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Das Verfahren allein ist dem lyrischen Prozess verwandt. Ein objet trouvé – ein gehörtes, gelesenes Wort oder, wie in diesem Fall, aufgefundene, fremde Fotos – löst Assoziationen aus, Ergänzungen der Phantasie, die mit literarischen Recherchen in der Vergangenheit gestützt werden, erfindet manches hinzu, um plausibel Zusammenhänge zu stiften: So entsteht ein lebendiges Kunstgebilde, das nichts anderes als eben das sein kann. Ewart Reder erzählt vom Film CAT ON MY MIND der lettischen Regisseurin Laila Pakalniņa.
Ihr Film sei Poesie, sagt Laila Pakalniņa, Regisseurin des Films „Cat on My Mind“, nach dessen Vorführung im Frankfurter Filmmuseum. Das Filmfestival „Go East“ macht Türen auf nicht nur in geographischer Hinsicht. Poesie unabhängig von Wörtern zu denken bringt dem Verständnis von Poesie näher. Poiesis bedeutet machen – nicht Gemachtes, auch nicht darstellen oder Dargestelltes. Keine starre Form, kein definierter Inhalt kann Poesie sein. Ein Mensch mischt sich ein in ein von ihm Vorgefundenes, bringt es durcheinander, setzt es in Bewegung, verbindet sich damit. Das ist Poesie.

Pakalniņa sagt, die Bilder der entwickelten Schwarzweiß-Filmstreifen, die eins ihrer Teammitglieder in einer Tasche im Müll fand, hätten sie aufgefordert: Mach einen Film. Die Sachen, die Bilder, die Wörter wollen zum Menschen und der Mensch will zu den Wörtern, den Bildern, den Sachen. Darum gibt es Poesie.
Die Fotos sind nicht Teil einer Geschichte, verraten nicht, wer auf ihnen zu sehen ist, zeigen Situationen aus einer Welt, die es nicht mehr gibt. Pakalniņa und ihr Team dachten von Bild zu Bild, dachten sich in ein Bild nach dem anderen, hatten zugleich mit den Bildern eine Geschichte gefunden, und zwar in ihren Köpfen. Sie wählten einen Ort in Lettland, an dem sie drehten, fanden Menschen, die den Menschen auf den Fotos ähnlich sahen, konstruierten Szenen, in denen die historischen Bedingungen der Sechziger und Siebziger in der Sowjetunion herrschten, zuallererst was den Stand der Technik betrifft, dann aber auch hinsichtlich der Freizeitgestaltung und des Dorflebens zu jener Zeit. Was sie an dem Drehort vorfanden, wurde in ihrer Phantasie zu dem, was die Fotos zeigten. Umgekehrt beschlagnahmte die Vergangenheit mithilfe der Fotos alles, was gegenwärtig an dem Drehort passierte.
Analog wie die Fotos und alle Effekte, die bewusst und unbewusst genutzt wurden zu ihrer Anfertigung, sind auch die Effekte, die die Kameratechnik des Films nutzt. Einige Filmstreifen waren doppelt belichtet worden. Etwa mithilfe von Spiegeln wird auch das Kamerabild in etlichen Szenen gedoppelt. Das Foto, die Spielszene, beide können unendlich mehr als nur einen definierten Inhalt, eine definierte Abfolge von Ereignissen repräsentieren. Und beide können mehr, als postproduction kann.
Das gezeigte sowjetische Leben in dem Film kommt dem Leben, das ich als Kind in Westberlin gesehen und geführt habe, näher als jeder Westberlin-Film und jede historisierende Filmästhetik. „Wir gehen in der Zeit zurück“, sagt Pakalniņa. Alles an der Erzählung des Films ist ausgedacht, trotzdem atmet die Handlung in einem historischen Rhythmus, den wichtige Personen des Filmteams und des Casts noch erlebt haben. Die Faszination analoger Technik wird außer an dem Fotoapparat an Motorrädern, Lastwagen, Musikinstrumenten erlebt von Menschen, die dafür offen sind. Die Kinder in dem Film sind digital natives wie alle, die heute Kinder sind. Trotzdem schafft es ein zwölfjähriger Junge, wie die Regisseurin erzählt, schneller als ihr mit analoger Technik groß gewordener Kameramann, einen Film in den analogen Fotoapparat einzulegen und ihn in die Startposition zu transportieren.
Was mich aus dem Film wie eine warme Welle aus meiner Kindheit erreicht, sind die Begeisterungsfähigkeit, die absichtslose Zärtlichkeit, die Naturverbundenheit, die Musikverbundenheit, der Sportsgeist und eine von Natur, Musik und Sport ermöglichte allgemeine Verbundenheit der Menschen. Um einen schrägen Vergleich zu bemühen: „Cat on My Mind“ ist wie „Amrum“ ohne Nazis.
Eine Szene, in der ein Polizist dem fotografierenden Jungen klarzumachen versucht, dass niemand ohne Erlaubnis drauflos fotografieren dürfe, holt den Staat, in dem die Fotos geschossen wurden, in den Film, den sie angestoßen haben. Auf keinem der Fotos sei ein Polizist zu sehen, erläutert Pakalniņa. Ihn habe man zwecks Kontextualisierung der Bilder erfunden. Auch diese Szene wird von der Poesie der Bilder beschlagnahmt. Als der Polizist geht, kündigt er an, er komme wieder. Was drohend klingt, ist es vielleicht, vielleicht aber auch nicht: „Ich sehe mir gern Fotos an“, sagt der Mann zum Abschied.
Im spärlich besetzten Filmsaal des Museums glänzten die Männer und die Nicht-Lettinnen mit einer noch mal peinlicheren Abwesenheit.
CAT ON MY MIND. Von Laila Pakalniņa, 83', Hargla Company - Kompanija Hargla, Lettland 2025
Erstellungsdatum: 30.04.2026