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Salut! Wim Wenders

Anachronistisches, Peripheres und Wesentliches

Andreas Honneth


Wim Wenders, 2026 in Berlin. Foto: Elena Ternovaja. wikimedia commons

Das Zusammenspiel von Technik und Ästhetik hat die Künste immer vorangetrieben – zu sich selbst. Und es gibt Künstler wie den Regisseur Wim Wenders, die daraus ihre Visionen, konkret: ihre Bild- und Klangsprache in nie vorher dagewesener Weise beziehen. Dabei ist es unerheblich, ob das ein Etikett wie „radikal-romantisch“ oder „abseitig-mystisch“ bekommt. Anlässlich einer umfassenden Ausstellung zum Werk Wim Wenders‘ im Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt, den Music-Lectures in der Alten Oper und dem Wenders-Buch „Wesentliches“ hat Andreas Honneth „lose Gedanken“ aufgezeichnet.

 

Das Anachronistische erscheint mir als das Utopische von Wims Filmen;
ihre Bedächtigkeit und Gelassenheit im Abwegigen, ihr Mäandern im Peripheren,
die seine frühen Filme „Alice in den Städten“, „Im Lauf der Zeit
und insbesondere „Die falsche Bewegung“ –
Wims Wilhelm Meister und Mignon-Hommage mit Rüdiger Vogler und Nastassja Kinski – zu einer Allegorie des Kinos gemacht hat, wie Gilles Deleuze bemerkte,
da ihre Stills,
ihre aufeinanderfolgenden Einstellungen,
ja das Paradox erzeugen,
dass aus deren Bewegungslosigkeit durch die Abweichungen ihrer Aufeinanderfolge die Suggestion von Bewegung entsteht.

Dieser Schein, die zunächst abweisende Fremdheit dieser Filme,
ihr Verstörend-Verqueres
bewirkt so etwas wie eine Richtigstellung –
nämlich eine Entstellung der Entstellungen, die unser Leben entfremden –
die Wim uns immer wieder aufs Neue mit seinen seltsam-wundervollen,
erzählerisch sich erschließenden Dokumentationen unserer jüngsten Vergangenheit schenkt.

Daher immer wieder das Schwebende im gelungenen Versuch,
eine Homöostase zwischen der Film-Geschichte,
den Empfindungen der Akteure und den Reaktionen der Zuschauer zu erzeugen;
so wenn in „Paris Texas“ das Kind auf der einen Straßenseite
die Bewegungen seines erwachsenen Gegenübers, auch sein Stolpern, auf der anderen nachahmt, und so auch für die Zuschauer aus der gelungenen Wiederbegegnung der beiden
eine Gegenwärtigkeit entsteht,
die Präsenz einer geteilten Anwesenheit,
deren Authentizität sowohl den Film wie den Kinosaal sprengt, über beide hinausweist
als der Augenblick einer „wahren Empfindung“, wie Peter Handke dies genannt hat.

Ganz explizit manifestiert sich jenes das Grau des Immergleichen Transzendierende
dann in „Wings of Desire“, wie „Der Himmel über Berlin“ auf English heißt:
Es ist ja das Begehren zu der ganz irdischen Zirkusartistin, verkörpert von Solveig Dommartin, das den Engelssturz in die Immanenz auslöst,
die Vertikale in die Horizontale einbrechen lässt,
wo dies Begehren als „liebender Blick“ wirksam wird.

In seinem Buch „Wesentliches“ thematisiert Wim diese spätromantische Metaphysik seines Werkes. Das erste Kapitel heisst „Ich bin ein praktizierender Romantiker“:
Zunächst ist es wichtig und richtig, dass Wim sich überhaupt als Romantiker bekennt, ja quasi outet, denn der Abbruch unseres Bezuges zu dieser ersten Avantgardebewegung der Moderne,
der Jenaer Frühromantik, und alles daraus sich ergebenden,
ist ein weiterer Kollateralschaden der Nazizeit bzw. der ihr nachfolgenden Reeducation, die sich eine ebenso strikte und wie staub-nüchterne Vernunftpflicht verordnete.
Aber diese eindimensional-instrumentelle Vernunft war es gerade,
welche die Romantiker zur Vernunft zu bringen versuchten,
indem sie jener durch das Ästhetische und seine Medien,
Traum und Rausch, zur Selbstbesinnung verhalfen.

Noch bei Wim, unserem verspäteten Romantiker, lassen sich diese Ingredienzien wiederfinden – dann wenn wir in der Duplizität der folgenden Kapitel „Driven by Music“ und „Über das Kadrieren“ ein fernes Echo von Schopenhauers Ästhetik in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ vernehmen, wo nämlich das triebhafte Moment des Willens im Medium der Musik eine Form der Erlösung und dann in den mittels der ‚durchs Kadrieren‘ gefundenen Bildern
ein weiteres Medium traumartigen Ausdrucks findet – so dass sich das Wesen, der Ur-Widerspruch,
der in Leiden und Begehren mit sich entzweite Wille, durch die doppelte, gewaltlos-mediale Brechung,
im Schein des Scheins, auszusprechen und mit sich selbst zu versöhnen vermag.

Zu Schopenhauer, dem Anreger der Künstler der Moderne
von Wagner und Nietzsche bis zu Proust und Beckett,
hat auch das letzte Kapitel, die verspätete Dankesrede für die Verleihung eines Ehrendoktors mit dem Titel „Der liebende Blick“, eine entfernte Affinität,
gerade dann, wenn Wim auf den Stationen seiner Reisen, in mehreren Etappen,
aber immer im quasi-Proustschen Modus unwillkürlich innewerdender Vergegenwärtigung die Evokation eines göttlichen Blicks imaginiert:

„Die Welt ist ständig in Milliarden Gesichtsfelder aufgesplittert. Jeder Mensch ist ein anderer wandernder Blickwinkel,
und jeder einzigartig, und zwar immerfort,
einsam, aber doch in diesem Verbund eingeschlossen. (...). Stellen sie sich die Summe all dieser Informationen vor, dieses gigantische Kaleidoskop
unserer gesamten Wahrnehmung und unseres Bewusstseins!

Acht Milliarden Augenpaare und die Gehirne dahinter!
Was sonst als eben diese Menge, diese Gesamtheit,
sollen wir DIE WELT nennen?!

Was sonst GESCHICHTE?
Was sonst ERINNERUNG?
Es kann doch nichts Kompletteres geben
als eben diese Summe des visuellen Bewusstseins der Menschheit. (...)

‚Adam, wo bist Du? Ruft Gott in die Schöpfungsgeschichte.
Und hier wäre die permanente milliardenfache Antwort:
‚Hier! Und das sehen wir!“
Jedes Ich erwidert ihm mit seinen Augen. (...)
‚Wir sind, was Gott sieht.‘“

Weist uns nicht auch ein Diktum Goethes in diese Richtung?
„Bestimmt Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht.“
Ja, vielleicht bedarf es dieser medial gebrochenen Vorstellung eines solchen Gottes
damit die ihrer selbst unbewusste Menschheit
darin, wie in einem Spiegel, endlich zum Bewusstsein ihrer selbst erwacht.

 

 

Siehe auch:
Kulturtipp Wim Wenders

 

 

Wim Wenders
Wesentliches
Hrsg. Annette Reschke 
150 Seiten
ISBN 978-3-88661-434-9
Verlag der Autoren, Frankfurt 2026


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Erstellungsdatum: 04.03.2026