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Das sprichwörtliche stumme Handzeichen in die eine und in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, wenn im amerikanischen Western die übliche Frage gestellt wird: „Woher kommst du? Und wohin gehst du?“ ist im ontologischen Sinne ganz angemessen. Wenn Kant fragt: „Was kann ich wissen?“ müssen wir antworten: „Das nicht“. Das Woher und das Wohin gehört der Metaphysik, mit der sich Claudia Wirsing, Philosophin an der TU Braunschweig, in ihrer Abhandlung mit dem Titel „Anfang und Ursprung“ auseinandergesetzt hat. Peter Kern hat es einer kritischen Lektüre unterzogen.
Hegels System als der Höhepunkt der Metaphysik, so präsentiert ihn dieses Buch. Jede mit einem Ursprung, einem Grund, einem ersten Prinzip argumentierende Philosophie verwickele sich in unauflösbare Widersprüche, eine Sackgasse, die Hegel zu vermeiden wisse. Es brauche also keineswegs das nachmetaphysische Denken, um die Kalamitäten metaphysischer Letztbegründung zu vermeiden; das könne die Hegelsche Philosophie schon selbst. Man sieht, die Debatte um Habermas geht weiter.
Der schlechte Ruf der Metaphysik schreibt sich von ihm her. Er sah in ihr einen „Fluchtweg aus der unerträglicher werdenden Moderne“, assoziiert mit einer philosophischen Lehre, die auf eine Art Heilswissen hinausläuft, prätentiös bis autoritativ vorgetragenen. Der Philosoph als Seher, der verkündet, statt dass er argumentiert. Das war von Habermas gemünzt auf einen vor einem halben Jahrhundert gehypten Neuaristotelismus des Joachim Ritter und seiner Schüler, von ihm „intellektuelle Verfassungsschützer“ genannt, Neokonservative, die in Staatskanzleien und in der FAZ ihre Kommentare zur geistigen Lage der Nation vortragen durften. Ihr Heilsplan gegen die Übel der Moderne: Religion fürs Volk und Metaphysik für die Gebildeten.
All das trifft auf dieses Buch nicht zu. Es bietet einen textimmanenten, beinahe zeilengetreuen Kommentar zu den Kategorien, womit Hegel seine Wissenschaft der Logik beginnt. Es gibt bündige, erhellende Auskünfte zu ziemlich dunklen Sätzen über das Sein, das Nichts und das Werden. Claudia Wirsing hält sich mit ihrer Abhandlung nicht an die geltenden philosophischen Verkehrsregeln, welche lauten: Nach Kant und Hegel gebe es keine erste, mit Kosmologie und Ontologie befasste Philosophie mehr; Erkenntnistheorie, praktische Philosophie und Ästhetik seien alles, was nach dem Totalschaden des deutschen Idealismus übrigbliebe. Dieses Verkehrsrecht, für Habermas unumstößlich, erklärt dessen Konzentration auf die diskursethisch begründete praktische Philosophie.
Frau Wirsing dagegen hält es für statthaft, die erste Philosophie beschäftigende Frage wieder aufzuwerfen: Womit das System beginnen, was ist das Unbedingte, das Absolute? Das war die zentrale Frage des Idealismus, und sie wird hier wieder aufgeworfen, aber beileibe nicht als Gegenstand der Philosophiegeschichte, vielleicht so interessant wie die geografische Frage, wo die Komoren liegen. Die finden sich im Indischen Ozean nahe Madagaskar, weiß man, aber warum es diese Inseln, den Ozean und die ganze Welt gibt, das weiß man nicht. Solch eine kindische Frage steht hinter diesem Text, und das macht ihn so schön unzeitgemäß (heutzutage, wo man sich im Kindesalter schon mit der kapitalgestützten Frühstartrente beschäftigen soll).
Warum fängt Hegel sein System mit dem reinen Sein an? Weil für ihn die Philosophie mit Parmenides anfängt. Schlägt man den auf, steht dort, dass alle durch die Sinne erfahrbaren Bestimmungen der Dinge, alles, was man über sie mit dem Auge, der Zunge, dem Gehör erfahre, nur trügerischen Schein böte, wohingegen das wahre Sein sich nur dem Denken enthülle. Mehr noch: Das dem Trug der Sinne entzogene Sein und die Rede, die es erfasst, der Logos, seien identisch. Das ist der Beginn von Hegels Metaphysik, der Faden, den er in der Phänomenologie aufrollt und das Ergebnis, wie es am Anfang seiner Logik steht. Die von allen Besonderheiten der Naturdinge abstrahierende Denkarbeit führe zu ihrem Wesen, und mit dem reinen Sein, der höchsten Abstraktion, sei das Wesen Gottes erfasst. Diese Denkarbeit leiste, so die Selbstauskunft, nicht das empirische Individuum Hegel, sondern der Geist, dem der Philosoph nur als Sekretär diene.
Vor der Schwäche der von Parmenides und Platon überkommenen Metaphysik verschließt Hegel nicht die Augen, und es war der am Beginn der Neuzeit stehende Nominalismus, der sie ihm öffnete. Das Besondere, das Einzelding, wie kommt es in diesem das Allgemeine, die Universalien feiernden System zu seiner Existenz? Hegels Lösung, wie man sie in Claudia Wirsings Buch nachlesen kann, geht so: Da das reine Sein aus dem abstrahierenden, alle Besonderheiten der Einzeldinge negierenden Geist hervorgeht, eignet diesem Prozess auch seine Umkehrung. Dann ist es das reine Sein, das sich negiert und diese fortlaufende Negation, diese Entleerung des Seins ist die Weltwerdung. Seine Wissenschaft der Logik sei der bloße zuschauende Nachvollzug dieser Geistesbewegung und damit „die Darstellung Gottes…, wie er in seinem ewigen Leben vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist.“ So Hegel mit aller Bescheidenheit.
Er nimmt für sein System in Anspruch, es habe die klassische Metaphysik, die via antiqua, und ihre nominalistische Kritik, die via moderna, in sich aufgehoben: Das Sein werde zum Etwas und das Allgemeine unterschlage das Besondere nicht; seine dialektische Logik sei die Gewähr des geschmeidigen Übergangs; die Einseitigkeit jeder idealistischen wie materialistischen Philosophie werde vermieden. Wirsing verschließt nun ihrerseits die Augen nicht; sie sieht das „Dilemma in der Anfangslogik, das retrospektiv den Übergang von Sein und Nichts…betrifft: Wie kann aus der absoluten Unbestimmtheit des voraussetzungslosen Anfangs…der Pfad zur Bestimmtheit, zu bestimmten Inhalten wie dem Werden führen?“ Es ist dies beileibe keine nur erkenntnistheoretische Frage.
Wie ist die Natur und ihre Geschichte zu denken? Reicht Darwin hin? Wie entsteht aus der anorganischen Natur ein organisches Gebilde? Kann sich eine höhere Entität aus einfach strukturierter Materie entwickeln? Ist Emergenz, das planlose Sich suchen und finden stofflicher Elemente, die Zauberformel? Chaos als Verursachung von Gesetzmäßigkeit? Der Hegelsche Anfang mit dem reinen Sein, das mit dem Nichts identisch ist, und durch sein „Nichten“ das Etwas hervorbringt, diese Kosmologie überzeugte Mitte des 19. Jahrhunderts niemanden mehr. Die mit ihr aufgeworfenen Fragen waren längst an die Naturwissenschaften delegiert. Goethe schon konnte man mit diesem Idealismus nicht mehr kommen: „Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurecht.“
Die Erfahrungswissenschaften aber überheben sich, wenn sie in einem die Philosophie kapernden Take Over nun ihre Zuständigkeit reklamieren. Die Kritische Theorie, in diesem Buch beinahe abwesend, macht die Kritik der Ursprungsphilosophie auch am Szientismus fest. So Karl Heinz Haag: „Eine Anfangssituation der Welt ist für die Methode der physikalischen Wissenschaften prinzipiell unergründbar. Sie kann mit ihrer Methodik die Sphäre der von Bedingungen abhängigen Wirklichkeit nicht auf ein Unbedingtes: ein hyletisch (d.h. stoffliches) Erstes hin transzendieren. Ihre inhaltlichen Aussagen über Wirkliches beruhen auf der Erkenntnis seiner Bedingungen. Daher darf sie niemals behaupten, in einer Realität, bis zu der sie die Weltgenese zurückverfolgt hat, den Anfang des Universums zu besitzen. Alle wahrhaft kritischen Naturwissenschaftler sehen …das.“
Frau Wirsing dagegen sieht in der Atomphysik eine Stütze ihrer Argumentation, was im Fortgang ihrer Studie dann wirklich erstaunt. Denn der Anfang mit dem reinen Sein, dessen Übergang zum Werden im Dunkeln bleibt, hindert sie nicht daran, dieses Hegelsche Beginnen zu feiern, denn nun schreibt sie von der „Seinsautarkie“, der das Vermögen zukomme, „aus der eigenen Leere und unbestimmten Unmittelbarkeit heraus emergent eine Seinsvermittlung“ zustande zu bringen. Ex nihilo nihil fit, aus nichts wird nichts, heißt es bei den Alten; nun soll mit Hegel der Umkehrsatz gelten. Die Autorin sieht „entropische Energien“ am Werk sowohl in Hegels Prozessdenken wie in der mit der Weltgenese befassten Atomphysik. Hier wie dort gäbe es eine „primordiale (d.h. ursprüngliche) Unschärferelation.“
Heisenberg mit der Unschärfe klingt an, der thermodynamische Hauptsatz mit der Entropie klingt an. Assoziationen anregen heißt nicht, ein Argument anbringen. Der als Big Bang bezeichnete, als reine Energie verstandene Urstoff gibt keinen hinreichenden Grund ab, in ihm die Verursachung all der anorganischen und organischen Gebilde zu sehen, die aus ihm entstehen sollen. Reine Energie, so könnte man mit Hegel sagen, ist „unterschiedslose Einheit mit sich selbst.“ Der Satz von der „Unschärferelation der Logik des Anfangs“ tritt als Argument auf die Bühne, aber bevor es zu seiner Vorstellung kommt, ist der Vorhang schon wieder runter.
Dem Heisenbergschen Theorem zufolge sind der Ort eines Elektrons und sein mit Masse und Geschwindigkeit definierter Impuls nie exakt zu bestimmen, denn das zur Bestimmung notwendige Licht verändert die Bewegung des Elektrons, wodurch seine Lage zwar genauer, sein Impuls aber ungenauer zu erfassen ist. Der subjektive Akt der Beobachtung verändert das Objekt. Daraus ist nicht zu schließen, dem Objekt gehe die Gesetzmäßigkeit ab. Die ziemlich präzisen Wahrscheinlichkeitsberechnungen der Quantenmechanik zeugen von keiner Regellosigkeit. Heisenbergs Theorie ist keine ontologische Aussage über die Natur, sondern als ein Verweis auf ein erkenntnistheoretisches Problem zu nehmen.
Denken und Sein als identisch auszugeben, ist das proton pseudos, der ursprüngliche Irrtum der Hegelschen Philosophie: Kommt man eingefleischten Hegelianern, und die Braunschweiger Philosophin ist eine, mit dem Hinweis, die behauptete Identität unterschlage die Materialität der Dingwelt, erhält man wie auf Knopfdruck den beschwichtigenden Hinweis, Hegel habe der Unmittelbarkeit der Gegenstandswelt ebenso Rechnung getragen wie der Vermitteltheit allen Seins. Dem kritischen Einwand ergeht es wie dem Hasen bei seinem Versuch, gegen Herr und Frau Igel das Rennen zu machen. Ick bün all hier, höhnen die beiden. Wessen Entschluss es einmal war, im Hegelschen Geist sein intellektuelles Leben zu führen, dem kann man mit einem solch läppischen Einwand nicht kommen.
Wo Claudia Wirsing gegen ihren Heroen denkt, finden sich die besten Stellen des Buchs. Wären die logischen Formen und die Realgeschichte wirklich eins, diktierte die Hegelsche Kategorienabfolge der Menschengeschichte ihren Verlauf, könne es eine Geschichte, im Sinne des Abbruchs vom Immergleichen, nie geben. Wo bliebe dann die Freiheit des eingreifenden geschichtlichen Handelns? Dies sei eine „höchst ernstzunehmende Kritik.“
Man könnte eine weitere anführen. Der von Hegel in Anspruch genommene Gott, in seiner Funktion aufgehend, die geschichtliche wie die kreatürliche Welt am Laufen zu halten – was ist das für einer? Ist er nicht verzichtbar und durch den Begriff der Natur zu ersetzen, wie es der von Hegel auf den höchsten philosophischen Thron gesetzte Spinoza tut? Auch Hegels Gott existiert nur als die Welt, die aus ihm hervorgeht. Er ist keine substantiell zu denkende Entität mehr wie in der alten Metaphysik. Er, der am Anfang des Systems reines Sein war, ist zur reinen Tätigkeit geworden. Er ist ein ewiges Kreisen in sich: ein Sich entäußern, Sich zurücknehmen, Sich entäußern. Hegel bereitet die positivistische wie systemtheoretische Reduktion der Natur auf bloße Funktionszusammenhänge vor. Auch dies ein Frankfurter, ein Haagscher Gedanke, leider ohne Berücksichtigung.
Um auf den Anfang dieser Besprechung zurückzukommen: Der Nachmetaphysiker Habermas teilt die Hegelsche Kantkritik und hat die Kategorie des Grundes gestrichen. So schrumpft die Welt der Naturgegenstände zu dem, was sie den Erfahrungswissenschaften sind: Sie gelten für gegeben, und das Wodurch gilt für eine kindische Frage. Wem Habermas das einschneidende Bildungserlebnis war, den hat er gegen Metaphysik mächtig geimpft. Sobald das Wort fällt, ist der Geimpfte – mit hoher Wahrscheinlichkeit gehört er den nun rentenberechtigten linken Babyboomern an – auf der Hut. Man muss aber manchmal vor sich selbst auf der Hut sein, sonst rostet man ein. Wie will die Diskurstheorie Einspruch gegen die katastrophische Naturaneignung erheben, wenn sie die Auffassung von der wesenslosen Natur teilt, wie sie dem ökonomischen System zugrunde liegt? Habermas kann man diese Frage nicht mehr stellen, aber seine Schüler sollten ihr nicht ausweichen.

Claudia Wirsing
Anfang und Ursprung
Die klassische Metaphysik und ihre Kritik im 20. Jahrhundert
170 S., brosch.
ISBN: 978-3-7873-4714-8
Felix Meiner Verlag, Blaue Reihe, Hamburg 2026
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Erstellungsdatum: 22.08.2026