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Ewart Reder über Lola Landaus „Variationen der Liebe“

Das Besondere, das schwer zu ertragen ist

Ewart Reder


Lola Landau 1920, Fotograf: unbekannt. „Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else-Lasker-Schüler-Zentrum – Sammlung Gerhard Schneider“

Es geht wieder um Thema Nr. 1. In sieben Kapiteln beschäftigen sich sieben männliche und sieben weibliche Personen mit dem, was man heute pauschal Sex nennt. Geschrieben hat den Reigen Lola Landau, die 1892 in Berlin geboren wurde, nach 1910 erste Gedichte im Berliner Tageblatt veröffentlichte, als Lehrerin arbeitete, nach zwei Ehen und der Machtübernahme der Nazis 1935 nach Palästina floh, schrieb dort bis zu ihrem Tod 1990 in Jerusalem weiter Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele. Ewart Reder hat die 1973 erschienenen „Variationen der Liebe“ aufgefunden.

 

Ein „tonreines, makelloses Deutsch“ habe sie geschrieben, besitze den „Rang einer großen Dichterin“, schrieb Eugen Gerstenmaier bei Erscheinen des Buchs über dessen Autorin Lola Landau. Beides darf in Ruhe bezweifelt werden. Der Ausdruck in diesen Erzählungen ist nicht immer sicher, mitunter schief. Und es liegt viel Konvention beziehungsweise mühsam gebändigte Konzeption in ihnen. Mir kommt ein anderer Gedanke, kein schöner: Hätte sich ein größeres schriftstellerisches Talent hier betätigt, wären die Juwelen von der Fassung überdeckt worden, vielleicht sogar unbemerkt aus ihr herausgefallen. Das wäre ein ungleich schwererer Verlust als die paar Kunstpunkte, die die Ambition der Schreibenden hat liegen lassen.

Sieben Mädchen und Frauen lieben sieben Jungs und Männer, und umgekehrt. Darum geht es in dem Buch der israelischen, muttersprachlich deutschen Autorin, nebenbei der langjährigen Ehefrau des Schriftstellers Armin T. Wegner. Auch die Frauen, auch die Männer unterliegen der Konvention, bewegen sich unfrei im Korsett gesellschaftlicher Erwartungen, folgen dem Anstand bereitwilliger als dem, was ansteht nach dem Lehrplan der eigenen éducation sentimentale. Was damit aber erreicht wird, ist mehr, als Henry Miller, der mit Sicherheit bessere Schriftsteller der Liebe, jemals erreichte: die Bergung der Figuren in wahrer und erlösender Liebe vonseiten anderer Figuren. Keiner muss sein, was er nicht ist, alle werden im Zoom der beschreibenden Optik zu Menschen, die wirklich geliebt wurden und damit in einer ganz anderen Welt leben als die allermeisten Erzählfiguren und ja, auch die allermeisten Menschen.

Hat es damit zu tun, dass Gender und Sex hier noch in einem vormodernen Dornröschenschlaf beieinander liegen? Viele heutige Leserinnen und Leser werden es so empfinden. Mann und Frau haben unterschiedliche Aufgaben, für die sie sich auch zu ‚eignen‘ scheinen, um nicht zu sagen: geschaffen sind. Mir erscheint das aber auf den zweiten Blick durchaus gesellschaftlich aufgefasst. Frauen sind so erzogen, dass sie Grenzen nicht überschreiten sollen, müssen es jedoch, wenn sie glücklich werden wollen. Männer dagegen überschätzen sich generell und planvoll, damit sie in der Männergesellschaft ihre Dominanz nicht verlieren – was sie außerplanmäßig zu Helfern von entwicklungswilligen Frauen qualifizieren kann. Andererseits macht es sie der erlösenden Nüchternheit von Frauen bedürftig, die sie so sehen, so nehmen und annehmen, wie sie sind. Für den heutigen Blick kaum zu ertragen ist, dass die meisten initialen oder wiedergeburtlichen Beischlafszenen des Buchs nicht das Kriterium ‚einvernehmlich’ erfüllen. Erkennbarer bis klar artikulierter Widerspruch der Frau wird übergangen, überrannt vom Mann, der seinem Geschlechtstrieb willenlos ausgeliefert scheint. In allen Fällen geht das gut, führt zu dem gerade von der Frau ersehnten Ergebnis. Aber bitte den Titel des Buchs nicht vergessen! Die Autorin hätte mit Sicherheit fünf bis zehn Mal mehr Szenen zu bieten, die nichts als das beschämende und erbitternde Resultat männlicher Gewalt vermelden würden. Nur wären das keine Liebesszenen in dem Sinn, der hier zugrunde liegt. Diese Geschichten erheben das Wohl der jeweils geliebten Person zur letzten Instanz, entscheidend für die Beurteilung allen Vermögens und Verhaltens des Liebenden. Nach dem Maßstab wird abgerechnet. Und sieben Mal bleibt tatsächlich Liebe übrig, – wenn die sich auch fast überall erfinderischer und damit reiner (und weniger anstößig für heute Lesende) hätte betätigen können. In dem Buch gehen übrigens auch alle Geschichten ‚gut aus‘ – ein Witz? Naivität? Weltfremdheit? Nein, eine Überzeugung, und zwar von der alles andere überwindenden Macht der Liebe.

Schon die „Kinderliebe“ der ersten Erzählung proklamiert sie, als Geheimnis hinter dem Geschlechtsleben. Ein Elfjähriger doziert darüber vor seiner zehnjährigen Ferienfreundin, während man Schmetterlingen zuschaut:
„‚Bei den Hunden geht es langsamer. Die kleben zusammen. Und bei den Menschen …‘ Er stockte. ‚Ich weiß nämlich alles genau.‘
‚Ich auch‘, sagte Gabi. ‚Als mein Vater es mir erklären wollte, wußte ich es schon. Das Wichtigste hat er mir aber nicht erklärt.‘
‚Was denn? Welches Wichtigste?‘
‚Das, was anders ist bei den Menschen als bei den Tieren. Warum sie so viel davon hermachen. Das Geheimnisvolle.‘
‚Es ist nicht geheimnisvoll‘, sagte Martin. ‚Es ist eben Natur.‘
‚Nein‘, widersprach Gabi. ‚Warum macht es nicht jeder mit jedem? Warum wählen sie aus, den Besonderen, mit dem sie es tun? Aber vielleicht ist es bei den Schmetterlingen auch so. Daß der eine Schmetterling sich den Besonderen wählt, mit dem er es tut.‘

Lola Landau
Variationen der Liebe
Sieben Erzählungen
216 S., geb.
ISBN-10: 3805621043
Hohenstaufen Verlag, Bodmann/ Bodensee 1973 
 
 
 
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Erstellungsdatum: 11.10.2026