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Francois Ozons Verfilmung „Der Fremde“ von Albert Camus

Ca m’est égal

Claus Leggewie


Der Fremde (2025). Filmplakat/Ausschnitt

Wer ist hier der Fremde? Der Araber, weil er kein weißer Franzose ist? Das ließe ein rassistisch-nationalistisches Motiv zu. Oder ist es das gesamte Ambiente samt toter Mutter? Das deutete auf eine autistische Persönlichkeit. Oder ist der Fremde Mersault selbst, der wegen völlig fehlender Empathie keine menschlichen Beziehungen kennt? Gleichgültigkeit ist in Albert Camus‘ „Der Fremde“ nicht nur ein philosophisches Problem. Claus Leggewie schreibt über François Ozons aktuelle Verfilmung des Romans.

 

Gleichgültigkeit ist keine hochbewertete Haltung in Zeiten einer robusten Achtsamkeits- und Wertschätzungsrhetorik. Wer dieser verpflichtet ist, sollte sich den Kinobesuch zu François Ozons jüngstem Film „Der Fremde“ sparen – es sei denn, jemand möchte seine Einfühlungsfähigkeit an einem Menschen testen, dem offenbar alles egal, also eben „gleich gültig“ zu sein scheint. Der während eines heißen algerischen Sommers der Beerdigung seiner Mutter wie ein Unbeteiligter beiwohnt, eine kühle Affäre mit Marie beginnt und – „einen Araber getötet hat“. Mit diesem Satz betritt Mersault die düstere Gemeinschaftszelle (voller Araber). Auch da bleibt er, abgesehen von der Irritation durch die tags wie nachts drückende Hitze, sachlich und distanziert und beschreibt, was geschehen ist, als sei er ein entfernter Zeuge seiner Tat. Und stets ein aufmerksam-abständiger Beobachter seines monotonen Angestelltendaseins und der „sanften Gleichgültigkeit der Welt“ (Camus).

Der Beginn des Romans „L’étranger“ lautet: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.“ Ozon übersetzt das mit dem Vorzeigen des Telegramms und seiner Vorlage beim Vorgesetzten, der ihm seufzend zwei Tage für das Begräbnis in einem abgelegenen Altersheim freigibt. Die Gleichgültigkeit wird ihn vor Gericht und unters Fallbeil bringen, was er erneut wie ein Zuschauer zur Kenntnis nimmt. Die Filmkritik lobt überwiegend die Genauigkeit, mit der Ozon und sein Kameramann Manuel Dacosse die Romanvorlage ins Bild gesetzt hat; verfehlt ist der gelegentliche Tadel, er habe damit bloß Klippschule für die Oberstufe geliefert oder bald hundert Jahre nach dem Erscheinen eines Romans, der im kolonialen Algerien der Dreißigerjahre spielt, keine postkoloniale Sensibilität an den Tag gelegt.

Allerdings bekommt das anonyme Opfer, anders als im Roman, einen Namen, Moussa Daoud; er steht in Arabisch auf dem Grab, an dem Moussas Schwester (auch sie bekommt im Film einen Namen, Djemila) trauert. Das Gericht verurteilte weniger einen Mord, der in Algerien seinerzeit alle Tage geschah und ungesühnt blieb (und später genozidale Dimensionen annahm), als das Ausbleiben von Tränen am Sarg der Mutter, weshalb die Geschworenen auch keine mildernden Umstände gelten lassen. Gewiss ist ein Mord ein Mord, aber im Film erscheint er dann doch, anders als im Roman, rassistisch motiviert oder gefärbt, als Rache eines Algerienfranzosen an arabischen Unruhestiftern. Worauf es bei dem Algerienfranzosen Camus eben nicht hinauslief. Schon Kamel Daouds Romanadaptation „Meursault. Une contre-enquête“ (2014) legte weniger historische Gleich-Gültigkeit an den Tag, und Ozon eröffnet den Film mit einer zeitgenössischen Wochenschau, die die Algérie francaise“ preist. Auch legt er zum Ende Djemila nach dem Urteilsspruch den Satz in den Mund, der Franzose solle nach Hause gehen. Maries Antwort, er sei doch hier zuhause, entlockt ihr nur ein bitteres Lachen und einen verständnislosen Blick.

Für die Würdigung von Camus‘ Original verweise ich gerne auf Reinhard Baumgarts Artikel vom 21. September 1979 in der ZEIT. Heute von Interesse ist zum einen der biografische Hintergrund des Romans, der 1942 mit dem Placet der deutschen Besatzungsmacht in Paris herauskam, aber 1940 wenige Tage vor dem Beginn des deutschen Blitzkriegs gegen Frankreich bereits abgeschlossen war. Für Camus war das eine Art Gleichgültigkeits-Interim, nachdem er enttäuscht die Kommunistische Partei Frankreichs verlassen und den „Mythos des Sisyphus“ verfasst hatte, und dem Beitritt zur Widerstandsgruppe (und Zeitung) „Combat“. Insofern sind beide Werke, die Camus erste Berühmtheit in Frankreich einbrachten, weniger die Zeitdiagnose einer gleichgültig hingenommenen Niederlage und bereitwilligen Anpassung der Franzosen als deren Vorhersage, dass man alles nehmen würde, wie es kam. „Damals dachte ich oft: hätte ich in einem hohlen Baumstumpf hausen und immer nur den Himmel über mir betrachten müssen, ich hätte mich auch daran gewöhnt,“ heißt es im Roman.

Francois Ozon wollte nach eigenem Bekunden ursprünglich einen Film über „einen jungen Mann von heute“ drehen. Bei einem jungen Mann unserer Epoche, der eventuell Wehrdienst leisten soll und an eine Front abkommandiert wird, also Position beziehen müsste, könnte die an Mersault ausgestellte Gleichgültigkeit auch eine heutige Haltung sein. Würde er vor autoritären Gewalten und Okkupanten zurückweichen und sich ins Innenleben verziehen? Oder eine innere Gegenkraft aufbringen, die heute mit dem Modebegriff Resilienz belegt wird? Oder rafft er sich, wie Mersault am Ende des Romans und Films in der Auseinandersetzung mit dem Pfarrer, zur Revolte auf? Wenn man sich auf die von Benjamin Voisin exzellent dargestellte Hauptfigur einlässt, besticht ihre Gelassenheit, ihr Wirklichkeitssinn und die Einsicht in die Absurdität menschlicher Sinnsuche in finsteren Zeiten, ohne dass diese Gleichgültigkeit in Nihilismus umschlagen muss. Stéphane Hessel hat diese Haltung verdammt: „Am schlimmsten ist es, wenn man sagt: ‚Damit habe ich nichts zu tun. Das ist mir egal.‘ Wer sich so verhält, verliert eine der wesentlichen und unverzichtbaren Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit zur Empörung und das Engagement, das daraus erwächst“. Daran möchte man sicher gerne festhalten. Aber Camus‘ Leben und Werk belegt, dass es in der Geschichte aporetische Situationen gibt, in der die harte Gleichgültigkeit der Welt dem Einzelnen wenig Spielraum lassen, das Richtige zu tun. Sein Versuch, „moderate“, kompromissbereite Vertreter der algerischen Befreiungsbewegung und der Algerienfranzosen zusammenzubringen, scheiterte 1956 eklatant.


Offizieller Trailer

Erstellungsdatum: 13.01.2026