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Erinnerung an Wolf Rosenberg

„Das macht aber nichts“

Angelika Nebel


Wolf Rosenberg. Foto: Paolo Rosenberg

Sein Vater war ein jüdischer Hutfabrikant in Dresden. Nach dessen Tod kam Wolf Rosenberg zum Großvater, der ihm eine musikalische Ausbildung ermöglichte. Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte bekam er Kompositionsunterricht bei Stefan Wolpe und nahm an Dirigierkursen bei Hermann Scherchen teil. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete als Musikjournalist. Mit seinen Kritiken und Analysen für Presse und Rundfunk wurde er einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Anlässlich seines 110. Geburtstages erinnert sich die Pianistin Angelika Nebel an den großartigen Musikvermittler.

 

WOLF ROSENBERG – Musikschriftsteller, Komponist und legendärer Rundfunkautor – war ein Kosmopolit. 1915 in Dresden geboren, wurde er bereits im Alter von 6 Jahren Vollwaise. Von diesem Zeitpunkt an wurde er von seinem Großvater in Berlin-Dahlem liebevoll aufgenommen, in dessen Umgebung er eine großzügige kulturelle Ausbildung erfuhr. Nach dem Abitur ging er zum Studium der Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte nach Bologna und Florenz. Ein Studium im nationalsozialistischen Deutschland wäre ihm zu dieser Zeit als Jude nicht mehr möglich gewesen. Dank eines Stipendiums konnte er später in Jerusalem Komposition bei Stefan Wolpe studieren. Später verließ er Palästina und lebte zwei Jahre als Barpianist auf Zypern. 1948 kehrte er nach Deutschland zurück. Rosenberg unterrichtete Klavier und Musiktheorie an der Deutschen Hochschule für Musik in Ost-Berlin, wurde zu Gastprofessuren an US- amerikanischen Universitäten eingeladen und leitete Kompositionsseminare für Elektronische Musik der Universität Utrecht. Höhepunkte seiner kompositorischen Tätigkeit stellten die Aufführungen des 2. und 3. Streichquartetts durch das LaSalle Quartett 1957 und 1962 in Cincinnati dar. Dem Komponieren blieb er neben den verschiedensten Verpflichtungen verbunden und hinterließ ein, wenn auch nicht sehr umfangreiches, jedoch substanzielles Œuvre.

Wolf Rosenbergs Fähigkeit, wichtige Themen aus Musik und Literatur in geschliffener Weise zu formulieren und in Sendungen des Bayerischen und des Hessischen Rundfunks und des Südwestfunks Baden-Baden einem großen Hörerkreis verständlich nahezubringen, war der bundesrepublikanischen Musikwelt bekannt geworden, und Sendungen wie das „Schallplattenkonzert“, „Aus dem Musikarchiv“ oder „Das Musikliterarische Studio“ wurden geradezu wie „Kult- Sendungen“ erwartet.

Es war im Frühjahr 1985, als Wolf Rosenberg meine erste Schallplatte im Südwestfunk vorstellte und daraus die Haydn-Sonate und Cristóbal Halffters „Introducciòn, Fuga y Final“ op.15 sendete und nochmals mit einem Intermezzo aus Brahms‘ op.117 auch im Hessischen Rundfunk. Als ich mich für die Anerkennung telefonisch bedankte, hörte ich mit freudigem Erstaunen die Worte: „Ich wollte Sie auch anrufen.“

Hintergrund dieser Worte war sein Wunsch, einige von ihm ausgewählte Kompositionen speziell für seine Sendungen aufzunehmen.

Es war zuerst die „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ op.15, das berühmte Stück erachtete er als eine „Tagträumerei“ – sowie „Des Abends“ aus den „Fantasiestücken“ op.12 von Robert Schumann. Rosenberg habe, wie er sagte, keine Aufnahme gefunden, die ihn zufriedenstellte, sei es beispielsweise in Tempowahl oder gestalterischer Klarheit.

Dem folgte die Aufnahme der kompletten Schumannschen „Kinderszenen“ für eine Sendung mit seinem Kollegen Paul Fiebig sowie drei Liedern aus Schumanns „Dichterliebe“ op.48 (Bariton Johannes Mannov) für die „Dichterliebe-Sendung“, die wir im Hans-Rosbaud-Studio des SWF Baden-Baden produzierten.

In der Zusammenarbeit lernte ich mit Verehrung Rosenbergs außerordentliche musikalische Kompetenz und große Güte kennen und bin dankbar, ihn als meinen wichtigsten künstlerischen Mentor ansehen zu dürfen und als prägend im Gedächtnis zu bewahren.

Nun, am 28. Januar 2025, wurde ein Teil seines kompositorischen Schaffens im Konzerthaus Berlin, im ausverkauften Werner-Otto-Saal, vor 250 Gästen aufgeführt. Der Verein „musica reanimata“, der sich der Wiederentdeckung von Werken NS-verfolgter Komponisten verpflichtet fühlt, trat in Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus Berlin und dem Deutschlandfunk Köln als Veranstalter des 168. Gesprächskonzertes auf.

Albrecht Dümling und Reinhard Flender sprachen mit Rosenbergs Witwe, Frau Pamela Rosenberg, über das Leben und Wirken ihres Mannes, das Seneca-Quartett spielte sein 1956/57 komponiertes 2. Streichquartett, ich spielte die 1948 in Zürich komponierte „Hommage à Alban Berg“, deren Noten er mir einmal gegeben hatte, zwei seiner Klavierstücke aus dem Jahre 1938 sowie, als weitere Kompositionen des Jerusalemer Kreises, Werke von seinem Lehrer Stefan Wolpe und von Herbert Brün.

Wolf Rosenberg umgab eine Aura, in der sich Verstehen und Menschlichkeit mit grundgütigem Humor und begnadeter Wortspielerei verbanden. Seine Gedanken blitzten auf und verglühten wie Sterne, als habe gerade ein Seher Jahrhunderte weit zurückgeblickt.

Manche Sätze sind mir besonders haften geblieben: „Ein bisschen Kitsch muss sein ...“ oder: „Das macht aber nichts ...“, und ich höre außer den zitierten Worten „Ich wollte Sie auch anrufen“ wie heute den überzeugenden Ausspruch auf dem Weg zu einer Eisdiele, garniert mit einem unnachahmlichen Gesichtsausdruck: „Ich mag’s e i s k a l t ...“.

Erstellungsdatum: 17.02.2025