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Essay zum kulturellen Klima in Israel

Der Karneval der Degenerierten

Eran Rolnik


Hieronymus Bosch: Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit. (Ausschnitt) Foto: http://www.rijksmuseum.nl/collectie/SK-A-1673. wikimedia commons

Im Karneval sind die etablierten Regeln aufgehoben. In der Geschichte geschah es aber immer wieder, dass dann verkleidete Büttel der Herrschenden blutige Rache an der Selbstermächtigung nahmen. In Israel wird das Bewusstsein angegriffen. Die politische Kultur Israels wird als ein dauerhafter „Karneval der Degenerierten“ beschrieben, in dem Inszenierung Argumente und Herabwürdigung die Urteilskraft ersetzt. Degeneration wird hierbei nicht biologisch, sondern als Verfall von Sprache, Denken und Verantwortung verstanden. Eran Rolnik zeigt auf, wie sich karnevaleske Öffentlichkeit, Anti-Intellektualismus und Macht verbinden und das demokratische Denken systematisch unterminieren.

 

Vor Kurzem sah ich mir eine Fernsehdiskussion aus den 1980er-Jahren an: ein scharfes Streitgespräch zwischen Dr. Israel Eldad (Scheib) und Prof. Jeshajahu Leibowitz über den Status der besetzten Gebiete. Es war eine erbitterte Auseinandersetzung, die sich dennoch innerhalb eines gemeinsamen Raums von Sprache, Argumentation und Verantwortung für das gesprochene Wort bewegte. Heute fällt es schwer, ein vergleichbares Paar öffentlicher Intellektueller zu benennen – nicht weil die Konflikte verschwunden wären, sondern weil die Bedingungen, die einen solchen Streit ermöglichten, erodiert sind. An ihre Stelle ist eine politische Kultur getreten, in der die Inszenierung die Debatte ersetzt und die Herabwürdigung das Urteil.

Das Wort „Degenerierter“ klingt heute wie eine veraltete Beschimpfung, ein Relikt eines pseudowissenschaftlichen Diskurses des 19. Jahrhunderts. Und doch besitzt es eine erneuerte diagnostische Kraft – nicht als Beschreibung menschlicher Abweichung, sondern als Linse zum Verständnis eines gegenwärtigen politisch-kulturellen Mechanismus. Es geht nicht um den Verfall von Körper oder „Rasse“, sondern um die Degeneration von Sprache, Denken und politischer Kultur.

Am Ende des 19. Jahrhunderts fungierte der Begriff der „Degeneration“ als Chiffre kultureller Angst im wissenschaftlichen Gewand. Psychiater und Intellektuelle diagnostizierten „Verfall“ nahezu in jeder Abweichung von der Norm: in Kriminalität, Sexualität, Kunst. Der Nervenarzt Max Nordau wollte in seinem Bestseller „Entartung“ (1892) die europäische Kultur durch einen Frontalangriff auf die Moderne retten. Auch dem Zionismus schrieb er in seiner Vorstellung eine heilende Rolle für Körper und Geist der Juden angesichts der Degeneration Europas zu. Seine Sprache – die der „Gesunden“ gegen die „Entarteten“ – verkörperte die Angst vor Freiheit und den Versuch, das Leben selbst im Namen der Gesundheit zu zähmen.

Die Psychoanalyse kehrte diese Bewegung um. Freud verstand Abweichung als Ausdruck innerer Konflikte, von Verletzung und menschlicher Komplexität. An die Stelle einer moralisierenden Hierarchie trat empathisches Zuhören; an die Stelle der Diagnose von Verfall der Versuch, verdrängte Bedeutung zu verstehen. Damit entstand eine tiefgreifende Kritik an der Degenerationstheorie, die die Psychiatrie um 1900 beherrscht hatte.

Hier ist eine Unterscheidung zwischen Dekadenz und Degeneration notwendig. Die dekadenten Künstler handelten im Bewusstsein der Krise: Dekadenz thematisierte den Niedergang – mitunter ironisch, mitunter verzweifelt, aber stets reflexiv. Sie leugnete den Zusammenbruch nicht, sondern betrachtete ihn. Der Degenerierte hingegen normalisiert die Krise und genießt ihre Vertiefung. Wenn der Dekadente in einem selbstbewussten Endzeitgefühl lebt, verwaltet der Degenerierte das Ende als Dauerzustand – als Ende von Bedeutung, Urteilskraft und Verantwortung. Dies ist keine radikale Kunst des Fin de siècle, sondern eine Technik systematischer Bedeutungsverflachung. Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, wie ein aus der kulturellen Angst des 19. Jahrhunderts hervorgegangener Begriff heute als Herrschaftstechnik zurückkehrt.

Der hebräischsprachige Degenerierte unserer Zeit ist keine Randfigur. Im Gegenteil: Er ist eine Figur mit klar hegemonialem Anspruch. Er will nicht die Akteure im Zentrum der Bühne herausfordern, sondern sie beerben; nicht eine alternative Position anbieten, sondern die Bedingungen der Möglichkeit von Alternativen selbst beseitigen. Die zeitgenössische Degeneration ist nicht anti-institutionell, sondern anti-denklich – und dient daher Macht, Herrschaft und Belohnungsmechanismen außerordentlich gut.

Der israelische Faschismus wirkt nicht nur durch eine geschlossene siedler-ideologische Doktrin oder offenen Rassismus. Er erschöpft sich auch nicht in drakonischen Gesetzesinitiativen gegen Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Er organisiert sich als eine fortwährende karnevaleske Kultur, deren zentrale Akteure die neuen Degenerierten sind: ein Raum, in dem das Gesetz erodiert, Hierarchien verschwimmen und höhnisches Gelächter das Urteil ersetzt. Es ist ein Karneval der Macht – keine Befreiung von ihr, sondern eine Befreiung von Verantwortung.

Um dies zu verstehen, muss man auf den von Michail Bachtin entwickelten Begriff des Karnevals zurückkommen. Bei Bachtin ist der Karneval ein zeitlich begrenztes Ereignis: eine klar umrissene Unterbrechung, in der die soziale Ordnung suspendiert, Autoritäten verspottet und der Körper ins Zentrum gerückt wird. Das karnevaleske Lachen löst Angst auf und ermöglicht Kritik. Gerade aufgrund seiner Begrenztheit bedroht der Karneval die Ordnung nicht: Nach der Unterbrechung kehren Gesetz und Hierarchie – leicht verändert – zurück.

Der israelische Karneval funktioniert anders. Er hat aufgehört, ein begrenztes Ereignis zu sein, und ist zu einem dauerhaften kulturellen Klima geworden. Das Lachen richtet sich nicht mehr gegen die Macht, sondern wird von ihr eingesetzt; die Grobheit untergräbt Autorität nicht, sie ersetzt sie. Die Suspendierung des Urteils ist kein Moment der Freiheit, sondern ein dauerhafter psychischer Zustand der Verwischung zwischen Realität und Wahn. Aus der Unterbrechung wird eine Regierungsform: Lärm und Herabwürdigung sind nicht Nebenprodukte des Karnevals – sie sind seine Disziplinierungsmechanismen.

Der Platz des israelischen Degenerierten ist im Zentrum der öffentlichen Bühne gesichert: als Dauergast in Talkshows, als hochrangiger Minister, als ad-hoc-„Experte“ oder als Akademiker, der dem Angriff auf die Wahrheit einen Anschein von Legitimität verleiht. Seine Autorität speist sich nicht aus Wissen oder Denken, sondern aus deren Abwesenheit – umhüllt von übersteigertem Selbstvertrauen und Verachtung für alles Vorherige.

Zu den Degenerierten gesellt sich ein Ensemble aus Pseudo-Journalisten, Pseudo-Künstlern und Pseudo-Intellektuellen, die Nationalismus und roher Macht PR-Dienstleistungen im Gewand des Pluralismus anbieten. Im Namen der „Vielstimmigkeit“ werden moralische Unterschiede verwischt, und im Namen der Meinungsfreiheit wird eine gewalttätige Ideologie normalisiert, als handele es sich um eine weitere legitime Position. So wird der Pluralismus selbst zu einem karnevalesken Requisit, das es der Bosheit erlaubt, sich als Meinung zu verkleiden.

Hier tritt eine inoffizielle, aber stabile Allianz zwischen messianischer Ideologie und degeneriertem Karneval zutage. Die messianische Rechte handelt aus Theologie, Erlösungsvision und totalem Ernst; der nationalistische Degenerierte wird von Enthemmung, Grobheit und Machttrunkenheit angetrieben. Die Ideologie liefert Sinn und Rechtfertigung, der Karneval Energie und Immunität gegen Scham. Der eine spricht im Namen der Ewigkeit, der andere handelt im Namen des Augenblicks. Gemeinsam fungieren sie als Agenten des politischen Karnevals: Sie ersetzen Streit durch Inszenierung, Argumente durch Geschrei und Verantwortung durch „Authentizität“. Anti-Intellektualismus ist kein Unfall, sondern ein Wert. Es herrscht hier keine Polyphonie der Stimmen, sondern eine gezielte Kakophonie – Lärm, der sich als Lebendigkeit tarnt.

Eine seiner deutlichsten und gewalttätigsten Erscheinungsformen erfährt dieser Karneval der Degenerierten im Alltag der palästinensischen und beduinischen Bevölkerung: in den Begegnungen mit der sogenannten „Hügeljugend“ – dem brutalen, sadistischen Arm der jüdischen Überlegenheitsideologie, der mit Körpern und Feuer ausführt, was die Regierung sich nur andeutungsweise zu formulieren erlaubt.

Diese Allianz zwischen Regierung und degenerierter Basis manifestiert sich auch in alltäglichen Bildern. Das Foto, auf dem der Justizminister lächelnd neben einem Kriminellen steht, der öffentlich dem ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs droht, ist kein Zufall. Es zeigt eine Arbeitsteilung: Rahmen und Rechtfertigung auf der einen Seite, Drohung und Grenzüberschreitung auf der anderen. Gewalt wird nicht zur offiziellen Politik erklärt – sie ist als legitimes Hintergrundrauschen präsent.

Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der Entfernung eines führenden Arztes aus einer Knesset-Debatte über den geplanten Austritt Israels aus der Weltgesundheitsorganisation. Mehr als ein bloßer „Meinungsaustausch“ oder ein „Elitenwechsel“ war dies ein karnevaleskes Ritual: öffentliche Lust an der Demütigung, Verdrängung von Wissen aus dem Raum, Verachtung professioneller Autorität. Der Diskurs findet nicht mehr als öffentliche Debatte statt, sondern als Inszenierung – „die Siedlerin und der Professor“ als Regierungsformat. In all diesen Fällen handelt es sich nicht um Abweichungen vom System, sondern um seine Funktionsweise: Der Karneval stört das System nicht – er ist die Art, wie es funktioniert.

Der Karneval ist nicht auf ein bestimmtes Medium beschränkt. Er durchzieht Studios, Parteien und soziale Netzwerke und erhält sich selbst als Handlungsform, die sich als Denkform tarnt. Er bleibt nicht auf die öffentliche Sphäre beschränkt. Er sickert in das Leben selbst ein. Ein junger Künstler erzählte mir, sein Vater weigere sich, mit ihm Schach zu spielen, wie sie es früher getan hatten. „Schach ist für Aschkenasim“, sagt der Vater und greift stattdessen zum Backgammon. „Aschkenasisch“ ist längst kein Code mehr für einen sozialen oder klassenbezogenen Konflikt, sondern ein Schimpfwort für eine seelische Haltung, die Genuss zu zügeln vermag, Unsicherheit aushält und auf Denken besteht.

In den Fernsehkanälen und sozialen Netzwerken läuft dieser Karneval ununterbrochen als festes Format. Keine öffentliche Debatte, kein Streit der Positionen, sondern stereotype Konfrontationen zwischen Figuren. Eine Dauershow, in der das Geschrei das Argument ersetzt und die Herabwürdigung die Kritik. Die schillernde Persönlichkeit war einst ein Gewürz; der neue Degenerierte ist Interviewer und Interviewter zugleich – und mitunter sogar eine pensionierte Richterin, die den letzten Rest richterlicher Autorität gegen einen festen Platz im Karneval eintauscht.

Die Geschichte lehrt, dass die Samen der Katastrophe im Rausch des Karnevals gedeihen. Julius Streicher wollte mit seiner Zeitung „Der Stürmer“ nicht überzeugen, sondern gewöhnen: Herabwürdigung und symbolische Gewalt zur täglichen Normalität machen. So spielte die Presse im Deutschland der 1930er-Jahre eine entscheidende Rolle bei der Normalisierung der Judenverfolgung – nicht durch ideologische Argumentation, sondern durch Wiederholung und die Verwandlung von Grausamkeit in Unterhaltung. Der Unterschied zwischen damals und heute liegt weniger im Prinzip als in den Mitteln: Damals die Tageszeitung, heute ein kontinuierliches digitales Ökosystem. In beiden Fällen ist nicht Überzeugung das Ziel, sondern die Gewöhnung an den Konsum von Gewalt unter dem Deckmantel legitimer politischer Auseinandersetzung.

Auch das Theaterstück „Hate Radio“ des Schweizer Regisseurs und Journalisten Milo Rau veranschaulicht eindrücklich die Rolle der Medien, wenn sie zu einem karnevalesken Medium der Normalisierung mörderischer Gewalt und Rassismus werden. Das Stück rekonstruiert die Sendungen des populären Radiosenders RTLM in Ruanda – eines scheinbar leichten, volkstümlichen Senders, der zu einem zentralen Instrument der Anstiftung zum Völkermord wurde. Gewaltaufrufe wurden zwischen Witzen, Musik und Alltagsgesprächen platziert, bis der Mord nicht mehr als Ausnahme erschien, sondern als natürliche Fortsetzung der Atmosphäre. So zeigt sich, dass ein Völkermord keine dröhnende Ideologie benötigt: Gewohnheit und die Verwandlung von Hass in unterhaltendes Hintergrundrauschen genügen.

In diesem Rahmen erweist sich die gegenwärtige Phase in Israel als eine zusammenhängende Arena des Hasses, in der der Hass auf die Wahrheit, der Hass auf den Araber/Palästinenser und der Hass auf den linken politischen Gegner – den „Kaplanisten“ – einander wechselseitig nähren. Es handelt sich um einen systematischen Hetzmechanismus, der bewusst die Grenzen der Legitimität symbolischer und realer Gewalt erweitert. Die Herrschaft Benjamin Netanjahus ist weder durch einen „Elitenwechsel“ noch durch eine „Justizreform“ gekennzeichnet, sondern durch die Errichtung einer Herrschaft der Degenerierten: nicht der Austausch einer Weltanschauung und Politik gegen eine andere, sondern die gezielte Demontage der Möglichkeit von Politik selbst – der Sprache, der Scham und der Verantwortung.

Der israelische Karneval ist längst keine vorübergehende Entgleisung einer geschlagenen Gesellschaft mehr, sondern eine dominante Lebensform. Er verdeckt weder das politische Vakuum noch die existentielle Angst – er produziert sie systematisch. Der Degenerierte ist nicht „eine Stimme unter vielen“; er ist die Figur, die das System wählt, um sich von Denken, Scham und Verantwortung zu befreien. Was verschwunden ist, ist nicht das „Gleichgewicht“ zwischen Positionen, sondern die Möglichkeit von Denken und Streit selbst – jener Raum, in dem Sprache, Argument und Verantwortung einander noch trugen.

Die Frage ist daher nicht, wie die israelische Demokratie nach der Reform der Justiz aussehen wird, sondern ob hier eine Kultur bestehen bleibt, die noch erkennen kann, dass das, was heute als selbstverständlich erscheint, einst eine Abweichung war. Wenn der Karneval zur Norm wird, hört auch die Zerstörung auf, als Zerstörung wahrgenommen zu werden.

 

 

 

Der Beitrag erschien zuerst am 13. Feb. 2026 in Haaretz.

Erstellungsdatum: 18.02.2026