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Calixto Bieito inszenierte die Oper „Fidelio“ an der Bayerischen Staatsoper

Es passierte wohl hin und wieder – man denke an die Weiber von Weinsberg – dass Frauen ihre Männer retten und nicht – Ich Tarzan, du Jane – umgekehrt. Gleichwohl muss Leonore sich als Mann verkleiden und mit dem Kerkermeister arbeiten, um ihren Mann Fidelio zu befreien. Merkwürdigerweise trägt die Vorlage zu Beethovens Oper den Titel „Leonore oder die eheliche Treue“. Eine Freiheitsoper, die sich auf eheliche Treue bezieht? Margarete Berghoff war in München und sah, wie Regisseur Calixto Bieito damit umgegangen ist.
Insgesamt 12 Jahre hat Beethoven an „Fidelio“, seiner einzigen Oper, mit vielen Höhen und Tiefen gearbeitet und dabei um jede Note gerungen. Die Dritte und endgültige Version kam 1814 am Wiener Kärtnertortheater zur Uraufführung.
Eine Freiheitsoper, die die Befreiung von Unterdrückung und Ungerechtigkeit durch Obrigkeiten thematisiert. Die zeigt, welch große Opfer und wieviel Mut dafür in der Vergangenheit notwendig waren. Nach der französischen Revolution war es wie ein Flächenbrand, das Volk begehrte auf und der Adel prügelte die Aufstände immer wieder nieder, um seine Vormachtstellung zu schützen. Die Geschichte von „Fidelio“ hat zigtausend Vorbilder in der Geschichte. „Leonore oder die eheliche Treue“ komponiert von Pierre Gaveaux und dem Librettisten Jean Nicolas Bouilly, ist die Vorlage für „Fidelio“ – eine wahre Geschichte. Joseph Sonnleithner und eine Bearbeitung von Georg Friedrich Treitschke machten daraus das Libretto für die Oper „Fidelio“. Calixto Bieito fügt Texte von Jorge Luis Borges und Cormac McCarthy ein.
„Fidelio“, 2010 von Calixto Bieito inszeniert, berührt emotional durch Kälte und regt stark zum Denken an. Die Kälte, die Gewalt und Grausamkeit umgibt, wird hier durch viel Metall und Farben wie schwarz und kühle Grautöne versinnbildlicht. Ein großes labyrinthartiges Gerüst mit vielen Ebenen und Treppen aus Stahl, von Bühnenbildnerin Rebecca Ringst, füllt die Bühne in ganzer Höhe, Breite und Tiefe aus. Es gibt beleuchtete Linien und zu Beginn ein ungutes Flackern und Flirren, welches das Auge irritiert. Irrlichter, Wahnvorstellung oder Hoffnungsschimmer?
Die Leonore 3 Ouvertüre, die fast 20 Minuten dauert, bereitet den Zuhörer musikalisch auf diese finstere Geschichte vor. Lautes Aufbegehren, Verzagtheit, Verzweiflung, Ausharren, schmelzendes Schweben, Zuspitzung, Hoffnung – ein Meer von Gefühlen wirbelt hier auf, breitet sich aus in symphonische Weiten.
Florestan ist verschwunden. Widerrechtlich eingekerkert durch Don Pizzaro, dem Gouverneur von Sevilla. Florestan kennt belastende Wahrheiten, die Pizzaro den Kopf kosten könnten. In einem kalten tiefen Verlies ohne Licht harrt er aus. Leonore, seine Frau, fasst den Entschluss, ihren Florestan zu suchen. Sie verkleidet sich als Mann, nennt sich Fidelio und wird Schließer im Gefängnis Don Pizzaros.

Ein Staatsminister kündigt sich an, das Gefängnis zu überprüfen. Don Pizarro, der seine Kompetenzen gerne überschreitet und mit grausamer Härte seine Gefangenen misshandelt, gerät ins Visier. Was ist, wenn der Minister sieht, in welchem Zustand Florestan in den Tiefen des Gefängnisses abgemagert qualvoll auf den Tod wartet. Don Pizarro beschießt, Florestan zu töten. Rocco, ein Gefängniswärter und Fidelio sollen ein Grab für Florestan schaufeln. Marzelline die Tochter Roccos verliebt sich in den fleißigen und freundlichen Fidelio. Dafür hat Beethoven eine wunderbare Musik komponiert, die ganz überraschend plötzlich das Herz Marzellines ergreift. Und schon alleine dafür hat sich dieses kleine Intermezzo gelohnt. Liebe dringt in die kalten Gemäuer, ein Gegenentwurf zu Hass und Gewalt.
Bieito hat mit dem Gerüst-Labyrinth eine plastische Metapher auf die Bühne gestellt. Es symbolisiert einerseits Käfige, in denen Menschen wie Tiere gehalten werden können. Und es symbolisiert andererseits auch Hoffnung, Rettung aus einer qualvollen Situation. Aber auch das Gefangensein und Umherirren, das endlose Leiden, da man sich im Labyrinth verirren kann und es keinen Ausweg mehr gibt. Ein Raum, der Konzentration und Kraft von den Sängern verlangt.
Einer der musikalischen Höhepunkte im ersten Akt ist das meisterhaft komponierte Quartett mit Leonore, Marzelline, Rocco und Jaquino. Hohe Transparenz der einzelnen Stimmen und gleichzeitig perfekter Zusammenklang. Ein starker Moment ist auch, wenn alle Gefangenen aus ihren Verliesen, nach langer Zeit ans Licht dürfen. Langsam und verunsichert besteigen sie das ganze Gerüst. Fidelio hat dafür gesorgt, denn sie hofft, leider vergeblich, Florestan unter ihnen zu finden. Der Gefangenenchor besingt das Lustgefühl des freien Atmens an der frischen Luft. Sie bezeugen gleichzeitig ihren Glauben an Gott, trotz der Leiden, denen sie ausgesetzt sind.
Das Gerüst bietet viele Räume und Etagen. Die Protagonisten bespielen es jedoch meist nur unten und vieles spielt sich direkt davor ab. Vor dem zweiten Akt, wird das Gerüst unter Getöse nach hinten gekippt und es symbolisiert dann die absoluten Tiefen des Verlieses, in denen Florestan leben muss. Gleichzeitig kommen Menschen an Seilen von oben und schweben tanzend über dem Labyrinth. Ein Symbol der nahenden Freiheit?

Der zweite Akt beginnt mit der ergreifenden Arie des Floristan. Eine Vision zeigt ihm die strahlende Gestalt Leonores als erlösender Engel. Wer glaubt schon seine eigenen Visionen? Er fällt bald in das Dunkel seiner Behausung zurück. Es dauert aber nicht mehr lange und Leonore findet Florestan in seinem Verlies.
Wenn Don Pizarro erscheint, um Florestan zu töten, wird er von Fidelio außer Gefecht gesetzt. Einem, wenn auch von Leiden überschattetem Happyend, steht nichts mehr im Wege. Der Minister erscheint und es wirkt, als würden jetzt bessere Zeiten anbrechen. Alle Gefangenen werden befreit und sie besingen den Mut und die Treue Leonores.
Eine Frau beschließt, ganz allein unter Einsatz ihres Lebens, ihren Mann aus einem Verlies zu befreien. Ihr Wille und ihr Mut zeigen, dass es möglich ist, aufzubegehren. Selbstermächtigung und Emanzipation aus Liebe zu Florestan, aus Überzeugung für Freiheit und Brüderlichkeit. Der „Engel Leonore“ steht auch für die Befreiung aller Geknechteten. Sie ist ein seltener Typus Frau auf der Opernbühne.
Die Kostüme von Ingo Krügler sind zeitlos modern. Der Chor in grauen Anzügen mit Krawatte. Florestan in hellgrauem Pyjama. Alle anderen mehr oder weniger dezent und farblos. Alle sind wie eine große graue Masse aus der sich später nur der Minister wie ein heilsbringender Clown hervorhebt und Leonore in einem blauen Kleid wieder als Frau erkennbar wird.
Was wollen uns diese modernen Kostüme über Gefängnisse und Verliese sagen? Das Stahlgerüst erinnert in manchen Momenten an ein modernes seelenloses Hochhaus. Fristen hier Männer in grauen Anzügen mit eng gebunden Krawatten ihr Leben an Schreibtischen hinter Monitoren wie Gefangene? Gefangen in entfremdenden Strukturen. Sind wir Gefangene anderer Art geworden? Wovon wollen wir uns heute befreien und wofür?
Personenregie gibt es kaum. Die ersehnte Begegnung zwischen Leonore und Florestan ist szenisch ohne Emotionen und wirkt konträr zum Text. Beide bekommen neue Kleidung. Berührung zwischen beiden gibt es erst ganz am Ende. Dann stehen sie Hand in Hand und schauen lange ins Publikum. Leonore und Florestan werden zum Symbol der Freiheit für alle.

Ein Moment der Überraschung ist, wenn plötzlich drei Stahlkäfige von oben ganz langsam herunter gefahren werden. Drinnen vier Musiker, sie spielen Beethovens Streichquartett op.132 a-Moll. Das hat starke Wirkung und die feine zeitgenössisch anmutende Musik, setzt sich ab von der zum Teil groß angelegten dramatischen Musik der Oper „Fidelio“. Das wäre ein schöner Schluss gewesen. Aber dann kommt noch das Ende der Oper, mit Minister und Chor und alles hebt noch einmal an zum großen siegreichen Finale.
Der Text der Oper bezeugt eine tiefe Religiosität Leonores, Florestans und der Gefangenen. Florestan übernimmt Verantwortung für sein Handeln und klagt Gott nicht an. Es ist ihm genug, die Wahrheit gesagt zu haben, er nimmt das Leiden als Prüfung Gottes dafür auf sich. Das klingt übermenschlich und idealisiert. Betrachtet man das Geschehen in der Zeit, in der die Oper entstand, so wird es verständlich. Ein Leben nach dem Tod war den rechtschaffenen Christen gewiss. Für die guten Taten, die sie auf Erden vollbrachten, sollten sie nach dem Tod belohnt werden. Auch nach dem Tod würde Gott sie weiter auf die Probe stellen und ihnen Aufgaben geben. Ein Kontinuum der individuellen Existenz nahm die Angst vorm Sterben und schuf Vertrauen in die Güte Gottes.
Beethoven und Florestan scheinen wie Brüder im Geiste. Beide unangepasste Denker, Freiheitskämpfer, Wahrheitssucher, Bewunderer der Französischen Revolution. Beethoven, der schon in seinen Endzwanziger Jahren spürte, dass sein Gehör immer schlechter wurde, zog sich allmählich zurück in seine Innenwelt, wie in ein Verlies. Die Außenwelt empfand er zunehmend als bedrohlich. Er fühlte sich nicht verstanden und schämte sich wegen seiner Taubheit. „Soll ich andere bitten laut zu schreien, damit ich sie verstehe?“ schrieb er in einem nie abgeschickten Brief an seine beiden Brüder. Als einziger Musiker ordnete er sich in Wien nicht dem Geschmack eines Fürsten unter, sondern arbeitete frei und organisierte seine eigenen Konzerte.
Mit seiner unglaublichen Fähigkeit, Musik innerlich hören zu können und seiner großen Leidenschaft zur Musik, komponierte Beethoven immer weiter und schuf unsterbliche Werke von großer Bedeutung für die Musikgeschichte. Die feine subtile lebensbejahende Musik Mozarts hat Beethoven beeinflusst. Er durchbricht sie aber und stößt in schwere, emotionale, dramatische und großartig angelegte Klangwelten vor, die den Zuhörer berauschen und mitreißen. Er bereitet damit die Musikepoche der Romantik vor und an einigen Stellen im „Fidelio“ meint man schon Richard Wagner zu hören.
Die Oper „Fidelio“ erhält heute eine ganz neue Aktualität und Zeitbezüge drängen sich förmlich auf. Autokratismus, Foltergefängnisse, Kriege sind wieder an der Tagesordnung und begleiten uns in unserem Alltag. Wie aus einem Dornröschenschlaf aufgewacht, sehen wir uns in Europa erneut mit bereits überwunden geglaubten menschenverachtenden Unrechtssystemen konfrontiert. Wie eine Seuche breiten sie sich aus und stürzen Menschen und ganze Länder in unvorstellbares Leid. Die Notwendigkeit für Kriege und Gewalt erschließt sich einzig aus dem Bestreben Einzelner und ihren Anhängern nach Macht und Geld. Der Kampf um Gleichheit und Menschenwürde hat viele Menschenopfer gefordert und fordert sie heute immer noch und immer wieder. Das ist eine scheinbar noch nicht endende Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das es jemals Freiheit für alle Menschen geben wird, scheint zurzeit eine Utopie.

Musikalisch (Dirigent Yoel Gamzou) ist „Fidelio“ in München ein Feuerwerk der Extraklasse. Der Dirigent setzt seine eigene Auffassung der Musik Beethovens um und setzt sogar noch etwas darauf. Der Zusammenhalt zwischen Orchester und Sängern wirkt manchmal ein wenig fragil. Der große Chor singt überwältigend.
Die Inszenierung wirkt insgesamt statisch und emotionslos. Die Sänger agieren eher unbeteiligt. Trotz ihrer hohen Gesangskunst und ihrer makellosen Stimmen, ist kaum fühlbar, was in Ihnen vor sich geht. Der Facettenreichtum der Arie des Florestan kommt in dieser Aufführung nicht zum Tragen. Leonore singt zwar engelsgleich und glockenrein, verkörpert Fidelio aber ohne spürbare Leidenschaft.
Ist nach 16 Jahren und vielen Umbesetzungen die Intension des Regisseurs vielleicht verblasst? Oder ist es eine inszenierte Gefühlsstarre, in der sich die gepeinigten Menschen befinden sollen? Alles in allem eine zeitlose lohnenswerte Inszenierung, die verschiedene Interpretationen erlaubt.

A.Grassauer © Geoffroy Schied
Fidelio
Oper in zwei Akten (1814) Komponist Ludwig van Beethoven. Libretto von Joseph Sonnleithner mit Revisionen von Georg Friedrich Treitschke nach Jean-Nicolas Bouillys.
Weitere Vorstellungen:
12. Juli, 15.Juli, 18. Juli 2026
Erstellungsdatum: 29.03.2026