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Porträt der Künstlerin Gabriele Muschel

Besuch im Atelier

Marion Victor


Gabriele Muschel (2026). Foto: Alexander Paul Englert

Die Frage, wer und was bin ich, ist für Gabriele Muschel das Leitmotiv ihres künstlerischen Werks. Das Augenmerk ihren Arbeiten richtet sich stets auf das, was sich nicht anders als mit Kunst mitteilen lässt. Hierbei sind ihre Möglichkeiten keineswegs beschränkt. Von der Detailgenauigkeit ihrer Tierbilder bis zur Beschränkung auf das Allernotwendigste in ihren getuschten Arbeiten vermittelt jedes ihrer Werke eine souveräne und beeindruckende Kraft. Marion Victor hat die eigenwillige und willensstarke Künstlerin in ihrem Atelier besucht.

 

Ein Hinterhaus im Frankfurter Nordend ist Gabriele Muschels Atelier. Auf zwei Stockwerken in Graphikschränken, in großen Rollen, in Regalen, auf Schränken und an die Wand gelehnt stapelt sich ihr umfangreiches Werk, das in den vergangenen mehr als 50 Jahren entstanden ist. Dazwischen zeugen verschiedene Schreibtische mit angefangenen Arbeiten davon, dass ihr Werk noch längst nicht abgeschlossen ist.

Abb.1 und 2. Fotos: Marion Victor

Schon beim Betreten des Hauses ist klar, mit einem einzigen Besuch lässt sich die Fülle des Werkes nicht erfassen. Beschrieben werden können hier nur einzelne Werkgruppen. Zwischen den Zeichnungen und Bildern hängen Fotografien. Auch in Gabriele Muschels jüngstem Katalog „Doppelgänger“(1) ist das Thema zeichnerisch und fotografisch verarbeitet. Auf die Fotoarbeiten will ich hier nur hinweisen, obwohl die Fotografie immer auch fester Bestandteil ihrer künstlerischen Auseinandersetzung ist.

In den 70er Jahren war Gabriele Muschel vor allem mit inszenierten Fotografien an Ausstellungen von Frauen in Frankfurt, Darmstadt, Bonn und Berlin beteiligt. Versuchsfeld in diesen Arbeiten war der eigene Körper. Gequetschte, verzogene und verschobene Hautflächen wurden Gegenständen, wie einer Seife, Schere oder Palmeninsel, gegenübergestellt. Gisela von Wysocki schrieb über eine dieser Arbeiten: „Man sieht […] den Körper plötzlich als Versuchsfeld, als offene, noch unbekannte Zone, als Phantasielandschaft.“(2) Diese Arbeiten sind künstlerischer Ausdruck der Nähe Gabriele Muschels zur Frankfurter Frauenbewegung.(3)

Abb. 3: Gabriele Muschel, Ohne Titel, 1988, Tusche und Acryl, 35x50cm. (Foto der Buchseite)


Nicht zuletzt durch diese Nähe zur Frauenbewegung entstand die Frage, wer und was bin ich. Sie wird zu einem Leitmotiv durch ihr gesamtes künstlerisches Werk – bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Werkgruppen. In einer der oberen Schubladen des großen Graphikschrankes liegen die Zeichnungen aus der Zeit Ende der 80er Jahre. Hier wird deutlich, dass sie in der zweiten Hälfte der 80er Jahre das Thema nach der eigenen Existenz durch ethnologische und kulturanthropologische Studien unterfütterte. So entstand eine Reihe von Zeichnungen, auf denen eine nicht näher definierte Person, die man aufgrund ihres großen Kopfes und ihrer nicht eindeutigen Geschlechtszugehörigkeit als Kind beschreiben kann. Auf einer dieser Zeichnungen von 1988 schaut dieses Wesen (vielleicht doch eher ein Mädchen?) erstaunt auf eine blutrote ausgefranste Lache, als frage es sich, was das wohl sein möge, woher das komme, was das wohl bedeuten möge. (Siehe Abb.: 3) Der Raum, in dem Fleck und dieses Wesen sich befinden, gibt keinerlei Hinweis auf eine Erklärung; er ist kaum gestaltet. Er bliebe papierne Fläche, wäre da nicht ein kräftiger schwarzer Strich, der zwischen den Beinen der Figur hindurchgeht. Es entsteht ein Dahinter und Davor, ein Oben und Unten. Durch diese auf ein Minimum reduzierten Definitionen rückt das Geschehen des Betrachtens von dem roten Fleck ganz in den Vordergrund ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Damit öffnet sich auch das Feld ganz persönlicher Assoziationen und Fragen für den Betrachter beim Betrachten. 

Abb. 4: Gabriele Muschel, Ohne Titel, 1990, Tusche und Acryl, 43x30,5cm

Ähnlich bei einer nächsten Zeichnung von 1990. Sie ist noch reduzierter in ihren Mitteln. (Siehe Abb. 4) Die Farbe ist hier noch sparsamer eingesetzt. Eine Figur ohne sichtbare Beine und Füße hockt mit verschränkten Armen am unteren rechten Rand einer blassblauen Fläche. Außerhalb dieser Fläche weiter unten in der linken Ecke des Blattes ein schwarzes Knäuel. Die Figur schaut in Richtung Knäuel mit großen Augen, die die Schwärze und das runde Etwas widerzuspiegeln scheinen. Begrenzt wird hier der Raum durch eine gebogene Linie im oberen Drittel des Blattes. Fragen wie, was ist das für ein Knäuel, was für eine Beziehung besteht zwischen dem Ding und der Person, oder wird sie beherrscht von Ängsten oder spricht diese Körperhaltung für ein geduldiges Abwarten, vielleicht sogar für eine skeptische Neugierde? Die Fragen der Figur werden unversehens zu Fragen des Betrachters.

Und ein drittes Blatt in dieser Schublade zum Thema „Sehen“ sticht mir ins Auge. (Siehe Abb. 5)

Abb. 5: Gabriele Muschel, Ohne Titel, 1990, Acryl und Tusche, 43x30,5cm


Das Thema bekommt hier noch eine zusätzliche nachdenkliche Komponente dadurch, dass auf der Rückseite des Kopfes dieser Figur mit wenigen kurzen Strichen und Verdickungen ein Totenschädel angedeutet ist. Während die dunkle Augenhöhle auf der Rückseite des Schädels nach oben ins Leere schaut und einen weißen Strahl aussendet, blickt die Figur gespannt hinab in die wässrig blaue Fläche. Die Hand darin scheint, um besser sehen zu können, etwas zur Seite zu schieben oder auf etwas hinzuweisen. Schwebt dort am unteren rechten Bildrand ein lungenähnliches Gebilde getrennt vom Körper frei herum? 

Anfang der 90er Jahre nun verschob sich Gabriele Muschels Interesse von der Kulturanthropologie hin zur Ethnologie. Mit der zoologischen Gesellschaft unternahm sie eine Reise nach Tansania und beobachtete mit den Wissenschaftlern zusammen Tiere in der freien Wildbahn. In der Folge entsteht ab 1994 eine Serie von Zeichnungen mit affenähnlichen Wesen.

Abb. 6: Gabriele Muschel, ohne Titel, 1994, Graphit und Schellack, 40x30cm

In einem zeit- und ortlosen Raum umarmt ein Affe eine Frau – oder umgekehrt. (Siehe Abb. 6) Die Augen beider sind geschlossen, die Umarmung scheint innig. Die Körper sind unter der Decke des Papiers verschwunden. Ein paar blaßockerfarbene Kringel umspielen das Paar. Der Gegensatz Mensch – Tier ist aufgehoben. Wie schon bei den Zeichnungen, die Ende der 80er Jahre entstanden sind, sind auch hier die beiden Köpfe in einer einfachen Umrisslinie genau erfasst, die den Charakter der Figuren bestimmt.

Abb. 7,8,9: Gabriele Muschel, Ohne Titel, 1996, Pastellkreide auf Tonpapier, 35x25cm

In einer anderen dicken Mappe befinden sich ca. 50 Zeichnungen aus dem Jahr 1996, alle sind gleich groß, auf allen geht Gabriele Muschel mit Pastellkreide auf Tonpapier der Frage nach, wie wichtig Augen sind, ob sie Figuren, die keine Augen haben, einen Ausdruck geben kann. (Siehe Abb. 7,8 und 9) Wie in den vorangegangenen Zeichnungen stehen die Köpfe auch hier ohne einen Umraum auf dem Blatt. Auf der Mehrzahl der Pastellzeichnungen sind die Augen nur schmale Schlitze. Die Augäpfel sind nicht zu sehen. Die Gesichtszüge erscheinen maskenhaft. Es fragt sich, ob die Figuren überhaupt etwas sehen. Oder schauen sie vielleicht nach innen? Ihre Individualität erhalten die Köpfe neben der Haltung durch Zusätze wie eine Kette, einen spitzen Hut, eine merkwürdige Frisur. Trotz aller Maskenhaftigkeit in der Reihung ergibt sich ein verrückt charaktervolles Kabinett.

1997 erhielt Gabriele Muschel den Maria Sybilla Merian-Preis des Landes Hessen. Dieser Preis, so erzählt sie, habe ihr den Mut und das Zutrauen gegeben, sich nach Borneo zur Forschungsstation für Orang-Utans ‚Camp Leakey‘ aufzumachen, die 1971 von der Zoologin Birute Galdikas 1971 gegründet worden war. Einen Monat blieb sie dort und begleitete täglich einen Ranger, der sich um die ausgewilderten Orang-Utans im Urwald kümmerte. Zurück brachte sie unzählige Fotos vom Urwald und seinen Tieren. Dieses intensive Erlebnis wirkte nach in vier großformatigen Porträts von Orang-Utans (240-270x150cm!), die sie mit dem Graphitstift auf Zeichenpapier brachte. (Siehe Abb.1 dort hängt links im Bild eine der Zeichnungen, allerdings zum Schutz mit Zellophanpapier abgedeckt.). Im Anschluss ergänzte sie die vier Porträts durch ebenfalls je vier Porträts von Schimpansen, Bonobos und Gorillas. Ähnlich wie in den vorangegangenen Werkgruppen verzichtet Gabriele Muschel auf ein wie auch immer geartetes soziales Umfeld; der einzelne Kopf steht ohne Rumpf und Raum auf dem Blatt und schaut den Betrachter an. Diese Riesenporträts beeindrucken durch ihre Größe, ihre Genauigkeit, die auf die Individualität jedes einzelnen Geschöpfs verweist, und durch den intensiven Blick, mit dem der Betrachter sich anschauen lassen und sich den Fragen der Menschenaffen stellen muss. – Nach Ausstellungen der Primaten am Landesmuseum in Wiesbaden und am Ostwall Museum im Dortmunder Museum Ostwall waren zuletzt drei der Orang-Utans in den Rüsselsheimer Opelvillen 2020/2021 ausgestellt.(4)

Abb. 10: Gabriele Muschel, Ohne Titel, 1995, Acryl und Fotokopie, 35x25 cm

Die Kombination von Mensch und Tier gipfelt in der Serie „Insekten“ von 2001/2002. Dabei gibt es erste Anklänge bereits ab 1994 (siehe Abb. 6). 1995 lotet Gabriele Muschel in einer ersten Versuchsreihe von 22 Collagen aus Fotokopie und Zeichnung die Möglichkeiten einer solchen Kombination aus. Eine dieser Arbeiten ist zurzeit in der Crespo Foundation in der Ausstellung „Die Zeit hat kein Zentrum“ zu sehen, und zwar die Zusammenfügung von Eleonore Duse mit einem Chamäleon. Die Abbildung hier (Abb. 10) zeigt die Collage einer Fotokopie eines Cranach-Bildnisses von Martin Luthers Tochter mit einer Landschildkröte.

Abb. 11 und 12: Gabriele Muschel, ohne Titel, 2001, Rapidograph und Aquarell auf Zeichenkarton

In der Serie „Insekten“ fügt die Künstlerin Körperteile von Insekten mit menschlichen Figuren zusammen. Es sind zarte Gebilde, die an das ebenso zerbrechliche wie widerstandsfähige Chitin der Körperhüllen von Insekten erinnern. (Siehe Abb. 11 und 12) Der Umriss ist mit einem Rapidograph gezeichnet. Der Körper mit stark verdünnten Aquarellfarben getönt. Diese Hybriden stehen auf einer großen weißen Papierfläche, sie stehen nicht in einer realen Welt, sondern sind ganz Geschöpfe der Künstlerin. Und doch knüpfen sie an Erfahrungen des Betrachters an, denn sie amüsieren und erschrecken gleichzeitig.

Abb. 13: Gabriele Muschel, Schaukel (Erinnerung das Trauma Kindheit), 2012, Aquarell, Bleistift, Farbstift, 29,7x42cm

Abb.14: Gabriele Muschel, Im Dickicht, 2012, Kohle und Pastellkreide, 150x220cm

In dem Katalog „Doppelgänger“ schreibt Verena Auffermann über Gabriele Muschels Bildfindungen aus dem Jahr 2012 und verweist auf Annette von Droste Hülshoffs Gedicht „Spiegelbild“ und die Zeile: „Wie Spione sich umschleichend.“ Diese Beschreibung trifft sowohl auf die Zeichnung mit den beiden Mädchen auf einer Schaukel (Siehe Abb. 13) zu wie auf die drei gesichtslosen, bedrohlich wirkenden Gestalten, die fast in Lebensgröße durchs Dickicht auf den Betrachter zukommen (Siehe Abb. 14). In ihren Doppelgängern verbinden sich die verschiedenen Themen neu. Die Fragen nach dem Ich und die Erfahrungen durch das beobachtende Sehen verschmelzen. Wolfgang Hilbigs Zeile „Und dennoch war es, als blicke er von außen zu sich herein.“, hat Gabriele Muschel ihren Zeichnungen zur Seite gestellt. Das Sehen nach Innen wird bei ihr zum erschreckenden Erkennen.

Abb. 15: Gabriele Muschel, Ohne Titel, Kohle und Acryl, 1991, 30,5x43cm

In der Beobachtung der Ähnlichkeit von menschlichen und tierischen Verhaltensweisen nimmt Gabriele Muschel keine Priorisierung vor. Über die Jahrzehnte ihrer künstlerischen Arbeit nimmt diese Auseinandersetzung in verschiedenen Aspekten unterschiedliche Gestalt an. So zum Beispiel bereits in der Zeichnung (Siehe Abb. 15) von 1991, in der ein Erdhörnchen sein Gegenüber betrachtet und sich zu fragen scheint, warum der einen so komischen roten Hut aufhat. – In all ihren Arbeiten fordert Gabriele Muschel den Betrachter auf und damit heraus, im Sehen nachzudenken.

(1) Katalog Gabriele Muschel, Doppelgänger, Frankfurt 2018.

(2) Gisela von Wysocki, in: Katalog „Erotik“ Frauen Museum, 1986, Bonn, S. 68.

(3) Ihre beiden Ausstellungsbeteiligungen 1977 im Frankfurter Kunstverein „Künstlerinnen international 1877-1977“ und im Hessischen Landesmuseum Darmstadt „Subjekt-Medium-Objekt in der Kunst der Frauen“ bezeugen dies.

(4) Alle 16 Porträts waren 1999 im Museum Wiesbaden ausgestellt.

 

 

 

 

Erstellungsdatum: 07.03.2026