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Marli Feldvoß sprach mit Raul Hilberg, der in diesem Jahr 100. Geburtstag hätte

Der Abgrund des Bösen

Marli Feldvoß


Screenshot Claude Lanzmann Shoah Collection, Interview with Raul Hilberg 1985

Mit seinem Hauptwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ hat Raul Hilberg den Holocaust erforscht, indem er der bürokratischen Abwicklung des mörderischen Unternehmens nachging. In der NS-Verwaltung wurde jeder Vorgang dokumentiert. Bei der Sichtung und Auswertung dieser umfangreichen Akten wurden Hilberg die Strukturen der Vernichtungsmaschinerie verfolgbar, aber auch die biografischen Details und der Alltag der Akteure. 2007 ist der österreichische Historiker im amerikanischen Vermont gestorben. 1997 hat ihn, der am 2. Juni 2026 100 Jahre alt geworden wäre, Marli Feldvoß zu seiner Arbeit befragt.

 

Marli Feldvoß: Das Standardwerk über die Judenvernichtung zu erarbeiten, ist eigentlich eine unvorstellbare Leistung. Sie sprechen selbst davon, dass Sie sich vorgenommen hatten, den Inbegriff der Menschenvernichtung abzuhandeln. Mir scheint, dass Sie heute mit durchaus gemischten Gefühlen auf dieses Lebenswerk zurückschauen.

Raul Hilberg: Das war eine Arbeit – ich dachte am Anfang, es würde fünf Jahre dauern –, die jetzt schon fast fünfzig Jahre gedauert hat. Und jetzt verstehe ich schon, warum. Denn ich hatte eigentlich die ganze Aufgabe von Anfang an unterschätzt. Und erst langsam sah ich, was es eigentlich bedeutet, wenn eine Regierung, wenn ein Land – und dazu noch andere Länder – täglich, und man könnte schon sagen, zu jeder Stunde Papier mit verschiedenen Mitteilungen füllt, dass man hier sozusagen Berichte erstattet. Das sind Millionen von Seiten und Abermillionen von Seiten. Und gerade dieser Aktenberg, als ich ihn zum ersten Mal in Washington sah – dort hatten wir etwa 10.000 Meter von deutschen Akten in den Jahren 1950, 1951, 1952, als ich dort arbeitete –, da sah ich schon, um was es sich handelte: eine ungeheuer große Bürokratie.

Es war damals eine „unerbetene“ Erinnerungsarbeit, die Sie geleistet haben. Warum war das in den 50er-Jahren eigentlich so schwierig? Das war mir gar nicht klar, wie stark damals in Amerika die Beschäftigung mit dem Holocaust abgelehnt wurde.

Ja, das war hier in Deutschland die Überraschung. Man glaubte hierzulande, dass nur die Deutschen sich von diesem Thema abwendeten. Aber das geschah auch in Amerika. Natürlich aus anderen Gründen. Erstens wurde schon, möchte ich sagen, 1948 Deutschland darauf vorbereitet, dass es einmal der NATO beitreten könnte und jetzt den neuen Kalten Krieg auf unserer Seite erleben kann. Und zweitens war natürlich auch die jüdische Gemeinde ein Teil der amerikanischen. Man konnte sich doch nicht abtrennen. Und es gab in jüdischen Kreisen eine große Sorge um Palästina und dann Israel. Und man kann ja nicht zwei Sachen zugleich bearbeiten. Und deswegen gab es bei Israel noch 1973 große Sorgen und, was den Kalten Krieg anbetrifft, sogar noch ein bisschen länger. In Amerika also hat dieses Tabu, möchte ich sagen, bis etwa 1978 gedauert. Dann hat es sich geändert. Aber das hatte gewisse Gründe. Es war nicht nur ein gewisser Ablauf des Kalten Krieges, sondern insbesondere die Erfahrung Amerikas in Vietnam. Und eine neue Generation, die inzwischen herangewachsen war und nicht mehr sicher war: Warum kämpfte man überhaupt gegen die Kommunisten? So wurde das natürlich dargestellt in Vietnam. Was heißt hier Recht und Unrecht? Was heißt hier Sieg und Niederlage? Was heißt überhaupt so ein Krieg? Und man wollte die moralische Gewissheit zurückgewinnen. Und da fragte man sich – und insbesondere diese Zwanzigjährigen fragten: Wann waren wir als Amerikaner ganz sicher, dass wir auf moralischem Boden standen, Recht zu verteidigen und Unrecht zu bekämpfen? Und die Antwort war: Das war der Zweite Weltkrieg. Natürlich haben doch alle Mächte auch etwas Unrecht getan. Und deswegen suchte man das Richtige, indem man das Nichtannehmbare bekämpfte. Und das war Deutschland. Das war der Nationalsozialismus, und insbesondere: Das war der Holocaust. Denn das war der Abgrund des Bösen. Und jetzt wurde auf einmal der Holocaust überall in Amerika sozusagen ein „Thema“. Aber nicht vor 1978.

Jetzt ist es wieder ein Thema. Denn es gibt eine neue Entwicklung. Sie sprechen heute von einer „erbetenen Erinnerung“ in Anlehnung an Ihre Autobiografie „Unerbetene Erinnerung“ (1994). Da besteht ein ganz beabsichtigtes Spannungsgefälle. Was macht die Differenz dieser Titel heute für Sie aus?


Raul Hilberg. Wikipedia Commons

Raul Hilberg: geboren am 2.6.1926 in Wien, gestorben am 4.8.2007 in Williston, Vermont.
1939 mit den Eltern aus Wien in die USA ausgewandert. Alle Verwandten kamen in Vernichtungslagern ums Leben. 1945 kam er als Soldat der 7. Armee nach Bayern. Sein Hauptwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ konnte 1961 in einem kleinen amerikanischen Verlag erscheinen, mit einem Druckkostenzuschuss eines Gönners; 1982 bei Olle & Wolter, Berlin, mit Unterstützung der Büchergilde Gutenberg auf Deutsch; ab 1990 im Fischer Verlag (letzte Ausgabe 2023 als Fischer Taschenbuch). 1991 als Professor der Politikwissenschaft an der Universität Burlington, Vermont, emeritiert.

 

 

 

Die Vernichtung der europäischen Juden
von Raul Hilberg
Übersetzt von:
Christian Seeger 
Harry Maor 

Walle Bengs 
Wilfried Szepan 
Thomas Bertram

Erscheinungstermin: 28.06.2023
ISBN: 978-3-10-397530-7
1472 Seiten
S. FISCHER Verlag

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Erstellungsdatum: 11.06.2026