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Man kann nicht behaupten, dass die USA sich einem friedlichen Zusammenschluss souveräner Staaten verdanken. Die kurze Geschichte der nordamerikanischen Großmacht führt ein ständiges Problem mit sich: die unsichere Legitimität. Gespiegelt wird es von einem Filmgenre, dem Western, in dem in immer ähnlicher Konstellation das geschriebene Recht gegen das Recht des Stärkeren durchgesetzt werden muss, – wobei das Faustrecht beiden Seiten dient. Selbstverständlich handelt auch „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ davon. Mit der Vorstellung des Films eröffnet Rainer Erd die Reihe „Wiedergesehen“.
Die Welt erlebt seit einem Jahr den Versuch, rechtsstaatliche Institutionen in den USA systematisch zu zerstören. Der Destroyer im Weißen Haus hat mit der Ernennung von Richtern im Supreme Court die Attacke langfristig vorbereitet. Heute gestatten sie ihm, die über die Mehrheit im Supreme Court verfügen, vieles, was er an rechtsstaatlichen Institutionen beseitigen will: die Bindung staatlichen Handels an etablierte rechtliche Regelungen, die Unabhängigkeit der Justiz und die Gewaltenteilung.
Wie an eine längst vergangene Zeit wirkt es da, wenn man den 1962 in deutschen Kinos uraufgeführten Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ („The Man Who Shot Liberty Valance“) wieder anschaut. Zur Erinnerung: John Fords Western-Klassiker porträtiert drei Typen von Personen und ihr Verhältnis zum Recht. Der eine ist der das Recht verachtende und missachtende Liberty Valance, herausragend von Lee Marvin gespielt. Valance, dem heutigen Gewaltverehrer Trump nicht unähnlich, kennt nur eine Regel, die er akzeptiert und an der er sich orientiert: die von ihm gesetzte. Sein Begehren, meist auf die Anhäufung von Reichtum gerichtet, ist ihm Maßstab seines Handelns. Wenn Trump unlängst erklärt hat, er sei nur seiner Moral und nichts anderem verpflichtet, dann denkt und agiert er wie der Rechtsverächter Liberty Valance. Allein die Peitsche, die Valance immer dann einsetzt, wenn sein Wille nicht erfüllt wird, benutzt Trump nicht im körperlichen Sinne. Dafür hat er Zölle, Entführungen und Landnahmen, mit denen er droht und sie, wenn die Drohung nicht verfängt, auch einsetzt.
Gegenspieler von Valance ist der streng rechtsstaatlichen Regeln verpflichtete Ransom Stoddard, von James Steward überzeugend dargestellt. Der ehemalige, aus dem Osten der USA kommende Jurastudent landet durch Zufall in dem Örtchen Shinbone, im Film als Prototyp eines Platzes im „Wilden Westen“ dargestellt, und eröffnet dort eine Kanzlei. Als Anwalt vertritt er kleine Farmer, die gegen den gesetzlosen Liberty Valance kämpfen, der wiederum im Auftrag großer „Rinderbarone“ tätig wird. Neben seiner Anwaltstätigkeit ist Stoddard als Dorflehrer engagiert, überzeugt davon, dass rechtsstaatliche Strukturen nur dann erfolgreich etabliert werden können, wenn sie von einer gebildeten Wählerschaft getragen werden.
Ransom Stoddard war in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für eine ganze Generation junger, engagierter Juristen (zu denen auch der Autor dieser Zeilen gehört) ein Vorbild. Er war der Prototyp des Juristen, für den Rechtsstaat und Gerechtigkeit ein größeres Anliegen waren (und sind) als die unreglementierte Durchsetzung individueller Interessen. Die Orientierung am kämpferischen Juristen Stoddard war damals verbunden mit einer (aus heutiger Sicht vielleicht naiven) Begeisterung für die USA als Land von Freiheit und Demokratie.
John Ford wäre kein großer Regisseur gewesen, wenn er das Personal seines Films auf die beiden Geschilderten begrenzt hätte. In dem Film gibt es noch eine dritte Person, die gegenüber dem Gesetzesverächter Liberty Valence und dem Rechtsstaat-Anhänger Ransom Stoddard ein eigenständiges, allerdings ambivalentes Verhältnis zum Recht hat: Tom Doniphon, unvergesslich von John Wayne gespielt. Doniphon ist ein Gegner des gesetzlosen Liberty Valance, aber zugleich kein unreflektierter Anhänger von Ransom Stoddard. Er belächelt den Anwalt mit einer Geste von Sympathie für sein Engagement, weil er der festen Überzeugung ist, das Recht nur mit Gewalt durchgesetzt und aufrechterhalten werden kann. Man mag Doniphon gegenüber Stoddard einen Realisten nennen.
Die Dreierkonstellation wird ergänzt von einer vierten Person, für die die Durchsetzung und Aufrechterhaltung von Recht nicht das zentrale Anliegen ist, aber die Veröffentlichung dessen, was Recht in Frage stellt. Der Herausgeber des Shinbone Star, Dutton Peabody, ist stets bemüht, Informationen zu erlangen und zu veröffentlichen, die das Leben im Ort beeinträchtigen und Recht außer Kraft setzen können. Edmond O’Brien spielt ihn ebenfalls unvergesslich.
Mit diesem Quartett von Personen, die einen Kampf ums Recht im fiktiven Westernstädtchen Shinbone austragen, entfaltet John Ford seine Geschichte über die Etablierung des Rechtsstaats im Westen von Amerika. So sehr die Sympathien des Zuschauers dem kämpferischen Juristen Stoddard gelten, so sehr fiebert man mit ihm, ob sein Plädoyer für Gewaltlosigkeit erfolgreich sein kann. John Ford lässt den Anwalt seinen Kampf für Recht und Gerechtigkeit gewinnen. Jedoch mit einem kleinen Trick, den der kämpferische, zugleich aber Gewalt ablehnende Stoddard zunächst nicht bemerkt.
Als der Showdown ums Recht beginnt, ist der gewaltfrei orientierte Anwalt, der dann doch widerwillig eine Waffe in die Hand nimmt, in keiner guten Position. Wie soll man auch argumentativ mit einem Gewalttäter wie Liberty Valance umgehen, für den Worte nur ein Ausdruck von Schwäche sind? Und wie soll man ihn mit einer Pistole besiegen, wenn man bisher nicht einmal eine Blechbüchse damit getroffen hat? Im entscheidenden Moment, in dem Leben und Tod oder Recht und Unrecht sich die Waage halten, ist es nicht der Anwalt, der den Kampf entscheidet, sondern der ambivalent agierende Tom Doniphon. Er erschießt aus dem Hinterhalt den Gewalttäter, lässt aber für alle Beteiligten den Eindruck entstehen, Anwalt Stoddard habe Valence besiegt. Stoddard ist fortan der gefeierte „Mann, der Liberty Valance erschoß“.
Dutton Peabody, der Herausgeber des Shinbone Star, kann dann als erster berichten, dass mit dem Tod von Liberty Valance durch Ransom Stoddard das Recht endlich gesiegt hat. Ransom Stoddard wird als Held gefeiert und geht nach einer Zwischenstation im regionalen Capitol schließlich als Senator nach Washington. Doch der pfiffige John Ford hat seine Geschichte anders angelegt, als sie auf den ersten Blick erscheint. Nicht der für Gewaltlosigkeit eintretende Anwalt ist der wahre Held, erfährt der Zuschauer am Ende des Films, sondern der ambivalent auftretende Tom Doniphon, für den klar ist, dass die Durchsetzung von Recht ohne Gewalt nicht erfolgreich sein kann. So bleibt der Zuschauer mit ambivalenten Gefühlen zurück. Seine ganze Sympathie gilt Anwalt Stoddard und seinem Kampf gegen den Gewalttäter Liberty Valance. Zugleich erfährt man, dass dies gewaltlos nicht möglich gewesen ist.
Um sein Plädoyer für den Rechtsstaat nicht zu diskreditieren, es aber auch nicht naiv erscheinen zu lassen, lässt Ford den Kampf ums Recht vom gesetz- und gewaltorientierten Tom Doniphon entscheiden. Nicht der rechtschaffende Stoddard gewinnt, sondern der ambivalente Doniphon. Um aber den sympathietragenden Stoddard nicht zu diskreditieren, lässt Ford den Film mit dem unvergesslichen, jedes Filmlexikon krönenden Satz enden: „When the legend becomes fact, print the legend.“ Der Legende nach erschoss Ransom Stoddard Liberty Valance, tatsächlich aber kam der kampfentscheidende Schuss von Tom Doniphon.
Für einen Abend kann man mit John Fords ergreifendem Film „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ wieder den Glauben an ein (zukünftig) demokratisches Amerika bekommen. Zunächst aber nur für einen Abend.
Erstellungsdatum: 12.02.2026