MenuMENU

zurück

Jürgen Habermas‘ Handgemenge

Der Denker als Lebensform

Arno Widmann


Jürgen Habermas mit Ehefrau Ute Habermas-Wesselhoeft, 2019. Foto: Alexander Paul Englert

Hat ein Philosoph einmal das Arcanum gefunden, das, was die Welt im Inneren zusammenhält, lässt sich daraus kein Element brechen, ohne dass das Ganze in sich zusammenfällt. Nicht so bei Jürgen Habermas. Seine Arbeitsweise legt nahe, dass es auch einen stetigen Strukturwandel der Philosophie gibt, wenn der Philosoph ihn zulässt. Arno Widmann hat dessen Arbeit lesend verfolgt und ihm zugewandte Erinnerungen nachgerufen.

 

Im Dezember 2023 starb seine älteste Tochter, im Juni 2025 seine Frau, am 14. März starb Jürgen Habermas. Am 18. Juni wäre er 97 Jahre alt geworden. Ich habe das Gefühl, ein Baum ist gefällt worden. Ein sehr alter, aber längst nicht verdorrter Baum.

2019 veröffentlichte der 90-jährige Philosoph „Auch eine Geschichte der Philosophie“, eine zweibändige, mehr als 1.700 Seiten umfassende Abhandlung über die Geschichte des Verhältnisses von Glauben und Wissen in der westlichen Welt. Ein Kraftakt. Es gibt in der gesamten überlieferten Philosophiegeschichte kein vergleichbares Alterswerk. Er zeigte noch einmal, dass der oft totgesagte Typus des gelehrten Welterklärers, der von seinem Arbeitszimmer aus das Große und Ganze durchschaut und uns vorführt, in ihm mitten unter uns weiterlebte.

Er hatte einen langen Atem

„Mitten unter uns“ – das zeigte er seinen Leserinnen und Lesern, als 2022 ein weiteres Buch erschien: „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“, ein schmales Bändchen von 100 Seiten, in dem er die Veränderungen beleuchtete, die die Digitalisierung für die politische Willensbildung und Entscheidungsfähigkeit der Menschen bedeutete. Er knüpfte darin an sein, wie er im Vorwort schrieb, erstes und „bis heute“ erfolgreichstes Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ an. Diese seine in Marburg bei Wolfgang Abendroth entstandene Habilitationsschrift war 1962 erschienen. Habermas hatte darin gezeigt, dass der gesellschaftliche und politische Fortschritt angewiesen war auf eine funktionierende, sich über ihre Lage und deren Erfordernisse verständigende bürgerliche Öffentlichkeit.

Das Buch wurde wenige Jahre später in den Händen revoltierender Studenten zur Mine, aus der der Stoff gewonnen wurde, mit dem offizielle Feierlichkeiten, aber auch Lehrveranstaltungen „gesprengt“ wurden. Öffentlichkeit wurde „hergestellt“. Bei „Glasnost“, einer der Kernparolen Gorbatschows, die das Ende der Sowjetunion einleiteten, ging es doch darum, aus Sowjetmenschen wieder eine sich über ihre Situation offen auseinandersetzende Öffentlichkeit zu machen. Wir sehen heute an den zahllosen – von verschiedensten Seiten vorgetragenen – Aufforderungen, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken, wie zentral deren Verteidigung für die Aufrechterhaltung demokratischer Strukturen ist.

1980 erklärte Jürgen Habermas, sein Traum sei, wieder einmal ein historisches Buch zu schreiben, wie zwanzig Jahre zuvor den „Strukturwandel“. Fast vierzig Jahre danach schenkte er sich und uns „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Einen langen Atem hatte er. Ich weiß nicht, ob ich das schreiben darf. Vielleicht starb er am Ende an Atemnot. Ich weiß das nicht. Aber ich sehe ihn vor mir: zuhörend, antwortend. Über die Jahrzehnte hinweg. Über die Weltmeere und die Sprachen hinweg. Habermas stand nicht still. Er hielt nicht viel von der Idee Adornos, die Theorie als eine Flaschenpost zu bewahren für Zeiten, in denen sie wieder einsetzbar sein könnte. Theorie wurde im Handgemenge entwickelt und den Gegebenheiten angepasst.

Es gab zwei Arten von Handgemenge für Jürgen Habermas. Da waren die mit Rawls und Rorty, mit Foucault und Derrida. Er kritisierte sie und diskutierte mit ihnen, er entnahm ihnen Begriffe und Konzepte, setzte sie ein in seine Gedankengänge. Habermas erinnerte an ein Kind, das auf dem Teppich sitzt und mit den Bausteinen verschiedener Marken versucht, einen Turm, eine Brücke, eine Burg zu bauen. Sein Ehrgeiz ist, alle ihm zugänglichen Bausteine zu verwenden, sie alle zu nutzen für sein Werk.

„Anschlussfähigkeit“ nannte Habermas das. Es ging darum, eine Theorie zu entwickeln, die die bereits vorhandenen Theorien weitertrieb. Es kam dadurch zu Konstellationen, dass Habermas Überlegungen, die im Anschluss an ihn formuliert worden waren, aufgriff und nun seinerseits weiterentwickelte. So erging es mit dem Begriff der deliberativen (beratenden, abwägenden) Demokratie. Mich erinnert das daran, dass Zusätze, die Antoine Galland seiner zwischen 1704 und 1717 erschienenen französischen Übersetzung der arabischen „Märchen aus 1001 Nacht“ hinzugefügt hatte, späteren arabischen Fassungen dieser Sammlung nun ihrerseits hinzugefügt wurden.

Anders als Galland und seine arabischen Weitertreiber, hatte Habermas immer wieder den Ehrgeiz, die übernommenen Klötzchen kenntlich zu lassen – wie es bei einer modernen Restauration häufig gemacht wird. Man soll sehen, was alles wie eingebaut wurde. Das macht diese Textsorte für uns bloße Konsumierende über weite Strecken ungenießbar. Es raschelt. Aber es ist nur Papier.

Der Denker als Lebensform, als Vision

Kenner erfreuen sich an den Bruchstücken, die er aus anderen Texten herübergeholt hat in seine. Aber wer den Fluss einer Argumentation liebt, wer ihren Klang hören möchte, der wird von ihm allein gelassen, dem sagt er: „Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr.“ Dabei lebte Habermas exakt diesen Denker. Nur eben einen, der vor lauter Anschlussfähigkeit sich gerne auch mal verzettelte. Wer ihm dabei folgt, mag Schönheiten entdecken, die uns sich noch nicht enthüllt haben.

Das andere Handgemenge, in dem er sich und seine Argumente erprobte, waren die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland. Die Propaganda der Gewalt, wie sie die Studentenbewegung 1968 betrieb, nannte er linksfaschistisch. Manche nannten ihn daraufhin einen Scheißliberalen, andere brachte er zum Nachdenken.

Der „Historikerstreit“ von 1986 war ein anderes Handgemenge, in dem Habermas die Menschen in der Bundesrepublik zwang, sich über ihre NS-Vergangenheit und ihren Umgang damit auseinanderzusetzen. Ich schreibe „auseinandersetzen“. In Wahrheit war es ein Sich-Zusammensetzen. Die Kontrahenten benutzten die führenden Printmedien der Bundesrepublik für einen sich ein Jahr lang hinziehenden Schlagabtausch. Habermas teilte aus, Ernst Nolte und die anderen schlugen zurück. Wir Leserinnen und Leser verfolgten das Ganze, riefen uns zu, was z. B. Jürgen Kocka in der Frankfurter Rundschau oder Micha Brumlik in der taz geschrieben hatten. Habermas’ Attacke in der Zeit vom 11. Juli 1986 hatte uns aufgerüttelt. Gab es eine „Verschwörung“ führender Historiker, die den Nationalsozialismus kleinreden wollten?

Habermas lehrte uns, die Augen offen zu halten. Auch sein Plädoyer für eine europäische Verfassung von 2011 war ein Versuch, die abwägende Öffentlichkeit, die immer erst zu schaffende Generalversammlung der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger von seinen Überlegungen zu überzeugen.

Wir werden in unseren Artikeln jetzt alle schreiben von dem Einfluss, den Jürgen Habermas hatte, von den zahllosen Übersetzungen auch noch seiner umfangreichsten Werke. Aber die Wahrheit ist: Er war allein. Oder doch fast. Der Rechtspopulismus breitet sich aus. Gegen alle Vernunft und gegen die Begeisterung der immer kleiner werdenden Schar für die öffentliche Diskussion gerade unter Gegnern.

Jürgen Habermas war der Philosoph der Bundesrepublik. Er war einer derer, die entschlossen den Weg nach Westen angetreten haben und ihn uns wiesen. Der schlanke Mann, der Studenten gerne Vorlesungen hielt, der aber lieber noch mit ihnen stritt, war in den 60er Jahren eine einzigartige Erscheinung. Eine kritische Theorie ohne Embonpoint. In einem Interview wurde er 1980 gefragt, ob er nicht manchmal Lust habe, alles hinzuschmeißen. Er antwortete: „Die Phantasie, so etwas zu tun, ist ein normaler Bestandteil jeder einschlägigen ‚midlife crisis‘, und was Frisch im ‚Graf Öderland‘ beschreibt, gehört zum Phantasiehaushalt jedes vierzig- bis fünfzigjährigen bürgerlichen Intellektuellen. Aber zwischen Phantasien und deren Verwirklichung ist natürlich ein Unterschied. Wenn ich nicht mehr diese kontinuierliche Arbeit hätte, d. h. im weitesten Sinne, sich über Dinge klarzuwerden, die einen interessieren, wäre ich unglücklich.“

Habermas war jemand, der sich in seinen Veröffentlichungen so gut wie nie über diesen „Phantasiehaushalt“ äußerte. Er beschwieg die Gewaltgelüste nicht. Aber sie kamen immer nur als die rechtlich und gesellschaftlich zu hegenden, ja bereits gehegten vor. Die Notwendigkeit von Ventilen erörterte er, soweit ich weiß, nicht.

Blick in den Phantasiehaushalt

In „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ spielt Michael Douglas 1993 einen Mann, der beim Gang durch Los Angeles immer gewalttätiger wird. Es ist ein großartiger, ein verstörender Film. Ich wüsste gerne, was Habermas dazu gesagt hätte und ob er vor Filmen wie diesen gewarnt oder sie sogar für nötig erachtet hätte. Mein Vorurteil ist, dass er diese „Phantasien“ lieber beiseitegeschoben sah.

Es ist auch interessant, dass er meint, wenn er sich nicht klar werden könne über die Dinge, die ihn interessieren, wäre er unglücklich. Selige Zeiten, denke ich. Könnte nicht auch wahr sein: Je klarer man sieht, desto unglücklicher ist man. George Steiner veröffentlichte 2006 den Essay „Warum Denken traurig macht“. Habermas hätte das verstanden, wie er auch „Graf Öderland“ verstand, aber er hätte diese Überlegung wohl auch an einen Phantasiehaushalt verwiesen, oder hätte er sie als einen Legobaustein in eine erweiterte Theorie des Kommunikativen Handelns eingebaut? Ich weiß es nicht.

Ich glaube, das Kind in ihm, das mit Theorien spielte, war der eine Habermas. Der andere war ein Freund und Formulierer von Triggerwarnungen. Jetzt, da Habermas tot ist, kann ich ihn nicht mehr fragen. Ich denke jetzt an Bertolt Brecht. Der soll 1955 erklärt haben: „Ich benötige keinen Grabstein, aber wenn ihr einen für mich benötigt, wünschte ich, es stünde darauf: Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen. Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.“

 

 

Der Beitrag wurde zuerst am 15.03.2026 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.

Siehe auch:
Ein Philosoph und Gesellschaftstheoretiker mit weltbürgerlicher Vision

Erstellungsdatum: 29.03.2026