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Überlegungen zum Mord an Rob und Michele Reiner

Der Mord am Regisseur und die Rückkehr des Urvaters

Eran Rolnik


Der Elternmord des Heiligen Julianus/Altarpredella. Foto: wikimedia commons

Das beschönigende Wort Deregulierung lässt vergessen, dass Regeln unser Zusammenleben sichern. Wenn Eltern von ihrem Sohn getötet werden, ist das auch eine öffentliche Angelegenheit. Rob Reiner war nicht nur ein Vater, der ermordet wurde. Er war ein Künstler, dessen Lebenswerk sich mit Vaterschaft, Autorität und der fragilen Möglichkeit von Reparatur beschäftigte. In diesem Sinn – zugegebenermaßen mit einer gewissen Überzeichnung – lässt sich sein Tod, schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Eran Rolnik, auch als eine Art politischer Mord lesen.

 

Der Mord an Eltern durch ihren Sohn wird gemeinhin als familiäre Tragödie verstanden. Die gängigen Erklärungen reichen von individueller Psychopathologie über Kontrollverlust im Zusammenhang mit Sucht, fortgesetztem elterlichem Versagen bis hin zu einem anderen, furchtbaren Familiengeheimnis. So wurde auch der Mord an dem amerikanischen Regisseur Rob Reiner und seiner Ehefrau Michelle dargestellt, die vor zwei Wochen von ihrem Sohn getötet wurden. Es fällt schwer, sich diesen Erklärungen nicht anzuschließen: Sie erlauben es, das Grauen zu isolieren und auf Distanz zu halten – sei es durch die Konzentration auf eine private psychologisierende Deutung oder durch eine umfassende existenzialistische Faszination für den ewigen Platz des Bösen in einer sinnlosen Welt. Doch eine Lektüre, die das Ereignis entweder auf den privaten psychologischen Kreis oder auf den philosophischen reduziert, verfehlt seine Tiefe sowie seine mythischen, politischen und paradigmatischen Dimensionen. Der Mord an Eltern markiert nicht nur den Zusammenbruch einer einzelnen Familie, sondern den Ausdruck einer Krise der symbolischen Ordnung, einen Riss in jener Struktur, durch die Kultur Triebe zügelt, Gesetz hervorbringt und das Seelenleben organisiert.

Rob Reiner war nicht nur ein ermordeter Vater; er war ein Schöpfer, der sich sein ganzes Leben lang mit der Frage der Vaterschaft, der Autorität und der Möglichkeit von Reparatur auseinandersetzte. In diesem Sinne ist es – mit der gebotenen Übertreibung – erlaubt, seine Ermordung durch den Sohn auch als einen „politischen Mord“ zu lesen. Bereits zu Beginn seiner Fernsehkarriere, in der Rolle des „Meathead“ in der Serie All in the Family, verkörperte Reiner den intergenerationellen Aufstand gegen Archie Bunker – den rassistischen, sexistischen, engstirnigen Vater, der stets von seiner eigenen Richtigkeit überzeugt ist. Dies war kein gewaltsamer Aufstand, sondern ein symbolischer: eine verbale, humorvolle und andauernde Auseinandersetzung, in der der Sohn nicht den Vater töten will, sondern dessen Autorität untergräbt, ihre Grenzen offenlegt und Herrschaft durch Gespräch ersetzt. In psychoanalytischen Begriffen ist dies die Unterscheidung zwischen dem Mord am realen Vater – einer Handlung, die die Möglichkeit von Gesetz zerstört – und dem symbolischen Vatermord, der die Voraussetzung für das Entstehen von Gesetz ist. Reiner entschied sich als Regisseur wie als Schauspieler konsequent für die zweite Möglichkeit.

Auch seine Filme spiegeln einen tiefen Glauben an die Fähigkeit der Kultur wider, regressive Triebe durch Erzählung, Humor, Liebe und Gesetz zu neutralisieren. In When Harry Met Sally ist Sexualität keine erobernde Macht, sondern ein komplexes Feld von Trieb, Sprache und Aufschub. Sally karikiert in der berühmten Delikatessenszene mit ihren Stöhnlauten die Idealisierung von Trieb und sexueller Befriedigung. In Stand by Me wird die Begegnung mit Tod und Gewalt durch Freundschaft und Erinnerung vermittelt, nicht durch Zerstörung. In The Princess Bride verherrlicht Rache nicht die Macht, sondern versucht, einen zertrampelten symbolischen Vater wiederherzustellen. Brutale Gewalt wird lächerlich gemacht, während Spiel, Ironie und Loyalität über sie siegen. Und in A Few Good Men liegt der dramatische Höhepunkt nicht in der Demonstration militärischer Macht, sondern in ihrer Unterordnung unter das Gesetz – in der Entlarvung der Lüge und ihrer gerichtlichen Aufarbeitung.

Der rote Faden, der diese Werke verbindet – einschließlich des großartigen This Is Spinal Tap, der den Mythos des rebellischen Rockstars seziert – ist der beharrliche Glaube daran, dass der menschliche Trieb – sexuell, aggressiv, narzisstisch – nicht zwangsläufig in Gewalt umschlagen muss. Er kann verfeinert, symbolisiert und gezügelt werden. Diese Werke schlagen ein anderes Modell von Vaterschaft vor: nicht den allmächtigen Vater, der Macht und Trieb durchsetzt, sondern eine Figur, die Distanz, Aufschub und Vermittlung herstellt – vor allem durch Erzählung. Es ist ein Glaube an die Neutralisierung des Triebs, nicht an seine Verleugnung oder perverse Verherrlichung; an Reparatur statt an Vernichtung.

Freud verstand in seinem berühmten Buch Totem und Tabu den Vatermord nicht als pathologische Abweichung, sondern als konstitutives Ereignis der Kultur: als einen Moment, in dem rohe triebhafte Macht besiegt und durch einen symbolischen Vater ersetzt wird, der Gesetz und Tabu hervorbringt. Die menschliche Kultur entsteht aus dem urzeitlichen Mord an dem herrschenden Vater durch seine Söhne. Nach dem Mord erwachen Schuld und Reue, aus denen Gesetz, Moral, Religion und Tabu hervorgehen. Der Gehorsam gegenüber dem Gesetz ist ein fortdauernder Versuch, sowohl die Wunschphantasie als auch die Tat zu sühnen.

Der Urvater wird von den Söhnen getötet, doch der Mord ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Aus Schuld, nicht aus Macht, entstehen Gesetz und soziale Ordnung. Die Tyrannei des lebenden Vaters wird durch einen toten, symbolischen Vater ersetzt, dessen Autorität nicht mehr auf Zwang beruht, sondern auf einem Verbot, das dank Liebe verinnerlicht wurde. Lacan präzisierte diesen Gedanken, indem er die Vaterfunktion nicht als psychologische Figur, sondern als Struktur definierte, die es dem Subjekt ermöglicht, in die symbolische Ordnung einzutreten, Trieb an Gesetz zu binden und das Absinken der Gesellschaft in ein Geflecht direkter Machtverhältnisse zu verhindern. Wenn die Vaterfunktion wirkt, bedarf es keines starken Vaters; das Gesetz genügt, selbst in seiner Abwesenheit.

Sowohl die psychische Entwicklung als auch die menschliche Evolution beginnen mit einem Regime triebhafter Tyrannei – einem Zustand, in dem der Trieb dem Gesetz und die Macht der Vermittlung vorausgeht. Kultur entsteht aus der Fähigkeit, diesem ursprünglichen Moment eine Grenze zu setzen. Doch seine Spuren sind nicht verschwunden: Sie wirken weiter als latente Bedrohung der kulturellen Errungenschaften und erklären die wiederkehrende Versuchung von Völkern und Gruppen, einen Führer über das Gesetz zu erheben, als sei der Urvater auferstanden. Zugleich trägt unser archaisches Erbe auch die Errungenschaft des Inzesttabus – die Anerkennung der Gleichheit vor dem Gesetz –, die in der psychischen Struktur selbst eingeschrieben ist, aber kontinuierlicher Pflege bedarf. Die Bewahrung dieses Tabus hängt von unserer Fähigkeit ab, autoritäre und diktatorische Elemente im Seelenleben zu erkennen und die psychischen wie politischen Bedingungen für das Bestehen einer Demokratie zu fördern.

Die Psychoanalyse hat sich in den letzten Jahrzehnten mit der Erosion elterlicher Autorität und deren Auswirkungen auf die Innenwelt beschäftigt, jedoch den kulturellen Repräsentationen der Vaterfunktion als Mechanismus zur Neutralisierung von Trieben und zur symbolischen Vermittlung – insbesondere in politisch regressiven Zeiten – zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In seiner verfeinerten Variante war auch das populäre Hollywood-Kino über Jahrzehnte hinweg ein Raum, in dem die Möglichkeit erprobt wurde, Macht in Verantwortung, Herrschaft in Gesetz und Trieb in Bedeutung und Erzählung zu überführen. Die sozialen Netzwerke hingegen und die Internetbarone, die sie beherrschen, erfüllen heute eine entgegengesetzte Funktion: Sie fördern die Verehrung allmächtiger, grober, schuldloser und grenzenloser Väter.

Vor diesem Hintergrund erhält der Tod von Rob und Michelle Reiner durch die Hand ihres Sohnes eine besonders verstörende Dimension. Die Tatsache, dass der Sohn nicht nur den Vater, sondern auch die Mutter ermordete, ist kein nebensächliches Detail; sie verweist auf den Zusammenbruch des gesamten elterlichen Raums – der Funktion von Gesetz, Aufschub und Schutz, die beide Figuren verkörpern sollen. Wenn weder Vater noch Mutter als tragende Säulen fungieren, richtet sich die Gewalt nicht mehr gegen eine bestimmte Person, sondern gegen die elterliche Beziehung selbst, die die grundlegende Voraussetzung für die Entstehung psychischer und sozialer Ordnung ist.

Von hier ist es nur ein kurzer Schritt zur Politik. Die Reaktion Donald Trumps, der es eilig hatte, angesichts des Mordes am beliebten Hollywood-Regisseur und seiner Frau Spott und Leichtfertigkeit zu äußern, war nicht nur verstörend und ressentimentgeladen. Es war ein symbolischer Moment, in dem die Kultur laut verkündete: Vermittelte Autorität ist lächerlich; der verletzliche Elternteil ist keiner Trauer würdig; nur ungezügelte Macht verdient Bewunderung. Trump – eine nahezu karikaturhafte Verkörperung des regressiven Urvaters (Macht ohne Schuld, Herrschaft ohne Gesetz) – ist nicht der Urheber dieser Tendenz, sondern ihr Symptom: Ausdruck einer Kultur, die erneut nach einem Urvater verlangt, anstelle eines symbolischen Vaters.

Dies schmälert nicht die strafrechtliche Verantwortung des mordenden Sohnes, doch Verantwortung allein erklärt nicht alles. Die Frage ist nicht nur, wer die Tat begangen hat, sondern welche Kultur aufgehört hat, die Elternschaft mit Tabu zu umgeben, Mechanismen von Aufschub, Schuld und Gesetz hervorzubringen. Eine Gesellschaft, die sich mit der Fantasie des Urvaters identifiziert, opfert nicht nur Väter und Mütter, sondern die Bedingungen der Möglichkeit stabiler menschlicher Beziehungen und der Demokratie. Je mehr die Demokratie im öffentlichen Raum erodiert, desto zahlreicher werden die Ausdrucksformen ihres Zusammenbruchs auch im psychischen und familiären Raum: in Autoritätsverhältnissen, in der Lockerung des Verbots und in der Rückkehr regressiver Machtmuster.

Rob Reiner rebellierte sein ganzes Leben lang gegen den Urvater – nicht durch Gewalt, sondern durch Kino. Er glaubte daran, dass Erzählung Macht zügeln kann, dass Dialog Herrschaft ersetzt und dass Liebe zerstörerische Triebe neutralisieren kann. Es wäre ein Versäumnis, seinen tragischen Tod als Widerspruch zu seinem Lebenswerk zu lesen oder ihn als weiteren sinnlosen viralen Moment in einer zynischen Welt zu konsumieren. Besser ist es, ihn als Weckruf an eine Kultur und eine Gesellschaft zu verstehen, die das Vertrauen in ihre Fähigkeit verloren haben, Trieb in Gesetz, Macht in Bedeutung und Gewalt in die Möglichkeit von Reparatur zu verwandeln.

 

 

Erstellungsdatum: 06.01.2026