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Rainer Erd über Alain Delons behauptete kriminelle Verwicklungen

Der Schöne und die Unterwelt

Rainer Erd


Alain Delon 1974. Foto: Reporters Associati & Archivi/Mondadori Portfolio. wikimedia commons

„Le Samourai” kam in Deutschland als „Der eiskalte Engel“ in die Kinos. Da wussten wir, wer Alain Delon ist. Was wir nicht wissen konnten, ist, auf welche Weise sein Leben sich mit dem auf der Leinwand überblendete. Dass der damals schöne Schauspieler und Filmproduzent nicht der Täter des Kapitalverbrechens von 1968 sein konnte, ist bewiesen. Wie die Vorgänge in seinem privaten Umfeld dennoch sein Leben überschatteten, wird in dem englischen Buch „Murder in Paris ‘68“ von Edward Chisholm ergründet, das Rainer Erd in seine „Pariser Geschichten“ aufgenommen hat.

 

Schon lange munkelte man, dass Frankreichs schönster Filmstar eine verborgene Seite habe, die nichts Gutes über ihn berichtet. Seine Anhänger wischen solche Zweifel galant mit dem Hinweis auf seine Schönheit und Begabung zur Seite. Wer so großartige Rollen spiele und dabei immer eine gute Figur mache und obendrein ein weltbekannter Star sei, dessen vielschichtige Persönlichkeit müsse doch nicht in all ihren Dimensionen aufgedeckt werden. Wer sei schon frei von dunklen Seiten.

Die bewundernden und zugleich beruhigenden Worte der einen wollen andere nicht geltend lassen. Warum sollen Schönheit und Prominenz vor der Darstellung krimineller Aktivitäten Halt machen, selbst wenn das zur Beschädigung eines kulturellen Exportguts führen sollte. Ein Justizsystem, dass die einen verfolge, die anderen, Einflussreicheren verschone, stelle seine Glaubwürdigkeit in Frage, argumentieren die Kritiker.

Dass sich das französische Rechtssystem schwertut, prominente Persönlichkeiten mit denselben Maßstäben zu messen und zu verfolgen wie weniger prominente, ist ein altes Problem. So erschütterte im 19. Jahrhundert die Grand Nation eine Justizaffäre, deren Unrecht gegenüber einer zunächst unbekannten Person im Juli 2026 erstmals nach 126 Jahren öffentlich angemessen ausgesprochen worden ist. Der jüdische, französische Hauptman Alfred Dreyfus konnte nur deshalb zum Opfer einer entfesselten Justiz werden, weil Gesellschaft und Militär im 19. Jahrhundert glaubten, einen militärischen Verrat einer bis dahin unbekannten jüdischen Person zuschieben zu können, ohne die tatsächlichen Umstände genau zu überprüfen. Die Dreyfus-Affäre hat die französische Gesellschaft über viele Jahre in Anhänger und Gegner des Hauptmanns gespalten und erst Émile Zolas Kampfruf „J’accuse“ (1898) leitete ein langsames Umdenken ein. Da hatte Dreyfus allerdings schon drei Jahre in der Verbannung auf der Teufelsinsel im Nordosten von Südamerika verbringen müssen.

In den letzten Jahren haben Vorwürfe gegen die französischen Großstars Gérard Depardieu und Patrick Bruel wegen Vergewaltigung von Frauen und gegen eine zögerliche Justiz lange Zeit benötigt, bis sie zu juristischen Verfahren geführt haben. Und selbst dann haben den überführten Tätern prominente weibliche Stars entschuldigend zur Seite gestanden und der Justiz zu rechtlicher Milde geraten.

Der größte Star der französischen Filmgeschichte konnte folgenreichen juristischen Konsequenzen bis zu seinem Tod im August 2024 entgehen. Dabei gab es über ihn schon Ende der Sechzigerjahre Gerüchte, er könne in den Tod einer seiner Bodyguards verwickelt gewesen sein. Nie allerdings ging die Justiz diesen Anschuldigungen so nach, dass es für ihn zu rechtlichen Konsequenzen kam.

Der Leser wird erahnen, dass von Alain Delon die Rede ist. Als er im August 2024 in seinem privaten Anwesen „La Brûlerie“ in Douchy-Montcorbon, 135 km südöstlich von Paris, im Alter von 88 Jahren verstarb, nahm er Geheimnisse mit ins Grab, die der englische Schriftsteller Edward Chisholm in dem vor kurzem in England erschienenen Buch „Murder in Paris ‘68. A True Story of Death and Glamour“ versucht hat zu rekonstruieren. Chisholm, in England geboren und im Alter von 24 Jahren 2012 nach Paris gezogen, hat beruflich vieles ausprobiert, um sich als Schriftsteller zu etablieren. In seinem mehr als 100.00-fach verkauften Buch „A Waiter in Paris“ (2022) verarbeitet er seine Jahre als schlecht bezahlter Barmann, Sicherheitsbeauftragter in Museen und Aushilfsarbeiter auf Märkten. Der Erfolg hat ihn ermutigt, ein für Frankreich ganz heißes Eisen anzupacken und der zwielichtigen, halbseidenen Jugend einer der Stars der Filmwelt nachzugehen.

Wie mutig das Unterfangen von Chisholm ist, muss man sich anhand der Tatsache vergegenwärtigen, dass der französische Film und seine Industrie einen der Grundpfeiler der französischen Kultur darstellen. Ganz anders als in Deutschland unterstützt der französische Staat seine Filmindustrie mit hohen Summen und weiß sich dabei der Zustimmung der städtischen Bevölkerung sicher. In keiner Stadt der Welt spielen jeden Tag so viele Kinos nicht nur Filme aus der ganzen Welt, sondern auch aus allen historischen Epochen wie in der französischen Hauptstadt.

Wer in Paris Filme des italienischen Nachkriegs-Realismus sehen will, ist im Champo in der Rue des Écoles gut aufgehoben und findet im Umkreis weniger Meter gleich noch mehrere Kinos, die sich der Filmgeschichte widmen. Und wer sich nach Action-Filmen sehnt, geht ins größte Kino Europas, dem Grand Rex (2.700 Zuschauer) am Boulevard Poissonnière, in der Gewissheit, dass seine Wünsche nicht weit entfernt davon auch im traditionsreichen Max Linder Panorama erfüllt werden. Und wer schließlich in einem wunderschönen Art Deco Kino die neuesten französischen und internationalen Produktionen sehen möchte, fühlt sich im Le Louxor direkt an der Metro-Haltestelle Barbès-Rochechouart im 9. Arrondissement zu Hause.

Die Verehrung der Franzosen für ihr Kino und ihre Stars muss man vor Augen haben, wenn man beurteilen will, wie couragiert Edward Chisholm sein Thema angegangen ist. Auf 408 Seiten geht der Autor der Frage nach, in welcher Weise Delon in die „Affäre Marković“ involviert war – ein Kriminalfall, der das Frankreich der späten Sechzigerjahre erschütterte. Seine These: Delons öffentliche Person, seine Filmrollen und die kriminelle Welt, in der er sich bewegte, haben sich schon zu der Zeit, als er 1959 seinen ersten großen Erfolg drehte („Nur die Sonne war Zeuge“), fast untrennbar vermischt. Um die These zu belegen, geht Chisholm der Geschichte von Delon bis Anfang der Fünfzigerjahre nach.

Delon hatte sich mit 17 Jahren freiwillig zum Militär gemeldet und in Indochina gegen die vietnamesische Widerstandsbewegung gekämpft. Nach vier Jahren entließ ihn die Armee unehrenhaft, weil er sich nicht ihren Regularien unterwerfen wollte. Ihm wurden Disziplinlosigkeit, Waffendiebstahl und Sachbeschädigung vorgeworfen, was ihn immer wieder in Arrestzellen brachte. Die darauffolgende Zeit verbrachte er mit Gelegenheitsjobs in Paris, wo er im Künstlerviertel Saint-Germain des Prés Bekanntschaft mit der Filmszene machte. Als die Schauspielerin Brigitte Auber ihn 1957 zu den Filmfestspielen nach Cannes mitnahm, fiel er durch sein fabelhaftes Aussehen und seine charmant-draufgängerische Art auf. Schon bald kamen erste Angebote für Dreharbeiten.

Mit dem französischen Erfolgsregisseur René Clement fand er eine Person, die ihm die Filmrolle anbot, mit der er berühmt wurde: Tom Ripley. Ripley ist eine zwielichtige Person aus Patricia Highsmiths Roman „The Talented Mr. Ripley”, die vor einem Mord nicht zurückschreckt, um ein fremdes Leben führen zu können. Mit 28 Jahren war Delon in der französischen und italienischen Filmwelt eine Ikone. Er hatte nacheinander Filme gedreht, die heute zu den ganz großen der Filmgeschichte gehören: „Rocco und seine Brüder“ (1960) und „Der Leopard“ (1963) mit Luchino Visconti, „Liebe 1962“ (1962) mit Michelangelo Antonioni sowie „Lautlos wie die Nacht“ (1963) mit Henri Verneuil.

Hatten Delons Zeit beim Militär und die Rolle als charmanter Mörder bereits seinen zwielichtigen Ruf begründet, so fiel Ende der Sechzigerjahre, als der ehemalige kleinkriminelle jugoslawische Bodyguard von Delon, Stevan Markovic´, eines Tages tot auf einer Müllhalde nahe Élancourt westlich von Paris aufgefunden wurde, auch der Verdacht auf ihn. Delon hatte Markovic´ entlassen, weil dieser angeblich mit seiner Ehefrau Nathalie Delon amourös verbunden war. Als Hauptverdächtiger wurde ein korsischer Gangster und Freund von Delon verhaftet. Zur Staatskrise weitete sich der Fall aus, als publik wurde, dass der ermordete Markovic´ Sexfotos von Partys besitzen sollte, an denen prominente Persönlichkeiten teilgenommen hatten. Der Name der Frau des designierten französischen Präsident Georges Pompidou, die bekannt für ihren selbstständigen, eigenwilligen Lebensstil war, fiel in diesem Zusammenhang.

Mit den Fotos sollte, so hörte man Gerüchte, die bevorstehende Wahl von Pompidou als Nachfolger von Charles de Gaulle verhindert werden. Der zunächst als Folge einer privaten Rache erschienene Tod von Markovic´ erhielt damit in den turbulenten politischen Zeiten Ende der Sechzigerjahre eine politische Dimension. Pariser Unterwelt, Filmszene und die Welt der Politik gerieten in ein Spannungsverhältnis, das sich jederzeit entladen konnte. Was sich zunächst im Verborgenen entwickelt hatte, drohte in einer öffentlichen Katastrophe zu enden. 

Deshalb waren alle Beteiligten bedacht, ihre Kämpfe zwar auszutragen, dies jedoch mit einem gewissen Maß an Diskretion zu tun. Dennoch wurde Delon verdächtigt, an dem Mord von Markovic´ beteiligt gewesen zu sein, nachdem dieser vor seinem Tod in einem Brief geschrieben hatte: „Wenn ich getötet werde, ist das zu 100 % die Schuld von Alain Delon und seinem Freund François Marcantoni.“ Doch Delon verfügt über ein wasserdichtes Alibi, weil er zum Todeszeitpunkt von Markovic´ bei Dreharbeiten an dem Film „The Swimmingpool“ in Saint-Tropez beschäftigt war. Der in dem Brief erwähnte François Marcantoni, ein Gangster und enger Vertrauter Delons, verbrachte zwar elf Monate in Untersuchungshaft, wurde aber wegen mangelnder Beweise nicht verurteilt. Auch Delon blieb straflos, wenngleich der Verdacht bestand und immer wieder hinter vorgehaltener Hand vorgetragen wurde, dass er wegen seiner Nähe zu dem Ermordeten in den Fall involviert war. Bis heute ist die „Affäre Marković“ ungeklärt.

Edward Chisholm schildert den Fall Delon-Markovic´ in einem leicht verstehbaren Englisch. Es gelingt ihm, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln, weil er die kriminellen Beziehungen von Pariser Unterwelt, dem jungen, aufstrebenden Star der französischen Filmwelt, Alain Delon, und einer Politik schildert, die sich nach den konservativen Jahren der Nachkriegszeit im Umbruch befand und schließlich im Mai 1968 explodierte. Als True Crime Story geschrieben, legt Chisholm mit seinem Buch eine Art Kriminalroman vor, der die Welt des Verbrechens, des Films und der Politik analysiert und zu dem Schluss gelangt, dass das Jahr 1968 in Paris auch aus dieser Perspektive ein Jahr im Umbruch war. Die Pariser Studenten haben der französischen Gesellschaft, die ihr wahres Gesicht zu verbergen suchte, einen Spiegel vorgehalten und sie in die größte Krise der Geschichte nach dem 2. Weltkrieg gestürzt. Aber auch ihnen ist es nicht gelungen, Licht in den Fall Alain Delon zu bringen. Der wird wohl für immer ungeklärt bleiben.

Edward Chisholm
Murder in Paris ‘68
A True Story of Death and Glamour
416 S., geb.
ISBN: 978-1800962675
Verlag Gollancz, London 2026
 
 
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Erstellungsdatum: 18.08.2026