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Rainer Erd über Karine Tuils Roman „Die Liebeshungrigen“

Der französische Präsident stürzt ab

Rainer Erd


Palais de L'Elysée. Foto: Eric Pouhier. wikimedia commons

Anders als in Deutschland, wo in solchen Fällen schnell Rechtsanwälte beschäftigt werden, gehört in Frankreich Romanliteratur, die sich, im Klartext oder verschlüsselt, lebende Zeitgenossen vornimmt, zur Klärung gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Und es trägt obendrein zum Vergnügen des lesenden Publikums bei, prominente Persönlichkeiten in satirisch überhöhten Zusammenhängen wahrzunehmen. Für Rainer Erd sind „Die Liebeshungrigen“ Bestandteil seiner Pariser Geschichten.

 

Dan Lehman ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Als Präsident der französischen Republik hat er die letzten fünf Jahre genossen, wenngleich er sich beständig in den üblichen Machtkämpfen und Intrigen behaupten mußte. Aber er wußte, daß er das konnte. Macht zu erlangen und sie zu behalten, fiel im nicht schwer. Mehr noch: es machte ihm Spaß.

So stand Lehman die vergangenen Jahre im Powerzentrum von Frankreich und genoss es sichtbar, dass Menschen sich erboten, ihm gefällig zu sein. Seine Allmachtsgefühle gingen so weit, daß er seine Frau Marianne, die ihm stets eine verlässliche Partnerin gewesen war, verließ und mit der jüngeren deutschen Schauspielerin Hilda Müller eine neue Beziehung einging, aus der eine sprachbehinderte Tochter hervorging. Doch Lehmanns Hybris verstellte ihm den Blick für sein familiäres Umfeld, dessen er sich noch sicher wähnte, als es bereits zu zerfallen begann.

Deshalb entging Lehmann, dass seine ehemalige Frau Marianne nach der leidvollen Trennung von ihm ihre Karriere als Schriftstellerin wieder aufgenommen und die Vergangenheit mit ihm zum Thema ihres neuen Romans gemacht hatte. Ihm entging auch, dass seine neue Frau – innerlich bereits von ihm entfernt – am Beginn einer großen Schauspielerinnen-Karriere stand, deren bevorstehender Film ausgerechnet den Roman seiner ehemaligen Frau als Drehbuchvorlage hatte. Während Lehmann sich im Glauben an seine schier unbegrenzte Machtfülle sonnte, erschufen seine beiden letzten Frauen ein künstlerisches Geflecht, in dessen Seilen sich Lehman bald verfing.

Das alles wurde Lehmann erst bewusst, als die Wähler nach seiner fünfjährigen Amtszeit mehrheitlich dafür stimmten, eine Frau zur Präsidentin von Frankreich zu wählen. Das Unerwartete und Unfassbare war geschehen: Lehmann hatte öffentlich nicht mehr viel zu sagen. Als seine erste Idee, ein Buch zu schreiben, zwar von einem Verlag akzeptiert wurde, aber nach einer ersten Lesung aus Teilen des Manuskripts nicht auf die Zustimmung stieß, die er als ehemaliger Präsident Frankreichs erhofft hatte, begann Lehmann sein Leben zu überdenken. Die beiden Frauen, die er in den letzten Jahren kaum – außer bei offiziellen Empfängen – zur Kenntnis genommen hatte, ließen ihn wissen, daß ihre neu begonnenen Karrieren ihnen wichtiger wären, als ihn zu trösten und zu umsorgen.

Deshalb ging Lehman eine neue Beziehung ein, die ihm jedoch nur kurzfristig die Freude bescherte, der er – der Verstoßene – so sehnlich bedurfte. Seine neue Beziehung, so merkte er bald, forderte ihn mehr, als er dies von seinen bisherigen gewohnt war. Sie verlangte die unwidersprochene Unterwerfung unter ihre Regeln. Lehman hatte sich angesichts der ihn umgebenden Macht- und Beziehungslosigkeit die Alkoholflasche als neue Partnerin ausgewählt, die rasch ihren Preis erzwang.

Einmal mit ihm in regelmäßigen Kontakt getreten, forderte der Alkohol ein ständiges Mehr. Aus dem anfänglichen abendlichen Entspannungsschluck wurde bald ein Dauerverhältnis, das schon bald zu Beginn des Tages nach ihm rief. Lehmann war alkoholabhängig geworden und ständig mit dem Gedanken konfrontiert, dies öffentlich zu verheimlichen. Das gebot ihm nicht nur seine Selbstachtung, sondern auch seine beiden Frauen machten ihm nachdrücklich klar, daß sie nur dann mit ihm den bereits reduzierten Kontakt weiter pflegen würden, wenn unter keinen Umständen publik wurde, daß er ohne die Flasche nicht mehr leben konnte. Ihre beginnenden neuen Karrieren sollten nicht durch Lehmanns Dauerabsturz gefährdet werden.

Das ist die Grundstruktur des neuen Romans der französischen Autorin Karine Tuil, die mit ihren Romanen in den vergangenen Jahren in Paris für viele Kontroversen gesorgt hat. Ihr von Yvann Attal verfilmter Roman „Les choses humaines“ (2019) thematisierte einen Vergewaltigungsvorwurf und die Frage des Einverständnisses des Opfers. „La décision“ (2022) beschäftigte sich mit dem Leben einer Richterin, die über mutmaßliche Dschihadisten zu entscheiden hatte, während sie zugleich mit Lebenskrisen kämpfte. Tuils Romane werden als „Roman-Dossiers“ bezeichnet, weil sie sich mit intensiv recherchierten „Fällen“ beschäftigen, die sie fiktiv verarbeitet.

So wurde im vergangenen Jahr, als das hier angezeigt Buch erschien, in Pariser Literaturkreisen lebhaft darüber diskutiert, wen die Autorin als Präsident vor Augen gehabt haben mag, als sie die Figur des Dan Lehman abstürzen ließ. Weil Lehman als Sozialist und Jude sich nicht mit dem zunächst vermuteten Nicolas Sarkozy vertrug, wurde der frühere Präsident François Holland und seine junge Geliebte, die Schauspielerin Julie Gayet, als Vorbild gehandelt. Andere Seiten der Figur Dan Lehman sprachen dann aber wieder für Sarkozy. Gänzlich verwirrend wurde es für die französischen Diskutanten, als Karine Tuil erklärte, als Vorbild für die junge deutsche Schauspielerin, mit der Präsident Lehmann eine Beziehung eingeht, habe sie die Deutsche Sandra Hüller gehabt. Erreicht hat die Autorin auf jeden Fall, daß Politik und Film-Business zum Thema eines rasant geschriebenen Romans über die Janusköpfigkeit von Menschen geworden sind.

Nachdem der ehemalige Präsident im Alkohol versunken ist, bereitet sich die junge deutsche Schauspielerin darauf vor, bei den Film-Festspiele in Cannes die Goldene Palme zu gewinnen. Auf diese Weise kommt ein neuer Erzählerstrang in den Roman, der von den schwierigen Bedingungen der Finanzierung und Produktion eines Filmes handelt, der sich mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen“ beschäftigt. Auch die nun auftretenden Personen, besonders der Regisseur und das Body-Double für die deutsche Schauspielerin, charakterisiert Tuil als komplexe, widersprüchliche Persönlichkeiten. Regisseur Romain Nizan, der mit seinem Film ein Plädoyer gegen „Gewalt gegen Frauen“ schaffen will, ist selbst eine Persönlichkeit, die in schwierigen Situationen zur Gewalttätigkeit neigt. Außerdem geht er nicht nur mit seiner Hauptdarstellerin, der Noch-Frau des Präsidenten, eine sexuelle Beziehung ein, sondern auch mit deren Body-Double, von der er sich ein Kind erwünscht.

In dieser schwierigen Situation reisen alle Beteiligten nach Cannes, um zu erleben, ob der Film die erhoffte Trophäe erringt. Tuil gelingt es, die Doppelbödigkeit der Filmszene, die sich in Cannes mit der millionenschweren Modewelt kreuzt, in scharfsinnigen Analysen offenzulegen. Der Ausgang des Dramas in Cannes sei nicht verraten, weil der Leser ihm erwartungsvoll entgegenfiebert und dieses Vergnügen nicht getrübt werden soll. Nur eines, was sich schon lange im Verlaufe des großartigen Romans angedeutet hatte, sei erwähnt: die beiden tragenden Männerfiguren, der abgestürzte Präsident und der zu Gewalttätigkeit neigende Filmregisseur, werden nicht als strahlende Sieger vom Feld gehen. Die Frauen aber durchaus.

 

 

Karine Tuil
Die Liebeshungrigen
aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
396 S., geb.
ISBN: 978-3-423-28522-3
dtv München 2026 
 
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Erstellungsdatum: 14.07.2026