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Felix Philipp Ingold über Paul Valéry in seinen Briefen

„ … als wäre er ein Anderer … ”

Felix Philipp Ingold


Paul Valéry, 1920 Foto: Pierre Choumoff. Wikimedia Commons

Paul Valéry gilt nicht nur für uns Deutsche als hermetisch in seinen Gedichten und mit seiner Überbetonung des Rationalen als sperrig in seinen Essays und Erzählungen. Um den Zugang zu dem französischen Denken zu ebnen, wird daher die Lektüre seiner Briefe empfohlen. 1954 erschienen die (inzwischen nur noch antiquarisch erhältlichen) Briefe Paul Valérys im Insel-Verlag (Zweigstelle Wiesbaden), ins Deutsche übertragen von Wolfgang A. Peters, bei denen nicht sicher ist, ob es sich dabei um die vollständige Ausgabe der „Lettres à quelques-uns“ handelt. Felix Philipp Ingold ist nun auf die französische Erstveröffentlichung gestoßen.

 

In der Wühlkiste eines Buchantiquariats bin ich vor kurzem auf die Erstausgabe einer seltenen Briefedition von Paul Valéry gestoßen (Lettres à quelques-uns, 1952). Noch im Stehen blätterte ich den vom Wetter übel zerfledderten und entsprechend preisgünstigen Band an, für anderthalb Euro war er zu haben, 251 Seiten Privatkorrespondenz aus den Jahren 1889 bis 1943 mit einer Vielzahl unterschiedlicher Zeitgenossen – von Alain und d’Annunzio bis hin zu Vielé-Griffin, zu einer namenlosen Nonne und zu einem anonymen Monsieur X … – Insgesamt bloß eine minimale Auslese aus Tausenden von Briefen, die Valéry abgefasst und abgeschickt hat, hier noch nicht eingeschlossen die umfänglichen, erst später veröffentlichten Schriftwechsel mit  dem Kollegen André Gide und Catherine Pozzi, seiner langjährigen Geliebten und beharrlichen Widersacherin.

Die Auswahlkriterien für die vorliegende Edition werden nicht offengelegt, Quellenangaben und Kommentare fehlen, die vom Autor empfangenen Briefe (Anfragen, Antworten) bleiben ausgespart. Nicht eine Korrespondenz liegt also vor, vielmehr eine lockere und entsprechend lückenhafte Abfolge von Briefschaften, die sich monologisch – im übrigen auch chronologisch – aneinanderreihen. Die Aufreihung erbringt einen staunenswerten Textkomplex, der unterschiedlichste Themen, Interessen, Projekte zu einem provisorischen, vom Autor nicht eigens geplanten „Werk” verknüpft.

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Paul Valéry hat eine Vielzahl unterschiedlichster Werke, jedoch kein Hauptwerk vorgelegt, das für sein Schaffen als zentral und exemplarisch gelten könnte. Die meisten seiner Publikationen hat er nach eigenem Bekunden als Gelegenheits- oder Auftragsarbeiten in möglichst knapper Form verfasst. Jeder Anlass zum Schreiben war ihm willkommen, jede thematische, zeitliche oder umfangmäßige Vorgabe – also lauter Einschränkungen seiner auktorialen Freiheit – empfand er als eine Chance, immer wieder die Reichweite seines Wissens und seiner Einbildungskraft zu testen, mit andern Worten: die eigenen Grenzen aufzusuchen.

Auf irgendwelche «schöpferischen» Impulse, vollends auf Inspiration war Valéry niemals angewiesen, im Gegenteil, er wollte ausdrücklich kein Originalgenie sein, vielmehr ein handwerklich versierter Schreiber („ego scriptor”), der sich aus dem Stand auf immer wieder neue Herausforderungen einlässt, um solcherart zu einem möglichst vielseitigen Meister zu werden. Sein weithin bestauntes Generalistentum hat er – ohne besondere Anstrengung – bewiesen mit brillanten Texten (Essays, Dialogen, Vorträgen) zur Architektur, Biologie, Physik, Mathematik, Medizin, Psychologie, Philosophie und, vorrangig, zur Literatur. Dass er diese Schriften unter so schlichten Titeln wie «Vermischtes» (Mélange) oder «Verschiedenes» (Variété) hat erscheinen lassen, bestätigt seinen multidisziplinären Ansatz.

Die gedankliche Vielfalt dieses unabsichtlich veranlagten „Werks” steht in auffallendem Kontrast zu dessen durchgehender stilistischer Gleichförmigkeit – tatsächlich bleibt Valérys Ausdrucksweise in seinen publizierten Schriften wie in den Briefen über Jahrzehnte hin weitgehend unverändert, will heißen: unverändert formbewusst und gedanklich unverändert diszipliniert. Nur ganz selten (vorab in den Jugendjahren) kommt es bei diesem insgesamt überaus coolen Autor zu emotionalem Überschwang, doch auch in solchen Momenten lässt er sich von korrektem Sprachgebrauch nicht abbringen. Als privater Korrespondent hat er sich diesen wohl eigens auferlegt, um die Briefe zumindest auszugsweise als Versatzstücke für spätere, thematisch verwandte Essays nutzen zu können.

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Beim Lesen der Briefe ergibt und bestätigt sich das Bild – genauer: das Selbstbildnis – eines literarischen Generalisten von stupender Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit, das fast schon klischeehafte Porträt eines poeta doctus, der die Übersicht, die Kontrolle, die Verfügungsmacht über sein Tun jederzeit souverän bewahrt. Auf höchstem Niveau beherrscht Paul Valéry die lyrische wie die erzählerische und dramatische Rede, zudem hat er sich mit seinen zahlreichen multithematischen Essays (einschließlich der handschriftlichen Cahiers – „Hefte” – im Gesamtumfang von zirka 30'000 Seiten) als ein Autor von seltener Originalität und Produktivität hervorgetan. Dass er zusätzlich als gefragter Festredner und vielfacher akademischer Würdenträger erfolgreich auf internationalem Parkett zugang war, festigte weithin sein autoritatives, durchaus «herrisches» Image, das er im übrigen selbst vorgezeichnet hatte in Gestalt des «Monsieur Teste», Prototyp des modernen, kalt kalkulierenden Kopfmenschen, den er in diversen Schriften (zuletzt in der Sammelausgabe Monsieur Teste, postum 1946) als «intellektuelles Tier» oder als «Ideenmonster» hochleben ließ: „Kalt sieht und bewertet er das Leben, den Tod, die Gefahr, die Leidenschaft, alles Menschliche am Sein – als wäre er ein anderer, ein Zeuge, der ganz Intelligenz ist …”

„Ich habe keinerlei Bedürfnis. Allein schon das Wort ‘Bedürfnis’ erbringt für mich keinen Sinn. Also werde ich von mir aus etwas machen. Werde mir selbst ein Ziel setzen …” Diese Worte hat Valéry kurz vorm Tod seinem fiktiven Doppelgänger (in Quelques pensées de Monsieur Teste) als ein letztes trotziges Selbstbekenntnis in den Mund gelegt – ein  souveränes Statement intellektuellen Eigensinns.

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Dieser Eigensinn in Verbindung mit gedanklicher und stilistischer Originalität hätte Valéry dazu verhelfen können, sich speziell auch als Aphoristiker zu profilieren. Es ist bemerkenswert, dass er darauf konsequent verzichtet hat. Wahrscheinlichster Grund dafür: Aphoristisches Schreiben ging ihm zu leicht von der Hand, ergab sich gewissermaßen von selbst, war also kein hinreichender oder gar lohnender Anlass für seine literarische Grenzgängerei. Nur ein einziger eigenständiger Aphorismus ist von ihm (in Mélange, 1939/1941) überliefert: «Das Ende des Tages ist Frau.» Was eher poetisch denn aphoristisch anmutet.

Doch kehrt Valéry sein aphoristisches Vermögen an anderer Stelle und auf andere Weise eindrucksvoll heraus, indem er nämlich beliebig viele Merksätze diskret in seine Texte einstreut, sie bei wechselnder Gelegenheit gleichsam mitlaufen lässt – formal ausgefeilte und gedanklich zugespitzte Sprüche, die er teils als subjektive Meinungsäußerungen, teils als apodiktische Behauptungen kundtut. Man könnte – ich würde – derartige kontextgebundene Sätze als uneigentliche Aphorismen bezeichnen; Sätze wie zum Beispiel diese (wiederum aus Quelques pensées, postum 1946): „Sätze, die man auf Mauern ausschreiben kann, bringen die Mauern nicht zum Einsturz.” Oder: „Der Mensch versucht zu wollen, was er nicht gewollt hat.”

            Um auf Paul Valérys private Briefe zurückzukommen: Auch hier behauptet sich punktuell eine spruchartige, der Aphoristik verwandte Diktion, jedoch ohne dass die entsprechenden Sätze sich verselbständigen – sie bleiben an ihren jeweiligen Kontext angeschlossen. Ich zitiere daraus ein paar wenige Formulierungen solch quasi-aphoristischer Art (deutsch von mir): „Das Tiefste, was wir haben, ist die Haut.” – „Was leicht zu machen ist, macht sich ohne uns.” – „Er hat allein an sich selbst gelitten, und das ist auch alles, was ein Sterblicher sich wünschen kann.” – „Man kehrt zurück, indem man sich entfernt.” – „Das Vergessen macht uns einen Gegenstand besonders kostbar.” – „Den eigenen Namen zu hören, das riecht nach Gericht und bringt mit Gewissheit die Kolik.” Usf.

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Der Autor als Autorität – allzu oft hat man Paul Valéry mit seiner epochalen Kunstfigur gleichgesetzt. Dass er jedoch keineswegs bloß ein brillant reflektierender «Kopf» (Teste gleich tête!) gewesen ist, sondern durchaus auch sinnliche Interessen, körperliche Probleme, sogar sentimentale Schwächen hatte, lässt er in seinen Briefen da und dort mit überraschender Deutlichkeit erkennen. Bleiben die Schattenseiten seiner Autorschaft nach außen hin – in seinen Publikationen und bei seinen öffentlichen Auftritten – konsequent ausgeblendet, so werden sie in der Korrespondenz mit Freunden und Kollegen oftmals schonungslos herausgestellt: Der sonst so selbstgewisse Großschriftsteller scheut sich nicht, seine persönlichen Unzulänglichkeiten bis zur Schmerzgrenze der Selbstentäußerung und Selbstverachtung in krasser Klarheit zu offenbaren.

Nicht selten schlägt hier Selbstkritik in Selbstanklage um. Im intimen Briefgespräch gewinnt Valéry die Freiheit, die einschüchternde Uniform des unantastbaren Meisterdichters und Meisterdenkers abzulegen, die man ihm gemeinhin zugedacht und die er selbst in der Öffentlichkeit gern zur Schau getragen hat. Statt dessen bringt er hier ganz unverstellt seine erbärmliche Nackheit, Hilflosigkeit, Bedürftigkeit als eines „Menschen wie du und ich” zur Geltung. Der daraus erwachsende Kontrasteffekt könnte heftiger nicht sein, doch gerade (und überhaupt erst) dieser Kontrast macht Valérys Persönlichkeit wie auch seine Autorschaft gesamtheitlich erkennbar: Weitläufigkeit und Widersprüchlichkeit, hoher Anspruch und peinliches Versagen gehören gleichermaßen dazu. Eben dadurch wird die Selbstdarbietung des Autors glaubwürdig und komplett.

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Wie steht Paul Valéry als konsequenter Rationalist und Befürworter des sogenannten gesunden Menschenverstands zur arationalen Welt der Religion, des Traums, der Phantasie einerseits, zu seiner konkret gegebenen naturhaften Körperlichkeit (Sexualität, Krankheit, Alter) andrerseits? Dazu geben seine Briefe, im Unterschied zu den veröffentlichten Schriften, reichlich Auskunft. 

            Entgegen seiner äußerlichen Rüstigkeit und Eleganz scheint Valéry zeitlebens unter schweren gesundheitlichen Problemen und entsprechenden Einschränkungen wie auch unter psychischen Störungen aller Art gelitten zu haben. In manchen Briefen beklagt er körperliche Schmerzen, andauernde Müdigkeit, unliebsame Vergesslichkeit, Momente der Panik und Depression. Bereits als 19-Jähriger, nach der Entlassung aus dem Militärdienst, schreibt er an seinen Jugendfreund Pierre Louÿs: „Ich bin im weltweit jämmerlichsten Zustand, moralisch wie physisch […]. In der Nacht hat mich ein nervöses Leiden gepackt, und sämtliche Qualen, welche die graue oder weiße Hirnsubstanz verursachen kann, haben mich in die Mangel genommen.” – Und fast dreißig Jahre danach beklagt er, wiederum gegenüber Louÿs, seine ständige „Aufgeregtheit” (énervement) und „allerlei Ängste” (angoisses), durch die er sich behindert und verlangsamt fühle.

Dazu kommt, dass sich Valéry als Person („je”, „moi”, gelegentlich auch „il”, also er) in seiner privaten Korrespondenz beharrlich, bisweilen geradezu selbstquälerisch von seinem öffentlichen Image als untadeliger, ja erhabener Geistesriese klar distanziert, sich im Gegenzug klein macht, indem er vorzugsweise seine Schwächen und gerade nicht seine eklatante Überlegenheit herausstellt. Er bezeichnet sich als einen unbedarften „Provinzler”, der seine Scheu vor dem „Brennpunkt Partis” nicht abzulegen vermag; als einen Autodidakten, der von Philosophie und Wissenschaft keine Ahnung habe; als einen naiven Musikliebhaber, der nicht einmal Noten lesen könne; und überhaupt als jemanden, der sein Denken nie nach Lehrbuch oder Lehrmeinung ausgerichtet habe, sondern erst im Akt des Schreibens auf seine – seine eigenen – Gedanken gekommen sei.

Valérys briefliche Selbstaussagen verblüffen denn auch durch ihre durchwegs negative Prägung; man lese: „Ich, der ich doch stets zufrieden aussehe, bin im Grunde äußerst kläglich und ringe ständig um Luft.” (1890) – „Ich schwitze hier an Ort und Stelle und stoße ein langes Seufzen aus.” (1897) – „Ich arbeite wenig, ich lese nichts … Ich warte auf wer weiß welchen Messias.” (1905) – „Doch eigentlich empfinde ich nichts mehr.” (1906) – „Ich bin ein Extremist, doch von unsteter Natur; ich kann ja nicht einmal auf die Konstanz meiner Depressionen zählen.” (1915) – „ … mein Scheitern ist mir allzu bewusst!” (1917) – „Nichts ist peinlicher, als von sich reden zu hören …” (1927) – „… seit langem ist es mein Schicksal, nicht das zu tun, was ich will, nicht einmal das, was ich kann.” (1928) – „Ich mache ja nur Beobachtungen, die jeder machen kann.” (1935) Usf.

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Ebenso bemerkenswert (und unerwartet) wie Valérys Bescheidenheitsformeln sind seine bekenntnishaften Äußerungen zur Natur, zur Religion, zur Liebe und Geschlechtlichkeit. Eigentlich würde man ja annehmen, dass er als unsentimentaler „Kopfmensch” und erklärter Freigeist kritisch, wenn nicht ablehnend dazu eingestellt sei. Aus seinen Briefen ergibt sich ein ganz anderes Bild.

            Paul Valéry war seit 1900 verheiratet, wurde Familienvater, achtete auf gutbürgerliche Lebensführung; trotz mancher Affären hielt er an seiner freudlosen Ehe fest, an einem „Leben ohne Appetit”. Doch weder die Ehe noch der privilegierte Umgang mit vermögenden adligen Damen konnten ihn darüber hinwegtäuschen, dass er zur Liebe emotional unfähig war. Das gilt selbst für seine langjährige spannungsreiche Beziehung zu Catherine Pozzi, die durch deren Tagebuch wie durch die (im vorliegenden Briefband nicht berücksichtigte) Korrespondenz als der widerspenstigen Partner dokumentiert ist. In einem undatierten Schreiben an sich selbst bekennt Valéry (bereits in den 1890er Jahren): „ … man kann sagen, er hat wenig geliebt, und wenn, dann immer vermittels eines Traums.”

            Dazu explizit (weiterhin über sich in der dritten Person): „Die Frauen sind für ihn anmutige Kleintiere mit der perversen Fähigkeit, die Aufmerksamkeit allzu vieler Geister auf sich zu ziehen. Man versetzt sie auf die Hochaltäre der Kunst, wogegen unsere eleganten Psychologen (!) – leider – zutreffender ihr hündisches Schmollen und ihr katzenhaftes Kratzen vermerken …” Oder andernorts (1915): „Schon in zartem Alter flößte ihm die Frau eine Art Ekel ein. Die Liebe hielt er für etwas Schmutziges.” – Mehr lässt sich an Frauenverachtung kaum aufbieten, doch Valéry behält sie diskret für sich, derweil er in privatem und öffentlichem Kontakt mit dem andern Geschlecht durchwegs den Gentleman markiert.           

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Auch in andern Erfahrungs- und Aktionsbereichen erweisen sich der private und der öffentliche Paul Valéry als unversöhnliche Kontrahenten. Da Valéry im Briefverkehr vielfach seine Geringschätzung für Meinungen, Überzeugungen, Ideologien, Dogmen und andere – angebliche – „Wahrheiten” zu erkennen gibt, kann man ihm seine eigene Widersprüchlichkeit nicht zum Vorwurf machen; sie zu akzeptieren, erfordert freilich einiges an Toleranz.

            Etwa zu akzeptieren, dass ein erklärter Atheist wie Paul Valéry gleichzeitig ein ehrlicher Katholik und Bewunderer der Kirche sein kann; dass ein bewährter Kosmopolit auch nationalistische, sogar patriotische Gefühle offenbart; dass ein intellektueller und künstlerischer Formalist sich auf Träume, Phantasien, Sehnsüchte einlässt und diese auch – hintergründig – in sein Denken und Schaffen einbringt; dass ein Autor, der als radikaler Schrittmacher der europäischen literarischen Moderne gelten kann, sich selbst aber als „Reaktionär” bezeichnet, seine hauptsächlichen Bezugspunkte, ja seine geistige „Heimat” im 18. Jahrhundert findet und für zeitgenössische Neuerungen (Futurismus, Dadaismus, Surrealismus) kein Interesse aufzubringen vermag; dass ein Essayist, der nach eigenem Bekunden lediglich über elementare philosophische und wissenschaftliche Vorkenntnisse verfügt, sich in Dutzenden von Texten als ebenso luzider wie origineller Universaldenker ausweist; und dass schliesslich ein Dichter, der beharrlich die handlungs- und gedankenfreie lyrische Kurzform propagierte, gerade umgekehrt mit narrativ gestreckten und mythologisch verbrämten Langgedichten (wie „La jeune Parque”, 1917; „Le Cimetière marin”, 1920; gesammelt in „Charmes”, 1922) seinen internationalen Ruhm begründet hat.

            Valérys hochproblematische, existentiell wie intellektuell stark ausgeprägte Ambivalenz wirkte sich auch auf seine vielen Freundschaften aus, die er insgesamt stabiler, in Einzelfällen (Louÿs, Gide, Léautaud) auch offener und verbindlicher gestalten konnte als seine Liebesbeziehungen. Die vorliegenden kollegialen Korrespondenzen sind allerdings unabweisbarer Beleg dafür, dass selbst engste Vertraute immer wieder an seiner Aufrichtigkeit zweifelten, daran, dass er sie als gleichwertige Partner anerkannte und  schätzte.

André Gide, Erfolgsschriftsteller und einflussreicher Publizist, war mit Valéry über Jahrzehnte hin freundschaftlich verbunden, musste sich jedoch irgendwann kleinlaut damit zufrieden geben, dass dieser ihn wohl als einen exzellenten Stilisten wahrnahm, ihn jedoch als Gesamtperson verkannte und auch gar nicht kennen wollte. Gide selbst war sich der geistigen Überlegenheit Valérys neidlos bewusst, doch klar war ihm auch, dass er bei diesem einschüchternden Freund kein Verständnis für seine privaten, oft verwirrlichen Befindlichkeiten erwarten konnte. In einem Schreiben an Paul Léautaud bringt Valéry 1905 sein diesbezügliches Dilemma – Widerspruch und Einverständnis zugleich – mit einem paradoxen Gedankensprung auf den Punkt: „Wenn ich jemanden liebe, behandle ich ihn wie mich selbst, das heisst sehr schlecht, sehr pfleglich, sehr intim und dauerhaft. Ich mache mich unerträglich – jedoch das Subjekt weiß nicht, was alles ich sage, und ich denke mit ihm, mit welcher Offenheit! Solche Offenheit ist stets mein liebstes ‘Ideal’ gewesen.”

Mit dieser zwiespältigen „Offenheit” stellt Paul Valéry vorab sich selbst bloss – er unterläuft das klischeehafte Image des untadeligen Poeta doctus, das man ihm zeitlebens (und darüber hinaus) verpasst hat. In seinen privaten Briefen und Notizen offenbart er sich zumindest punktuell als ein Normalbverbraucher wie du und ich, und eben damit bestätigt er das häufig zitierte, gleichermassen befremdliche und selbstverständliche Diktum, wonach das „Ich” des Autors ein Anderer sei.

Paul Valéry
Lettres à quelques-uns
266 pp. 
ISBN-13: 978-2070264452
Gallimard, Paris 1952/1997
 
 
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Erstellungsdatum: 26.09.2026