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In der öffentlichen Anerkennung gilt der Kleinkriminelle oft als verachtenswert, wohingegen der Serien- oder Großverbrecher mit offener oder heimlicher Bewunderung rechnen kann. Im Fall des Banknotenfälschers Czesław Jan Bojarski tat die Hochschätzung seiner handwerklichen Meisterschaft ein übriges. 13 Jahre lang konnte er mit seiner Frau von diesem freien Gewerbe leben. Ebenso lange ging er dafür ins Gefängnis. Rainer Erd hat die Geschichte des honorigen Künstlers – zumal sie jetzt in die Kinos kommt – in seine Pariser Geschichten aufgenommen.
13 Jahre nach seiner Verurteilung verlässt Czesław Jan Bojarski das Pariser Gefängnis La Santé im ehemaligen Künstlerviertel Montparnasse und ist ein freier Mann. Drei Jahre früher als ihn der Richter im Jahr 1966 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt hatte, nachdem er 1964 verhaftet und in Untersuchungshaft gebracht worden war. Als das Urteil im Justizpalast auf der Île de la Cité gesprochen war, reagierte die Presse teils mit Unverständnis, teils mit Freude darüber, dass einem der bekanntesten „Verbrecher“ der französischen Nachkriegsgeschichte endlich das Handwerk gelegt worden war.
Die ihm wohlgesonnen waren, verurteilten die französische Gesellschaft, die den Fall Bojarski aus ihrer Sicht erst möglich gemachte hatte. Denn Bojarski war alles andere als ein klassischer Straftäter, sonst wäre er nicht drei Jahre früher wegen guter Führung aus dem Gefängnis entlassen worden. Natürlich, er hatte Straftaten begangen, die vom französischen Recht für unzulässig erklärt sind, aber – so seine Sympathisanten – hätte die französische Gesellschaft ihn nicht in eine ausweglose Situation gebracht, wäre er, wie vor Beginn seiner Straftaten, ein unbescholtener Bürger geblieben. Mehr noch, er hätte sich vermutlich als Erfinder einen Namen gemacht und seine patentrechtlich geschützten Werke in großem Stil vermarkten können. Weil er seine technisch-künstlerischen Fähigkeiten kannte, wollte er auch entsprechend dieser Qualifikationen leben. Wenn dies auf rechtmäßigem Wege nicht möglich war, dann auf rechtswidrigem. Czesław Bojarski
Dass Bojarski über hohe künstlerische Fähigkeiten verfügte, konnte man schon der Tatsache entnehmen, dass der für ihn zuständige Kriminalkommissar 13 Jahre benötigte, um ihn zu identifizieren. Seine Verhaftung dann war nicht die Folge eines „Fehlers“ von Bojarski, sondern eines Mitarbeiters, den er nach jahrelanger einzelgängerischer Tätigkeit schließlich engagiert hatte. Als ihn ein Teil der Presse nach seiner Verurteilung als „Cézanne des Falschgeldes“ bezeichnete, hatten sie seine gefälschten Scheine mit denen der Banque de France verglichen und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass kein Unterschied festzustellen war. Manche sprachen sogar davon, dass die berühmten Napoleon-Noten durch ihn schöner geworden seien, als dies staatlichen Grafiker vermocht hatten.

Das Studiums am Danziger Polytechnikum, wo der 1912 im polnischen Łańcut geborene Bojarski in Ingenieurwissenschaften einen Abschluss machte und sich mit ersten Erfindungen zu profilieren versuchte, war eine gute Voraussetzung für die spätere Qualifikation als Fälscher. Nach dem 2. Weltkrieg musste er seine polnische Heimat verlassen und floh nach Frankreich. Da er ohne Papiere in seiner neuen Heimat ankam, verweigerten ihm die französischen Behörden die offizielle Ausübung eines Berufs und auch seine Erfindungen eines Elektrorasierers und Deodorants fanden kein Gehör beim zuständigen Patentamt.
Die berufliche Aussichtslosigkeit des Hochbegabten und seine damit verbundene finanzielle Not ließen ihn darüber nachdenken, wie er sich beruflich anders verwirklichen und seine Familie ernähren könne. Zunächst suchte er über Mittelsmänner seine Erfindungen zu vermarkten. Als er jedoch bemerkte, dass diese aus seiner Not finanziellen Gewinn schlugen und ihm nur einen Teil des mit seinen Erfindungen erzielten Erlöses zukommen ließen, beschloss er, sich als „Einzelunternehmer“ zu versuchen. Aus dem Erfinder wurde der Fälscher Bojarski. Es dauerte nicht lange, da hatte er gelernt, Banknoten so perfekt zu fälschen und unter die Leute zu bringen, dass er jahrelang unentdeckt blieb.
Aus einer Mischung verschiedener Substanzen stellte er Papier her, das weder die Experten der Banque de France noch die Polizei zunächst als gefälscht identifizieren konnten. Neben verschiedenen Substanzen vermischte er Zigarettenpapier, das er im Wege umfangreicher Reisen durch den Süden Frankreichs in großer Stückzahl erwarb. Da er aus Sicherheitsgründen diese Mengen in jeweils unterschiedlichen Örtlichkeiten erwarb, war er viel auf Reisen. Die Fälschungen erfolgten dann in seinem kleinen Haus in Montgeron, südöstlich von Paris, zunächst selbst ohne Kenntnis seiner Frau. Die gefälschten Scheine brachte er durch Einkäufe in den Geschäftsverkehr, wiederum an unterschiedlichen Örtlichkeiten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen.
So brachte es Bojarski ohne staatliche Arbeitserlaubnis und ohne patentrechtlich geschützte Werke zu einem gewissen Wohlstand. Zwar wurden die von ihm in Umlauf gebrachten Scheine nach einer gewissen Zeit als Fälschung identifiziert. Da er seine Tätigkeit jedoch allein ausübte und sich seine Frau, die die Fälscher-Werkstatt dann schließlich doch entdeckte, diskret verhielt, konnten die Bojarskis über 13 Jahre zwar kein unbeschwertes, aber ein finanziell ausreichendes Leben führen. Bis Bojarski dann eines Tages ein in Not geratenes Familienmitglied unterstützte und von ihm als Gegenleistung Dienste verlangte. Der Verwandte ließ die von Bojarski über Jahre befolgten Sicherheitsregeln außer Acht und brachte damit den ihn verfolgenden Kommissar auf seine Spur. 13 Jahre Gefängnis waren die Folgen der Unachtsamkeit.
Diese in Paris allseits bekannte Geschichte hat der französische Filmregisseur Jean-Paul Salomé unter dem Titel „L’Affair Bojarski“ in die französischen Kinos gebracht, in Deutschland läuft er seit dem 30.07.2026 als „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski“. Salomé hat den Film gegenüber der realen Geschichte zu einem Kampf von Kommissar und Bojarski verdichtet und ein paar Episoden hinzugefügt, die sich nicht ereignet haben. Er versteht es dennoch großartig, einen der größten Skandale der französischen Nachkriegsgeschichte einem Publikum nahezubringen, das sich für gesellschaftliche Affären in Frankreich vor der Zeit der Studentenbewegung interessiert. Unbedingt anschauen!

Kinoplakat:
Der Perfekte Schein.
Der Fall Czesław Jan Bojarski
Erstellungsdatum: 09.08.2026