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Unter die Haut geht die Neuproduktion von George Bejamins Oper „Written on Skin“ in der Oper Frankfurt. Weil mehrere Faktoren zusammenkommen – musikalische Exzellenz, eine durchdachte Regie und ein Bühnenbild, das die Vielschichtigkeit des Werks visuell plausibel macht: die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Wie vor allem der Countertenor Iurii Iushkevich als 1. Engel/Boy, der Bariton Bo Skovhus als Protector und die zwischen ihnen stehende Elizabeth Reiter als Agnès mit Stimmen und Spielen das Geschehen vorantreiben, fesselt und vermittelt, warum dieses moderne Werk so viel gespielt wird. Andrea Richter war nach der Premiere begeistert.
Die ersten Akkorde schroff und laut, die Sicht auf die Bühne nicht minder: schwarze Dreiecke zusammengesetzt zu einer unwirtlichen Hügellandschaft, in der fünf regungslose Körper verteilt liegen. Im Hintergrund die kleine Silhouette einer Stadt. Drei der fünf Gestalten bewegen sich und beginnen zu singen: unzusammenhängendes Zeug von einem Parkhaus, das entfernt werden soll, von Umweltzerstörung, von einem reichen Mann "besessen von Reinheit und Gewalt", genannt der Protector, und dessen Frau Agnés, die sie als sein Eigentum bezeichnen. Ein älterer, etwas verlotterter Mann (Michael McCown, Tenor), eine mittelalte Frau (Cecilia Hall, Mezzosopran) und ein engelsgleiches, junges Wesen mit langen, blonden Haaren (Iurii Iushkevich, Countertenor), bilden die Gruppe von Engeln ohne Flügel, die offensichtlich aus dem Himmel verstoßen wurden und nun zwischen irdischer und außerirdischer Welt frei flottieren werden. Der Engelsgleiche wird wie ein Künstler schwarz eingekleidet, damit er als Buchillustrator (Boy) für den Protector arbeiten kann. Denn dieser möchte, dass seine großartige Lebensgeschichte bebildert wird. Er erhebt sich, erklärt wie stolz er auf seine Familie und sein Eigentum, zu dem er auch seine Frau Agnès zählt, ist. Sie will er besonders schön, ganz nach seinen Vorstellungen als gehorsame, unterwürfige und von Begierden freie Frau gemalt sehen. „No“ lautet dann überraschenderweise Agnès` erstes Wort. Denn sie misstraut dem Boy und seiner Kunst. Natürlich gibt der strenge Protector-Macho nichts auf ihren Willen und beauftragt den Boy, den er offensichtlich vom ersten Moment an sexuell attraktiver findet als seine Frau, mit der Arbeit. Zu den sphärischen Klängen einer Glasharmonika beklagen die Engel die Frauenfeindlichkeit. Ihre Klage erreicht Agnès, ihre Emanzipation beginnt. Sie geht zum Boy, um ihn zu überreden, eine echte Frau zu malen, eine die sexuelle Begierde fühlt. Da selbst verstoßene Engel (oder gerade sie?) gut sind, hilft er ihr und zeigt Agnès, was sexuelle Befriedigung bedeutet. Der Komponist lässt die beiden hohen Stimmen betörend verschmelzen!
Natürlich kommt der Protector, der selbst ernannte Beschützer, auf Umwegen hinter die Affäre seiner unfolgsamen Frau, schneidet dem (auch von ihm) geliebten und geständigen Boy/Engel im Wald die Kehle durch und serviert Agnès sein Herz auf Silber-Geschirr. Sie probiert und findet es ziemlich gut schmeckend, salzig, aber auch süß. Als er ihr verkündet, was sie da isst, bekundet sie erneut ihre Faszination für den Boy. Der Protector rastet völlig aus und will sie töten oder tut es sogar. Jedenfalls springt sie, anders als im Original-Libretto von Martin Crimp und dessen mittelalterlicher Textvorlage, nicht in die Tiefe der fehlgeschlagenen Emanzipation, sondern strebt in die Höhe. Der Protector windet sich hingegen verzweifelt und allein auf dem Boden liegend. Während des Schluss-Chors der drei Engel erscheinen im Hintergrund drei leuchtend schöne Versionen unseres blauen Planeten. Hoffnung für die Erde und die Frauen?
Es ist unmöglich, alle im Werk angesprochenen Themen zu schildern. Es geht um die Emanzipation der Frau, um Geschlechtlichkeit und Begierde, um das Suchen von (unmöglicher) Nähe zwischen Menschen, um (gescheiterte) Männlichkeit und Macht, um Geschlechterverhältnisse, Umwelt- und Kapitalismusfragen. Aber gleichermaßen auch um Geschichte, vor allem Zeitgeschichte, betrachtet aus der Perspektive der Engel, die große Zeiträume überblicken können. Diese überbringen nicht etwa Botschaften, wie es ihre Aufgabe wäre, sondern fungieren als Kommentatoren des Geschehens und üben heftige Kritik an der biblischen Schöpfungsgeschichte und sogar an Gott, weshalb sie wohl aus dem Himmel verstoßen wurden. Die durchaus philosophisch-abstrakte Themen-Masse wird dem Publikum Dank der exzellenten Regie und Personenführung von Tatjana Gürbaca transparent und nachvollziehbar gemacht. So wird unter anderem an die Geschichte der Juden erinnert, wobei die drei Engel Kostüme in Schwarz, Rot und Goldgelb tragen! Überhaupt werden durch die Kostüme von Silke Willrett und/oder mit Hilfe kleiner Requisiten (Apfel der Begierde, Flugzeug neben mittelalterlichem Buch und Federkiel) Bewusstseinszustände oder Zeitbestimmungen respektive -überlappungen vom Mittelalter bis heute grandios visualisiert, und helfen enorm, die Vielschichtigkeit von Text und damit Geschehen zu ordnen.

Warum der Titel „Written on Skin“? Wohl deshalb, weil Pergament, also Tierhaut, einst wie heute (vor allem in England) benutzt wird, um wichtige, auf Langlebigkeit ausgelegte Dokumente anzufertigen. Auch das jüdische Gesetzbuch, die Tora, wird auf Pergament geschrieben. Und man könnte es erweitern um die heute verbreiteten Tattoos, mit denen Menschen ihnen wichtige persönliche Botschaften in die eigene Haut ritzen lassen, die allerdings mit ihrer absehbaren Verwesung verschwinden. Der Protector will seine Lebensgeschichte (die der Männer insgesamt) inklusive seiner (Vorstellung von einer) Frau für immer festgehalten wissen, weil er sie für ewig wichtig und gültig hält.
Der 1960 geborene Brite George Benjamin war während der Premiere anwesend und erntete vom Publikum einen zusätzlichen Riesenapplaus. Der Komponist galt von Kindesbeinen an als Super-Talent in seinem Fach, wurde zum Schüler von Olivier Messian und wird als legitimer Nachfolger von Benjamin Britten bezeichnet. „Written on Skin“ war eine Auftragskomposition für das Festival in Aix-en-Provence 2012 und seine erste abendfüllende Oper, die sofort auf große Zustimmung bei Publikum und Kritik traf und konnte sich, was keinesfalls selbstverständlich für moderne Werke ist, auf den internationalen Spielplänen nicht nur etablieren, sondern ist das heute wohl meist gezeigte Opernwerk des frühen 21. Jahrhunderts.

Das hängt wohl damit zusammen, dass die Musik einen ungeheuren Sog entfaltet, der trotz der vielen Szenenwechsel nie unterbrochen wird. Panta rhei, alles fließt und wandelt sich doch stetig. Dabei geht es keinesfalls ruhig oder gleichförmig zu, sondern irdische Leidenschaft und Gewalt oder himmlische Einigkeit und Hoffnung sind Bestandteile eines sorgfältig durchstrukturierten Klangflusses. Keinerlei isolierte Klangfetzen, keine plötzlichen, erschreckenden Intervallsprünge beim Gesang, viele lange und klare Vokallinien, die schöne Stimmen erblühen lassen, wie die der fünf Sänger:innen in dieser Produktion der Oper Frankfurt. Kein Moment, in dem es zu einer konfrontativen Konkurrenz-Situation zwischen Orchester und Stimme käme. Benjamin hat dem menschlichen Instrument zwar die Führungsrolle eingeräumt, ohne dass aber das Orchester (mit Glasharmonika und Gambe für die Auftritte der Engel respektive Agnès sowie vier Schlagzeugern für die Gewaltexzesse des Protectors) zur Nebensache geriete. Dirigent Erik Nielsen gelingt es beispielhaft, ein ausgewogenes Miteinander zu finden und den Spannungsbogen von der ersten bis zur 90sten Minute zuhalten.

Benjamin hatte während des Komponierens die Stimmen zweier Menschen im Kopf: die der englischen Sopranistin Barbara Hannigan als Agnès und die des Baritons Bo Skovhus als Protector. Er konnte 2012 bei der Uraufführung nicht teilnehmen und hat nun fast 14 Jahre später sein Rollendebüt gegeben und bewiesen, dass Benjamin mit diesem Wunschkandidaten für die Rolle absolut richtig gelegen hatte. Skovhus gab einen höchst differenzierten, teilweise zu Herzen gehenden lyrisch-dramatischen und teilweise vor Kraft strotzenden und tobenden Debüt-Protector. Die Agnès des Abends, Elizabeth Reiter, dürfte ebenfalls an Benjamins Stimmideal herangekommen sein und der 1. Engel/Boy-Counter Iuri Iushkevich allemal. Auch Cecilia Hall (Mezzosopran) und Michael McCown (Tenor) standen ihnen als Engel respektive Schwester und Schwager von Agnès nicht nach. Tolles Ensemble, wie eigentlich fast immer in diesem Opernhaus.
Fazit: Absolutely not to miss!
Siehe auch
Kulturtipp: Written on Skin

Elizabeth Reiter (Agnès) Foto: Barbara Aumüller
George Bejamin / Martin Crimp (Text)
Written on Skin
Frankfurter Erstaufführung
Musikalische Leitung: Erik Nielsen
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühnenbild, Licht: Klaus Grünberg
Kostüme: Silke Willrett
Dramaturgie: Maximilian Enderle
The Protector: Bo Skovhus
Agnès: Elizabeth Reiter
First Angel / The Boy: Iurii Iushkevich
Second Angel / Marie: Cecelia Hall
Third Angel / John: Michael McCown
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Weitere Vorstellungen:
5., 7., 13., 15. (15.30 Uhr),
21., 29. März (19 Uhr),
5. April 2026 (18 Uhr)
Erstellungsdatum: 04.03.2026