MENU
Eran Rolnik über drei Weisen, den Juden zu denken

Antisemitismus – was ist das? Wie ist er in die Welt gekommen? Und wie kommt er wieder heraus? Nur die erste dieser Fragen ist – annäherungsweise – zu beantworten. Jude ist man nicht, zum Juden werde man gemacht, hieß es einst. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Dass es den Antisemitismus gab, bevor der Begriff dafür erfunden wurde, macht die Sache noch komplizierter, als sie ohnehin schon ist. Der Psychoanalytiker, Psychiater und Historiker Eran Rolnik unterscheidet drei Modi, in denen der Jude zum Gegenstand des Denkens wird.
Im Jahr 1832 machte der in jungen Jahren getaufte Schriftsteller Ludwig Börne eine Beobachtung, die nichts von ihrer Kraft verloren hat: Der eine wirft ihm vor, ein Jude zu sein, der andere verzeiht es ihm, ein dritter lobt ihn gar dafür – und alle denken daran. Sie seien, schrieb er, „gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus“. Fast ein halbes Jahrhundert bevor das Wort „Antisemitismus“ im Deutschen geprägt wurde, hatte Börne das Wesentliche bereits gesehen. Judenhass ist nicht nur eine Haltung. Er ist eine Beziehung, und Jude wie Nichtjude sind in ihr gefangen.
Ich möchte drei Weisen unterscheiden, in denen der Jude zum Gegenstand des Denkens wird. Die erste ist der böse Modus: der organisierte, vorsätzliche, politische Antisemitismus, jener, der vor ein moralisches Tribunal gehört und Widerstand verlangt. Die zweite ist der wahnhafte Modus, beinahe schon Wahn – hier wird der Jude zur Phantomgestalt, in die das Unerträgliche abgeführt wird. Beide sind Antisemitismus. Die dritte ist weder Vorurteil noch Wahn. Sie ist eine symbolische Operation: ein Gebrauch der Figur des Juden, durch den ein Mensch auf jene Teile seiner selbst stößt, die sich dem Denken widersetzen – seine Ambivalenz, seine Abhängigkeit, seine eigene innere Fremdheit. Dieser funktionelle Modus ist, streng genommen, gar kein Antisemitismus; er ist eben jene Operation, die der Antisemitismus angreift und von der er sich nährt. Er ist der am wenigsten beachtete der drei – und er ist es, um den es in diesem Essay eigentlich geht. Und er öffnet sich auf eine Frage, die größer ist als der Antisemitismus: warum ein Geist so oft jemanden außerhalb seiner selbst braucht, um zu fassen, was er noch nicht zu denken vermag. „Der Jude“ benennt hier eine Position, kein Volk und keine Abstammung – einen Platz, den andere Figuren vor ihm eingenommen haben und wieder einnehmen könnten.
Daß ein einziges Wort so verschiedene Operationen umfassen kann, ist genau das, was manche Gelehrte dazu gebracht hat, es loswerden zu wollen. Der Historiker David Engel weigert sich seit über drei Jahrzehnten, das Wort „Antisemitismus“ zu gebrauchen, weil er es für ein zu loses Etikett hält – eines, das einen Numerus clausus, eine Ritualmordlegende und einen Boykott auf Kosten der Analyse in eine einzige Kategorie zwingt. Er hat recht: Die Phänomene sind tatsächlich heterogen. Und doch heißt, den Namen abzuschaffen, einer sehr alten Phantasie nachzugeben – der, man werde die Sache los, indem man das beunruhigende Wort fallen lässt. Die Phänomene unterscheiden sich im Modus. Was sie teilen, ist ein Objekt und eine an ihm vollzogene Funktion.
Aber warum der Jude und nicht eine andere Figur? Jede Gesellschaft braucht jemanden, der trägt, was sie nicht zu denken erträgt, und viele sind in diese Rolle gedrängt worden: der Ketzer, die Hexe, der Fremde, der Ungläubige. Was den europäischen Fall auszeichnet, ist die Beharrlichkeit. Über Jahrhunderte hat der Kontinent diese psychische Funktion mit ungewöhnlicher Konstanz auf eine einzige Figur konzentriert, bis der Antisemitismus nicht mehr bloß ein Hass auf Juden war, sondern die lange Geschichte einer um sie herum organisierten Operation.
Das Christentum gab dieser Beharrlichkeit ihre Struktur. Aus dem Judentum hervorgegangen und sich sodann gegen es bestimmend, konnte der neue Glaube den Juden weder einverleiben noch ohne ihn auskommen. Der Jude war nicht bloß ein Feind. Er nahm in der christlichen Vorstellungswelt eine paradoxe Stellung ein: Zeuge und Leugner, Ahn und Außenseiter, unentbehrlich und verworfen. Lange vor dem modernen Antisemitismus hatte das christliche Europa dem Juden bereits eine symbolische Funktion zugewiesen, die über gewöhnliche Feindseligkeit hinausging. Die modernen Formen sollten diese Funktion verwandeln, doch erfunden haben sie sie nicht. Um zu sehen, wie der Jude in diese Rolle kam, lohnt ein Blick darauf, woher die Psychoanalyse selbst stammt.
Sie wurde innerhalb des antisemitischen Diskurses geboren, nicht neben ihm. Seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gehörten der Körper, der Geist und die Sexualität des Juden zu den umkämpftesten Gegenständen der europäischen Medizin. Ärzte katalogisierten die Krankheiten, für die Juden angeblich anfällig oder gegen die sie angeblich gefeit waren, und jüdische Mediziner machten mit, indem sie eben die Statistiken lieferten, die die Mythen verhärteten. Der defekte jüdische Körper taugte nicht zur Armee; der wurzellose Luftmensch konnte dem Körper der Nation nie angehören. Selbst die zionistische Antwort übernahm die Diagnose und änderte nur die Therapie: Max Nordau beschrieb 1898 an Herzls Seite in Basel den Zionismus als eine politische Medizin für einen durch achtzehn Jahrhunderte des Exils ruinierten Körper. Arthur Ruppin las aus seiner Biostatistik heraus, dass die wohlhabenden Juden degenerierten.
Dann kam Freud, der den ganzen Rahmen verwarf. „Degeneration“, wandte er ein, setze voraus, dass einst eine vollkommene Rasse existiert habe und verfallen sei; solche Wesen aber habe es nie gegeben, also könne niemand – Jude oder nicht – degeneriert genannt werden. Indem er die Vererbung als Ursache der Neurose verwarf und über die jüdische Herkunft seiner Patienten schwieg, brach er ebenso scharf mit den jüdischen Ärzten wie mit der Wissenschaft, der sie antworteten. Auf die Verbindung zwischen seiner Herkunft und seiner Lehre angesprochen, trennte er beides ohne Entschuldigung: Was er seinem Judentum verdanke, sei die Vertrautheit damit, in der Opposition zu stehen, im Bann der „kompakten Majorität“. In seinen Händen wurde der Jude zur Figur eines Subjekts, das die eigene innere Fremdheit zu ertragen vermag – und genau diese Fähigkeit ist es, wie wir sehen werden, die der erneuerte Hass nicht erträgt.
Das Modell ist keine historische Kuriosität; wir können es in unserem eigenen Augenblick am Werk sehen. Was sich nach dem 7. Oktober 2023 entlud, war nicht zuletzt eine Flucht vor dem Denken. Das Muster war binnen Wochen sichtbar, noch ehe die israelische Offensive in Gaza begonnen hatte: je totaler die Demütigung Israels an jenem Tag erschien, desto lauter und ungehemmter die Parolen im Ausland. Das Wort „Kontext“ wurde zum Mittel, sich der Verurteilung des Mordes an Zivilisten zu entziehen. Ein seit der Shoah geltendes Tabu schien zu weichen; der Historiker Dan Diner nannte es die Wiederkehr des „Privilegs der negativen Erwählung“. Die Verkehrung, die Juden zu Tätern eines Völkermords und Palästinenser zu den einzig denkbaren Opfern macht, lässt sich nicht aus dem Verlauf des Krieges allein erklären. Sie speist sich aus einem politischen Unbewussten, das daran arbeitet, den Juden von seiner historischen Rolle als Opfer abzuschneiden.
Die tiefere Gefahr ist eine intellektuelle. Kritische Theorie, postkoloniales Denken und die Psychoanalyse selbst haben uns unverzichtbare Werkzeuge gegeben, um Macht zu lesen. Der Schaden liegt nicht in diesen Traditionen, sondern in ihrer Verabsolutierung. Wo die Macht zur einzigen Wirklichkeit erklärt wird, geht die Wirklichkeit verloren: Gewalt wird zum bloßen Symptom eines Systems, nie zum Ereignis mit einem eigenen Sinn. Wenn ein Patient mir sagt: „Ich schlage meine Kinder, weil mein Vater mich geschlagen hat“, ist die Frage, ob das eine Einsicht ist oder ein Alibi. Eine Politik, die alles aus der Macht erklärt, verfährt ebenso – sie verspielt die Fähigkeit, eine Tatsache eine Tatsache zu nennen.
Deshalb hat der Antisemitismus etwas Unheimliches. Wie sorgfältig man ihn auch historisiert, immer wieder gleitet er zurück in den Status eines Phantoms – anerkannt, wie Freud vor der Akropolis, erst nachträglich: Es existiert also wirklich, so wie wir es in der Schule gelernt haben. Was sich in ihm projiziert, ist nicht nur das Verbotene, sondern die Fähigkeit zu denken und zu fühlen selbst. Die Psychoanalytikerin Melanie Klein beschrieb eine Entwicklungsleistung, die sie die depressive Position nannte: die schwer errungene Fähigkeit, Liebe und Hass auf ein und dieselbe Person zu richten und sie ganz zu lassen. Der Antisemitismus ist ein Rückzug von ihr – ein Rückfall in einen früheren, paranoiden Zustand, in dem alles Unerträgliche abgespalten und nach außen geschleudert wird, hier in den Juden. Wilfred Bion nannte dies einen „Angriff auf Verbindungen“: der Geist, der sich gegen die eigene Kraft wendet, einen Gedanken mit dem nächsten zu verknüpfen. Hier richtet er sich gegen das Denken selbst. 1959 bestand Adorno darauf, dass eine genaue Kenntnis Freuds nötig sei, um den Boden zu diagnostizieren, auf dem dieser Hass gedeiht – ein Hass, der sich auch gegen die Psychoanalyse richtet, „keineswegs bloß weil Freud Jude war, sondern weil Psychoanalyse genau in jener kritischen Selbstbesinnung besteht, welche die Antisemiten in Weißglut versetzt“.
Und hier kommt der dritte Modus wieder in den Blick, denn er folgt der entgegengesetzten Logik. Sein Schlüsselbegriff ist einer, dem Winnicott eine präzise Bedeutung gab: die Objektverwendung. In seiner Darstellung zerstört der Säugling das Objekt in der Phantasie, und es ist das Überleben des Objekts – seine Weigerung, zurückzuschlagen oder zu verschwinden –, das es außerhalb der Allmacht des Selbst stellt, es real macht und damit für das Denken verwendbar. Der funktionelle Modus tut dasselbe mit dem Juden. Er wird in der Phantasie zerstört, um herauszufinden, ob er überlebt, und sein Überleben ist es, das dem Subjekt eine Wirklichkeit jenseits der eigenen Allmacht sichert. Was im bösen und im wahnhaften Modus Evakuierung ist – das Unerträgliche, in den Juden ausgestoßen, und mit ihm der Sinn zerstört –, ist hier ein Hingreifen nach einem Objekt, das das Denken überhaupt erst möglich macht. Die drei Modi sind keine getrennten historischen Typen; sie koexistieren und können einander sogar bewohnen. Was sie verbindet, ist nicht Hass, sondern ein gemeinsames Objekt: das, was sich im Menschen der Symbolisierung widersetzt. Was sie unterscheidet, ist die Richtung der Operation – die Zerstörung des Sinns oder ein zaghaftes Greifen nach ihm. Das Kriterium ist brutal einfach. Überlebt das Objekt? Wenn der Jude die an ihm in der Phantasie vollzogene Zerstörung überlebt – wenn die Verbindung hält, wenn die Beziehung hält –, ist es Verwendung. Wenn nicht, ist es Evakuierung.
Nirgends ist dies klarer als dort, wo der Angreifer selbst ein Jude ist. Wenn die israelische Rechte den linken, liberalen Juden als wurzellosen Kosmopoliten, als treulosen Verräter, als Zersetzer der Nation brandmarkt – in Formeln, die den klassischen Antisemitismus mit unbehaglicher Genauigkeit nachahmen –, dann greift sie nicht den ethnischen Juden an, denn sie ist selbst jüdisch. Sie greift den Juden als Träger des Zweifels, der Ambivalenz, der kritischen Selbstbesinnung an. Wäre der Jude nur ein rassisches Merkmal, könnte kein Jude ihn hassen. Weil er die Zumutung des Denkens verkörpert, kann der Angriff von einem Juden ebenso ausgehen wie von irgendjemand sonst. „Ich kann kein Antisemit sein, ich bin doch selbst Jude“ verfehlt den Punkt vollkommen: Der böse Modus hatte es nie nur auf den ethnischen Juden abgesehen, sondern auch auf die symbolische Figur, die an ihm haftet.
Ich möchte daher Isaac Deutschers berühmte Figur des „nichtjüdischen Juden“ um eine weitere ergänzen: den funktionellen Juden – die Figur, nach der ein Geist greift, wenn er ein Objekt braucht, an dem er die eigene Denkfähigkeit erproben kann. Alles hängt an der einen Frage, die Klinik und Straße am Ende teilen: Überlebt das Objekt? Wenn der Jude die an ihm in der Phantasie vollzogene Zerstörung überlebt, wird Denken möglich; Ambivalenz lässt sich ertragen, und die Beziehung hält. Überlebt er nicht – muss er verschwinden, damit das Unerträgliche mit ihm verschwinde –, dann übernehmen Projektion, Evakuierung und Hass. Der böse und der wahnhafte Modus sind das, was geschieht, wenn das Objekt nicht überleben darf. Die funktionelle Verwendung ist das, was geschieht, wenn es, allen Widrigkeiten zum Trotz, überlebt.
Deshalb zählt das Wort noch immer. „Antisemitismus“ preiszugeben hieße, die einzige Kategorie zu verlieren, die uns die drei Modi als verwandt erkennen lässt, und zu vergessen, dass am Ende nicht ein Volk angegriffen wird, sondern ein Vermögen – die Fähigkeit, Ambivalenz, Abhängigkeit und die eigene innere Fremdheit zu ertragen. Doch die Frage, die bleibt, ist größer als der Antisemitismus. Wir alle sind, wie Börne sah, Gefangene desselben Zauberkreises, und der Kreis handelt am Ende nicht vom Juden. Er handelt von uns: davon, warum Menschen so verlässlich Erleichterung vom Denken suchen, warum sie die Ambivalenz fliehen, warum sie jemanden außerhalb ihrer selbst brauchen, der trägt, was sie in sich nicht zu tragen vermögen. Dem Juden ist diese Last allzu oft aufgebürdet worden. Die schwerere Frage ist nicht, wer die Last trägt, sondern warum sie überhaupt getragen werden muss.
Erstellungsdatum: 20.06.2026