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Kenneth Koark über die Ausstellung im Kunst Archiv Darmstadt „Lager Zwei“ von Simon Gilmer

Das leere Dazwischen

Kenneth Koark


Simon Gilmer: Raum 39, aus der Serie "Leere Räume", 2021-2026, Fine Art Print und Karton, 28 x 35 cm (Foto: Robert Schittko) (Ausschnitt)

Die Leere ist seit dem 20. Jahrhundert eine viel genutzte Komponente der bildenden Kunst. Mit der Leere sieht man mehr, sie fördert die Konzentration auf das Wenige, das es zu sehen gibt. Im Kunstarchiv Darmstadt ist die Ausstellung „Lager Zwei“ des Künstlers Simon Gilmer zu sehen, die im Rahmen des Jahresprojekts World Design Capital 2026 und dessen Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ stattfindet. Kenneth Koark reflektiert die ungewöhnlich Präsentation.

 

Erstaunlich, wie viel man sieht, wenn es kaum etwas zu sehen gibt. Mit der Wortschöpfung „nothingtoseeness“ beschrieb seinerzeit schon John Cage so etwas wie das visuelle Äquivalent zur Stille in der Musik, nämlich den Bezug zur Leere, die das Publikum einlädt, genauer, präziser und intensiver zu sehen und wahrzunehmen. Wo die Leere als bewusst eingesetztes Stilmittel zum Einsatz kommt, trägt ein leeres Dazwischen schon durch seine bildhafte Begrifflichkeit die Anwesenheit begrenzender Elemente in sich. In dem Raum, der durch Objekte und Architekturen, die ihn beanspruchen, erst fassbar wird, zeigt die aktuelle Ausstellung im KAD: Die Kunstwerke leisten Widerstand!

Doch von wegen nichts zu sehen: Auf den ersten Blick, so könnte man meinen, hängen nur ein paar wenige, kleinformatige Fotografien an den Ausstellungswänden des Kunstarchivs in Darmstadt. Unregelmäßig gehängt und manchmal abseits des gewöhnlichen Blickfelds. Die Ausstellung „Lager Zwei“ des Künstlers Simon Gilmer überrascht mit Vakanz und eben jener Fotoserie von leeren Lagerräumen, Ladenflächen oder Ausstellungsräumen, die seit 2021 fortgeführt wird: Fußböden, Wände, Decken, manchmal sind am Rande noch Kabelschächte, Säulen, Heizungen, Treppenstufen, Fenster oder Türen zu sehen. Gerahmt sind die 15 x 20 cm großen Werke mit schlichten Passepartouts aus Karton – in unterschiedlichen Farben und Stärken. 


Simon Gilmer: Klimaanlage (Gruppe, auf Gestell), 2026, Graupappe, 185 x 260 x 165 cm (Foto: Robert Schittko)

 

Durchschreitet man den Ausstellungsraum, entdeckt man in seiner hintersten Ecke, in dem Gilmer zusätzlich die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet hat, die für den Künstler so typischen, aus Graupappe gefertigten Werke, die schon durch ihre Materialität an Architekturmodelle erinnern. Mit besonderer Vorliebe scheint er sich schon seit einiger Zeit dem Objekt der Klimaanlage zu widmen, die hier mehrfach über- und nebeneinander aufgestellt sind und einen Komplex in der Größe 185 x 260 x 165 cm bilden. Die hier zu sehende Anlage, als Sujet in der Kunst bisher wenig beachtet, entdeckte Gilmer auf einem Firmengelände in Darmstadt und baute sie nach – in schönster Perfektion.


Simon Gilmer: Ohne Titel (Leseraum), 2026, Fine Art Print, 120 x 160 cm (Foto: Simon Gilmer)

 

Wo die zusätzlich eingezogene Wände des Kunstarchivs dazu einladen, so viele Kunstwerke wie möglich zu präsentieren, verweigert sich die Präsentation des Künstlers, und man entdeckt in den Räumen stattdessen Kabelschächte, Leitungen, die ins Leere laufen, Lichtleisten, die durch Wände führen, eingemauerte Steckdose und allerhand Beschilderungen. Kein White Cubes also, bei dem die Ausstellungsarchitektur deutlich in den Hintergrund tritt, um eine Interaktion zwischen Architektur und Kunst zu vermeiden.

So werden die Exponate in der Ausstellung „Lager Zwei“ auch weder mit Schildern versehen, noch durch Werklisten erklärt. Die Texttafel, die üblicherweise den Sicherungskasten im Raum verdecken soll, wurde entfernt und ein kurzer Text, der sich dem Ausstellungstitel widmet, direkt auf dem Objekt angebracht – fast übersieht man ihn. Eine leichte und temporäre Rauminstallation. Und das Lager als Zwischenstopp der Objekte zwischen zwei oder mehreren Orten, im starken Kontrast zu den Archiven der Welt, die sammeln und bewahren, was dem Kulturgutschutzgesetz unterliegt.

Eine weitere, diesmal großformatige Fotografie entdeckt, wer sich weiter im Raum bewegt und einen weiteren, kleineren Leseraum betritt: Hier diente ein einfaches Modell aus Pappe, mit dem der Künstler den Lesesaal nachbaute, nur als Vorlage für das Foto. Das eigentliche Modell gibt nur so viele Hinweise auf das Original wie nötig – und fehlt in der Ausstellung. 
Und plötzlich ist man sich gar nicht mehr so sicher, was auf den Fotografien der Serie im Eingangsberich zu sehen ist. Modelle oder echte Räume? Was ist echt und was wurde vom Künstler konstruiert? Und was passiert eigentlich, wenn ein Raum anders genutzt wird, als er geplant wurde?

Erstellungsdatum: 12.10.2026