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Pariser Geschichten von Rainer Erd: Ruth Zylbermans Autobiografie

Den Schleier des Vergessens öffnen

Rainer Erd


Ruth Zylberman (r.) bei der Vorstellung ihres Buchs in der Frankfurter Stadtbibliothek am 11.05.2026 und ihre Übersetzerin Ela zum Winkel. Foto: Rainer Erd

Wie so oft damals ging es um Leben und Tod. Doch die Gefahr, deren man sich über unsichere Informationen, Gerüchte und Hoffnung inne wurde, nahm erst Gestalt an, wenn es zu spät war. Ein Wohnhaus in Paris, das sich unter der Deutschen Besetzung Frankreichs der kindlichen Wahrnehmung einprägte, dann aber der Erinnerung unter der Erfahrung von Flucht und Verlust entging, gewinnt in der Autobiografie Ruth Zylbermans wieder Präsenz. Rainer Erd reiht sie in seine Pariser Geschichten ein.

 

Als Ruth Zylberman 1971, 30 Jahre nach der großen Verfolgung Pariser Juden durch die Nazis, im Norden von Paris auf die Welt kommt, ahnt sie nicht, dass sie eines Tages im Osten der Stadt viel Zeit damit verbringen wird, die Geschichte eines Hauses zu rekonstruieren, das auch mit ihrer Geschichte zu tun. Denn Ruth Zylberman wird im schönen Montmartre in eine Familie geboren, die eine traumatische Vergangenheit begleitet, dafür aber keine Sprache findet. Die Gräuel des Holocaust, die ihre Familie erfahren hat, werden auch bei ihr – wie häufig gegenüber der nachfolgenden Generation – verschwiegen, im Glauben, die Nachfahren vor dem Schrecklichen schützen zu können.

Dass dies ein Irrglaube ist, kennt man aus vielen Erzählungen von Kindern, deren Eltern und Großeltern unter dem Terror Nazi-Deutschlands gelitten, ihr Schweigen darüber aber den Kindern das Leben keineswegs erleichtert haben. Denn traumatische Erfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration schleichen sich auch in die Seelen von Kindern und Enkelkinder ein, wenn nicht darüber gesprochen wird. Oder vielleicht sogar gerade deshalb, weil die Vermutungen der jüngeren Generation durch das Schweigen der Älteren nurmehr bedrückender werden.

Dass Ruth Zylbermann solche Erfahrungen gemacht und gerade aus dem Schweigen der älteren Generationen die Motivation für ihre Nachforschungen erfahren hat, wurde deutlich, als sie unlängst auf Einladung des Frankfurter Institut français in der dortigen Stadtbibliothek zusammen mit der Übersetzerin Ela zum Winkel ihr Buch „Rue Saint-Maur 209“ vor einem großen, interessierten Publikum vorstellte. Als studierte Historikerin und Filmemacherin setzte sich Ruth Zylberman, Kind jüdischer Eltern, deren Eltern, also Ruth Zylbermans Großeltern, in den Dreißigerjahren nach Paris gekommen waren, schon 2015 in dem Buch „La direction de l’absent“ mit der Geschichte ihrer Familie und den psychologischen Spuren, die der Holocaust bei ihrer Mutter hinterlassen hatte, auseinander. Ein kleines Mädchen spaziert in dem Roman bei Tag durch Paris. Bei Nacht wird es im Traum von der Geschichte seiner Familie verfolgt, einer Vergangenheit, die sich in seinen Körper eingeschrieben hat und die es in die Straßen des Warschauer Ghettos führt.

Zylbermans Gespür für die Traumata verfolgter Menschen war auch der Hintergrund des hier angezeigten Buches. Als sie die Idee für ein neues Buch hatte, das sich mit ihren beiden Lebensthemen, Paris und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis, beschäftigt, wanderte sie durch Paris und überließ es dem Zufall, wo sie eine Örtlichkeit fand, die sie geeignet für ihr Projekt hielt. Fest stand, sie wollte über ein Haus schreiben, in dem jüdische Personen wohnten, die von den Nazis in Paris verfolgt wurden. Unklar war, welches Haus in welchem Arrondissement sich dafür geeignete.


Innenhof 209 rue Saint-Maur, Paris, Xe Arrondissement. Foto: Ji-Elle. wikimedia commons

 

So kam sie auf ihren Wanderungen durch Paris, abseits ihres Geburtsviertels Montmartre, auch in das 10. Arrondissement im Osten der Stadt. Warum es dann das Haus 209 in der Rue Saint-Maur wurde, kann sie im Nachhinein nur ansatzweise erklären: Die Concierge, ohne die in Frankreich keine Studien über die Bewohner eines Hauses möglich sind, sei sofort ansprechbar gewesen. Und dann habe sie bei ihren Recherchen über das Haus entdeckt, dass neun jüdische Kinder des Hauses von den Nazis verschleppt worden ist. „Das Haus hat nach mir gerufen“, beantwortet sie Fragen nach den Gründen für die Wahl der 209, rue Saint-Maur.

So begann Ruth Zylberman 2013 mit den Recherchen für ihr „Hausprojekt“, die sie zunächst mit einem Dokumentarfilm abschloss, der 2018 von ARTE unter dem Titel „Les enfants du 209 rue Saint-Maur“ ausgestrahlt und vom Publikum „tief bewegt und mit großem Respekt“ gelobt wurde. Ihr als „Mikrogeschichte der Shoa“ verstandener Film, den sie mit Recherchen in Volkszählungslisten, Schulregistern und anderen Archivarbeiten erarbeitete, schilderte das Leben der ca. 300 Bewohner des Hauses, von denen ein Drittel deportiert worden ist. In langwierigen Recherchen macht sie die Überlebenden der Deportation in aller Welt ausfindig und bringt sie zum Teil dazu, wieder an den Ort ihrer Kindheit oder Jugend in der rue Saint-Maur zurückzukehren. Menschen, die sich Jahrzehnte nicht gesehen haben, kommen durch Zylbermans Initiative wieder an den Ort ihrer Jugend zurück, die im Grauen endete.

Weil Zylberman in den Jahren ihrer akribischen Recherche eine Fülle von Material gesammelt hatte, das sie aus Zeitgründen nicht für den Film verwenden konnte, machte sie sich daran, ein Buch vorzubereiten, in dem sie all das darstellen konnte, was sie mit großem Engagement zusammengetragen hatte. Das jetzt in der Frankfurter Stadtbibliothek erstmal in Deutschland von der Autorin öffentlich vorgestellte Buch begann zu entstehen. Im Gegensatz zum Film, der nur die Pariser Besatzungszeit durch die Nazis (1940 – 1944) und die folgenden Jahre zum Gegenstand hat, umfasst das Buch einen Zeitrahmen, der bis in das Jahr 1850 zurückgeht, als das Haus gebaut wurde. So kann Zylberman die Einwanderungswellen aus dem Osten Europas nach Paris, besonders in die östlichen Arrondissements der Stadt nachzeichnen und dem Leser einen Eindruck von der Entstehung des heutigen Paris geben. Denn viele östlichen Viertel der Stadt, wie Belleville, sind erst 1860 unter dem Stadterneuerung Baron Hausmann in die französische Hauptstadt eingemeindet worden. 209 rue Saint-Maur lag jedoch im Zeitpunkt des Beginns des Buchs bereist innerhalb der „Mur des Fermiers généraux“, der damaligen Pariser Stadtmauer.

Der Leser bekommt einen guten Einblick über die Entstehung eines Pariser Arbeiterviertel, für das labyrinthartige Gebäude mit mehreren Innenhöfen, Werkstätten und winzigen Wohnungen gebaut wurden. Lebten anfänglich in den vielen Wohnungen Tischler, Schuster und Textilarbeiter, so wurde das Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Zufluchtsstätte für Einwanderer, zunächst aus Italien, dann für Juden aus Polen, Rumänien und Russland und noch später aus Afrika. Gemeinsam war allen, dass sie ihr Heimatland aus wirtschaftlichen, politischen oder religiösen Gründen verlassen mussten.

Im Zentrum des Buchs steht die Zeit der deutschen Besetzung von Paris zwischen 1940 und 1944. Zylberman dokumentiert die Massenverhaftungen von Juden im Juli 1942 („Rafle du Vélodrome d’Hiver“). Französische Polizei und Nazi-Soldaten drangen in die Wohnungen in der Rue Saint-Maur ein und verhafteten die jüdischen Bewohner, die ca. 1/3 der insgesamt 300 Mieter ausmachten. Nur die wenigsten von ihnen überlebten die Zeit in den Konzentrationslagern (besonders in Auschwitz). Einige der nicht-jüdischen Bewohner des Hauses zeigten Zivilcourage und versteckten jüdische Kinder, die auf diese Weise überlebten.

Nachdem die Autorin die Geschichte des Hauses seit seiner Entstehung über viele Jahre nachgezeichnet hat, reist sie in die Länder, in denen vermutlich noch Überlebende der 209 rue Saint-Maur wohnen: nach Israel, in die USA und nach Australien. Dort kann sie einige der wenigen noch lebenden Kinder des Hauses ausfindig machen und dazu ermutigen, nach vielen Jahren noch einmal an den Ort ihrer Kindheit in der 209 rue Saint-Maur zurückzukehren. Im berührendsten Teil des Buches kommen die Überlebenden in das Haus 209 rue Saint-Maur, wo bei den gemeinsamen Treffen die Gespräche um Erinnerungen über die Geborgenheit ihrer Kindheit in den beengten Verhältnisse des Wohnhaues, den Schrecken der Verhaftungen und den Trennungen von den Eltern kreisen.

Einer derer, die Zylberman in New York gefunden hat („Henry“), konnte sich an nichts mehr erinnern. Sie bringt ihn dazu, im Alter von 75 Jahren noch einmal in die rue Saint-Maur zurückzukehren und sich seiner Vergangenheit zu stellen. Ausführlich schildert Zylberman die bewegenden Momente seiner Ankunft in Paris und in der rue Saint-Maur. In dem Haus, in dem kaum einer der heutigen Bewohner etwas davon weiß, welche Geschichten sich dort ab 1940 ereignet haben, obwohl zwei Gedenktafeln daran erinnern, treffen die wenigen Zurückgekehrten zusammen, versuchen sich wiederzuerkennen und tauschen gemeinsame schöne wie schreckliche Erinnerungen aus (425 ff.).

Ruth Zylberman, die eine „Autobiografie der 209 rue Saint-Maur“ geschrieben hat, ermöglicht es den Überlebenden des Hauses, sich selbst und den Lesern des Buches den Schleier des Vergessens über ihre Geschichte zu öffnen, den die Beteiligten und Angesprochenen nicht selten verwenden, um das Schreckliche im Leben unsichtbar zu machen, ohne zu bedenken, dass dieses immer wieder erscheint, wenn nicht darüber gesprochen wird. Das Buch leistet insofern einen Beitrag zur Selbstreflexion des Lesers und sollte auf dem Schreibtisch eines jeden liegen, dem die Verarbeitung der eigenen Geschichte wichtiger als ihre Verdrängung ist.


Dokumentarfilm „Les enfants du 209 rue Saint-Maur“

Ruth Zylberman
Rue Saint-Maur 209
Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichte
Übersetzt von Patricia Klobusiczky und Ela zum Winkel
469 S., geb.
ISBN: 978-3-89561-807-9
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025
 
  
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Erstellungsdatum: 24.06.2026