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Kurzerzählung von Fredie Beckmans

Aufbewahrungsort

Fredie Beckmans


Fredie Beckmans: apies kijken. Foto. Fredie Beckmans

Einen Menschen, den man nicht riechen kann, sollte man nicht an sich binden. Das olfaktorische Signal warnt uns, – wovor, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte verloren gegangen. Und doch gibt uns die Nase da, wo sie jemanden gut riechen kann, Hinweise zur Partnerwahl. Je fremder der angenehme Geruch wirkt, desto besser ist man vor inzüchtigen Gefahren geschützt, heißt es. In Fredie Beckmans‘ kurzer Erzählung finden die verschiedensten Gerüche einen gemeinsamen Treffpunkt.

 

Vor Jahren machte ich einen Spaziergang am Rand von Köln. Ich war in Deutschland unterwegs für eine Reihe von Auftritten mit Cello und elektronisch verstärkter Axt. Wild, aber deshalb nicht weniger romantisch. Postpunk-komponierte Neue Musik, wie man das damals nannte. Während des Spaziergangs in einem weitläufig sich ausdehnenden Park begegnete ich einem Mädchen, knallrothaarig. Sie saß hinter einem Gitter, als ich sie bemerkte. Bald kam sie auf mich zu und begann, wild zu springen und zu gestikulieren. Splitternackt wohlgemerkt, sehr behaart und mit direktem Blickkontakt.

Mir fiel ein, dass ich noch ein Stück braunes Packpapier in meiner Tasche hatte. Ich holte es hervor und schrieb mit einem Bleistift: Wie heißt du? Ich faltete das Papier und warf es über das Gitter zu ihr. Sie schrie auf und griff nach dem Papier, entfaltete es und roch daran. Danach zerknüllte sie es und warf es über das Gitter zurück. Ich entknüllte das Stück Papier und begann ebenfalls daran zu riechen. Es roch sehr intensiv nach Körpergeruch, vielleicht mit einem Hauch Buttersäure? Tief inhalierte ich noch einmal, faltete das Papier und warf es wieder über das Gitter. Sie fing es aus der Luft und roch erneut zuerst daran. Dann riss sie es auseinander und rieb es mit einigem Nachdruck in ihren stark behaarten Schoß. Ihr Vater und ihre Mutter, die ein Stück weiter unter einem Baum saßen, begannen nun zu schreien, wir sollten mit unserem Treiben aufhören. Sie warf das Papierchen noch rasch über das Gitter zurück. Ich roch daran und lächelte sie an. Zu Hause roch die Schublade, in der ich den Brief-Fetzen aufbewahrte, noch monatelang nach dem Orang-Utan-Mädchen.

In derselben Schublade unter meinem Schreibtisch bewahrte ich noch etwas ähnliches auf, ein zerknittertes und benutztes Einstecktuch. Das ist eigentlich ein Sakrileg. Ein Einstecktuch ragt wie eine gefaltete Taschentuchspitze sichtbar aus der Brusttasche eines Sakkos. Ein Modeaccessoire, das man nicht benutzen darf. Genug der Information.

Ich war mit meiner Freundin auf einem Jubiläumsfest der Literaturzeitschrift „Hollands Maandblad“. Ich schreibe und zeichne seit einer Ewigkeit für dieses Blatt. Das wilde, stürmische Treiben fand im oberen Saal des Cafés Eik & Linde statt, schräg gegenüber vom Amsterdamer Zoo Artis. Nach meinem Auftritt als Schrei-Sänger der Band Rinus feierte ich kräftig trinkend inmitten einer brodelnden Menge. Meine Freundin wurde im Gedränge angerempelt, und ein volles Glas Weißwein, das sie gerade trinken wollte, ergoss sich über ihre dünne Bluse. Patschnass und nun auch noch durchsichtig.

Der Anrempler: Frits Bolkestein. Ein umgänglicher liberaler Politiker, der sich nicht scheute, sich unter eine links orientierte Menge zu mischen. Er schrieb auch gelegentlich für das Hollands Maandblad. Bolkestein entschuldigte sich und begann, die durchnässte und durchsichtige Bluse mit seinem Einstecktuch trocken zu tupfen. Eine Bekannte meiner Freundin griff nach dem Einstecktuch und sagte, er solle das Mut-Tüchlein aus der Hand geben. „Schmierfink!“, rief sie noch Bolkestein zu. Als sie das nasse, zusammengeknüllte Tuch wegwerfen wollte, sagte ich: Gib es mir. Ich steckte den nassen Lappen in meine Hosentasche und bewahrte ihn zu Hause in der Schublade neben dem Brief-Fetzen des Orang-Utan-Mädchens jahrelang auf.

 

 

 

Erstellungsdatum: 31.03.2026