euro pro Jahr. Helmut Ortner kommentiert den Vorgang.

Kenneth Hujers „All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt“

Frankfurt ist ein Dorf

Ein Dorf ist Frankfurt vielleicht an seinen Rändern. Sonst – da hat Daniel Cohn-Bendit recht – ist es eine Metropole, die auf das dicke Volumen anderer Metropolen weise verzichtet. Der Frankfurter Kenneth Hujer, der nicht nur an Popkultur, Stadtentwicklung und Architektur interessiert ist, hat Frankfurt als Kunststadt und kulturellen Brennpunkt beschrieben und diesen Befund mit elf informativen Gesprächen gestützt. Wolfgang Rüger hat das Buch gelesen.

„Turandot“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Kein Happyend

In seiner erst posthum uraufgeführten Oper „Turandot“ lässt Giacomo Puccini viel Raum für Interpretationen, den Daniela Kerck in ihrer Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden gut zu nutzen wusste. Dass die Regisseurin die ursprünglich als Märchen überlieferte Geschichte Turandots mit den Lebenserfahrungen Puccinis zusammenbringt und damit den Wahrheitsgehalt von Märchen deutlich macht, hält Margarete Berghoff für eine gelungene Überschneidung. Sie vermisst zwar überraschende Ideen, schätzt dagegen aber sehr die völlige Absenz von „schablonenhaften Charakteren oder Bühnenbildern und Kostümen die einer Pralinenschachtel-Ästhetik gleichen“.

Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ in Darmstadt

Erst braust es nur, dann braut sich was zusammen

„Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich bewirken?“ Friedrich Schiller, der mit seiner Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ darauf antwortete und forderte, dass das Theater sein Publikum erziehen und belehren und deshalb „jede Fessel der Künstelei und der Mode“ abwerfen sollte, wäre vermutlich mit dem heutigen Stand der darstellenden Kunst nicht glücklich gewesen. In Darmstadt wurde Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ gespielt und mit aktuellen Botschaften versehen. Martin Lüdke hat sich das angesehen.

Nahost-Konflikt

„Ich bin keine Tragödie, ich bin ein Mensch.“

Die Süddeutsche Zeitung ließ zwei Jugendliche aus Gaza zu Wort kommen, um über Krieg und Zerstörung in den letzten beiden Jahren zu berichten. Wie konnten sie unter einem lauten, einem brüllenden Himmel überleben, dem Wirrwarr aus Explosionen, Nachrichten und Angst entkommen, von einer Fluchtstätte zur nächsten ziehen, ihr Haus verlassen und zwischen Trümmern wiederfinden? Detlef zum Winkel erinnert an unangenehme Widersprüche im Gaza-Krieg.

„Punch and Judy“ in der Oper Frankfurt am Main

Dadaistischer Serienkiller

In einer Erstaufführung ist in Frankfurt die Oper „Punch and Judy“ vom Briten Harrison Birtwistle zu sehen. Ein Stück modernen, unkonventionellen Musiktheaters, das in der großartigen Inszenierung von Wolfgang Nägele eine skurrile Komik entfacht, die einerseits nichts für schwache Nerven und andererseits von überbordendem Humor ist. Ein Gesamtkunstwerk im besten Sinne des Wortes, meint Andrea Richter, die sich bei der Premiere im Bockenheimer Depot königinnenlich amüsiert hat.  

Augenschein, Recherche, Aktualität

Das „ewige“ Russland

Wer Diffamierung und Etikettierung vermeiden will, akzeptiert ungern einen Volks- oder Nationalcharakter, selbst wenn die Betroffenen sich damit identifizieren. Und es ist unangenehm wahrzunehmen, wie Menschen sich gemäß solcher „Charaktere“ tatsächlich verhalten. Aber es geschieht eben. Wie oft ist die „russische Seele“ beschworen worden, in der die Extreme wohnen und aus der sich bis heute herleiten lasse, was dort geschieht. Felix Philipp Ingold ist der Spur in der Literatur gefolgt.

Literaturkritik

„Penelopes Weben“

Als wäre sie für TEXTOR gemacht: Alexandru Bulucz hat in seiner Antrittsvorlesung zur Anna-Vandenhoeck-Gastdozentur für Literaturkritik an der Georg-August-Universität Göttingen seine persönlichen Zugänge zur Literaturkritik beschrieben. Anhand biografischer Verläufe kommen sie nacheinander ins Spiel und summieren sich trotz aller Unterschiede zu einer undogmatischen Haltung, die in der metaphorische Dynamik des Webstuhls zu sich kommt.

Ausstellung und Buch „making THEATRE“ – Theatermuseum München

making THEATRE

Was alles von Nöten ist, um ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, führt derzeit das Theatermuseum München vor Augen. Die Ausstellung „making THEATRE – Wie Theater entsteht“ wirft einen Blick hinter die Kulissen und gewährt seltene Einblicke in den künstlerischen und handwerklichen Schaffensprozess. Um die Abläufe von der ersten Idee bis zur Premiere authentisch wiederzugeben, wurden Künstler:innen und Gewerke des Residenztheaters rund um eine Inszenierung von „Romeo und Julia“ ein Jahr lang begleitet. Walter H. Krämer hat die Ausstellung gesehen und kann deren Besuch nur empfehlen.

Mozarts „Mitridate“ an der Oper Frankfurt

Achterbahn der Gefühle

Ein Feuerwerk menschlicher Gefühle in musikalischer und tänzerischer Form prasselte bei der Premiere von Mozarts erster großer Oper „Mitridate, re di Ponto“ auf das Publikum in der Frankfurter Oper ein. Freuden- oder Wutkoloraturen in einem Moment, Liebe, Ängste, Zweifel und Trauer im nächsten. Einblicke in Innen- und Außenwelten wechselten in rasender Geschwindigkeit mit der Präzision und Schönheit eines Schweizer Uhrwerks. Am Ende blieb für Andrea Richter nur eine Frage: Wie konnte ein 14-Jähriger so etwas komponieren?

Ein israelischer Fall und seine tiefere Bedeutung

Politische Säuberung

Im Wörterbuch des Unmenschen hat „Säuberung“ sicher einen Ehrenplatz. In Diktaturen zählen zum ‚Unsauberen‘ umstandslos auch Menschen, die, wie kürzlich wieder geschehen, als ‚Müll‘ bezeichnet werden. Eran Rolnik, Psychoanalytiker, Psychiater und Historiker in Tel-Aviv, ist auch Autor der Zeitung Ha’aretz. Seine kritischen Artikel zu Benjamin Netanjahu waren Anlass einer Untersuchung durch die israelischen National Service Commission. Rolnik beschreibt seinen Fall.

„Generation Deutschland“

Die Wiederkehr des Völkischen

Wenn aus dem „Nie wieder!“ ein „Schon wieder!“ wird, stellt sich die Frage: Was können wir tun? Die alte – jetzt neu etikettierte AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ reklamiert eine Sprecherfunktion für die gesamte Alterskohorte. Sie fordert, dass „Deutschland die Heimat der Deutschen bleibt“. Das Völkische kommt an – nicht nur bei der Jugend. Helmut Ortner macht auf die Wiederkehr eines alten Problems aufmerksam.

Laudatio zum Bettina-Brentano-Preis an Nadja Küchenmeister

Im Wirbel der Erinnerung

Am 27. November 2025 wurde der Schriftstellerin Nadja Küchenmeister der mit 10.000 Euro dotierte Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik überreicht. Die Jury schrieb dazu: „Köln, Berlin und Lissabon, das sind die Schauplätze in Nadja Küchenmeisters Gedichtband Der Große Wagen. Es sind Städte, die auf jeder Landkarte verzeichnet sind, Orte, die jeder zu kennen glaubt – in diesem eleganten und formvollendeten Langgedicht in zehn Teilen jedoch bergen sie Geheimnisse, denen man niemals ganz auf die Spur kommt.“ Beate Tröger hielt die Laudatio.

Dominik Grafs „Sein oder Spielen“

Spielen müssen sie ja letztlich doch selbst

Filmregisseure äußern sich, wenn sie den Spielraum dafür haben, professionell mit ihren Inszenierungen. Seltener sprechen oder schreiben sie über ihre Arbeit oder reflektieren nach der kurzen, aber doch sehr ausdifferenzierten Ideengeschichte des Spielfilms ihre Position und ihr Ethos, wie Dominik Graf das tut. Dabei geht es selbstverständlich auch um die Rechtfertigung der eigenen Entscheidungen. Den Bericht aus dem Getriebe des Illusionsapparates hat Ewart Reder gelesen.

Ein Künstlerbrief

Mein offenes Gefängnis

Man denkt an Paul Verlaine oder Silvio Pellico, die auch über ihre Gefängnisse schrieben, aber Fredie Beckmans erinnert sich in seinem Künstlerbrief an die lebensbegleitenden Einsperrungen, die Ein- und Aussperrungen zugleich waren und sich vom frühkindlichen Gitterbett bis zum Kunstkerker erstrecken. Freiheitsentzug hat viele Erscheinungsformen, und Künstler, die sich nicht fügen mögen, müssen stets einen Fluchtweg im Auge haben.

Erinnerung an die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner

Die Waffen nieder!

Wie jedes Jahr wird am 10. Dezember der Friedensnobelpreis verliehen. Die Auszeichnung geht maßgeblich auf eine Frau zurück die etablierten Kreisen ein Dorn im Auge war. Bertha von Suttner war eine enge Vertraute Alfred Nobels, den sie für die Friedensbewegung gewonnen und später angeregt hat, sein Vermögen in diesem Sinne einzusetzen. 1901 erstmals verliehen, wurde ihr selbst der Friedensnobelpreis vor 120 Jahren zuteil. Doris Stickler erinnert an eine in Vergessenheit geratene Friedensaktivistin, die sich unermüdlich für Eintracht, Verständigung und Frauenrechte engagierte.

Eine neue Publikation über den Architekten Martin Elsaesser

Moderne Architektur und junge Generation

Gerade der Mangel an bezahlbaren Wohnungen lässt das öffentliche Gespräch über Architektur wieder aufleben. Die Diskussionen über Baukosten, Effizienz, Nachhaltigkeit und Ökologie haben unter dem Primat der Ökonomie, also des Billigbauens, zumeist etwas Wichtiges für Bewohner und Betrachter unserer Behausungen ausgespart: die Ästhetik. Jörg Schilling hat ein Buch über den Architekten Martin Elsaesser und dessen Baukunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Wilhelm E. Opatz stellt das Buch mit einem Textauszug vor.

Hannah Arendt und ihre Briefreisen

Als Bohemien ist die Sache schwieriger

Als Kathederphilosophin kann man sich Hannah Arendt nur schwer vorstellen. Eigensinnig, mutig und widersprüchlich hat sie den Lehr- und öffentlichen Meinungen, der herrschenden Moral und den Ideologien ihre Überlegungen entgegengesetzt, über die bis heute gestritten wird, weil sie nicht ignoriert werden können. Eine andere, nicht weniger selbstbewusste Seite ihrer Persönlichkeit offenbarte sie als Briefeschreiberin. Ria Endres hat ihre Korrespondenz mit Kurt Blumenfeld gelesen und lässt uns wissen: Hannah Arendt mag vor 50 Jahren gestorben sein. Tot ist sie aber immer noch nicht.

Einführung zur Ausstellung von Jonas Englert in der Galerie Anita Beckers

Was wissen wir von der Zeit?

In den Werken der Ausstellung „ce qui nous hante“ stellt Jonas Englert die Zeit nicht nur dar, sondern lässt sie sinnlich nachempfinden. Durch langsame oder wechselnde Bildfolgen, Licht- und Materialrhythmen sowie Schichtungen entsteht eine innere Dauer, verdichten sich Gegenwart, Vergangenheit und mögliche Zukünfte zu einem kollektiven Bildgedächtnis. Die Arbeiten machen Zeit zur erfahrbaren Dimension von Sehen, Hören, Oberfläche und Material. Mit der nachfolgenden Rede führte Heike Sütter bei der Ausstellungseröffnung in Jonas Englerts künstlerische „Auseinandersetzung mit dem Vergehen und Überlagern von Zeitschichten“ ein.

 

Max Beckmann und Mathilde „Quappi“ Kaulbach – eine Liebesgeschichte

Quappi haben. Quappi haben.

Mathilde von Kaulbach, die Quappi genannt wurde, war Max Beckmanns zweite Frau. Minna, die erste, gab auf seinen Wunsch hin die Malerei auf und wurde Sängerin. Quappi gab auf seinen Wunsch hin das Singen und Geigespielen auf und wurde sein bevorzugtes Modell. Das Verhältnis der beiden ist abzulesen in Beckmanns Bildern und Briefen. Es ist offensichtlich kein schlechtes gewesen. Marli Feldvoß hat die Spuren gelesen.

Sebastian Smees Buch „Paris im Aufruhr“

Ein Dreiergrab auf dem Friedhof Passy

Bei Archäologen gehört das Deuten ihrer Fundsachen zum Beruf. Aber auch dem Flaneur fügen sich visuelle Eindrücke zu fragmentarischen Geschichten, die sich unabhängig von der Realität selbst erzählen. Wenn Rainer Erd auf einem Pariser Friedhof zwei Brüder und eine Frau gemeinsam in einem Grab angezeigt sieht, wobei einer von ihnen Édouard Manet heißt, regt das seine Phantasie an. Das Rätsel, das sich damit verbindet, und die Geschichte der Toten findet er in dem Buch „Paris in Aufruhr“ erklärt.

Eine mathematische Entdeckung der Inder

Die Poesie der Null

In Zeiten der Netzspionage, der Internetüberwachung ganzer Völker treten Begriffe wie Algorithmus und binärer Code ins Bewusstsein vieler Menschen, die sich noch nie mit Mathematik beschäftigt haben. Der binäre Code drückt alle Informationen mit Eins und Null aus. Während die Eins schnell erfunden war, brauchte es dagegen lange, bis kluge indische Mathematiker die Null als Zahlenwert entdeckten. Clair Lüdenbach hat der Geschichte der Null nachgespürt und den Gründen für den mathematischen Genius der Inder.

Das Arbeits- und Sammlerleben des Verlegers Lothar Schirmer

Sein Leben: Bücher und Bilder

Genaugenommen ist Sammler kein Beruf, sondern eine Leidenschaft, oft eine Besessenheit. Bei Kunstsammlern tritt noch eine Mischung aus interessegeleitetem ästhetischen Begehren und Wert-Schätzung hinzu. Aber, wie die Bekenntnisse des Kunstbuch-Verlegers Lothar Schirmer nahelegen, sind Kenntnis und Genuss nicht die einzigen Kriterien, um von bedeutenden Werken fasziniert zu sein. Martin Lüdke hat sich von zwei Büchern des Verlegers aufklären und unterhalten lassen.

Die Demokratie in Deutschland ist nicht mehr wehrhaft

Wir sind müde

In Duisburg geboren, hat Hakan Akçit Deutschland lange als seine Heimat betrachtet. Der Autor und Übersetzer resümiert die jahrzehntelangen Kämpfe um Zugehörigkeit und Anerkennung, die unverminderte Präsenz von Rassismus und rechter Gewalt und die aktuelle Stadtbilddebatte. Er ist es leid, dass man „migrantisch gelesene Menschen für jede Misere verantwortlich“ macht und „blau-braunen“ Gesinnungen immer mehr Raum gewährt. Angesichts dieser Entwicklung ist für Hakan Akçit die „Aufforderung Wehret den Anfängen zu einer leeren, bedeutungslosen Phrase verkommen.“

Ein Porträt des Komponisten Roger Moreno-Rathgeb

Das Requiem für Auschwitz – ein Echo des Erinnerns

Roger Moreno-Rathgeb, Komponist und Nachfahre von Sinti, hat mit dem „Requiem für Auschwitz“ ein einzigartiges musikalisches Denkmal geschaffen. Das Werk, 2012 uraufgeführt, ist eine Widmung an die im nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti und Roma. Anfang November 2025 wurde das Requiem im HR-Sendesaal in Frankfurt erneut aufgeführt – interpretiert von den Roma- und Sinti Philharmonikern unter der Leitung von Riccardo M. Sahiti. Das Requiem ist eine Botschaft gegen Krieg, Hass, Vorurteile und jede Form von Diskriminierung. Cornelia Wilß stellt den Komponisten vor.

Ernst Kantorowicz und das geheime Deutschland als Widerstandsprojekt

Vom Mittelalter zum Geheimen Deutschland

Im Rätselraten um die letzten Worte des Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ob es nun „Es lebe das heilige Deutschland!“ oder „Es lebe das geheime Deutschland!“ gewesen sei, stellte sich die Frage, was denn das „geheime Deutschland“ tatsächlich war. Der Philosoph Enno Rudolph führt uns mit Ernst Kantorowicz ins Mittelalter und die Renaissance, um dort, jenseits nationalistischer Spekulationen, den Ursprung einer umfassenden, universalen Idee aufzufinden.

Aus dem Notizbuch

Eltern

Eine Auslegung des uralten, heiklen Spruchs „Blut ist dicker als Wasser“ beschwört die unbedingte Solidarität der Familie. Darauf setzen beispielsweise die sogenannten Enkel-Trickser mit ihren Erpressungsversuchen. Die leibliche Familie pflanzt, fürsorglich, Bilder der Geborgenheit ins Gedächtnis, ebenso wie die religiöse, wenn auch beide zu absurden Regelwerken und kontrollierender Herrschaft neigen können. Eldad Stobezki notiert aus der Erinnerung, die aufschließt zum täglichen Erleben.

Isolde Ohlbaums „Anderswo atmet man, hier lebt man“

Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit

Für Fotografen und Fotografinnen, die dem Charakteristischen nachstellen, gibt es den Kairos, den richtigen, vielleicht einzigen Moment, in dem das gelingt. Zu sehen sind solche Momente in den Porträts, Landschaften und Szenen von Isolde Ohlbaum. Mit Siebzehn ging sie ins unruhige Paris und genoss das Leben, wie es damals nur dort zu haben war. Zum Buch mit einer Auswahl ihrer Fotos aus dieser Zeit hat Rainer Erd einen persönlichen Zugang gefunden.

Alexander Hagelükens „Die Ökonomie des Hasses“

„Was Rechte anrichten“

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rechtspopulisten in Deutschland an die Bundesregierung kommen, scheint momentan gering. Dennoch sind die Zustimmungsraten bedenklich. Dabei machen sich die meisten ihrer Befürworter keine Gedanken darüber, welch negativen Auswirkungen dies auf die Wirtschaft haben würde. Alexander Hagelüken hat sein neues Buch dieser bisher wenig diskutierten Thematik gewidmet, und Winfried Dolderer hat es mit Gewinn gelesen.

Mira Nair im Gespräch mit Marli Feldvoß

„Wenn wir nicht unsere eigenen Geschichten erzählen, erzählt sie keiner“

Ihr Debütfilm „Salaam Bombay!“ war nicht nur ein großer Publikumserfolg, er brachte Mira Nair auch gleich einen Regiepreis und eine Oscar-Nominierung ein. Seither sorgte sie mit zahlreichen Spiel- und Dokumentarfilmen für Aufmerksamkeit. In Indien, Uganda und New York gleichermaßen zuhause richtet die Regisseurin ihr filmisches Augenmerk auf den entbehrungsreichen Alltag der wenig Begüterten. Mit der Filmemacherin und Mutter des neuen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani hat Marli Feldvoß vor einigen Jahren über die Hinter- und Beweggründe ihres künstlerischen Schaffens gesprochen.

Die Wirkung des Nationalsozialismus auf die deutsche Nachkriegsphilosophie

„Wir sind entschlossen, aber wir wissen nicht wozu.“

Es gibt viele Antworten auf die Frage: „Wie konnte das geschehen?“ All diese Erklärungen lassen sich im Nachhinein geben. Einige aber, die sich auf strukturelle Prozesse beziehen, bieten die Handhabe, aus den Fehlern der Vergangenheit Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Wie sich solche Strukturen im gegenwärtigen Geschehen erkennen lassen und deren Analyse Kriterien bereitstellt, um die Faktoren totalitärer Ideologien in Traditionen und Denkweisen zu identifizieren, erläutert der Philosoph Martin Löw-Beer.

Erinnerungen an Micha Brumlik

Indes:

Micha Brumlik war eine öffentliche Person, ein streitbarer Intellektueller, der Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg ging, sondern reflektiert auf die Widersprüche zusteuerte. Das konnte niemandem, der ihn auf den Podien diskutieren, ja einschreiten sah, entgangen sein. Bis 2013 hatte er als Erziehungswissenschaftler eine Professur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt inne, war ein Dutzend Jahre als Frankfurter Stadtverordneter tätig und wurde als Publizist geschätzt. Frank-Olaf Radtke erinnert an Micha Brumlik.

Eva Illouz’ Buch „Der 8. Oktober“

Tastendes Begreifenwollen

Die Soziologin Eva Illouz ist eine angesehene Emotionsforscherin, die mit ihren 12 Büchern sehr einflussreich ist und, weil sie sich nicht an Denk- und Sprachregelungen hält, immer wieder Empörung auslöst. Als in Marokko geborene Sephardin, die an Universitäten in Jerusalem, Paris und Friedrichshafen lehrt und in der ZEIT, Le Monde, Ha’aretz und Der Freitag publiziert, sitzt sie auch zwischen allen Stühlen. In ihrem Buch denkt Illouz über das Schicksal der Palästinenser und über Antisemitismus und Rassismus in den USA, Europa und Nordafrika nach. Jutta Roitsch hat das Buch gelesen.

Gabriele Münters „Reise nach Amerika: Photographien 1899–1900“

Bilder aus Amerika

Bekannt ist sie als prominente Malerin des Expressionismus, auch als Zeichnerin, bis vor fast 20 Jahren das Münchner Lenbachhaus Gabriele Münters Fotografien ausstellte. Diese Fotografien, von Helmut Friedel in Buchform veröffentlicht, entstanden Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika und zeigen einen eigenwilligen Zugriff auf die sichtbare Realität. Martin Lüdke hat sich von der Sammlung überraschen lassen.

„Monsoon Wedding“ von Mira Nair – Bollywood aufgeklärt?

Hochzeit von Ost und West

Mit dem Film „Monsoon Wedding“ lieferte Mira Nair eine Homage an die Lebenslust der Punjabi-Kultur und die unverwüstliche Kraft des allen Erschütterungen trotzenden Familienzusammenhalts. Bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, wurde „Monsoon Wedding“ (2001) im Jahr darauf auch für den Golden Globe Award nominiert. Marli Feldvoß hat mit einer Regisseurin gesprochen, die als „Vertreterin einer gelungenen Symbiose zwischen östlicher und westlicher Kultur“ wertgeschätzt wird und deren Sohn Zohran Mamdani seit kurzem als Bürgermeister von New York amtiert.

Ein Meilenstein in der Designszene: Jörg Stürzebecher

Schreiben, Lehren, Sammeln

Sicher gab es sie schon immer, diese Nonkonformisten, aber sie waren eben immer schon rar. Jörg Stürzebecher, Germanist, Designer, Wissenschaftler und Publizist, hochgelehrt im unüblichen Sinn, streitbarer Selbstdenker und begnadeter Lehrer, kürzlich gestorben, war einer dieser unabhängigen Geister. An ihn, der sein Gedankennetz weit über seine Fachgebiete hinauswarf, erinnert Wolfgang Rüger.

Ein Essay über das gebrochene Israel nach dem Hamas-Überfall

Die kollektive Melancholie Israels

Das perpetuum mobile der Rache für die Rache scheint stillzustehen. Dem Vergeltungswunsch sind die Anlässe ausgegangen. Doch ein Waffenstillstand ist noch kein Frieden. Und für übertriebenen Optimismus besteht keinerlei Anlass. Das gebrochene, von Hass zerfressene Israel nach dem Hamas-Überfall und dem Vernichtungskrieg in Gaza ist anfälliger für die Verlockungen des messianischen Nationalismus als vor dem Justizputsch. Eran Rolnik hat die gesellschaftliche Situation analysiert.

Aus dem Notizbuch

Was die Leute erzählen

Das Ungeheure, Entsetzliche, Ungeheuerliche lässt sich nicht angemessen in Worte fassen. Einem Taxifahrer aber kommt viel Unsagbares zu Ohren, abgesehen davon, dass auch er Unsägliches zu sagen fähig ist. Eldad Stobezkis Notizen verwahren solche Aporien, aber auch die Legende von Bachs mathematischer Musik und das Lesen anderer Stolpersteine.

Mary Chapin Carpenters CD „Personal History“

Der Anti-Star von Charlottesville

„It’s the same but different“ – „Es ist das Gleiche und doch anders“, sagt man im Englischen. Für Künstler, die die Erwartungen ihres Publikums nicht enttäuschen wollen, besteht in dieser Differenz der Freiraum ihrer Entfaltung. Und bei der Folk- und Country-Sängerin Mary Chapin Carpenter mit ihrer ausdrucksstarken Stimme, deren Artikulation nichts dem Zufall überlässt, sind darin noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft. PH Gruner hat sich ihre neue CD angehört.

Nasser Abu Srours Buch „Je suis ma liberté” / „A Tale of a Wall”

Jeder hat seine Ecke

Was denkt der Freund? Was denkt der Feind? Der Krieg verhindert alle Kenntnis, nicht nur, weil alle Beteiligten und Parteilichen der eigenen Propaganda aufsitzen, sondern, weil die Kriegsgegner journalistische Recherche mit allen Mitteln verhindern. Wenn dann über einige Umwege ein Buch wie das von Abu Srour, das im Gefängnis geschrieben wurde, den Weg in die Öffentlichkeit findet, löst sich alle Parteinahme auf. Täter und Opfer, Lüge und Verrat. Jutta Roitsch berichtet, was in diesem Buch steht.

„La forza del destino“ im Opernhaus Zürich

Eine russische Drohne in der Schweiz?

Wieder eine von Protesten begleitete Oper: „La forza del destino“, Giuseppe Verdis letztes Musikdrama, in Zürich. Diesmal sorgte nicht das Werk selbst, sondern das Engagement von Anna Netrebko für Empörung bei Ukrainern wie auch Schweizern. Seit dem 24.2.2022 ist sie zum Beispiel für die Zerrissenheit des westlichen Kulturbetriebs im Umgang mit russischen Künstler:innen geworden. Andrea Richter hat sie sich mit einem kleinen schlechten Gewissen angehört. 

Deutsche Kultur in Ostmitteleuropa

Vom Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland

Anlässlich der vor 75 Jahren unterzeichneten „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ lud der Vertriebenenverband BdV Anfang August zu einer Gedenkveranstaltung ein. Hier war auch Bundeskanzler Merz zugegen. Dessen „ausweichende“ Rede ließ für Matthias Buth so einiges vermissen und wurde dem „Selbstverständnis Deutschlands als ,europäische Kulturnation’’’ nicht gerecht. Die Worte des Kanzlers drängen für ihn etwa die Frage auf, ob Schopenhauer, Kant, Rose Ausländer, Paul Celan und Moses Rosenkranz nicht als „Teil der deutschen Geistes- und Literaturgeschichte, sondern als Repräsentanten der sogenannten Vertriebenenkultur“ zu verstehen sind.

Barbara Englerts Theaterproduktion: Die Ilias. Jetzt erzähle ich

„Wir nehmen uns, was uns gehört“

Im 8. oder 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ist das Versepos Ilias entstanden: Die Seemacht der griechischen Verbündeten belagerten die Stadt Ilios (Troja), besiegten in einer verlustreichen Schlacht die Trojaner, nahmen die Stadt ein und zerstörten sie. Homer, der mutmaßliche Verfasser der Dichtung, schildert den militärischen Aufwand, ziemlich alle Todesarten im Detail, mischt Mythos und Realismus, berichtet von Aggression, Hass, Rivalität, Liebe und Eifersucht. Die Schauspielerin und Regisseurin Barbara Englert hat in „Die Ilias. Jetzt erzähle ich“ die Geschichte in eine feministische Theaterperformance übersetzt, von der Ulrich Breth berichtet.

Andreas Maiers Roman „Der Teufel“

Gab es ein Leben vor dem Fernsehen?

Gott, so heißt es, habe den Menschen so verführbar und manipulierbar geschaffen, dass er nicht nur an den Teufel, sondern sogar an Gott glaubt. Beide betrachten in Andreas Maiers Roman „Der Teufel“, wie sich der Mensch medial von der Teilung der Welt in Gut und Böse überzeugen lässt. Das Fernsehen hat demnach unser Denken vereinfacht. Was Ewart Reder über das Buch mitteilt, regt die Neugier und die Leselust an.

Interview mit Aileen Schneider zur Operninszenierung von „Carmen“

„Es kann jeder passieren“

Für ihre beeindruckende Inszenierung von Aribert Reimanns „Melusine“ an der Oper Frankfurt wird Aileen Schneider am 10. November der renommierten Götz-Friedrich-Preis verliehen. Kurz zuvor feierte am Staatstheater Augsburg ihre Neuinszenierung von „Carmen“ Premiere. Hier lässt sie die Titelheldin Freiheit und Entfaltung in einem repressiven Patriarchalsystem suchen, das sie in einer den äußeren Schein wahrenden Vorstadtidylle verortet. Die Kulturwissenschaftlerin Anna Hahn sprach mit der Regisseurin über die leitenden Motive der gegenwartsbezogenen Inszenierung, mit der Aileen Schneider zeitlos valide Aspekte deutlich machen will.

Ein Interview mit Helmut Ortner

„Demokratieverachtung und die Entsorgung der Vergangenheit …”

In einer Zeit, in der rechte Populisten und die AfD die deutsche Erinnerungskultur beenden möchten, wendet sich Helmut Ortner in einem Mailinterview mit dem Soziologen Patrick Allgöwer gegen jede Verharmlosung und Relativierung der NS-Vergangenheit. Die „Entsorgung“ der NS-Zeit“ will er nicht akzeptieren.

Die Stadt und ihr Bild

Der Verfall nach Merz und die Fehler der Linken

Es hat verschiedentliche Interpretationen gegeben, um das Merz-Wort vom Problem im Stadtbild um die rassistische Assoziation herumzuführen. Das will nicht recht gelingen. Denn das eigentliche Problem ist das Bild vom Stadtbild mit den dazugehörigen Töchtern. Cinzia Sciuto, Chefredakteurin der italienische Zeitschrift „MicroMega“, stellt in ihrem Kommentar einiges zur Diskussion.

Modest P. Mussorgskis Oper „Boris Godunow“ in Frankfurt

Macht in Russland

Vor dem Opernhaus in Frankfurt zur Premiere von Boris Godunow eine Gruppe von Ukrainern, die gegen die Aufführung dieses explizit russischen Werks protestierten. Drinnen dann eine fulminante Darbietung der Oper: die Titelpartie des russischen Zaren Boris, gesungen von einem Ukrainer. Sein Gegenspieler Grigori, der falsche Dimitri, von einem Russen interpretiert, der unter polnischer Flagge nach Moskau zieht, um den Zarenthron zu übernehmen. Das Ganze inszeniert von einem Britten, musikalisch geleitet von einem Bayern und ein Beweis dafür, dass Musik-Theater über aktueller Politik stehen kann, weil es einen Wert an sich hat, meint Andrea Richter. 

Wie ein Film verrissen wird, der noch gar nicht zu sehen ist.

Moi non plus

Seit Tagen hält die Kontroverse unvermindert an. Ist die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, die sich als Verteidigerin Israels präsentiert, würdig, in einem Film die 2020 verstorbene Anwältin Gisèle Halimi zu spielen, die sich für die palästinensische Sache einsetzte? Ist denn die Idee einer friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Palästinensern in Verruf geraten? Ein schönes Thema für eine Debatte, wenn beide Seiten miteinander sprechen würden. Claus Leggewie hat sich Gedanken dazu gemacht. 

Versuch einer aktualisierenden Lektüre der „Verwandlungen“

Ovid als Gegenwartsautor

Für jemanden, der sich an Äußerlichkeiten orientiert, war damals wirklich alles anders und geht uns nichts mehr an. Tatsächlich aber handelt sogar die antike Literatur von Themen und Problemen, die uns heute noch beschäftigen. Was Ovid (43 v. Chr. bis etwa 17 n. Chr.) in den Metamorphosen, den Verwandlungen, in herrlichen Versen detailgenau beschreibt, muss nicht aufwendig interpretiert werden. Ein kleiner Gedankenschritt führt vom Besonderen ins Allgemeine, in unsere Gegenwart. Felix Philipp Ingold zeigt an wenigen Beispielen die Aktualität Ovids.

Gespräch mit der Autorin Ria Endres

Das meiste kann ich auswendig

Es geht um die Möglichkeiten der Poesie. Was tut eine Lyrik schreibende Person? Und warum tut sie es? Wie also entsteht das, was wir Gedicht nennen? Abschließende Antworten auf solche Fragen gibt es nicht. Dennoch bringt das Befragen Motive, aber auch Zufall und Notwendigkeit zum Vorschein, die das Gestaltungsbedürfnis zum Kunstwerk formt. Die Schriftstellerin Ria Endres, die seit 1969 in Frankfurt lebt, gibt Bernd Leukert Auskunft über ihren poetischen Schaffensprozess.

Ausstellung „Kirchner. Picasso“ LWL Museum Münster

Eine Zeit lang: Zeitgenossen

Jeder Künstler ist ein Originalgenie und einzigartig. Es gibt also Tausende einzigartige Originalgenies, die sich vermutlich gegenseitig feindschaftlich hochschätzen. Tatsächlich könnte es für einen Künstler entwürdigend sein, wenn seine Werke mit denen anderer Künstler in Vergleich gezogen werden. Das aber findet tendenziell in jeder Gemeinschaftsausstellung statt. Das Anfang des letzten Jahrhunderts gegründete Museum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) hat es nun gewagt, in Münster zwei Ikonen der Modernen Malerei gemeinsam zu präsentieren: Pablo Picasso und Ernst Ludwig Kirchner. Martin Lüdke hat genau hingesehen.

Interview mit Übersetzerin und Autorin Pociao

Ein Leben für die Bücher: Pociao

Mit ihren Übersetzungen öffnete Pociao in den 1970er-Jahren vielen die Tür zur experimentellen Literatur aus dem englischsprachigen Raum. Überzeugt, dass wir Schreibende brauchen „die unbequem sind, nachdenklich machen, Anstöße geben“, übernahm sie den Verlag Expanded Media Editions und gründete Pociao’s Books. Später brachte sie mit der Komponistin Ulrike Haage das Projekt Sans Soleil auf den Weg, das über zwei Jahrzehnte Musik und Literatur verschränkte und sich auf Texte von und über Frauen konzentrierte. Im Gespräch mit Wolfgang Rüger blickt Pociao auf ihr wegweisendes Wirken in einem männerdominierten Genre.

Aus dem Notizbuch

Hunde

Man sollte nicht so kaltschnäuzig über Hunde sprechen. Ihre sprichwörtliche Treue, die nur durch eine Wurst-Korruption ins Wanken geraten kann, hat sie zum begehrten Modell der darstellenden Kunst gemacht. Wo immer Menschen abgebildet werden, muss man damit rechnen, dass auch er da ist: der Hund im Vordergrund. Der beste Freund des Menschen führt in Eldad Stobezkis Notizen auch nach Jerusalem, und von da geht's zu den Bomben. Aber auch die Frau mit dem Milchkrug fehlt nicht und kein Ende der Welt.

Zur klassischen Avantgarde: Satie, Joyce, Duchamps

„Vergraben Sie den Ton“

Wie viele unserer rätselhaft gewordenen Wörter stammt „Avantgarde“ aus längst vergangener Zeit, als, zu Pferd oder ohne, Stoßtrupps todesmutig gegnerische Kommandeure attackierten und die Schwachstellen des Feindes einnahmen, bevor das Heer nachrückte. Die Verwendung der militärischen Vokabel in den Künsten hatte allerdings schnell ihren tieferen Sinn eingebüßt, als man gewahr wurde, dass kein Heer mehr nachrückte. Seitdem kämpft die Avantgarde um die Listenplätze der Innovation. Rolf Schönlau erinnert an die Bedeutung der klassischen Avantgarde.