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Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit

Das Bockenheimer Netzwerk

Doris Stickler


Heinz Welke. Foto: Privat

Das mutige Handeln der im „Bockenheimer Netzwerk" engagierten Menschen war lange unbekannt. Erst die Soziologin Petra Bonavita fand im Rahmen ihrer Recherchen zu Rettern und Helfern in Frankfurt um die Jahrtausendwende heraus, dass der Theologe Heinz Welke und das Arztehepaar Fritz und Margarete Kahl die Köpfe einer Gruppe von NS-Gegnern waren, die Unterschlupfmöglichkeiten, Fluchtwege und falsche Papiere für Jüdinnen und Juden organisierte. Die Autorin mehrerer Bücher über die NS-Gräuel hat Doris Stickler von ihren Recherchen und von Pfarrer Welke erzählt.

 

Die Jahre im Widerstand hatten bei Heinz Welke deutliche Spuren hinterlassen. Seine spätere Ehefrau Annemarie lernte ihn 1941 „ausgemergelt, krank durch die Folterhaft“ und in einen „zerfransten Mantel“ gehüllt kennen. Da war der evangelische Theologe 30 Jahre alt, bereits mehrfach in die Klauen der Gestapo geraten und aus Hessen verwiesen. Das hinderte ihn nicht am Weitermachen. Die schweren Misshandlungen und die im Kerker zugezogene Knochentuberkulose nach der Gestapo-Haft 1939 nährten nur seinen Widerstandsgeist. 

Es war vor allem ein Satz aus dem Matthäusevangelium, der Heinz Welke den Weg durch die dunklen Zeiten wies: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“. Aus diesen Worten schöpfte der Pfarrer die Kraft, sein Leben zu riskieren um das vieler anderer zu retten. Als eine Historikerin kurz vor seinem Tod von ihm wissen wollte, warum er 1940 aus der sicheren Schweiz nach Deutschland zurückgekehrt sei, fragte Heinz Welke erstaunt zurück: „Wie hätte ich denn sonst gegen den Hitler und die Nazis kämpfen können?“ 

Den Kampf nahm er schon als Theologiestudent auf. Seit 1934 in der Bekennende Kirche (BK), verweigerte Heinz Welke 1935 in der langen Reihe seiner Kommilitonen als Einziger den obligatorischen Eid auf „den Führer“. „Bedingungslose Treue“ und „lebenslängliche Gefolgschaft“ wollte er als evangelischer Christ „nur Gott gegenüber“ bezeugen. Dafür hat man ihn halbtot geprügelt und von der Bonner Universität verbannt. Das ihm Wichtigste nahm er allerdings mit: Die Freundschaften zu seinen Gesinnungsbrüdern Helmut Gollwitzer und Dietrich Bonhoeffer und zu seinem Lehrer Karl Barth. Zu Martin Niemöller, der aus einem Nachbarort seiner Geburtsstadt Iserlohn stammt, hatte er ohnehin bereits eine enge Beziehung. 

Nach dem Studienabschluss an der Theologischen Schule der BK in Wuppertal, lebte und arbeitete Heinz Welke bis zur Befreiung Deutschlands überwiegend illegal. Vom Pfarrernotbund 1937 als Vikar in die hessischen Gemeinden nach Bechtheim und Oppenheim geschickt, verschrieb sich der 26-Jährige nicht nur der theologischen Opposition. 1940 nach Frankfurt zurückgekehrt, zettelte er als Pfarrer der studentischen Bekenntnisgemeinde waghalsige Aktionen an. So pinselte er etwa nachts einmal mit Studenten an die Haustür des übergewichtigen Gauleiters Jakob Sprenger den Jesaja-Vers „Zu der Zeit wird die Herrlichkeit Jakobs dünn sein, und sein fetter Leib wird mager sein“. 

Entsetzt über den grassierenden Antisemitismus wie auch über das laue Verhalten der BK war Heinz Welkes Handeln zunehmend politisch motiviert. Spätestens 1941 war klar, welche Aufgaben für ihn an erster Stelle stehen. Als Kriegsinvalide verkleidet, wohnte der Pfarrer jedem Judentransport vom Osthafen zum Frankfurter Hauptbahnhof bei und setzte nun alles daran, Verfolgte zu retten. Wie viele es waren, lässt sich nicht mehr ermitteln. Heinz Welkes Schwägerin sprach in den Nachkriegsjahren von „vielen, sehr vielen“ Geretteten, seine Großmutter erzählte von 30, in der Nähe von Königstein in einer Höhle versteckte Personen, für die sie in den letzten Kriegsmonaten 1945 Essen kochte.

Dass man heute überhaupt näheres über Heinz Welkes couragierte Taten weiß, ist der Soziologin Petra Bonavita zu verdanken. Im Rahmen ihrer Recherchen zu Rettern und Helfern in Frankfurt fand sie heraus, dass der Theologe und das Ärztehepaar Fritz und Margarete Kahl die Drahtzieher des „Bockenheimer Netzwerks“ waren, das Unterschlupfmöglichkeiten und Fluchtwege für Juden organisierte. Der aus einem Pfarrhaus stammende Fritz Kahl behandelte Kommunist:innen und jüdische Patient:innen, besorgte letzteren falsche Papiere, wenn sie ins Krankenhaus mussten und versteckte Verfolgte. Stets unterstützt von seiner Frau, wurde das Ehepaar 2006 als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt und in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen. Als die Taten Heinz Welkes ans Tageslicht kamen gab es keine noch lebenden jüdischen Zeug:innen mehr.

Dabei erwiesen sich gerade seine Verbindungen in die Schweiz, die er während seines Studiensemesters 1933/34 in Zürich und 1940 während seines Sanatoriumaufenthalts in Davos geknüpft hatte, als segensreich. Einige der Rettungsgeschichten konnte die Wissenschaftlerin zwar rekonstruieren. Die von Robert Eisenstädt zum Beispiel, dem es gelungen war aus dem Vernichtungslager Majdanek in Polen zu fliehen. Er hatte sich bis Frankfurt durchgeschlagen, von wo aus er mit Hilfe von Heinz Welke und dem Ehepaar Kahl in die Schweiz gelangte. Die meisten Rettungsaktionen werden jedoch unwiederbringlich im Dunklen verharren. Schriftliches wurde sofort vernichtet und die Mehrzahl der ohnehin raren Augenzeugen ist bereits tot. Auch Heinz Welkes Kinder kennen die Vorgänge nur lückenhaft und seine 2004 verstorbene Ehefrau Annemarie wurde nie dezidiert dazu befragt. 

Überzeugt, dass man bislang lediglich die „Spitze eines Eisbergs“ kennt – um Heinz Welkes Kontakte zu den französischen Protestanten in der Résistance-Bewegung etwa, hat sich noch niemand gekümmert – hätte sich der 1946 geborene Sohn Dieter einen „gesprächigeren Vater gewünscht“. Der Theaterregisseur lastet die Verschwiegenheit, wie auch die „bleierne Traurigkeit“ Heinz Welkes vor allem der „restaurativen Adenauer-Ära“ an: „Über Zivilcourage und Mut wollte damals niemand etwas hören. Es hätte nur den kollektiven Verdrängungsprozess gestört.“ 

Selbst in der Niederräder Paul-Gerhardt-Gemeinde, wo Heinz Welke von 1945 bis zu seiner Pensionierung 1976 amtierte, wussten die wenigsten von seinem furchtlosen Widerstand. Aufgeatmet hat der Mitverfasser des Darmstädter Wortes erst, als die 1968er-Bewegung eine Aufarbeitung des NS reklamierte. Geschlossene Türen oder braune Farbe konnte der Theologe bis zu seinem frühen Tod 1977 allerdings nie mehr ertragen. Auch sein „Zorn über die Feigheit und den Konformismus der Amtskirche“ hielt an. Dieter Welke erinnert sich noch gut, dass sein Vater bisweilen nur mit Mühe „vom Kirchenaustritt abzuhalten“ war. 


Liste der Frankfurter Retter, die der amerikanische Politologe Dr. Manfred Wolfson 1964 erstellte. © Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Petra Bonavita
Mit falschem Pass und Zyankali
Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit
Schmetterling Verlag
ISBN: 978-3-89657-135-9

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Erstellungsdatum: 20.01.2026