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Peter Kern über Robert Misik Buch „Erziehung zur Grausamkeit“

Die sogenannten einfachen Wahrheiten sind in Wahrheit sprachliche Blendwerke. Ihr Kurzschluss-Knalleffekt lässt schöne Funken sprühen, die uns vergessen lassen, dass wir auf der Leitung stehen. Diese Verkäufersprache, die auch in der politischen Rhetorik zuhause ist, verlässt sich auf die Sorg- und Achtlosigkeit, mit der wir die Mitteilung aufnehmen. So wird das Vorurteil erzeugt, und die Propaganda erscheint als Tatsache. Der österreichische Journalist und Sachbuchautor Robert Misik hat sich mit der „Erziehung zur Grausamkeit“ der bedrohlichen Gegenwart zugewandt, und Peter Kern hat das Buch kritisch gelesen.
Ein Schnellboot kommt am Strand Granadas an, dreizehn Insassen springen ins Wasser und versuchen, an Strandliegen und Sonnenschirmen vorbeirennend, Land zu gewinnen, werden aber von Badegästen an den Beinen gepackt und zu Boden geworfen. Männer in Badehosen hocken sich auf sie, fixieren mit ihrem Körpergewicht die bäuchlings Liegenden. Die Festgehaltenen, von Schaulustigen umgeben, sind jung, von weißer Hautfarbe und männlichem Geschlecht. Handykameras der Urlauber halten die Hände fest, hinter denen einer sein Gesicht vergräbt; ein anderer faltet sie, um Gnade bittend. Dann kommt die Guardia Civil und führt die an der Flucht gehinderten Flüchtlinge ab.
„Erziehung zur Grausamkeit“ heißt das Buch, und diese geschilderte Szene – man kann sie sich im Internet anschauen – dient als Beleg seiner These, derart verhärtete Individuen zeugten vom Neuen Faschismus. Das Beiwort schreibt der Autor immer groß, was seiner Behauptung Gewicht verleihen soll. Der Essay ist aus steiler These und analytischer Anstrengung, aus journalistischer Übertreibung und sozialpsychologisch bedeutsamer Beobachtung gemixt.
Es ist der Verdienst des Textes, dass er verdeutlicht, warum rationale Argumentation kein Mittel abgibt, um den von Hassreden Vergifteten beizukommen. Die Demagogen betreiben, was man einmal umgekehrte Psychoanalyse nannte. Sie verstärken die destruktiven Triebkräfte, statt sie durch Bewusstmachen zu beschwichtigen. Herr Chrupalla im Sommerinterview: Seine Wahrnehmung eines durchschnittlichen mitteleuropäischen Sommers hält keiner Realitätsprüfung stand, was aber seine Wähler nicht abschrecken dürfte. Das Herumtrappeln auf der Wahrheit, „sie auf den Kopf zu stellen, die Regeln der Logik zu mißachten, sie zu zerstören, demütigen, zerstückeln, - gerade das zieht an“, schrieb einmal Max Horkheimer. Was der Logik angetan werde, blühe bald den ausgegrenzten Menschen; das sei das heimliche Versprechen. Mit dem Stichwort Remigration klingt es an.
Man braucht, heißt bei dem Genannten, mehr Wissen, um eine Krankheit zu heilen, als sie zu erzeugen. Dieses Mehr an Wissen lässt sich diesem Buch entnehmen, ist es doch in weiten Teilen eine Relektüre klassischer Studien, die sich dem Vorurteil, dem autoritären Charakter, den Pattern faschistischer Propaganda widmeten. Das sind kritische, eingreifende, theoretische Texte, als Handreichung für politische Organisationen gedacht, die Bildungsprozesse wider die Verführung initiieren wollten. So entstammt das Horkheimer-Zitat einem vor Gewerkschaftsvertretern gehaltenen Vortrag.
Heutige dem Thema gewidmete Leitfäden aus der Bildungsabteilung der IG Metall oder Aufklärungsbroschüren aus der Ebert-Stiftung der SPD kommen gänzlich ohne Sozialpsychologie aus. Man lässt einen wissenschaftlichen Kontinent souverän links liegen. Die Hilflosigkeit, mit der man zuschauen muss, wie die Industriearbeiter Stammwähler der AfD geworden sind, mag damit im Zusammenhang stehen. Die Geschäftemacher in Sachen Hass sprechen das Unbewusste der Verführbaren an. Da genügt es nicht, mit der Überzeugungskraft des vernünftigen Arguments gegenzuhalten. Alice Weidels Forderung nach einem Zurück zur guten alten Mark ist nach Maßgabe volkswirtschaftlicher Vernunft purer Unsinn, ebenso das Zurück zum deutschen Diesel. Aber auf Zustimmung trifft nicht das Argument, sondern der Gestus des rebellischen Nonkonformismus, mit dem das Pseudoargument vorgetragen wird.
Das Set an demagogischen Tricks ist gut untersucht. Die Selbststilisierung des die Etablierten herausfordernden Rebellen gehört dazu, die Agitation gegen die Fremden, denen all die Goodies zukommen, die man den Einheimischen vorenthält, gehört dazu und, ganz wesentlich, die Personalisierung. Die Rabenmutter Merkel, der in den Heizungskeller einbrechende Habeck, jetzt der Lügner Merz: Ökonomische und politische Zwänge verschwinden hinter den behaupteten Defiziten mieser Charaktere.
„Das Gemeinschaftsgefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung die Feindseligkeit gegen die außenstehende Minderzahl“, schreibt Sigmund Freud. Die AfD-Frontleute, gleichsam umgedrehte Anhänger Freuds, wollen das Vorrecht der Volksgemeinschaft wieder etablieren. Wie kann man ihnen mit Aussicht auf Erfolg entgegentreten? Misik schließt sich dem an, was die Freuds Kulturtheorie aufgreifende Kritische Theorie vorschlägt: Das Muster der Demagogie kenntlich machen als Maßnahme gegen ihre suggestive Wirkung. Es reicht nicht aus, wie in den Bildungsveranstaltungen praktiziert, die Widersprüche rechter Programmatik herauszuarbeiten, denn das Programm gibt nur den oberflächlichen Stimulus ab.
Demokratische Organisationen hierzulande haben eine lange Übung darin, ohne Psychologie auszukommen. Sie auf ihr Defizit hinzuweisen, sie aufzuklären über das rationalistische Vorurteil, dem sie unterliegen, dazu wäre dieses Buch sehr tauglich.
Aber Organisationen lesen nicht, die dort Beschäftigten lesen. Wenn denn zum Bücherlesen Zeit bliebe, und die politische Strategie nicht an Werbeleute delegiert wäre, die den Farbnuancen der Corporate Identity ihre Aufmerksamkeit widmen. Dass die deutschen Gewerkschaften über kein theoretisches Organ mehr verfügen, weder als Print noch im Netz, sie also gar keinen Ort mehr für eine solche Debatte haben, sei am Rande bemerkt.
Die nächste ökonomische Krise scheint im Anmarsch. Ist sie mit zunehmender Arbeitslosigkeit verbunden, worauf die zur Disposition stehenden Jobs in der Automobilindustrie hinweisen, wird sich die deutsche Rechte mit ihrem Lösungsvorschlag noch mehr Gehör verschaffen wollen: Ausländer raus. Das Nationalgefühl, das die Zugehörigkeit zur Nation an die Ethnie gebunden sieht, ist in Deutschland mutmaßlich stärker als in den anderen europäischen Ländern ausgebildet.
Die Rechte profitiert von der Angst, im System der gesellschaftlich notwendigen Arbeit keinen Platz zu finden. Dem Autor des besprochenen Buchs fehlt das Sensorium für diesen Zusammenhang. Haben die hauptamtlichen Vertreter der Lohnarbeit Leistenden keinen Sinn für Sozialpsychologie, geht ihm der Sinn für die ökonomischen Zwänge ab, denen die Lohnarbeiter unterliegen. Durch empirische Studien, so schreibt er, ließe sich nicht belegen, dass „Abgehängtheit, ökonomischer Abstieg, Armut, Arbeitslosigkeit wichtige Gründe seien“, den Ethnizismus der Rechten aufzusaugen. Die Vereinigten Staaten sind an der zitierten Stelle thematisch, aber Trump fielen die Swing States deshalb zu, weil die arbeitslos gewordenen Automobil- und Stahlarbeiter des Rust Belt das versprochene Make America great again wählten.
In den entwickelten Industriegesellschaften ist die Vorgeschichte erfolgreicher rechter Parteien immer die gleiche. Die in den Industrien Beschäftigten sehen sich einem Management gegenüber, das möglichst jede Investition in HCC vermeiden und in LCC realisieren will; die Sigel stehen für High Cost Country und Low Cost Country. Die Jobs der Handarbeiter wandern dorthin ab, wo die Arbeitslöhne und die Strompreise niedrig sind. Das war Südeuropa in den 80er Jahren, Mittelosteuropa und China in den 90er Jahren, das ist die Asien-Pazifik-Region in der Gegenwart. Jedem deutschen Vorstand sind die Sigel vertraut, jedem Gewerkschaftsbetreuer eines Großkonzerns sind die Geschichten hinter den Sigeln vertraut. Es sind Geschichten wie die des Hamburger Medizintechnikers, der seinen indischen Kollegen in Poona anlernte, bevor der seinen Arbeitsplatz übernommen hat. Wer den Einfluss des deutschen Rust Belt auf die Wahlerfolge der AfD untersuchen will, könnte beispielsweise im Mannheimer Stadtteil Waldhof Feldforschung treiben.
Robert Misik vergleicht seinen Essay mit den Arbeiten Leo Löwenthals und Theodor W. Adornos. Die Absicht seines Buchs sei „bescheidener.“ Ihm ginge es darum, die „Phase der Verwandlung“ zu analysieren „in der die Menschen psychisch geradezu ummontiert werden.“ Das ist das Gegenteil von Bescheidenheit, denn er verspricht ja nicht weniger als die Anthropologie des modernen Subjekts. Ihm werde „allmählich ein neues Betriebssystem installiert.“ Es werde „zerlegt und umgebaut.“ Es entstehe gerade „ein Menschentyp voller Rachegelüste und Feindseligkeit, aufgestachelt zum (Online-)Mob.“ Das sind gruselige Formulierungen, und träfen sie umstandslos zu, könnte man den Geschäftsbetrieb der Aufklärung einstellen.
Die Tendenz zur Verrohung ist nicht zu leugnen; die großen Lücken der Empfindungsfähigkeit, wie sie die Szene am Strand von Granada wiedergibt, sind nicht zu leugnen. Was aber den dicken Pinselstrich nicht rechtfertigt, zu dem es den Autor unwiderstehlich drängt. Er nennt seine Arbeit einen Beitrag zur „Massenpsychologie des Neuen Faschismus.“ Man möchte ihm einen größeren Respekt vor der Arbeit des Begriffs anraten, denn die ist keineswegs geleistet. Die empirischen Studien der genannten Frankfurter Sozialwissenschaftler, ungeachtet des Zeitkerns, bloß zu reproduzieren, reicht nicht hin. Es lässt die klassischen Texte in dogmatisierte umkippen. Man erweist der Kritischen Theorie damit einen Bärendienst. Adorno sprach schon in den sechziger Jahren ironisch vom „guten alten autoritären Charakter“, dessen Fortexistenz sich nicht einfach unterstellen lässt. Am spanischen Strand gab es Protestierende, die ihren Abscheu angesichts der Menschenhatz bekundeten. Dass der Essay dies unterschlägt, ist symptomatisch für sein Strickmuster.
Die Sicht auf die AfD-Frontleute ist schief. Alice Weidel hat Charisma? Das wäre einem aufgefallen. Sie und ihre Korona vertreten die traditionellen Werte des Konservatismus? Keineswegs. Man erinnere sich an den Konflikt um die als Verfassungsrichterin vorgeschlagene Hauke Brosius-Gersdorf mit ihrer Rechtsposition, den Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche straffrei zu stellen. Eine konservative Position hätte eingenommen, wem dies eine Verletzung des Rechts entstehenden menschlichen Lebens ist. Eine solche Haltung nahm die AfD keineswegs ein. Aus der zweiten Reihe kam zunächst eine schrille Presseerklärung des Inhalts, Abtreibung bis zum neunten Monat werde künftig freigegeben. Dann kam nichts mehr, kein Kommentar; man hielt über Wochen die Füße still. Die AfD verzichtete völlig darauf, den Konflikt zwischen den Regierungsparteien anzuheizen, wo es ihr doch sonst ein Gebot politischer Klugheit ist, jeden Spalt zwischen rot und schwarz zu vergrößern. Sie unterließ es aus Klugheit, weil sie nicht mit Konservatismus, sondern mit Hedonismus in Verbindung gebracht werden will. „Das Sexuelle ist freigegeben, aber die Unterdrückung bleibt“, hat Horkheimer einmal notiert.
Misik schreibt: „Der Neue Faschismus macht wortreich gegen die Eliten mobil, doch die liberalen Erfolgsmenschen, Investoren und Geschäftemacher werfen sich ihm dafür an den Hals.“ Auch dies eine verkehrte Wahrnehmung. Die CEOs der großen Konzerne, auf Export angewiesen wie sie sind, halten keineswegs der AfD die Stange. Die rechte Partei agiert nicht als der Arm einer mächtigen wirtschaftlichen Lobby. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sieht sich zur Warnung vor den rechten Horden veranlasst: „Sie verzerren das Bild Deutschlands, sie schaden dem hohen Ansehen unseres Landes in der Welt.“ Erinnert sei an die Kampagne „Dumpfer Populismus? Nein Danke!", als die Hetzparole Remigration gerade die Runde machte. Auf doppelseitigen Anzeigen in der Süddeutschen, dem Handelsblatt und der ZEIT unterschrieben alle namhaften Unternehmen von Adidas bis Zeiss, 40 an der Zahl.
Das sei Deutschland in seiner Provinz, mag man einwenden, in den Vereinigten Staaten und dem Silicon Valley sehe die Sache ganz anders aus. Meta und MAGA: gleiche Kappen, gleiche Brüder? Ob dem wirklich so ist? Die offenen Märkte liegen Mark Zuckerberg und den Apple-, Nvidia-, Google- wie Microsoft-Vorständen mehr am Herzen als der zollschrankenbewehrte Trumpismus, dem sie gerade Gefolgschaft schwören müssen.
Der AfD gab Donald Trump mächtig Auftrieb, und die Partei konnte ihr Glück kaum fassen, als sein Vize Vance die Münchner Brandrede gegen die Brandmauer hielt. Mittlerweile ist der amerikanische Freund eher eine Belastung als der Best Buddy. Auch bringt die extremistische Internationale ihre Truppen nicht mehr recht zusammen, siehe Ungarn. Noch ein bedeutsames Faktum für alle demokratischen Sozialisten, mit der Frage beschäftigt, wie es gelingen kann, die AfD von der politischen Macht fernzuhalten.

Robert Misik
Erziehung zur Grausamkeit
Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus
Broschur, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12842-8
Suhrkamp 2026
Erstellungsdatum: 03.09.2026