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Macht, Mord, leidende Frauen: Das ist quasi der Normalfall in der Oper und oft moralisch hinterfragbar. Nicht nur hinsichtlich der Bühnen-Handlung an sich, sondern auch ihre historischen und/oder gesellschaftlichen Zusammenhänge betreffend. Das zwingt nicht selten zu einem erheblichen Toleranz-Spagat. Nach Meinung von Andrea Richter ganz besonders im Fall von Wolfgang Fortners „Bluthochzeit“, die im Frankfurter Opernhaus ihre künstlerisch beeindruckende Erstaufführungs-Premiere erlebte, aber trotzdem ein großes Fragezeichen hinterließ.
Zum „Fragezeichen“ später. Erst einmal ein genereller Blick auf dieses sehr besondere Stück Musik-Theater, in dem Musik mit gesprochener Sprache und diese mit der Musik untrennbar verflochten sind. Das heißt, Künstler:innen singen in einem Moment ganz klassisch, um abrupt oder über Sprechgesang zum Sprechen zu gelangen und umgekehrt vom Sprechen ins Singen. Eine enorme Herausforderung für klassisch ausgebildete Stimmen. Manche Passagen der Kollegen aus dem Schauspielfach werden hingegen auf bestimmten Tonhöhen gesprochen und/oder sind rhythmisch beziehungsweise in Duett- und Terzett-Formen so angelegt, dass das gesprochene Wort den Regeln der Musik folgt, wobei es mal in Lyrik- und mal in Prosaform daherkommt.
Als Wolfgang Fortner Federico García Lorcas lyrische Tragödie „Bluthochzeit“ (1933 in Madrid uraufgeführt und ins Deutsche übersetzt von Enrique Beck) erstmals erlebte, war er von diesem Schauspiel und seinem Schöpfer fasziniert: Gebundene und ungebundene Sprache standen nebeneinander und schrie für ihn förmlich nach Vertonung. Er startete mit den Zwischenspielen, die 1950 erstmals konzertant aufgeführt wurden. Jedes verweist auf das, was im nächsten Bild (insgesamt sieben) kommen wird. Den Text übernahm er (Beck-) wortgenau und dosierte die Musik so, dass sie anteilsmäßig dem gesprochenen Text gleichgestellt ist. Heraus kam ein unter die Haut gehendes, hoch emotionales Stück in Zwölfton-Musik-Technik (undogmatisch, wenig formal!) mit Einsprengseln spanischer Folklore (inklusive Kastagnetten, Gitarre, Mandoline etc.) und Bolero-Rhythmus. Dieser wird so variiert, dass er mal als Tanz und mal als Hufgeklapper daherkommt. Insgesamt sind neun (!) Schlagzeuger im Einsatz. Bis auf Leonardo hat niemand einen Namen, sondern die Handelnden tragen nur Rollenbezeichnungen wie die Mutter, die Braut, der Bräutigam, der Mond, das Kind etc. Ein drastisches, mystisches und düsteres Werk, dessen Sog man sich nicht entziehen kann.

Zum heftigen Orchestervorspiel stehen zwei graue, reglose Männer vor einer grauen Felswand. Sie hebt sich: ein schwarzer Raum, die beiden grauen Männer in einer Ecke: Die Mutter (Claudia Mahnke, Mezzosopran) mit ihrem Sohn (Christian Clauß, Sprechrolle) an einem langen Tisch. Es beginnt mit einer harmlosen Unterhaltung. Der Sohn möchte das Messer, um Trauben im Weinberg zu schneiden. „Ein Messer“, die ersten gesungenen Worte der Mutter. Aus heiterem Himmel entsetzt sie sich, denn mit Messern wurden ihr Mann und ihr anderer Sohn vor Jahren umgebracht. Sie ist nach wie vor davon traumatisiert (die beiden grauen Männer). Der Sohn versucht sie mit einem anderen Thema abzulenken: das Mädchen, das er heiraten möchte. Von der Nachbarin erfährt die Mutter, dass die Auserwählte schon einmal verlobt war und zwar mit Leonardo, weitläufiges Mitglied des Clans, der einst die Morde beging. Er ist inzwischen mit einer Anderen verheiratet und hat ein Kind. Grässliche Vorahnung plagt die Mutter, dass mit der Hochzeit die Familienfehde wieder aufflammen und ihr den verbliebenen Sohn nehmen könnte.
In einem anderen Haus singen Leonardos Frau (Zanda Švēde, Mezzosopran) und seine Schwiegermutter (Annette Schönmüller, Mezzosopran) im Duett ein grusiges Schlaflied für das Kind, in dem auch ihre Vorahnungen auf eine schreckliche Zukunft zum Ausdruck kommen: „Träume Kindchen, träume … Schlafe Kindchen schlafe …“ Darin geht es unter anderen um einen Falben. Ein helles Pferd (Falbe) streicht derweil außerhalb des Hauses herum. Als Leonardo (Mikołaj Trąbka, Bariton) kommt, wird sofort klar, dass er seine Frau weder liebt noch schätzt und bald reitet er auch wieder davon. Das Klappern der Hufe begleitet alle seine Auftritte!

Im nächsten Bild und im dritten Haus werden sich der Bräutigam, seine Mutter und der Brautvater (Dietrich Volle, Sprechrolle) über die Modalitäten der Hochzeit einig (alles gesprochen). Die Braut (Magdalena Hinterdobler, Sopran) kommt in Begleitung heller Bläser dazu, aber im Untergrund sind dunkle Streicher zu hören. Dazu aufgefordert behauptet sie, glücklich und bereit für die Ehe zu sein. Den Geschenken des Bräutigams schenkt sie allerdings keine Beachtung. Sie denkt vielmehr an ihren Ex-Verlobten Leonardo.
Am Morgen vor der Hochzeit hilft die fröhlich-aufgeregte Magd (Karolina Makuła, Mezzosopran) beim Herrichten der Braut. Leonardo erscheint noch vor den anderen Gästen. Er gesteht der Braut seine unveränderten Gefühle. Sie will das nicht hören und hofft, dass er nach der Hochzeit aus ihren Gedanken verschwinden wird. Die Gäste treffen nach und nach ein, auch Leonardo und seine Frau. Unter Gesang und Tanz begibt man sich zur Kirche. Alle in Schwarz, nur die Braut mit einem weißen Schleier.
Die Ehe wurde geschlossen. Langsam trudeln alle Gäste zur Feier ein. Leonardos Frau sucht ihren Mann. Zu hören ist das Klappern von Hufen. Die Braut fühlt sich angeblich nicht gut, verlässt die Gesellschaft, um Luft zu schnappen. Leonardos Frau hat beobachtet, wie sie mit ihm auf dem Pferd davonritt. Alle brechen martialisch aufgerüstet zur Suche auf. Die Mutter: „Wieder ist sie da, die Stunde des Blutes“.
Der Höhepunkt der Oper: Die Liebenden sind in den Wald geflüchtet. Romantische Geigen. Holzfäller kommentieren das Geschehen und bangen um das Schicksal der Flüchtigen. Großartig ihre gesprochenen Terzette: „Ach, leuchtender Mond…“ und „Ach, wandernder Tod …“. Der Mond (AJ Glueckert, Tenor), hier ein Wesen zwischen Mann und Frau, taucht, angestachelt vom Tod (Daniela Ziegler, Sprechrolle) den Wald in grelles Licht, um niemand entkommen zu lassen. So können die Verfolger mit dem Bräutigam an der Spitze die Flüchtigen finden, wo die Liebenden begleitet von romantischen Geigen ein letztes wunderbar lyrisches Liebesduett singen, bis die Verfolger sie einholen. Schreie!

Im Dorf erwartet man am Morgen in Unkenntnis der Geschehnisse die Rückkehr der Hochzeitsgäste und die Mädchen gehen den immer gleichen täglichen Beschäftigungen nach. Bis der Tod in Gestalt einer Bettlerin ihnen vom Tod der beiden Männer berichtet. Als die Braut kommt, wird die noch unwissende Mutter erst grenzenlos wütend über den vermuteten Ehebruch, muss dann aber erkennen, dass sie falsch liegt. In der Kirche beginnen die Frauen eine filigran auskomponierte Totenklage: „Gebenedeit sei…“. Bis schließlich die Mutter im Angesicht der Toten zur letzten Arie anhebt: „Mit einem Messer erstachen sich die Männer aus Liebe…“ Und da sind sie wieder, die beiden grauen Gestalten vom Anfang: Das Trauma der Frauen angesichts der Gewalt von Männern, bei denen diese selbst zu Tode kommen. Alle haben verloren.
Der spanische Regisseur Àlex Ollé belässt das Stück werktreu in der Zeit, in der und für die Lorca es geschrieben hat. Fantastisch ist die Bühnenausstattung mit den unterschiedlich großen „Häusern“ aus Metallgittern, die je nach Lichtsituation mal transparent und mal undurchdringbar erscheinen und ineinander gestapelt sogar einen Wald ergeben.
Dirigent Duncan Ward hat die von vielen Zuschauern gefürchtete Zwölfton-Musik an manchen Stellen für meinen Geschmack etwas zu hörgewohnt „klassisch“ gestaltet. Doch Musik ist immer auch Geschmackssache. Denn meine Nachbarin, die vor Beginn ihre Vorbehalte gegen „moderne“ Musik geäußert hatte und nur wegen ihres Premieren-Abonnement gekommen war, applaudierte am Schluss heftig und meinte: „Das war ja viel besser, als ich dachte, richtig schön, wenn auch grausam.“ Über das Solist:innen-Ensemble (die meisten Mitglieder des Opernhauses) lässt sich nur sagen, dass sie und der Chor großartig waren, so wie allermeistens in diesem Haus. Die dazu engagierten sprechenden und singenden Gäste standen ihnen nicht nach. Wirklich lohnenswert.

Und nun zum Fragezeichen. Es ist hinter die Person des Komponisten Wolfgang Fortner zu setzen, nicht hinter seine großartige Komposition! Der 1907 in Leipzig Geborene, studierte ab 1927 am Konservatorium seiner Heimatstadt Musik und Komposition, schrieb seine Examensarbeit über die Kammermusik Paul Hindemiths und komponierte selbst auch nach den Regeln der „Neuen Musik“, was dem Zeitgeist der Weimarer Republik entsprach. Er galt als sehr gut und wurde öffentlich aufgeführt. Den aufkommenden Nazis passten seine Kompositionen allerdings nicht und er handelte sich die Bezeichnung als „Kulturbolschewist“ ein. Ein unguter Vorwurf vor allem für ihn, dem nach der Machtübernahme Hitlers 1933 als Schwulem Verfolgung und Berufsverbot drohten. 1935/1936 gründete er das Heidelberger Kammerorchester und – man kann es wohl als Überkompensierung deuten – unternahm mit dem Orchester ausgedehnte Konzertreisen zur Wehrmachtsbetreuung. Zusätzlich übernahm er die Leitung des Bannorchesters der Hitler-Jugend Heidelberg, ein (Streich-) Orchester, gebildet aus jugendlichen Laien, wo er den jungen Wolfgang Held kennen- und lieben lernte. Er komponierte dem Regime genehme Weisen und trat 1941 schließlich in die NSDAP ein.
Nach dem Krieg wurde er von den Entnazifizierungsbehörden lediglich als Mitläufer eingestuft und wurde von keinem Berufsverbot getroffen. Ein Umstand, der laut den Ausführungen von Michael Custodis und Friedrich Geiger in dem Beitrag „Musik und Entnazifizierung“ in Münsteraner Schriften zur zeitgenössischen Musik, Band 1 darauf beruhen dürfte, dass: „zwischen den Vertretern der Besatzungsmächte und den Besetzten ein mehr oder minder stillschweigendes Einverständnis über die Größe der „deutschen“ Musik herrschte. Einer Re-Education im Bereich der Musik fehlte somit die Basis. … Es besteht die Neigung, insbesondere prominenten Komponisten und Interpreten einen Geniebonus zuzubilligen, der sie bis zu einem gewissen Grad der Kritik enthebt. Von dieser Aura des musikalischen Genies profitieren auch andere Sparten des Musikbetriebs. … ein Dualismus zweier Systeme, der eine lange und überaus wirkungsmächtige Tradition aufweist, nämlich die Parallelexistenz eines Systems Musik und eines Systems Politik. … (es) etablierte sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts speziell im deutschen Sprachraum ein „Zwei-Welten-Modell“, bei dem eine metaphysische, religiös überhöhte Sphäre der Musik von der Sphäre der realen Welt streng geschieden wurde … Aus der Differenz und Autonomie der beiden Systeme gewann so das stereotype Entlastungsargument, man habe doch „nur Musik gemacht“, seine Durchschlagskraft.“ (Auch Richard Strauss profitierte davon, allerdings nicht lange, denn er starb bereits 1949).

In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg wurde Fortners Tun während der Hitler-Zeit nicht hinterfragt. Das galt allerdings auch für fast alle anderen Berufsgruppen! So konnte er sich als Hochschullehrer für moderne Musik-Komposition profilieren. Zu seinen Schülern gehörten berühmte Komponisten wie Hans Werner Henze, Rolf Riehm, Wolfgang Rihm oder Bernd Alois Zimmermann. 1948 zählte er zum Kreis der Gründer der Kranichsteiner (später Darmstädter) Ferienkurse für Neue Musik. Unzählige wichtige Posten und Auszeichnungen, dazu der meist aufgeführte Komponist seiner Zeit. Hinzukam, dass er ausgerechnet die Texte des „linken“ intellektuellen und ebenfalls schwulen García Lorca, der 1936 von den Schergen Francos erschossen wurde, vertonte und damit den Nazis eine noch drastischere Absage zu erteilen schien. Feigenblatt-Politik? So weit, so gut. So waren halt die Zeiten. Richard Strauss habe ich auch verziehen, zumal er unter allen Umständen seine Familie schützen musste, denn seine geliebte Schwiegertochter Alice war Jüdin und seine beiden Enkel sogenannte „Halbjuden“. Alice komplette Familie wurde in Theresienstadt ermordet! In Ordnung geht auch, dass Fortner in den 1950er Jahren seinen wesentlich jüngeren Lebensgefährten Wolfgang Held, den bereits erwähnten Jungen aus dem H-J Bannorchester adoptierte, weil bis 1969 Homosexualität unter Strafe stand und es keine andere Möglichkeit gab, zusammenzuleben.
Dank der Fürsprache des allseits anerkannten Fortners wurde Held, der keinerlei berufsbefähigende Ausbildung erhalten hatte, Musiklehrer an der reformpädagogischen Odenwaldschule in der Nähe von Heidelberg, die wegen der dort begangenen Missbräuche viel später berühmt und berüchtigt wurde. Einer der Haupttäter: Wolfgang Held. Friedrich Spangemacher, der frühere Musikchef von SR 2 KulturRadio, schrieb dazu im OPUS Kulturmagazin Nr. 91 (Mai / Juni 2022): „Held sorgte auch dafür, dass seine Schüler Fortner zugeführt wurden. Alan Posener in der „Welt“: „Die schönsten unter seinen Schützlingen brachte der Ästhet zu Treffen mit Gleichgesinnten in die Heidelberger Villa seines Gönners, des Komponisten Wolfgang Fortner. ‚Auch die Gäste hatten dann ihre Freude an uns‘, sagt ein ehemaliger Schüler.“ Fortner ging aber auch selbst auf Jagd. Peter Michael Hamel in einem Brief an den Autor: „Der Sohn unseres Griechischlehrers Steinbrenner … war dabei, als ich dann Fortner mit Knollnase kennenlernte. Die ganze Zeit hat er mich angesehen, ich dachte er wäre davon beeindruckt, dass ich als 14-Jähriger schon komponierte … Dann lud er mich zum Unterricht in die Odenwaldschule ein. Später sagte der junge Steinbrenner: Da gehst du nicht hin, der ist wie euer Präfekt.“ Es war also schon früh klar, dass es diese Seilschaft von Vater und Adoptivsohn in Sachen Missbrauch gegeben hat. Der Missbrauch ist in den offiziellen Biografien Fortners nie aufgetaucht…“
Kann man ihm das auch verzeihen? Soll man seine Werke aufführen? Greift die (moralische) Verjährung schon? Ich persönlich hätte mich gegen eine Aufführung entschieden, obwohl ich die Komposition wirklich gelungen finde.

Magdalena Hinterdobler und Ensemble Foto: Xiomara Bender
Bluthochzeit
Lyrische Tragödie in zwei Akten
Musik: Wolfgang Fortner (1907–1987)
Text: Federico García Lorca in der deutschen Übersetzung von Enrique Beck
Uraufführung 1957, Städtische Oper, Köln
Musikalische Leitung:
Duncan Ward
Inszenierung:
Àlex Ollé
Bühnenbild:
Alfons Flores
Kostüme:
Lluc Castells
Licht:
Olaf Winter
Chor:
Álvaro Corral Matute
Dramaturgie:
Zsolt Horpácsy
Besetzung:
Mutter:
Claudia Mahnke
Braut:
Magdalena Hinterdobler
Bräutigam:
Christian Clauß
Tod / Bettlerin:
Daniela Ziegler
Leonardo:
Mikołaj Trąbka
Leonardos Frau:
Zanda Švēde
Schwiegermutter:
Annette Schönmüller
Magd:
Karolina Makuła
Nachbarin:
Barbara Zechmeister
Kleines Mädchen:
Karolina Bengtsson
Vater der Braut:
Dietrich Volle
Mond:
AJ Glueckert
Kind:
Alina Avagyan
Drei Mädchen:
Julia Bell / Rachel Speirs / Svea Verfürth
Zwei Mädchen:
Zuzana Petrasová / Thalia Azrak
Zwei Burschen:
Jihun Hong / Hubert Schmid
Drei Gäste / Drei Holzfäller:
Jonas Müller / Dongsu Lee / Aleksander Myrling
Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Weitere Vorstellungen: 15., 24., 31. Mai, 6. und 15. Juni 2026
Erstellungsdatum: 14.05.2026