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Rainer Erd über die Brandkatastrophe am „Markt der roten Kinder“ in Paris

Die Bibliothek von Alexandria ist abgebrannt, Rom hat gebrannt, jüdische Ghettos wurden abgebrannt, Moskau wurde in Brand gesetzt, Wohnhäuser, Opern und Krankenhäuser in der Ukraine wurden mit Feuer zerstört, Kathedralen und neuerdings auch Rathäuser brannten, – das Feuer vernichtet unwiederbringlich alles von gesellschaftlicher und ideeller Relevanz, selbst wenn es rekonstruiert werden kann. Nun wurde im Pariser Viertel Marais der „Markt der roten Kinder“ Opfer der Flammen. Rainer Erd skizziert die Geschichte der Einkaufshalle und fügt sie seinen Pariser Geschichten bei.
Wer nur den traditionellen Touristenpfaden im Pariser Viertel Marais folgte, kannte ihn nicht. Die Rue de Francs Bourgeoise, in der sich Boutique an Boutique reiht, verweist nicht auf ihn. Auch in der Rue des Rosiers, der Straße im Marais, die für hungrige Personen ein „must“ ist, wird nicht auf ihn hingewiesen. Dabei war er eine Institution im Pariser Osten, die täglich von Einwohnern des Viertels im 3. Arrondissement besucht wurde. Hier genossen Angestellten zur Mittagszeit ein „déjeuner“ und die noch im gentrifizierten Viertel verbliebenen Bewohner kauften dort Lebensmittel, auch wenn sie von Jahr zu Jahr teurer wurden.
In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 2026 ist der Marché des Enfants Rouges einem Feuersturm zum Opfer gefallen. Alle Pariser Zeitungen haben über die Katastrophe berichtet, die Bewohner des Viertels sind entsetzt. Denn der Marché des Enfants Rouges war mehr als eine Institution. Er war der Ort der Erinnerung an ein Paris, das es schon lange nicht mehr gibt. Der „Markt der roten Kinder“ wurde vor über vierhundert Jahren 1615 als Marché du Marais gegründet und unterschied sich zunächst wenig von klassischen Märkten, auf denen sich die einheimische Bevölkerung mit Lebensmittel versorgte. Seinen Namen Marché des Enfants Rouge, der ihn zu etwas besonderem werden ließ, erhielt er erst über anderthalb Jahrhunderte später, als das nahegelegene Hôpital des Enfants Rouges 1772 geschlossen wurde. Das Hôpital war ein königliches Waisenhaus, dessen Kinder in roter Kleidung durch das Viertel liefen. Einmal weil die Farbe „rot“ als Symbol für christliche Nächstenliebe stand. Zum anderen, weil die Kinder auf diese Weise einfach zu identifizieren und zu finden waren.
Als der Markt ab 1772 unter dem Namen Marché des Enfants Rouges sein Tor öffnete, hatte das Marais mehrere Veränderungen durchlaufen. Das ehemalige Sumpfgebiet (marais) wurde im Mittelalter trockengelegt und mit Gärten und Gemüsefeldern bebaut, weil das Paris der Île de la Cité aus den Nähten platzte. Später kamen Klöster, Wohnhäuser und Straßen dazu. Im 14. Jahrhundert ließ König Karl V. hier seine Residenz Hôtel Saint-Pol errichten, weil sich das Gebiet in angemessenem Abstand zur beengten Stadt Paris befand.
Im 16. und 17. Jahrhundert entdeckte der französische Hochadel das Marais als bevorzugtes Wohnviertel, wovon noch heute die prächtigen Stadtpaläste (hôtel particuliers) um den Place des Vosges Zeugnis ablegen. Das Picasso Museum und das Pariser Stadtmuseum (Musée Carnavalet) sind aus ehemaligen Stadtpalästen hervorgegangen. Als sich das höfische Leben unter Ludwig XIV nach Versailles verlagerte, begann der Niedergang des Marais als Adelsviertel und sein langsamer Aufstieg als Wohnort für Bürger, Händler und Handwerker. Mit der jüdischen Einwanderung nach Paris im 19. Jahrhundert, besonders in die Rue des Rosiers, wandelte sich das Marais in ein Viertel der kleinen Leute. Der Marché des Enfants Rouges war der Ort, der das Viertel mit Lebensmitteln versorgte.
Im 20. Jahrhundert, Paris hatte sich nach den Reformen von Baron Haussmann zu der europäischen Kultur-Metropole entwickelt, begann das Marais zu verfallen, bis seit den Achtzigerjahren das Viertel von Galeristen, Modehäusern, Restaurants und der Pariser LGBTQ-Szene als trendy-place entdeckt und entwickelt wurde. Wie weltweit bei Gentrifizierungen verschwanden auch im Marais nach und nach die bisherigen Handwerkerbetriebe und eine neue wohlhabendere Bevölkerung zog in das Viertel. Nur der Marché des Enfants Rouges blieb und wurde zum Nostalgieort für die nun kaufkräftigeren neuen Bewohner.
Diese neue Bevölkerungsgruppe war es auch, die eine Bürgerbewegung zur Erhaltung des Marché ins Leben rief, als 1994 die konservative Stadtverwaltung des 3. Arrondissement das Grundstück für eine Neubebauung nutzen und den Markt abreißen lassen wollte. In kurzer Zeit kam eine Petition zustande, die den Erhalt des Marché forderte, prominent unterstützt von dem renommierten Pariser Filmregisseur Bertrand Tavernier (1941 – 2021), der im Marais wohnte.
Ein Jahr später konnte das Collectif de défense des Enfants-Rouges einen Erfolg verkünden: der Marché des Enfants Rouges blieb erhalten. Seitdem konnte man in der Rue de Bretagne 39 im nördlichen Marais, abseits der Touristenströme, ein Stück altes Paris besichtigen und die dort angebotenen Köstlichkeiten genießen. Das ist jetzt vorbei. Hoffentlich nicht für immer.
Marché des Enfants Rouges heute
https://www.instagram.com/reel/Debb7K-jFJL/?xtok=cHlzcmc5cGNwYXM5
Marché des Enfants Rouges früher
https://www.instagram.com/reel/DeaCZ0-th0v/?cplk=c2piYWo1dDJsc3Bz
Erstellungsdatum: 22.10.2026