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Eran Rolniks Antwort an einen Schriftsteller

Der Dichter war schon vor ihm dort

Eran Rolnik


Foto: mysticart. Pixabay

Als Reaktion auf den literarischen Missbrauch des psychologischen Katechismus begannen Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts einige Autorinnen und Autoren Literatur zu veröffentlichen, in der jegliche Psychologie vermieden wurde. Das war der Nouveau Roman, der nun der Geschichte angehört, währenddessen der psychologisierende Roman weiterhin die Regale der Buchhandlungen füllt. Der Psychoanalytiker und Psychiater Eran Rolnik wurde nun um eine diesbezügliche literarische Konsultation gebeten.

 

In der zweiten Woche der COVID-Pandemie wandte sich ein Schriftsteller an mich und bat um eine Konsultation.

Der Schriftsteller machte sofort deutlich, dass es sich um eine literarische Konsultation handle und ihm ein Telefongespräch genüge.

„Ich habe ein Problem mit dem Protagonisten des Romans, den ich gerade beendet habe. Er betrügt seine Frau. Würden Sie als Psychoanalytiker einen Zusammenhang sehen zwischen seiner Untreue und der Tatsache, dass er im Alter von zehn Jahren seine Mutter verloren hat?“

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es sich nicht um einen Scherz handelte, antwortete ich dem Schriftsteller, dass ich seine Frage zunächst als Leser und dann als Psychoanalytiker beantworten möchte.

Die literarischen Figuren, die sich meinem Gedächtnis eingeprägt haben, sagte ich ihm, lebten in einer eigenen Welt – einer Welt, in der zwischen Menschen und Dingen sowie zwischen realen und imaginären Ereignissen vielfältige und eigentümliche Beziehungen in großer Dichte existieren. Manchmal steht die Welt, in der Literatur lebt, in Beziehung zu der Welt, in der ich lebe; manchmal erscheint mir die Welt, die sich in einem Buch offenbart, fremd und sonderbar. Diese Spannung zwischen dem Vertrauten und dem Fremden ruft Angst hervor, regt Fantasie und Denken an und geht meist auch mit Lust einher. Ich habe nie Psychologie benötigt, um mich mit literarischen Figuren zu identifizieren, die ich geliebt habe – unabhängig davon, ob sie bewundernswert oder verwerflich handelten.

Wenn ich versuche, eine Ähnlichkeit zwischen dem Lesen eines Buches und dem Zuhören eines Patienten in der Analyse zu finden oder zwischen dem literarischen und dem therapeutischen Akt, scheint es mir, dass Literatur und Psychoanalyse unterschiedliche Mittel verwenden, um mehrere ähnliche Ziele zu erreichen. Beide versetzen den Leser beziehungsweise den Patienten aus einem Zustand der Zerstreuung in einen Zustand innerer Erregung. Beide bewegen uns zum Denken und Imaginieren und bringen uns mit uns selbst und mit der Welt in Kontakt – auf eine Weise, die über gewöhnliche Erfahrung hinausgeht. In der Analyse lernt der Patient Teile seiner inneren Welt kennen und leben, deren Existenz ihm gewöhnlich nicht bewusst ist oder die er verleugnet. Die Mittel, mit denen Literatur dieses Ziel erreicht, sind andere.

Eine literarische Figur, die diesen Namen verdient, wird dem Leser ihre Psychologie niemals durch ein einziges biographisches Detail enthüllen: Wie wenig wissen wir über die Kindheit der Helden großer Romane. In den Händen eines begabten Schriftstellers offenbart sich der wahre Charakter eines Protagonisten vielmehr in der pedantischen Art, wie er eine Treppe hinaufsteigt, oder in seiner Leidenschaft für eine bestimmte Hefetorte, deren Namen er mit lächerlichem Akzent ausspricht. Vielleicht verkörpert sich der seelische Zustand, in dem sich Ihr Protagonist auf dem Weg zu seiner Geliebten befindet, nicht in der Erfahrung des Verlustes der Mutter – von der ich annehme, dass Sie sie benutzen möchten, um das Gefühl zu erklären, von einer Frau verraten worden zu sein –, sondern gerade im Anblick eines kleinen Mädchens, das ihm auf der Straße begegnet.

Schriftsteller sind keine „Psychologen“. Diesen fragwürdigen Titel verdienen sie meiner Ansicht nach allenfalls insofern, als es ihnen gelingt, einen bestimmten Aspekt menschlicher Existenz zu beschreiben und zu erforschen und den Leser dazu zu bringen, sich mit dem einen oder anderen Blickwinkel zu identifizieren.

Was Ihre Frage betrifft – ob es einen Zusammenhang zwischen dem frühen Verlust der Mutter und dem Liebesleben eines Menschen im Erwachsenenalter gibt –, so lautet meine Antwort als Psychoanalytiker: Eine schwierige Kindheit bereitet Menschen nicht auf ein gutes oder moralisches Leben vor. Aber nicht alle Kinder, die früh ihre Mutter verloren haben, blieben auch im Erwachsenenalter unglücklich. In dieser Hinsicht bietet das Leben nicht weniger Überraschungen als die Literatur, und es gibt Menschen, die das Schicksal auf jede erdenkliche Weise gequält hat und die dennoch das Gute, Richtige und Schöne im Leben fanden und es mit anderen teilen konnten.

Ihr Protagonist, sagte ich dem Schriftsteller – und an diesem Punkt hatte ich bereits das Gefühl, mehr zu sagen, als von mir verlangt wurde –, ist kein Patient in Analyse. Dennoch scheint es mir, dass er mit Ihrer Hilfe plant, die Psychologie dazu zu benutzen, eine unangenehme subjektive seelische Wahrheit zu verleugnen. Ich vermute, dass sein Problem aus emotionaler Sicht nicht darin besteht, dass er untreu ist, sondern dass er lügt. Die Tatsache, dass der Protagonist eines Romans nicht abwartet, bis er Literaturkritiker, deren Freudismus ihr Handwerk ist, in die Irre führen kann, sondern den Schriftsteller dazu drängt, noch vor dem Erscheinen des Buches in seinem Namen einen Psychoanalytiker aufzusuchen, bringt mich auf den Gedanken, dass er vielleicht weniger Vergnügen daran findet, Frauen zu betrügen, als vielmehr daran, Sie zu demütigen und Sie dazu zu verführen, Ihre Leser zu verraten.

Am Ende unseres Gesprächs erinnerte ich mich an die Bücher von Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Vladimir Nabokov, die meines Erachtens besonders treffend jene Haltung ausdrücken, die die Psychoanalyse gegenüber der Literatur einnehmen sollte.

Sinngemäß heißt es bei Freud, der Psychoanalytiker entdecke überall, wohin er komme, dass ein Dichter schon vor ihm dort gewesen sei. Der Kern dieses Gedankens erschöpft sich nicht im „Erstzugangsrecht“ der literarischen Imagination in vielen Wissensbereichen, einschließlich der Psychologie. Er liegt vielmehr darin, dass sich die Psychoanalyse an Orten niederlässt, an die die Literatur den Leser intuitiv nur kurz einlädt, um etwas zu erfahren. Die Psychoanalyse richtet sich dort ein. Sie gräbt, sucht nach Zusammenhängen, Verbindungen und Erklärungen. Von all dem ist die Literatur befreit.

Literatur, die Psychologie benötigt – sei es zur Gestaltung ihrer Figuren oder zur Entschlüsselung ihrer Handlungsbewegungen –, ist meiner Ansicht nach eine Literatur, die ihre Leser nicht weniger verrät als ihre Figuren. Ebenso unbehaglich ist mir die Tendenz bestimmter psychoanalytischer Kreise, literarische Deutungen dessen anzubieten, was sich in den inneren Welten lebender Patienten abspielt. Wie gesagt: Der Analytiker sucht nach einer psychischen Wahrheit, deren sich der Patient nicht bewusst ist oder deren Existenz er aus nur ihm bekannten Gründen verleugnet. Die Kunst des Schriftstellers dagegen besteht darin, lebendige, überzeugende und unvergessliche Figuren zu erschaffen; eine einmalige Erfahrung voller Brüche und Widersprüche zu schaffen, die das Persönliche mit dem Universellen verbindet.

Das naheliegende Beispiel hierfür ist der Ödipuskomplex.

In der Literatur und in vielen anderen Bereichen findet man reduktionistische Verwendungen des Ödipuskomplexes. Die Schuld daran liegt meines Erachtens nicht bei Freud, sondern bei Literaturwissenschaftlern, die psychoanalytische Grundbegriffe wie den „Ödipuskomplex“ oder das „Trauma“ zu einem Dietrich gemacht haben, mit dem sie in die Herzen von Autoren und literarischen Figuren einzubrechen versuchen.

Freuds Lektüre des Ödipus Rex war nicht reduktionistisch. Er verstand das griechische Drama, das er in seiner Jugend gelesen hatte, während er mitten in der Analyse seiner eigenen Träume stand. Die Selbstanalyse mehrerer Träume, in denen seine Mutter erschien, verlieh einem bestimmten Aspekt der von Sophokles erzählten Geschichte eine neue Bedeutung. Die Träume und das Drama verdichteten sich plötzlich in seiner Vorstellung zu einem Wahrheitskern, den er zugleich als höchst privat und universell erlebte – eine Wahrheit, die in zahllosen Variationen im Verlauf analytischer Behandlungen von Freud bis heute wiederkehrt und sich offenbart, während sie im Herzen des Patienten eine intensive und persönliche Erfahrung hervorruft.

Literatur, die nicht die einmalige Psychologie ihrer Figuren offenbart – so wie Patienten in der Analyse ihren eigenen Ödipus entdecken –, sollte auf jeden psychologischen Anspruch verzichten.

 

 

Erstellungsdatum: 17.05.2026