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Meisterwerke aus dem Khanenko Museum, Kyjiw in Aschaffenburg

A European Collection


Jacob Jordaens, Amor und schlafenden Nymphen, späte 1640er–frühe 1650er Jahre, Öl auf Leinwand, 167 × 161 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg (Stefan Stark)

Das Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw beherbergt den bedeutendsten Bestand abendländischer Kunst in der Ukraine und zählt damit zu den wichtigen europäischen Sammlungen ihrer Art. Ab dem 30. April zeigt das Christian Schad Museum in Aschaffenburg eine Sonderausstellung mit 73 Meisterwerken der Vormoderne, die erstmals in Deutschland zu sehen sind.

 

Die präsentierten Gemälde stammen größtenteils von namhaften, teilweise weltberühmten europäischen Künstlern des 15. bis 19. Jahrhunderts. Sie bieten einen Überblick über zentrale Positionen der europäischen Malerei und folgen dabei der didaktisch geprägten Ordnung der Khanenko-Sammlung.

Zu den Exponaten zählen Werke einiger der bedeutendsten Künstler der europäischen Kunstgeschichte wie Peter Paul Rubens, Bernardo Bellotto, Pieter Brueghel d. J., Jacob Jordaens und Antonio Canova sowie Gemälde aus den Werkstätten von Hieronymus Bosch und Rembrandt. Das Ensemble bildet das Herzstück der Sammlung, veranschaulicht die weitreichenden kulturellen Verflechtungen Europas und steht exemplarisch für ein gemeinsames, über Jahrhunderte gewachsenes europäisches Kulturerbe.

In der Ausstellung wird der historische Kern der Sammlung von Bohdan und Varvara Khanenko durch ein zeitgenössisches Werk aus der Serie Shot Figures der ukrainischen Künstlerin Maria Kulikovska ergänzt, das von den städtischen Museen erworben wurde. Kulikovskas Skulptur tritt dabei in einen eindrucksvollen Dialog mit dem ikonischen Werk La Pace von Antonio Canova und öffnet die historische Präsentation für eine gegenwartsbezogene Perspektive.


Peter Paul Rubens, Dank an den Flussgott der Schelde, um 1617, Ölskizze, 28 × 37 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

 

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen internationalen Kooperation zwischen dem Khanenko Nationalmuseum und den Museen der Stadt Aschaffenburg. Ausgewählte Werke aus der Sammlung des Khanenko Museums wurden in den vergangenen Jahren bereits an verschiedenen europäischen Ausstellungsorten gezeigt, um ihren Erhalt zu sichern und zugleich ihre öffentliche Zugänglichkeit zu gewährleisten. Im Christian Schad Museum werden sie nun erstmals in dieser umfassenden Ausstellung zusammengeführt, wodurch die Schau zur wichtigsten und umfangreichsten Präsentation ukrainischen Kulturbesitzes in Europa seit Beginn des Krieges wird.

Yuliya Vaganova, Generaldirektorin des Khanenko-Museums in Kyjiw, betont: „Diese Ausstellung ist für uns weit mehr als eine Präsentation bedeutender Werke außerhalb der Ukraine. Sie ist Ausdruck einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, die auf Vertrauen, gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Verständnis für die Verantwortung gegenüber dem kulturellen Erbe Europas beruht. Die Museen der Stadt Aschaffenburg haben sich als verlässliche und engagierte Kooperationspartner erwiesen, die nicht nur die Sicherheit der Kunstwerke gewährleisten, sondern auch ihren kulturhistorischen Kontext sensibel vermitteln.“

„Mit A European Collection präsentieren wir die Werke erstmals in Europa in einer Zusammenstellung, die ihre kunsthistorische Bedeutung ebenso sichtbar macht wie ihre Aktualität“, erklärt PD Dr. Thomas Schauerte, Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg und Kurator der Schau. „Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zur Bewahrung und Vermittlung des gemeinsamen europäischen Kulturerbes.“


Werkstatt des Hieronymus Bosch, Die Versuchung des heiligen Antonius, Triptychon, um 1520–1550, Öl auf Leinwand auf Holz übertragen, Mittelteil 82 × 71,5 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg (Stefan Stark)

 

Und Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung betont im Zuge einer maßgeblichen Förderung:
"Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Rahmen ihrer UKRAINE-Förderlinie wiederholt Ausstellungsprojekte in Kooperation mit ukrainischen Museen wie dem Khanenko Museum in Kyjiw oder dem Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa unterstützt. Im Mittelpunkt steht bei diesen Projekten der Gedanke, kulturelle Beziehungen innerhalb Europas über Grenzen und Generationen hinweg erfahrbar zu machen. Angesichts der andauernden Kulturzerstörung durch Russland erhält diese Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung: Sie unterstreicht die enge Verbundenheit mit ukrainischen Partnerinstitutionen und würdigt die kulturelle Vielfalt und Bedeutung ihres Erbes. Die Ausstellung „A European Collection. Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw“ in Aschaffenburg zeigt erneut, welchen langfristigen Mehrwert der internationale Austausch in Kunst und Wissenschaft für Museen in Deutschland bietet“.

Das Khanenko Museum in Kyjiw
Das Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum in Kyjiw, gegründet 1919 auf der Basis einer über Jahrzehnte planvoll und aufwendig aufgebauten Privatsammlung des Sammlerpaares Khanenko, ist das bedeutendste Kunstmuseum der Ukraine.

Seine rund 25.000 Werke umfassende Sammlung reicht von der Antike und dem Alten Ägypten über herausragende Beispiele westeuropäischer Kunst bis hin zu Meisterwerken aus Persien, China oder Japan und zeichnet sich durch ihre außergewöhnliche Qualität aus.

Beheimatet ist das Museum im Zentrum Kyjiws in der ehemaligen Villa der Stifter, die 2022 infolge des russischen Angriffskrieges schwer beschädigt wurde. Es steht auch exemplarisch für die gezielte Bedrohung kultureller Institutionen in Kriegszeiten.


Bernardo Bellotto, Architektonische Fantasie (Capriccio), Öl auf Leinwand, 99 × 132 cm, Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum © Foto: Bohdan und Varvara Khanenko Nationalmuseum

 

Unter dem Kriegsrecht ist die Hauptsammlung des Museums gesichert und derzeit nicht öffentlich zugänglich. Gleichzeitig setzt das Khanenko Museum seine Arbeit aktiv fort und realisiert temporäre Ausstellungen, Bildungsprogramme für unterschiedliche Zielgruppen sowie Veranstaltungen und Begegnungen. Darüber hinaus führt das Museum seine wissenschaftliche Arbeit fort, reflektiert die eigene Sammlung, historische Kontexte und die Rolle von Museen in der Gegenwart und bleibt damit in seinen öffentlichen Projekten sichtbar. Für diese Arbeit während des Krieges wurde das Museum mit zwei internationalen Auszeichnungen geehrt: 2024 mit dem CIMAM Outstanding Museum Practice Award und 2025 mit dem Hauptpreis von The Best in Heritage – Project of Influence.

Die Ausstellung „A European Collection“ ab 30. April 2026
Die Ausstellung gliedert sich nach den großen europäischen Kunstschulen Italiens und der Niederlande sowie Frankreichs und Spaniens. Innerhalb dieser Sektionen sind die Werke generell chronologisch angeordnet, sodass sich stilistische Entwicklungen über mehrere Jahrhunderte hinweg nachvollziehen lassen. In den beiden oberen Geschossen des Christian Schad Museums entfaltet sich so auf rund 450 Quadratmetern ein konzentrierter Überblick über zentrale Positionen der europäischen Malerei in einer Struktur, die der didaktisch geprägten Ordnung der historischen Khanenko-Sammlung folgt.

Italien (I. Obergeschoss)
Der erste Abschnitt der Ausstellung widmet sich den Kunstschulen Italiens. Mit über 30 Exponaten bietet die Sammlung eine außergewöhnliche Dichte bedeutender italienischer Meister und zeichnet die Entwicklung der Malerei vom frühen 15. bis ins späte 18. Jahrhundert nach.

Zu den frühesten Werken zählt die Kreuzigung des „Meisters der Osservanza“ (aktiv ca. 1425–1440, Siena). Die Altartafel steht exemplarisch für eine Frührenaissance, die noch deutlich von byzantinischen und spätgotischen Bildtraditionen geprägt ist.

Meisterwerke wie die Mariendarstellungen von Marco Palmezzano, Giovanni Battista Cima da Conegliano und Marco d’Oggione (Werkstatt Leonardo da Vincis) repräsentieren die italienische Früh- und Hochrenaissance auf eindrucksvolle Weise. Ergänzt werden sie durch Gemälde mit mythologischen Motiven, wie Jacopo del Sellaios’ Orpheus und Eurydike (um 1483), die ebenfalls zum festen Bildkanon dieser Epoche zählen.

Das 18. Jahrhundert ist unter anderem mit Meisterwerken italienischer Vedutenmaler wie Francesco Tironi und Bernardo Bellotto vertreten, letzterer als Neffe und Schüler des berühmtesten venezianischen Vedutenmalers Canaletto.

Niederlande und Flandern; Frankreich und Spanien (II. Obergeschoss)
Hier liegt der Schwerpunkt auf den Werken bedeutender Meister des 15. bis 17. Jahrhunderts, die die besondere Wertschätzung von Bohdan und Varvara Khanenko für diese wichtigen Kunstlandschaften verdeutlichen.

Ein exemplarisches Exponat ist das Diptychon Anbetung der Heiligen Drei Könige eines anonymen Künstlers, der nach diesem Werk als „Meister der Khanenko-Anbetung“ bezeichnet wird (um 1490). Es gilt als emblematisches Beispiel altniederländischer Malerei. Die religiöse Bildtradition des 16. Jahrhunderts ist unter anderem durch das Triptychon Die Versuchung des heiligen Antonius (um 1520/50) aus der Werkstatt von Hieronymus Bosch vertreten, dessen bizarr-symbolische Bildsprache hier eindrucksvoll zur Geltung kommt. Zu den Höhepunkten der flämischen Barockmalerei zählen Peter Paul Rubens’ Ölskizze Dank an den Flussgott der Schelde (um 1617) sowie Jacob Jordaens’ dramatisch bewegte Szene Cupido und die schlafenden Nymphen (um 1650). Das Gemälde Mann mit Turban aus der Werkstatt Rembrandts steht beispielhaft für die große niederländische Bildnismalerei des 17. Jahrhunderts.

Die französische und spanische Malerei ist mit Namen Juan de Zurbarán prominent vertreten.

Klassizistisches Friedensideal trifft auf zeitgenössische Perspektive
Das eindrucksvolle Zentrum der Ausstellung aber bildet Antonio Canovas lebensgroße Marmorplastik La Pace („Der Friede“, 1815). Canova, der Großmeister der europäischen Skulptur des Klassizismus, verbildlichte hier zum Ende der verheerenden Napoleonischen Kriege das Ideal des Friedens, das angesichts der heutigen Kriegsrealität eine besondere Aktualität erhält. In einen kontrastscharfen Dialog mit diesem historischen Ideal tritt die ukrainische Künstlerin Maria Kulikovska mit einer Skulptur aus ihrer Serie Shot Figures aus Epoxidharz (siehe S. 14 der Presse-Information).

Kulikovskas Werk macht die physischen und psychischen Spuren des Kriegs sichtbar und verleiht Canovas Werk so eine tiefgründige zeitgenössische Gegenperspektive. Die Skulptur wurde von der Stadt Aschaffenburg erworben.

Das Ausstellungsprojekt
Im Juni 2025 erreichte die städtischen Museen in Aschaffenburg die Anfrage, ob bedeutende Kunstwerke – insbesondere Gemälde – aus dem Khanenko-Museum in Kyjiw als Kooperationsprojekt in der Stadt gezeigt werden könnten.

Die Museen vereinbarten, die Werke im Christian Schad Museum zu präsentieren, das der konservatorisch und sicherheitstechnisch bestgeeignete Ort der städtischen Museen für diese außergewöhnliche Sammlung ist.
Im Erdgeschoss bleibt eine Auswahl von Werken Christian Schads zugänglich, die nach dem Ende der Ausstellung wieder alle drei Stockwerke einnehmen werden.

Der Katalog
Der Katalog zur Ausstellung erscheint dreisprachig (Deutsch/Ukrainisch/Englisch) im renommierten Kunstverlag Schnell & Steiner und ist im Museum sowie im Buchhandel erhältlich.

 

 

Christian Schad Museum

Pfaffengasse 26
63739 Aschaffenburg

Ab 30. April 2026

Erstellungsdatum: 18.05.2026