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Rainer Erd über Jean de Palacios Novelle „Veturia“

Abschied von der Welt

Rainer Erd


Veturia (PromptuariiIconum Insigniorum (1553). wikimedia commons

Veturia war eine Vestalin und die Mutter des römischen Generals Gnaeus Martius Coriolanus, der nach seiner Verbannung aus Rom zusammen mit dem Volksstamm der Volsker Krieg gegen seine Heimatstadt führte. Der Intervention Veturias ist die Rettung Roms zu verdanken. Die Legende ist im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung angesetzt, William Shakespeare hat eine Tragödie daraus gemacht und Jean de Palacio hat sie zu einer Novelle angeregt, von der Rainer Erd in seinen Pariser Geschichten erzählt.

 

Als Coriolis noch nicht Coriolis hieß, streifte er eines Tages gedankenverloren durch die Pariser Tuilerien. Er hatte seinen Spaziergang am Grand Bassin Rond begonnen. Direkt am Bassin kam er an der Bronzegruppe Caïn venant de tuer son frère Abel (Kain nach der Tötung seines Bruders Abel) vorbei, warf einen Blick auf Le Centaure Nessus enlevant Déjanire (Der Zentaure Nessus entführt Deianira) und ging auf seinem Weg zum Musée Jeu de Paume an historischen Marmorstatuen vorbei, die antike Gottheiten, Nymphen und Helden darstellten.

Als er sich dem nordwestlichen Ausgang des Gartens in der Nähe der Rue de Rivoli näherte, dort, wo das Jeu de Paume steht, folgte er nicht dem Weg zu den beiden Meisterwerken Atalante und Hippomème, bei denen Touristen üblicherweise verweilen. Er betrat vielmehr, von der Schönheit der Gärten verzaubert, einen kleinen Weg, der ihn zu einer kaum beachteten Statue brachte. Sie verkörperte eine Person, die die rätselhafte Inschrift Véturie ou Le Silence ou Vestale trug. Da Coriolis, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht Coriolis hieß, ein kulturhistorisch gebildeter Mann war, erschloss sich ihm die Inschrift der Statue: die Identität der Dargestellten war historisch nicht eindeutig dokumentiert, sie wurde im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich interpretiert. Als historische Figur Veturia, als Allegorie der Stille oder als römische Priesterin (Vestalin). Vielleicht war es diese Mehrdeutigkeit der Inschrift, die den Flaneur für einen längeren Moment bei der Statue verweilen ließ. Er betrachtete ihren massigen Körper, zu dem das schmale, jugendliche Gesicht nicht zu passen schien. Als er endlich seinen Blick von ihr wandte, sich auf den Weg zum Ausgang der Tuilerien machte, aber noch einmal einen Blick auf sie warf, geschah etwas, das sein Leben verändern sollte: Die Statue drehte ihm den Kopf zu und schaute ihm nach.

Dieser Blick irritierte und bezauberte Coriolis, der auf dem Weg war, Coriolis zu heißen, mehr als alles andere der letzten Jahre. Dass eine Marmor-Statue ihre ahrhundertalte Unbeweglichkeit für ihn aufgeben und ihm nachgeschaut hatte, ieser Gedanke ließ ihn in den nächsten Wochen nicht mehr los. Er versuchte die Lebensgeschichte von Venturia zu ergründen, musste aber feststellen, dass sie im Schatten der Erinnerung an ihren Sohn Coriolanus geblieben war. Der war Personen, die sich in römischer Geschichte auskannten, vertraut. Ein widersprüchlicher Mensch der frührömischen Zeit des 5. Jahrhunderts v. Christus, der als übermenschlicher Held und hybrider Zyniker in Literatur (Shakespeare, Brecht) und Musik (Beethoven, Coriolan-Ouvertüre) eingegangen war.

Am darauffolgenden Freitag begab sich der, der bald Coriolis heißen sollte, erneut in die Tuilerien, setzte sich zu der Statue und betrachtete lange ihren „voll erblühten, fast massigen Körper, zu dem ein schmales, jugendliches, bis hin zu schmerzlichem Erstaunen nachdenkliches Gesicht in Gegensatz stand“ (10) Dabei las er im Leben des Coriolanus, ihres Sohnes. Der Freitag wurde für ihn zum regelmäßigen Besuchstag. Die ganze Woche freute er sich darauf, an diesem Tag in ihrer Nähe zu sein und zu lesen. Nach einigen Freitagen schien ihm seine schlichte Anwesenheit nicht genügend Würdigung für die neue Geliebte zu sein. Er begann, ihr Geschichten vorzulesen, um die Einsamkeit auf dem Sockel zu mildern. Dann kam ihm der Gedanke, auch Musik könne das wenig ereignisreiche Leben der über 300 Jahre alten Statue aufheitern. Besucher der Tuilerien schauten erstaunt nach Veturia, zu deren Füßen unerwartet Musiker klassische Musik aufführten.

Nun war der Bewunderer und selbst ernannte Liebhaber von Veturia keineswegs ein Mann, der die Marmor-Statue regelmäßig aufsuchte, weil er sich einsam fühlte. Er hatte seit zwei Jahren eine Freundin mit Namen Manon, die eine gewisse Zeit brauchte, bis sie erkannte, dass ihr Freund zunehmend abweisender geworden war und freitags unabkömmlich zu sein schien. Deshalb folgte sie ihm eines Tages heimlich auf seinem Freitag-Spaziergang und dem anschließenden Besuch bei Veturia. Doch als sie sah, dass er am Fuße der Statue saß und in einem Buch las, war sie beruhigt. Vor einer Marmor-Person musste sie keine Angst haben. Doch je mehr sich ihr Freund in die Lebensgeschichte der Statue und die ihres Sohnes vertiefte, umso mehr wuchs in ihm der Wunsch nach Nähe zu Veturia. Deshalb verkündete er eines Tages seinen Freunden, dass er den Namen Coriolis angenommen hatte. Er wollte „seiner“ Veturia zeigen, dass er mit ihr fühlte und an ihrem Leben teilnahm.

Coriolis hatte eine neue Geliebte, aus Marmor, ihm nie widersprechend, ihn mit dem immer selben Blick ansehend und – da die ganze Geschichte seiner Fantasie entsprang – ihn nie enttäuschend. Zu Manon und seinen Freunden stellte er jeden Kontakt ein, sie hätten ihm auch nicht die Zeit gelassen, die er für das benötigte, was er sich vorgenommen hatte: Das Leben der Veturia in einem Roman niederzuschreiben. Das gab ihm die Möglichkeit, Veturia nahe zu sein und den Verlauf seiner Geschichte zu beeinflussen. Wie hätte sie auch von ihrem Sockelaus in seine neue schriftstellerische Leidenschaft eingreifen können? Das Schreiben erleichterte ihm eine Kopie von Veturia, die fortan auf seinem Schreibtisch stand und half, die Zeit bis zum Freitag, an dem es sich wieder mit ihr in den Tuilerien traf, zu überbrücken.

Coriolis hatte ein neues Leben begonnen, da waren Kontakte zur realen Welt nur störend. Bis eines Tages Manon eine List ersann, Coriolis und Veturia mit der Wirklichkeit in Kontakt zu bringen. An diesem Tag, genauer an diesem Abend geschah etwas, das weder Coriolis noch Manon hatten vorhersehen können. Das Ereignis veränderte das Leben der Ménage à trois von Coriolis, Vetura und Manon. Was in dieser Nacht geschah, war für die Beteiligten so bewegend, dass – wären sie ihrer Sinne mächtig gewesen – sie mit Sicherheit gewünscht hätten, der Spaziergang in den Tuilerien vom Grand Bassin Rond zum Jeu de Paume hätte nie an Veturia vorbeigeführt.

Jean de Palacio (1931 – 2024), Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Pariser Sorbonne, hat die Geschichte um Veturia, Coriolis und Manon 2017 im französischen Verlag Edilivre veröffentlicht. Als Spezialist für Literatur der Décadence hat er sich nach seiner Lehrtätigkeit dem Schreiben von Romanen gewidmet. Seine übergreifenden Themen Vergänglichkeit und Einsamkeit haben auch in Veturia, dem Kammerspiel in 36 kurzen Szenen, Platz gefunden. Der überaus gebildete Jean de Palacio erzählt die Geschichte der tragischen Liebe zwischen einem Mensch und einer Statue vor dem Hintergrund seines umfangreichen Wissens über die römische Geschichte, insbesondere ihrer Kultur. Wer E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ gerne gelesen hat, wird seine Freude an de Palacios Bändchen haben, das der kleine Heidelberger Flur Verlag soeben dankbarerweise veröffentlicht hat.

 

Über Veturia spricht Jean de Palacio in diesem zehnminütigen Video

https://www.dailymotion.com/video/x5fdqhk

Jean de Palacio
Veturia
Aus dem Französischen, kommentiert und mit einem Nachwort von Dieter Meier, mit einer Vorbemerkung von Irène de Palacio
144 S., geb.
ISBN: 978-3-98965-105-0
Flur Verlag, Heidelberg 2026 
 
 
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Erstellungsdatum: 24.09.2026