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Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 2

Greta Gerwigs Film Barbie löste eine heftige Debatte über die Frage aus, wie feministisch der Film tatsächlich ist. Die Regisseurin Leonie Englert sieht in der Protagonistin Barbie zwar das Potenzial zur Gesellschaftskritik, stuft den von Barbiepuppen-Hersteller Mattel finanzierten Film jedoch gleichzeitig als Beispiel für einen markttauglichen Feminismus ein, der letztlich eine kapitalistische Ideologie reproduziert. Im zweiten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film analysiert sie eine mit Ambivalenzen reich bestückte Kinoproduktion.
Der Film Barbie von Greta Gerwig ist ein schwieriger Fall, wenn es um Subversion geht. Er versucht ganz offensichtlich ein gesellschaftskritischer Film zu sein, das heißt, wir haben es hier mit einer intendierten Subversion zu tun. Diese Intention steht in einem paradoxen Verhältnis zu den Produktionsverhältnissen, in denen der Film entstanden ist. Er wurde von Mattel, dem zweitgrößten Spielzeug-Konzern der Welt und Hersteller der Barbiepuppe finanziert. Mattel hat selbstverständlich ein Interesse daran, Barbiepuppen zu verkaufen. Das heißt, hinter der Produktion des Filmes steht, neben dem Ziel des Verkaufs des Films als Produkt, noch ein viel weitreichenderes Marktinteresse. In diesem Sinne kann der Film als eine 90-minütige Werbung verstanden werden. Man könnte meinen, dass dies sogar im Film ironisch kommentiert wird, wenn immer wieder Kleidungsstücke in die Luft geschleudert werden und sie mit ihrem Produktnamen am Himmel in einem Freeze kleben bleiben. Es fehlt an dieser Stelle nur noch der Preis oder ein QR-Code, um zu dem Produkt zu gelangen. Wenn wir also eine vorherrschende Ideologie, und diese ist in unserer Gegenwart der kapitalistische Realismus, zu erkennen versuchen, dann lässt sich bei diesem Film die Beschaffenheit der Produktionsmittel nicht ausblenden, denn der Film ist kaum ohne sein Marketing zu denken.
Dass Barbie eine Werbung ist, bedeutet aber nicht, dass der Film nicht durchaus subversive Elemente beinhalten kann. Nicht ohne Grund löste er eine breite Debatte aus, wie feministisch Barbie nun letztendlich sei, und wurde von rechten Medien sehr stark angefeindet, weil er Männerhass propagiere (vgl. McIntosh 2025). Es fallen im Film Schlagwörter wie „Patriarchat“, „Feminismus“ und sogar „Faschismus“. Dieser oberflächliche politische Diskurs, der im Film stattfindet, überdeckt schnell das sehr vielversprechende subversive Potenzial, welches in der Naivität der Figur Barbie, aber auch im Worldbuilding des Films steckt.
Wie ist also die Welt um Barbie beschaffen und welche Ideologie bildet sie ab? Barbie beginnt mit einer Beschreibung der Entstehungsgeschichte von Barbie als Zitat der Anfangsszene von Space Odyssey, die als Metapher für die Evolutionsgeschichte der Menschheit steht. Es werden in einer an die Steinzeit erinnernden Landschaft kleine Mädchen gezeigt, die mit Babypuppen spielen, und plötzlich erscheint ihnen eine überdimensional große normschöne Frauenpuppe in einem Badeanzug, die Sonne hinter ihrem Kopf wie ein Heiligenschein. Mit Hilfe eines Voiceovers wird hier beschrieben, dass die Mädchen bis zu diesem Moment immer nur Mutter spielen konnten. Als das eine Mädchen Barbie berührt, erwacht sie zum Leben und zwinkert den Mädchen zu, daraufhin zerstören sie ihre Babypuppen. Die Erfindung von Barbie wird hier also wie eine Art Befreiungsschlag der Mädchen erzählt, die fortan nicht mehr Mutter spielen mussten, sondern aufblicken durften zu einem heiligen weiblichen Schönheitsideal. Die Erwartung an Mädchen, Mutter zu werden, wurde ersetzt durch eine überdimensionalen Erwartung, schlank, schön und erfolgreich zu sein. Die Erzählerinnenstimme kommentiert: "Yes, Barbie changed everything. Then, she changed it all again“ (Barbie 2023, 0:02:50). Mit diesem Satz wird deutlich gemacht, dass Barbie als Projektionsfläche dient, die sich ständig verändern und an die Bedürfnisse des Marktes anpassen kann. Auf diesen Moment folgt ein Clip in Werbeästhetik, in dem sich die diversen Barbies lächelnd vor einem weißen Hintergrund auf Scheiben drehen und die Erzählerstimme aus dem Off erzählt:
„All of these women are Barbie, and Barbie is all of these women. She might have started out as just a lady in a bathing suit, but she became so much more. She has her own money, her own house, her own car, her own career. Because Barbie can be anything, women can be any-thing. And this has been reflected back onto the little girls of today in the Real World. Girls can grow into women, who can achieve everything and anything they set their mind to. Thanks to Barbie, all problems of feminism and equal rights have been solved. At least that’s what the Barbies think. After all, they’re living in Barbie Land. Who am I to burst their bubble? And here is one of those Barbies now, living her best day every day.“ (Barbie 2023, 0:02:50)
Diese Exposition erinnert an das Versprechen des „American Dream“: vom Tellerwäscher zum Millionär, von der Lady im Badeanzug zur Präsidentin. Was wird uns hier erzählt über die Welt, in der die Barbies leben? Barbieland ist eine „Utopie“, in der alle Barbies Geld, Häuser, Autos und eine Karriere haben, sie haben laut Exposition die „Probleme des Feminismus“ überwunden und „gleiche Rechte“. Dies ist vor allem dadurch entstanden dass sie „alles sein können“. Es werden Barbies als Austronautin, als Nobelpreisträgerin, als Präsidentin und als Ärztin gezeigt und dann aber auch Barbies, die in klassischen Blue Collar Jobs wie Müllabfuhr und auf dem Bau arbeiten. Diese Jobs werden somit als Teil des „Alles-sein-Könnens“, das heißt als Teil einer Chancengleichheit definiert. Da Frauen schon immer in schlechter bezahlen Jobs als Männer gearbeitet haben, ist das nur schwer als Errungenschaft zu verstehen, wenn sie nun auch in den männlich konnotierten schlecht bezahlten Jobs arbeiten „dürfen“. Hier erscheint das Versprechen der Chancengleichheit fast als eine Drohung. Das kann ironisch verstanden werden, wird aber nicht explizit so erzählt, denn das Thema Klasse, Ausbeutung und Geld im Allgemeinen wird weder implizit noch explizit erwähnt. Es wird deutlich von welcher Art feministischen Utopie hier ausgegangen wird. Es wird ein neoliberales System, in dem Frauen prestigeträchtige Positionen besetzen, aber die Klassen erhalten bleiben, gezeigt und nicht eine feministische Utopie, in der strukturelle Mechanismen der Unterdrückung per se abgeschafft wurden. Die Darstellung eines kapitalismuskompatiblen Feminismus wird unterstützt durch die Tatsache, dass sich die stereotypische Barbie (Margot Robbie) im Film vor allem mit den Barbies umgibt, die einer gut bezahlten Arbeit nachgehen und einen hohen Status genießen (Physikerin, Literaturnobelpreisträgerin, Ärztin, Präsidentin), und nicht mit den Müllfrauen und Bauarbeiterinnen. Diese Darstellung entspricht dem liberalen Feminismus, „der die bestehenden Verhältnisse beibehalten und sie nur auf Geschlechtergerechtigkeit hin reformieren will“, und nicht dem einen Punkt, in dem sich laut Beate Hausbichler alle anderen Feminismen einig seien, es nämlich darum gehe, die Unterdrückungsstrukturen komplett zu dekonstruieren (Hausbichler 2021, Einleitung). Wie in der Exposition angedeutet, gehen die Barbies davon aus, dass Barbieland abgefärbt hat auf die echten Mädchen, die mit ihnen spielen, und diese dasselbe gleichberechtigte Leben wie die Barbies führen. Hier wird durch die Ironie der Erzählerinnenstimme angedeutet, dass das nicht der Fall ist. Wir als Zuschauer:innen wissen also, dass die Barbies an eine Illusion glauben und dementsprechend weltfremd beziehungsweise naiv sind. Hier wird also schon im Worldbuilding eine Diskrepanz zwischen dem „Realitätsprinzip“ (Zupančič 2003, S. 77), Barbieland und dem „Realen“ (Fisher 2020, S. 25), der echten Welt, aufgemacht.
In Barbieland sieht jeder Tag gleich aus, alle haben ihre zugeschriebenen Positionen und alle sind glücklich, sowohl die Müllfrauen, als auch die Bauarbeiterinnen, die Nobelpreisträgerinnen und die Präsidentin. Die Aufgabe der Protagonistin Barbie, der stereotypen Barbie, scheint es zu sein, mit ihrem Auto durch Barbieland zu fahren, allen Hallo zu sagen, an den Strand zu gehen und abends eine Party zu schmeißen. Alle Barbies außer der Protagonistin arbeiten und alle Kens sind arbeitslos. Alle sind zufrieden außer den Kens. Arbeit wird also als das Erstrebenswerteste im Leben dargestellt, das den Kens nicht zugestanden wird. Die einzige Aufgabe der Kens, der Männer, ist es, zu existieren und zu „beachen“. Zwischen den Barbies herrscht wohlwollende Solidarität (außer zu Weird Barbie) und zwischen den Kens Konkurrenz. Die Darstellung des Patriarchats soll hier offensichtlich umgekehrt werden. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich das Publikum des patriarchalen Narrativs, welches in umgedrehter Form präsentiert wird, bewusst ist. Diese Umkehrung, die später im Film auch noch explizit benannt wird, findet in Schablonen auf der Oberfläche statt und trifft nur auf bestimmte Bereiche des Lebens zu. So besteht der patriarchale Anspruch an Frauen perfekt aussehen zu müssen, weiter. Ebenso verrichten die Kens keine Lohn-, aber auch keine Haus- und Carearbeit. Und es gibt auch keine Kinder. Es wird kurz eine schwangere Barbie gezeigt, an der die Kamera schnell vorbeischwenkt mit einem Kommentar aus dem Voiceover, dass sie aus der Kollektion aussortiert wurde. Hier wird deutlich gemacht, dass sich Schwangerwerden, das mit Arbeitsausfällen und potenzieller Gefährdung der Karriere einhergeht, nur schwer verkaufen lässt. Die Welt, die hier abgebildet wird, ist also weiterhin eine „male 15 identified“ (Johnson 2014, S. 7) denn die als männlich konnotierten Eigenschaften wie Macht, Status, Unabhängigkeit und Kontrolle werden nach wie vor als positiv und erstrebenswert dargestellt, auch wenn sie nun von weiblich gelesenen Puppen verkörpert sind. Einen weiteren Punkt der patriarchalen Ideologie markieren die Konkurrenz und der Kampf um Anerkennung zwischen den Kens. Dieses klassisch patriarchale Verhalten von Männern müsste den Kens, der Logik des Films folgend, noch gar nicht geläufig sein, da sie ja theoretisch das Patriarchat nicht kennen.
Alle Barbies und Kens sind zwischen 20 und 35 und können nicht sterben. Dies wird uns besonders deutlich gemacht, als Barbie plötzlich während ihrer Party Todesgedanken äußert und alle schockiert reagieren. Es zeigt sich, dies ist eine Welt, die stagniert, die nicht dafür gemacht ist, sich zu verändern. Wie gesagt: Es ist eine Welt ohne Kinder. Wir kennen dieses Weltennarrativ klassischerweise aus dystopischen Untergangsszenarien, wie zum Beispiel in Children of Men oder The Handmaid’s Tale. Denn eine Welt ohne Kinder bedeutet logischerweise eine Welt ohne Entwicklung. Dadurch, dass Barbieland kinderlos dargestellt wird, zeigt sich hier eine Welt, in der es leichter ist, sich keine Reproduktion vorzustellen, als dass Männer, die Reproduktionsarbeit übernehmen. Dass Barbieland, in dem Frauen alle Schlüsselfunktionen belegen, funktioniert, ist nur möglich, weil die Barbies keine Kinder bekommen können, das heißt keine Reproduktionsarbeit von Frauen geleistet werden muss. So kann der Markt Frauen als „Human Capital“ (Rottenberg 2018, Kap. 3) voll und ganz ausschöpfen. Vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Gesellschaft ergibt das mehr Sinn, als vor einer europäischen, da in den USA (als einzigem Industrieland) Frauen sich nicht auf ein Recht auf bezahlte Auszeit im Falle von Schwangerschaft oder Kinderbetreuung stützen können. Staatliche Unterstützung von Eltern ist in den USA kaum vorstellbar (vgl. Hausbichler 2021, Kap. 3.3). Es ist also bemerkenswert, dass der Faktor der Reproduktion, der einer der Hauptpfeiler des feministischen Kampfs um gleiche Rechte, in der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Karriere, hier in einer Welt, die sich feministisch inszeniert, keine Rolle spielt. Kinder sind nicht nur inexistent, sondern ihre Bedeutung im feministischen Diskurs wird in dem Film ausgespart.
Rein formal wird hier ein konservatives Weltbild abgebildet, eine Ideologie, da es sich um eine stagnierende, unveränderlich scheinende Welt handelt. Diese Ideologie stellt ein zwar matriarchal erscheinendes, aber im Grunde neoliberal organisiertes Patriarchat da. Es ist eine Dystopie, die als Utopie verkauft wird. Die ästhetische Darstellung in grellbunten Lollipop-Farben und die Zurschaustellung des Plastiks, aus dem diese Umgebung erschaffen ist, markiert die dargestellte Welt als eine Fake-Welt. Wir Zuschauer werden also zu dieser Welt auf Distanz gehalten, sie wird uns ironisch präsentiert. Im Sinne des epischen Theaters von Brecht findet hier also ein Verfremdungseffekt statt: Das Publikum wird aus dem reinen Konsumieren und Mitfühlen über die Identifikation mit einer Figur herausgeholt und ist somit in der Lage, aus der Distanz zu betrachten (vgl. Brecht 1967). Barbieland ließe sich als die Darstellung der Illusion, die uns der Popfeminismus vermittelt, interpretieren: Feminismus ist so lange berechtigt und erstrebenswert, so lange er sich verkaufen lässt (wie die Barbie von Mattel sich verkaufen lässt) und nicht den Kapitalismus angreift. Dabei müssen Frauen aber weiterhin Produkte und vermarktbar bleiben. Beate Hausbichler schreibt in ihrem Buch „Der verkaufte Feminismus. Wie aus einer politischen Bewegung ein profitables Label wurde“, der „populäre Feminismus“ sei „qua Definition ein Feminismus, der sich vermarktet und zur Ware macht, und das raubt ihm streckenweise die Möglichkeit, gegen diese Strukturen vorzugehen – er braucht sie und profitiert von ihnen“ (Hausbichler 2021, Kap. 3.4). Hausbichler führt weiter aus, dass die starke Präsenz feministischer Inhalte in sozialen Medien darüber hinwegtäuscht, „dass die genutzten großen Plattformen […] uns zutiefst patriarchale und kapitalistische Strukturen zur Verfügung stellen und auch keine Alternativen in Sicht sind“ (ebd, Kap. 3.4). Dies gilt auch für die Filmindustrie. Barbieland könnte als die Beschreibung dieser Täuschung gesehen werden, die durch die mediale feministische Präsenz ensteht. In dieser Darstellung steckt ein großes subversives Potenzial, denn hier wird eine Illusion als Ideologie entlarvt, doch befindet sich der Film selber aufgrund seiner Produktionsweise in diesem Spannungsverhältnis zwischen Täuschung und „Realem“. Er ist an sich ein Paradebeispiel für den „markttauglichen Feminismus“.
Schafft es Barbie, die Ideologie, die Barbieland darstellt, als solche zu erkennen zu geben und ihre Ordnung zu attackieren? Um dieser Frage nachzugehen, ist es wichtig, sich anzuschauen, wie sich ihre Naivität konstituiert. Tatsächlich tritt Barbie erst dann als naiv in Erscheinung, wenn sie mit der „echten Welt“ konfrontiert wird, denn im Barbieland sind alle naiv. Das bedeutet ihre Naivität basiert auf ihrem Glauben, dass Barbieland eine gelebte Utopie sei, und ihrem Unwissen um die realen Zustände. Doch wie äußert sich diese Naivität?
Ein entscheidender naiver Charakterzug der Figur ist, dass sie alles laut teilt, was sie denkt, sie besitzt in diesem Sinne keinen Filter, schämt sich nicht für ihre Gedanken, denn sie hat nichts zu verstecken. Sie präsentiert sich als ein offenes Buch. Diese Eigenschaft führt letztlich zu dem Moment, der die Ideologie der unsterblichen Unveränderbarkeit von Barbieland zu erschüttern droht. Nachdem auf ihrer Party alle Barbies sich gegenseitig bestätigt haben, dass jeder Tag der beste Tag ist, fragt sie mit einem breiten Lächeln im Gesicht: „Do you guys ever think about dying?“ (Barbie 2023, 0:02:50) und streut damit Sand ins Getriebe. Mit einem Scratch stoppt die Platte der ewigen Perfektion und es herrscht schockierende Stille. Es findet ein Bruch statt und ihre Frage wird zur Bedrohung für die Illusion, in der sie leben. Barbie fängt sich jedoch schnell wieder und revidiert ihre Frage. Doch der Schaden ist irreversibel: Sie wacht am nächsten Tag auf und muss feststellen, dass sie Mundgeruch hat und ihre Füße plötzlich flach sind. So landet sie im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden der Tatsachen und das Objekt Puppe transformiert sich in eine menschliche Frau.
Diese Transformation diagnostizieren ihre Barbie-Freundinnen als „Malfunctioning“ (Barbie 2023, 0:18:31), quasi als eine Krankheit. An dieser Stelle macht der Film eine grausame aber im Brecht’schen Sinne wohl wahre Aussage: Wenn du als Frau nicht den Schönheitsidealen entsprichst und nicht an deiner eigenen Perfektion arbeitest, dich der Objektifizierung entzieht, wirst du als ein nicht-funktionierender, kranker Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Hier schimmert etwas „Reales“ (Fisher 2020, S. 25) unserer Gesellschaft durch.
Um diese Dysfunktion zu reparieren, wendet sich Barbie an Weird Barbie.
Weird Barbie (Kate McKinnon) stellt quasi die Zerstörung des Schönheitsideals dar. Sie ist, ähnlich wie die Babypuppen, die am Anfang zerstört wurden, ein Zeichen für ein aggressives Spielen, eine Metapher für die Wut von Frauen, gegen eine gesellschaftliche Erwartung: ein aufoktroyiertes unerreichbares Schönheitsideal. Weird Barbie verkörpert in diesem Sinne Systemkritik, doch sie ist auch Komplizin beim Erhalt der Ideologie. Sie stellt Barbie vor die Option, entweder weiter an die Illusion zu glauben und in Barbieland zu bleiben oder die Wahrheit zu erfahren, in der „echten Welt“ nach dem Mädchen zu suchen, das mit ihr spielt. Die Versprechung hinter der Erkenntnis ist jedoch die Wiederherstellung des Status quo, also Barbies Perfektion. Die Konsequenz, wenn Barbie nicht in die „echte Welt“ ginge und das Problem löste wäre, immer mehr Cellulite zu bekommen, kompliziert und launisch zu werden (vgl. Barbie 2023, 0:21:22). Weird Barbie zwingt sie gewissermaßen zu einer Entscheidung. Barbies Einwilligung, die Wahrheit kennenzulernen, ist von dem Wunsch motiviert, ihren Status quo zu erhalten und weiter zu funktionieren. Dieser Moment ist sowohl im Film als auch in der Betrachtung ein Wendepunkt. Denn hier wird eine Entscheidung als alternativlos dargestellt. Barbie wird von einem patriarchalen Grundwert gezwungen: Ihre Schönheit ist ihr größter Wert. Dabei gäbe es eine Alternative, die aber als ausgeschlossen erscheint, und die wäre: Cellulite zu bekommen, zu altern, zu sterben und mit ihr das patriarchale Schönheitsregime und die Illusion eines kapitalismuskompatiblen Feminismus sterben zu lassen. Dieser alternative Handlungsverlauf macht deutlich, dass an dieser Stelle eine Chance verpasst wurde, das subversive Potenzial der Barbie-Figur und des Worldbuildings von Barbieland auszuschöpfen, denn es wird zwar eine Ideologie attackiert, aber ohne einen Möglichkeitsraum zu öffnen: die Möglichkeit, dass sich eine Frau entscheidet, nicht mehr zu funktionieren.
Barbie entscheidet sich für die scheinbare Alternativlosigkeit (kapitalistischer Realismus) und reist mit Ken (Ryan Gosling) in die „echte Welt“. In dem Moment, in dem Barbie und Ken die „echte Welt“ betreten, bedient ihre Figur das Grundprinzip des „Born Sexy Yesterday“-Trope, denn sie betritt eine Welt, in der sie sich nicht auskennt und in der sie sexualisiert wird. Barbie und Ken landen also mit ihren Rollerblades am Venice Beach. Sie erscheinen als zwei bunte Flecken, wie Fremdkörper in einer grau gegradeten Welt. Diese Welt wird als Abbild einer westlichen Gegenwart dargestellt. Es wird eine Gesellschaft gezeigt, in der das Patriarchat als solches noch in Erscheinung tritt und Männlichkeit performt wird. Ken und Barbie werden hier mit einem, ihnen unbekannten Männlichkeitsgestus konfrontiert. Sie werden angestarrt und sind Kommentaren zu ihrem Aussehen ausgesetzt. Während Ken eher mit anerkennenden Blicken bedacht wird, ist Barbie mit klassischen objektifizierenden Sprüchen wie „Blondie, give me a smile!“ (Barbie 2023, 0:27:58) konfrontiert. Sie teilt laut ihre Gefühle über diese Konfrontation und beschreibt, dass sie sich unwohl fühle und „conscious, but it’s myself that I’m conscious of“. (Barbie 2023, 0:28:15). Sie wird sich der Rolle, die Frauen in der Gesellschaft zugeschrieben wird, bewusst, erfährt, was es bedeutet, objektifiziert zu werden, und bekommt gleichzeitig die Gefahr, die darin liegt, zu spüren.
Ken währenddessen erfährt, was es bedeutet, als Mann durch die Welt zu gehen und nur aufgrund seines Geschlechts Anerkennung zu genießen. Im Kontrast zu Barbies Gefühlen empfindet er die Blicke als Bewunderung, von denen keine Gefahr ausgeht: „I feel what could only be described as admired. But not ogled. And there’s no undertone of violence“. Barbie antworte ihm daraufhin: „Mine very much has an undertone of violence“ (Barbie 2023, 0:28:19). Diese Vorahnung der Gewalt, die vom Patriarchat ausgeht, wird dann real und die Szene endet, nach einem kleinen Intermezzo mit Bauarbeitern, auf das ich später noch zurückkomme, mit einem tatsächlichen Akt der Gewalt: Ein Mann schlägt Barbie auf den Hintern. Aus dem Affekt heraus schlägt sie den Täter mit der Faust ins Gesicht (Barbie 2023, 0:29:25). Weil sie sexualisierte Gewalt nicht gewohnt ist und auch die Konsequenzen von potenziellem Aufbegehren nicht verinnerlicht hat, handelt sie quasi reflexhaft widerständig. Die Naivität der Figur, ihr Unwissen darüber, wie die Gesellschaft funktioniert, wird hier eingesetzt, um das Offensichtliche und deswegen als Normalität Akzeptierte zu erkennen: die Gewalt, die vom Patriarchat gegen Frauen ausgeht. Hier fungiert ihre Naivität als subversives Tool. Das Gewohnte wird in Frage gestellt und dadurch als eine veränderbare soziale Formation greifbar (Silberman 2012, S. 176).
Im weiteren Verlauf ihres Aufenthalts in der „echten Welt“ wird deutlicher, auf welcher Weltanschauung Barbies Naivität eigentlich beruht. Als sie schließlich das Mädchen gefunden zu haben scheint, welches für den Riss im „Raum-Zeit-Kontinuum“ zwischen Barbieland und der Wirklichkeit verantwortlich ist, verläuft das Kennenlernen nicht wie erhofft. Sasha (Ariana Green-blatt), das Mädchen, sitzt mit ihren drei Freundinnen, alle vier in schwarzen Hoodies, die im Kontrast stehen zu Barbies pinkem, aus der Zeit gefallenem Western-Denim-Outfit, auf dem Pausenhof. Sasha glaubt ihr einerseits nicht, dass sie Barbie ist, und eröffnet ihr, andererseits dass es schrecklich für sie war mit Barbies zu spielen. Als Barbie nachfragt, warum, fordern ihre Freundinnen Sasha auf, Barbie zu „zerstören“:
„Okay, Barbie, let’s do this. You’ve been making women feel bad about themselves since you were invented. You represent everything wrong with our culture. Sexualized capitalism, unrea-listic physical ideals…You set the feminist movement back 50 years. You destroy girls’ innate sense of worth and you are killing the planet with your glorification of rampant consumerism.“ (Barbie 2023, 0:40:27)
Schockiert und traurig über diese Wahrheit, die ihr präsentiert wird, erwidert sie: „No, I’m supposed to help you and make you happy and powerful“ (Barbie 2023, 0:41:02). Auch diese Szene könnte als Wendepunkt gelesen werden, denn Barbie gelangt endlich zu einer Erkenntnis, mit der sie sich ihr neues Umfeld erklären könnte. Die Frage ist, was sie mit dieser Erkenntnis macht: leider nichts. Ich erwähne diese Szene also nicht, weil ich sie für einen subversiven Moment halte, sondern eher, weil hier deutlich wird, auf welchem Glauben Barbies Naivität beruht, dem Glauben an das Versprechen des neoliberalen Feminismus: Die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft könne durch individuellen beruflichen Erfolg, Selbstermächtigung und finanzielle Unabhängigkeit erreicht werden. Barbie tritt hier als die Verkörperung dieses Versprechens in Erscheinung. Sasha scheint nicht an dieses Versprechen zu glauben, knickt aber leider im Laufe des Filmes ein.
Die Enttäuschung des neoliberal-feministischen Versprechens wird noch an anderer Stelle sichtbar, als Barbie schließlich die Führungsriege von Mattel kennenlernt. Doch bevor ich auf diese Szene eingehe, möchte ich, obwohl das Thema hier vor allem Frauenfiguren betrifft, kurz auf die Naivität Kens eingehen und darauf, wie diese eingesetzt wird. Während Barbie von Mattel eingesammelt wird, entdeckt Ken das Patriarchat für sich, und zwar das Patriarchat in Reinform, in dem es nach seiner Aussage reicht, ein Mann zu sein, um Anerkennung und Erfolg zu genießen. Aufmerksam wird er auf dieses System dadurch, dass er den souveränen männlichen Habitus beobachtet und allein aufgrund der Beobachtung dieses Gestus versteht, dass Männlichkeit in der „echten Welt“ etwas Übergeordnetes ist. Wie ein Kind imitiert er diesen Gestus und macht somit für uns deutlich, dass er etwas Erlerntes und nicht etwas Natürliches ist. Er versteht die Macht, die ihm allein aufgrund seines Geschlechts von der Gesellschaft zugeschrieben wird, und versucht sein Glück, eine mächtige Position zu ergattern. In seiner Naivität glaubt er jedoch, dass der männliche Gestus ausreiche, um einflussreich zu sein, und stößt an seine Grenzen, als er einen Mann im Anzug nach Arbeit fragt: „I’ll take a high level, high-paying job with influence, please!“ (Barbie 2023, 0:42:14). Als ihn der Businessman zwar sehr ernst nimmt, aber antwortet, dafür benötige er einen MBA oder sogar ein PhD, fragt Ken: „Isn’t being a man enough?“ Der Businessman antwortet: „Actually right now it is quite the opposite.“ Ken erwidert: „You guys are clearly not doing patriarchy very well.“ Der Businessman lacht, schaut sich um und sagt mit gedämpfter Stimme: „Oh no, No! We are doing it well. We just hide it better“ (Barbie 2023, 0:42:31). Hier wird uns offenbart, wie der Neoliberalismus feministische Ziele inkorporiert hat, ohne jedoch seine patriarchale Ideologie abzulegen. Der Feminismus wird im Neoliberalismus als Tool genutzt, um Frauen dazu zu bewegen, eigenverantwortlich mit prekären Arbeitsbedingungen umzugehen, ohne das System selbst in Frage zu stellen (Rottenberg 2018, Kap.3). Der Businessman spricht aus, dass sich hinter dem neoliberalen Versprechen (Frauen können alles sein) patriarchale Strukturen verstecken, denn der Neoliberalismus braucht den Feminismus, aber auch das Patriarchat. Hier wird also Kens Naivität subversiv wirksam.
Dass Ken es trotz dieser Aussage weiter versucht, parodiert das ungebrochene Selbstbewusstsein von Männern im Berufsleben, welches als Teil des patriarchalen Habitus verstanden werden kann und informell die Chancengleichheit für Frauen mindert. Im Krankenhaus versucht er, eine Ärztin zu überreden, eine Blinddarmoperation durchzuführen. Als sie ihm das verweigert, antwortet er: „But I am a man.“ Sie entgegnet: „But not a Doctor“. Daraufhin fragt Ken sie: „Can I talk to a doctor?“ (Barbie 2023, 0:42:34-0:42:40). Ken scheint den patriarchalen Habitus sehr schnell erlernt zu haben, denn dieser Dialog stellt ein klassisches sexistisches Motiv dar und zeigt, wie Frauen aufgrund ihres Geschlechts ihre Professionalität abgesprochen wird. Die Tatsache, dass die Ärztin trotz der Absurdität der Situation ruhig und gefasst bleibt, deutet an, dass sie das wohl schon häufiger hören musste. Wir beobachten, wie Kens Naivität zwischen Extremen schwankt. In dem Moment, in dem er ein Wort für die Vorherrschaft von Männern gefunden hat, glaubt er, das Patriarchat in seiner Reinform anzutreffen, lernt aber seine neoliberale Variante kennen. Dadurch, dass er diesen Patriarchats-Crash-Kurs durchläuft, wird diese Ideologie auch dem Publikum offenbart. Auch hier ist Naivität als Charakterzug entscheidend für das Attackieren einer Ordnung.
Die Szene mit der Ärztin stellt zudem ein Pendant zur Szene dar, in der Barbie von Mattel empfangen wird. Barbies Auftauchen in der „echten Welt“ wird von Mattel als Bedrohung empfunden, ohne dass je aufgeklärt wird, was genau passieren könnte. Barbie glaubt endlich am Ziel ihrer Reise angekommen zu sein, nachdem sie von Sasha enttäuscht worden ist, und begegnet im „Mutterschiff“, wie sie es nennt, der Führungsriege, die nur aus Männern in schwarzen Anzügen besteht (Barbie 2023, 0:46:23-0:46:37). Nachdem sie hoffnungsvoll gefragt hat, wie sie das Problem mit ihren Füßen und der Cellulite loswerden könne, um nicht zur Weird Barbie zu werden, bittet sie der CEO (Will Ferrell), in eine Box zu steigen, mit der sie dann wieder nach Barbieland gebracht werden würde. Sie zeigt sich kooperativ, äußert aber noch einen Wunsch: „But since I came all this way, could I just meet the woman in charge, your CEO?“ Mit der Frage an sich findet hier eine Umkehrung statt, denn in Barbies Normalität werden Führungspositionen von Frauen und nicht von Männern besetzt. Im gesellschaftlich dominanten Sprachgebrauch wird jedoch gewöhnlich nach einem Mann „in charge“ gefragt (so wie Ken nach einem Arzt fragte). Hier wird also wieder eine als gesellschaftliche Normalität akzeptierte patriarchale Vorstellung offenbart. Der CEO antwortet: „Oh, that would be me.“ Nachdem Barbie weitere Führungspositionen durchgegangen ist und sich nur Männer gemeldet haben, sagt Aaron, der zuvor aus der untersten Etage in die oberste gefahren ist, um Barbies Ausbruch zu melden: „I’m a man with no power. Does that make me a woman?“ Dieser Satz markiert, dass wir uns in einer Welt befinden, in der männlich konnotierte Attribute aufgewertet, während weiblich hingegen abgewertet werden. Denn „Macht zu haben“ wird in dieser Szene offensichtlich positiv bewertet als etwas, was scheinbar nur Männern vorbehalten ist. Denn laut Aaron Dickins Frage reicht es aus, als Mann keine Macht zu haben, um als Frau durchgehen zu können. Eine Frau wird demnach darüber definiert, keine Macht zu besitzen.
Als Barbie sich nochmal vergewissern will, ob es denn überhaupt eine Frau in einer Führungsposition gebe, geht der CEO in die Defensive und ringt um Erklärungsansätze, während er immer aggressiver und unglaubwürdiger wird:
„Listen, I know exactly where you’re going with this, and I have to say I really resent it. We are a company literally made of women. We had a woman CEO in the ’90s. And there was another one… at some other time. So that’s… That’s two right there. Women are the freaking foundation of this very long phallic building. We have gender-neutral bathrooms up the wazoo. Every single one of these men love women. I’m the son of a mother. I’m the mother of a son. I’m the nephew of a woman aunt. Some of my best friends are Jewish. What I’m trying to say is: Get in the box, you Jezebel!“ (Barbie 2023, 0:46:41) 21
Dieser Ausbruch ist ein sehr vertrautes Motiv von mächtigen Männern, die auf ihre Privilegien angesprochen werden und sich, wenn sie keine Erklärung finden, persönlich angegriffen fühlen. Indem er versucht, die Wahrheit zu negieren, die Barbie mit ihrer Frage sichtbar macht, lässt er sie nur noch heller erstrahlen. Das Versprechen des neoliberalen Feminismus wird offensichtlich als Täuschung entlarvt. Hier entsteht also ein weiteres Erkenntnismoment, ein weiteres mögliches Handlungsmoment. Und was macht Barbie? Der darauffolgende Moment wirkt fast wie ein Schnittfehler. Barbie, die sich in den vorherigen Szenen so schockiert gezeigt hat über die „echte Welt“, reagiert nicht auf die Beleidigung des CEO und zieht ernsthaft in Betracht in die Box zu steigen, bevor sie sich entscheidet zu fliehen. Auf der Flucht mit Gloria (America Ferrera) — Sashas Mutter und Sekretärin bei Mattel — und Sasha vor der Mattel-Führungsriege, beschließt sie dann doch selbstständig, mit den beiden Frauen ins Barbieland zurückzugehen beziehungsweise zurückzufliehen. Hier entzieht sich der Film einer stringenten Handlungslogik, die durch einen sehr schnellen Schnitt kaschiert wird, der sehr wenig Raum zum Denken und Verstehen lässt.
Diese beiden Erkenntnismomente Barbies (Kennenlernen von Sasha und der Mattel-Führung) sind trotz ihrer schwachen Konsequenzen geprägt von einem einen Erkenntnisgewinn, der durch ihre Naivität provoziert wird und gleichzeitig diese Naivität als den Glauben an ein neoliberales Versprechen offenbart. In diesen Momenten tritt dialektisch die Diskrepanz zwischen dem neoliberalen Versprechen und der Wirklichkeit in Erscheinung. Für Brecht ist die Dialektik ein wichtiges Werkzeug in der Kunst, um soziale Widersprüche zu erkennen, zu untersuchen und damit die Gesellschaft verändern zu können (vgl. Silberman 2012, S. 174). In Barbie wird zwar ein Antagonismus zwischen Neoliberalismus und Feminismus zum Vorschein gebracht, aber es wird letztlich deren Vereinbarkeit propagiert, und somit verlieren diese kritischen Momente an Schlagkraft. Barbies Naivität wird nicht zur ernsthaften Gefahr für die Ordnung, in der sie sich bewegt. Es scheint sogar umgedreht zu sein, dass die Naivität der Barbies sie selber gefährdet, denn als Ken in Barbieland das Patriarchat einführt, machen alle Barbies widerstandslos mit. Dieser Sinneswandel der Barbies wird von Gloria folgendermaßen erklärt: „This is like in the 1500s with the indigenous people and smallpox. They had no defenses against it“ (Barbie 2023, 1:01:39). Ihr vermeintliches Unwissen um patriarchale Strukturen soll die Barbies also empfänglich für diese gemacht haben, sodass sie keine Abwehrmechanismen dagegen besaßen. Hier wird ihre Naivität als Gefahr für sie selbst dargestellt und als hilfreich für die Ideologie. Die Erklärung wirkt sehr an den Haaren herbeigezogen, denn bei der Bildung, die diese Barbies genossen haben müssen, um Ärztin, Physikerin und Autorin zu werden, ist eine Unfähigkeit kritisch zu denken schwer vorstellbar, selbst wenn sie den patriarchalen Gestus nicht als solchen erkennen können. Außerdem ist die Naivität der Barbies hier nicht stringent erzählt: Wir erinnern uns an die reflexhafte Widerständigkeit von Barbie, als ihr auf den Hintern geschlagen wurde. Mit der Rückkehr nach Barbieland verschiebt sich die Wirkmächtigkeit des naiven Charakters und Naivität wird ab diesem Moment im Film nicht mehr als kritisches Tool eingesetzt. Barbie legt ihre naive Performance ab, nachdem sie mit Kens Patriarchat konfrontiert worden ist, aber ohne die neoliberale Basis ihrer Naivität zu erkennen zu geben.
Im weiteren Verlaufe des Films schaffen es die Barbies, mit „Teile und herrsche“-Machiavelli Methoden das Patriarchat, welches die Kens errichtet haben, zu stürzen und das leicht reformierte (Kens dürfen ein bisschen mitreden) neoliberal-feministische System wieder aufzubauen. Formal liegt hier also ein konservatives Narrativ, wir kehren zurück zum Status quo vom Anfang. Begreift man Barbieland als die Illusion des neoliberalen Feminismus, so wird diese Illusion nach einer erfolgreichen Zerstörung durch die Kens wiederhergestellt. Die Ideologie bleibt somit unangetastet. Wenn diese Wiederherstellung der Illusion als etwas Dystopisches dargestellt würde, als ein Horrorszenario, dann könnte man darin eine subversive Wirksamkeit erkennen, das ist aber leider nicht der Fall. Das Ende des Films tritt als ein Happy End in Erscheinung. Ein Happy End, in dem sich Barbie entscheidet, zur reproduktionsfähigen Frau zu werden, und ihre Barbiefreundinnen in einem neoliberalen Versprechen zurücklässt, das sie mit der Erwartung, für immer schön, erfolgreich, und Mitte zwanzig sein zu müssen, bezahlen. Hier geht es also passend zum Neoliberalismus um eine individuelle Erfolgsgeschichte, die die Strukturen an sich nicht erschüttert.
Zusammenfassend lässt sich also erkennen, dass Barbies Naivität auf dem Glauben an einen neoliberalen Feminismus beruht. Das bedeutet, dass ihre Überzeugung sich nicht stark genug von der vorherrschenden Ideologie, die sie angreift, unterscheidet, um ihr ernsthaft schaden zu können. Ihre Naivität, ihr Unwissen um gesellschaftliche Normen, ist in diesem Sinne nicht stark genug ausgeprägt. Das macht ihre Naivität jedoch nicht unbrauchbar als Mittel zur Subversion. Barbie kommentiert durchaus kritisch den Verkauf bestimmter feministischer Ziele an den Kapitalismus, aber sie bringt die Ideologie des kapitalistischen Realismus nicht wirklich in Gefahr, denn sie zeigt keine Alternative auf. Dafür hätten Barbie als Produkt und Barbieland als Illusion überwunden werden müssen, so wie die Babypuppen in der Anfangsszene. Allein die Vorstellung eines solchen Endes macht das Hauptproblem des Films deutlich: Mattel möchte Barbies verkaufen. Die durchaus angelegte Subversion kann nicht ausgeschöpft werden und wird durch die Vermarktung des Feminismus als Label verspielt. Die Brüche mit der Ideologie, die ihre Naivität an den analysierten Stellen andeutet, treten demnach nur als Kratzer an der Oberfläche in Erscheinung, und die rasante Erzählweise des Filmes lässt keinen Raum zum Denken und Erkennen.
Quellenverzeichnis Literatur
McIntosh, Jonathan (2023): Patriarchy According To The Barbie Movie [Video-Essay], in: Pop Culture Detective. URL: https://youtu.be/rK66s7VQmXE?si=7bnG64jB7-S9JQIT, Zugriff am 15.07.2025 Zupančič, Alenka (2003): The Shortest Shadow. Nietzsche’s Philosophy of the Two. Cambridge, Mass.: MIT Press.
Fisher, Mark (2020): Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Übers. von Christian Werthschulte, Peter Scheiffele und Johannes Springer. Hamburg: VSA-Verlag (unveränderter Nachdruck der dt. Ausgabe von 2013). Johnson, Allan G. (2014): The Gender Knot: Unraveling Our Patriarchal Legacy. Philadelphia: Temple University Press, Third Edition.
Rottenberg, Catherine (2018): The Rise of Neoliberal Feminism. [E-Book] New York: Oxford University Press.
Hausbichler, Beate (2021): Der verkaufte Feminismus. [E-Book] Salzburg/Wien: Residenz Verlag GmbH.
Brecht, Bertolt (1967): Gesammelte Werke in 20 Bänden. Band 15: Schriften zum Theater. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Silberman, Marc (2012): Bertolt Brecht, Politics, and Comedy, in: Social Research, Vol. 79, Nr. 1 (Spring 2012), S. 169–188.
Barbie (2023), Spielfilm von Greta Gerwig, Drehbuch: Greta Gerwig & Noah Baumbach, USA/UK: Warner Bros. Pictures, Laufzeit: 114 Min, gestreamt auf Amazon Prime
Erster Teil: Das Comeback der Naivität
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Erstellungsdatum: 05.03.2026