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Man kennt Friedhöfe, deren Gräber in größeren Abständen kreuz und quer verteilt sind, dass man meinen könnte, die Insassen hätten sich schon zu Lebzeiten gemieden. Ganz anders der Pariser Friedhof Montmartre. Dort spiegeln die Gräberformationen urbane Verhältnisse, sind deformierte Pariser Wohnviertel. Dennoch lässt sich anhand der räumlichen Anordnung trefflich über die persönlichen Beziehungen der Verblichenen spekulieren, wie Rainer Erd das mit den Prominenten der Totenstadt für uns tut.
Über den Mitbegründer der französischen Nouvelle Vague François Truffaut wird eine schöne Geschichte erzählt. Nicht selten, wenn er die Dreharbeiten zu einem Film fertiggestellt hatte und im Schneideraum saß, verliebte er sich in seine Hauptdarstellerin. Zum Glück für die Dreharbeiten erst zu diesem Zeitpunkt. Denn ein in seine Hauptdarstellerin verliebter Regisseur kann ein Filmprojekt leicht zum Scheitern bringen. Wenn Truffaut sich in die Schauspielerin verliebt hatte, wollte er unbedingt wieder einen Film mit ihr drehen. Was auch geschah.
Schaut man auf Truffauts Filmografie, findet man die Geschichte bestätigt. Jeanne Moreau, Truffauts erste große Muse, prägte den Film „Jules und Jim“ (1962) und kehrte 1967 mit „Die Braut trug schwarz“ wieder an ein Truffaut-Filmset zurück. Die Liebe der beiden endete für Truffaut dramatisch, weil Moreau ihn verließ.
Claude Jade, Hauptdarstellerin von „Geraubte Küsse“ (1968) und „Tisch und Bett“ (1970), vereinbarte mit Truffaut ihre Hochzeit, der dieser sich kurz vor dem Ereignis entzog. Catherine Deneuve verlieh dem Film „Das Geheimnis der falschen Braut“ (1969) Glanz, den sie in „Die letzte Metro“ (1980) wiederholte. Für eine längerfristige Beziehung kamen die beiden aber nicht zueinander, weil sich die freiheitsliebende Deneuve Anfang der Siebzigerjahre Marcello Mastroianni zuwandte.
Allein die Liaison mit Fanny Ardant während der Arbeit an den beiden Filmen „Die Frau nebenan“ (1981) und „Auf Liebe und Tod“ (1983) war nicht von einer bewussten Trennung überschattet, weil Truffaut 1984 an einem Hirntumor verstarb. In dem 1977 entstandenen Film „Der Mann, der die Frauen liebte“ erzählte Truffaut in Person von Charles Denner selbstkritisch die Dramen seiner Beziehungen zu Frauen.

Truffauts liebevoll-kompliziertes Verhältnis zu Frauen, die in seinen Filmen gegenüber Männern die stärkere Person spielten, dürfte einer der Gründe dafür sein, dass sein Grab auf dem Friedhof von Montmartre seit vielen Jahren häufig mit einer Rose geschmückt ist. Allein dieses Grab ist für viele Besucher des Friedhofs ein Grund, den Weg in das 18. Arrondissement von Paris zu suchen. Dem Hörensagen nach soll auch Jeanne Moreau auf dem Friedhof ihr ewiges Zuhause gefunden haben. Der Friedhofsplan weist allerdings nur den Maler Gustave Moreau aus. Von Jeanne Moreau kein Wort.
Also begibt sich der neugierige Truffaut- und Moreau-Fan auf die Suche. Der von Wolf Biermann 1976 einfühlsam besungene Friedhof, ewiger Ort vieler prominenter Schriftsteller, Künstler und Filmemacher, wurde 1825 als „Friedhof des Nordens“ eröffnet. Heute findet der Besucher auf 11 Hektar zwischen 20. und 22.000 Gräber. Kein einfaches Unterfangen auf einem so großen Gelände eine Person zu finden, von der nur das Hörensagen berichtet. Die Suche erweist sich als ein mehrstündiger faszinierender Spaziergang durch die französische Kulturgeschichte von Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute.
Der im Internet von der Pariser Friedhofsverwaltung zur Verfügung gestellte Plan führt den literaturinteressieren Besucher zu den Gräbern von Alexandre Dumas, Heinrich Heine, Émile Zola und Stendhal. Musikbegeisterte kommen bei Hector Berlioz, Michel Berger, Jacques Offenbach, Joseph Kosma, Victor Massé, Adolphe Sax und Dalida vorbei. Und Filmfreunde finden ebenfalls viele Gräber, die sie an schöne Stunden im Kino erinnern.
Bereits kurz hinter dem Friedhofseingang an der Avenue Rachel finden sie das Grab von Sacha Guitry, in der Nähe Jean-Claude Brialy, am westlichen Ende Henri Georges Clouzot, der Generationen von Filmliebhabern mit „Lohn der Angst“ und „Die Teuflischen“ in Angst und Schrecken versetzt hat. Und nicht weit entfernt Claude Autant-Lara, der vor der Erneuerung des französischen Kinos durch Truffaut und andere klassische Studiofilme gedreht hat. Nouvelle Vague Regisseur Jacques Rivette verbringt seine Ewigkeit dort ebenso wie Filmstar Louis Jouvet.
Aber wo liegt Jean Moreau? Nach mehreren Stunden Suche kehrt der enttäuschte Besucher zurück zu François Truffaut, auf dessen Grab beim zweiten Besuch erneut eine rote Rose Platz gefunden hat. Lauter unbekannte Namen finden sich in seiner Nähe. Hat keine bekannte Person im Tod die Nähe des von vielen geliebten und verehrten Regisseurs gesucht? Der Besucher macht sich auf den Heimweg, nicht jedoch, bevor er sich noch einmal ein paar Schritte von Truffaut entfernt. Und plötzlich, nach wenigen Metern, leuchtet ein Grabstein, den der Besucher ganz offensichtlich bei seiner vorherigen Wanderung übersehen hat.

Jean Moreau ganz in der Nähe von François Truffaut. Sollte seine erste Muse, die ihn in jungen Jahren verlassen und in eine schwere Depression gestürzt hat, über 30 Jahre nach seinem Tod Nähe zu ihm gesucht haben? Zusammen mit ihrem Sohn Jerôme Richard, zu dem sie ein schwieriges Verhältnis hatte. Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Wer nun die Örtlichkeit näher erkundet, macht eine weitere überraschende Entdeckung. Nicht nur liegen Truffaut und Moreau, die zu Lebzeiten wunderbare Liebesfilme miteinander gemacht haben, in der Liebe aber wenig erfolgreich waren, wenige Meter nebeneinander, sie haben auch einen Beschützer ihrer nun ewigen Nähe. Vom Grab Jeanne Moreau blickt man, etwas verdeckt, auf das Grab von Truffaut und im Hintergrund leuchtet das Denkmal von Heinrich Heine. Auf ihm steht in kleiner Schrift unter seinem Namen „Frau Heine“. Noch eine komplizierte Geschichte auf dem Friedhof von Montmartre.

Die Geschichte ist inspiriert von dem empfehlenswerten Buch: Josef Schnelle, Der Mann, der das Kino liebte. François Truffaut und seine Filme.

Josef Schnelle
Der Mann, der das Kino liebte.
François Truffaut und seine Filme
156 Seiten
Schüren Verlag, Marburg 2025
Erstellungsdatum: 10.05.2026