Peggy Parnass, die am 12. März in Hamburg gestorben ist, hatte keine Kindheit, um die man sie beneiden müsste. Ein Kindertransport nach Stockholm rettete ihr 1939 das Leben. Nach sechs Jahren in zwölf verschiedenen Pflegefamilien kommt sie zu ihrem Onkel, der als einziger den Holocaust überlebt hatte, nach London. Sie geht nach Stockholm zurück und beginnt als Vierzehnjährige für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten als Sprachlehrerin, Filmkritikerin, Dolmetscherin für die Kriminalpolizei, als Schauspielerin für Film und Fernsehen und als Gerichtsreporterin für die Zeitschrift konkret. Eva Demski erinnert an die engagierte Publizistin.
Wir haben uns in Hamburg kennengelernt, in deiner Stadt, den Anlass weiß ich gar nicht mehr. Es war jene beim Zurückschauen wunderbare Zeit der späten Siebziger und frühen Achtziger, in denen das Linkssein in all seinen Spielarten, trotz allem Durcheinander und vielen Irrwegen Spass machte. Es war noch nicht zu Ideologien gefroren, sowas mochten wir beide nicht. Was für ein Riesenpaket du zu schleppen hattest mit deiner Geschichte, erfuhr ich erst später. Dass du fast zur Generation meiner Mutter gehörtest, auch.
Du bist so neugierig, so leichtfüßig und heiter gewesen, vielleicht lag es an dir – wann immer ich in Hamburg war, schien die Sonne. St. Georg und St. Pauli, das waren Heilige, die mir sehr gefielen. Sündige Meilen und fromme Namen habe ich schon immer gern gehabt. Du zeigtest mir deine vertrauten Straßen und Kneipen. Wir mochten uns trotz aller Unterschiedlichkeit von Anfang an. Ich bewunderte deine Menschenfreundlichkeit und versuchte, von ihr zu lernen. Du gabst keine verlorene Seele ganz verloren, das prädestinierte dich für deinen Erzählraum, die Gerichtssäle. Du hast sehr viele verschiedene Dinge gemacht und trautest sie dir auch zu. Das war wichtig, auch da konnte ich dir manches abschauen. In der Kulturwelt, nicht nur in der von damals, wurde man gern in A-, B- und C-Kategorien gesteckt, da hatte man gefälligst zu bleiben. Journalistin war für manche Hochkulturellis etwas Verächtliches. Den ganzen Schubladenquatsch souverän zu ignorieren und seinen unabhängigen Platz zu finden war gar nicht einfach, zumal als Frau. Aber du warst eine zähe Elfe.
Ob das Alter dich manchmal geärgert, genervt, verzagt gemacht hat? Man konnte dir nichts dergleichen ansehen, und du bist deiner Buntheit in jeder Beziehung treu geblieben. Ich, die ich mich längst von meiner roten Mähne verabschiedet hatte, bewunderte dich für die triumphierende Prächtigkeit, mit der du die deine trugst.
Du wirst mit etwas Einzigartigem zu Grabe getragen.
Mit der großen Liebe von vielen ganz unterschiedlichen Menschen.
Mehr kann man nicht erreichen, Bella.
Ciao.
Erstellungsdatum: 19.03.2025