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Andrea Pollmeier über Stella Gaitanos Roman „Eddos goldenes Lächeln“

Der Geist der Toleranz

Andrea PollmeierStella Gaitano


Stella Gaitano Foto: Duha Mohammed

In vielen ihrer Bücher gewährt Stella Gaitano Einblicke in die desolate Lage im Südsudan. Wegen ihrer Kritik an dem autoritären Regime musste die Menschenrechtsaktivistin 2022 das Land verlassen und lebt seither in Deutschland im Exil. Ihr 2018  erschienener Roman „Eddos goldenes Lächeln“ liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Andrea Pollmeier ist beeindruckt von der erzählerischen Kraft der Autorin, die den Wandel in der postkolonialen Ära beschreibt und die Lage der Frauen ins Zentrum rückt. Sie dringe ins Innerste ihrer Figuren ein und mache deren Gefühle, Hoffnungen und politischen Ideale nachvollziehbar.

 

Die südsudanesiche Autorin Stella Gaitano hat mit ihrem Roman „Eddos goldenes Lächeln" ein kraftvolles, aus der Dringlichkeit des Lebens heraus entstandenes Werk geschrieben, für das sie 2020 bereits mit dem internationalen PEN Translates Award ausgezeichnet worden ist. Der Roman führt zurück in die Jahrzehnte nach der sudanesischen Unabhängigkeit, in der Frauen 1964 zwar das aktive und passive Frauenrecht erhielten, Fortschritt jedoch im Spannungsfeld internationaler und innenpolitischer Konflikte immer wieder zurückgedrängt wurde.

Stella Gaitano wurde inmitten dieser Unruhen 1979 in Khartum geboren, nachdem ihre Familie vor den gewaltsamen Konflikten aus dem Südsudan gen Norden geflohen war. Sie wuchs in der Hauptstadt Khartum in dem bis 2011 noch ungeteilten Sudan auf, sprach – anders als der Englisch geprägte Südsudan – Arabisch und suchte Zugang auch zu internationaler Literatur. Aufgrund ihres Einsatzes für die Menschrechte musste sie 2022 den Sudan verlassen und lebt heute im Exil in Deutschland. Ihr Roman, der 2018 auf Arabisch erschienen ist und die Lage der Frauen ins Zentrum der Erzählung setzt, ist jetzt von Larissa Bender – ab Herbst Schlegel-Gastprofessorin für die Poetik der Übersetzung an der FU Berlin – mit feinem Gespür für literarische Nuancen aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzt worden und steht auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises des Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Mit hoher erzählerischer Kraft beschreibt Stella Gaitano den gesellschaftlichen Wandel, der das Leben im Sudan in der postkolonialen Ära prägt. Die Erzählung beginnt nah im Dorfalltag inmitten von Strohhütten und spirituellen Ritualen. Stammesfürsten verlieren nach der politischen Unabhängigkeit an Bedeutung, für die Lösung rechtlicher Konflikte ist nun, so heißt es im Roman, die Regierung zuständig. Die afrikanische Bevölkerung, mit traditioneller und christlicher Religion wird von der islamischen und arabischen Zentralregierung immer mehr benachteiligt, der kulturellen Vielfalt des bis 2011 größten afrikanischen Flächenstaates kann nicht entsprochen werden, Morde und Racheakte bleiben ungeahndet und nehmen zu. „Auf diese Weise verschwand der Geist der Toleranz“, heisst es im Roman. 

In einem Dorf im Südsudan setzt die Erzählung ein. Dort lebt Eddo, ein goldener Zahn in ihrem Mund verleiht ihrem Lächeln besondere Kraft. Eddo wirkt zwar im Roman wie eine Art Urmutter, aufgrund ihres persönlichen Schicksals – von zehn Kindern, die sie geboren hat, überlebt nur eins – wird sie jedoch zur Außenseiterin in ihrem Dorf. Dieses einzige Kind, die Tochter Irinu, belegt sie mit einer Art Fluch und beauftragt sie, all die Kinder zu gebären und am Leben zu erhalten, die ihr einst verloren gegangen sind. Diese generationenübergreifende Mission wird Irinu, die später mit christlichem Namen Lucy heißt, stärker prägen als all die Einflüsse der Missionierung und der vielversprechenden Optionen eines modernen, städtischen Lebens.

Lucy ist, auch wenn der deutsche Romantitel es anders erwarten lässt, die zentrale Figur des Romans. Sie ist es, die aufgrund der politischen Lage gezwungen sein wird, ihr Dorf zu verlassen. Der Auftrag der Mutter wird sie jedoch begleiten und schon beim ersten Überfall sowohl herausfordern als auch beschützen.

Gaitano hat mit geschicktem Gespür einen Erzählton entwickelt, der trotz des linearen zeitlichen Ablaufs eine besondere, die Chronologie aufbrechende Dynamik entfaltet. Während Dorfleben, Vertreibung und Flucht aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers beschrieben werden, ändert sich dies mit Ankunft in der Hauptstadt Khartum, in der alles anders ist als im Dorf, nicht nur die Kleiderstoffe werden hier anders gebunden, es gelten auch andere Regeln des menschlichen Miteinanders, die zum Teil  intrigant wirksam werden. 

Am Ort an dem Lucy und ihr Ehemann Marco Unterschlupf bei Freunden aus ihrer südsudanesischen Heimat finden und dort – anders als geplant – die Flucht dauerhaft endet, beschreiben die Mitglieder dieser neuen Hausgemeinschaft das Erleben dieser Zeit nun aus ihrer jeweils eigenen Perspektive. Während Lucy voll Hingabe ihren Traditionen treu und in ewiger Mutterschaft gefangen bleibt, wird Dschalaa, die Tochter eines reichen Händlers, Jura studieren und für feministischen Wandel kämpfen. Auch Marco und Gastgeber Peter, der beim Militär arbeitet, schließen sich diesem revolutionären Umbruch an. Durch diese sehr unterschiedlichen Erzählperspektiven erhält der Lesende Einblick in das Denken einer aufgeklärten, für landesweite Alphabetisierung, Bildung und Gerechtigkeit sich einsetzenden politischen Bewegung, die regionale Unterschiede berücksichtigt, Proteste mobilisiert und in der Bevölkerung zunehmend Unterstützung erlangt.

Gaitano gelingt es, ins Innerste ihrer Figuren einzudringen und ihre sehr unterschiedlichen Gefühle, Hoffnungen und politische Ideale nachvollziehbar zu machen. Man riecht nicht nur Lucys Muttermilch, die das mehr und mehr von Kindern belebte Haus des gastgebenden Freundes durchdringt, man ahnt auch die sich im Militär anbahnenden Konflikte und folgt den hoffnungsvollen, im Geheimen stattfindenden Debatten der Aktivisten. Etwas von dieser Hoffnung hat Stella Gaitano mit ins Exil genommen und ihren Werken eingeschrieben.

 

Siehe auch: „Von Khartum nach Kamen“ Textor 09.08.2025

 

 

 

 

Stella Gaitano
Eddos goldenes Lächeln
Übersetzung aus dem Arabischen von Larissa Bender
Kiepenheuer & Witsch 2026
ISBN 978-3-462-00546-2

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Erstellungsdatum: 07.09.2026