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Porträt der schwedischen Schauspielerin Ingrid Thulin

Der schwere Samt des Grases

Dirk Schäfer


Ingrid Thulin im Jahr 1960. Foto: Wikimedia Commons

Die Schwedin Ingrid Thulin gehörte zu den schillerndsten europäischen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer darstellerischen Genialität verlieh sie unter anderem dem revolutionären Zeitgeist in Filmen von Ingmar Bergman und Luchino Visconti Gestalt. Vor dem Hintergrund ihres 100. Geburtstags am 27. Januar dreht der Filmemacher Dirk Schäfer derzeit eine dokumentarische Hommage. Seit jungen Jahren von ihrer Ausdruckskraft gepackt, wirft er hier auf Ingrid Thulin einen sehr persönlichen Blick.

 

Trotz magerer Zeiten und einiger Absonderlichkeiten meines Metiers habe ich nie länger als einen Tag und eine Nacht bereut, Filmemacher zu sein. Und das hat viel mit einer Erweckung zu tun, die ich als 13-jähriger der Schauspielerin Ingrid Thulin zu verdanken habe. Damals sah ich sie – in einem von den Eltern unbeaufsichtigten Moment – im legendären Film SCHREIE UND FLÜSTERN von Ingmar Bergman, der eines nachts im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Originaltitel „Viskningar och rop“ bedeutet kurioserweise übrigens genau umgekehrt „Flüstern und Schreie“. 

Wirklich verstehen konnte ich den Film damals noch nicht, aber ich versank in seiner rätselhaften Schönheit. Und Ingrid zog mich völlig in ihren Bann. Ich fühlte mich durch sie irgendwie getröstet. Denn mich quälte damals eine unbestimmte Angst, die Angst vor dem Erwachen meiner Sexualität. Und Ingrid strahlte eine Furchtlosigkeit aus, die meine Angst milderte. Sie war wie eine große Schwester, die durchs Labyrinth vorausging. Seit jener Nacht gehört sie zu meinem Leben.

Vor etwa einem Jahr folgte ich einem Impuls und wollte etwas über Ingrids Biografie nachlesen. Dabei entdeckte ich, dass ihr 100. Geburtstag am 27. Januar 2026 bevorstand. Wie ein Blitz erfasste mich der Gedanke, ihr eine filmische Hommage zu widmen. Und genau das tue ich seitdem – was bereits zu allerlei unverhofften Erlebnissen und Begebenheiten geführt hat.
Vorausgeschickt sei, dass ich weder beim deutschen oder schwedischen Fernsehen noch bei Institutionen der Filmförderung Interesse an dem Projekt wecken konnte. Vielleicht, weil Ingrid Thulin vor allem als Geschöpf Ingmar Bergmans angesehen wird?! Und selbst er verschwindet immer mehr in den Verliesen der Zeit.

Das stachelte mich nur weiter an. Und dank befreundeter Filmschaffender aus verschiedenen Ländern, die ihre Gagen zurückstellten, konnte ich bereits einen großen Teil meines dokumentarischen Essays realisieren. 

Seit dem letzten Jahr ist Ingrid Thulins Name unter allen, die ich in meinem Leben jemals ausgesprochen und geschrieben habe, wohl der häufigste. Und ich kann ihn inzwischen perfekt aussprechen – so wie man es auf Schwedisch tun. Der Vorname fällt leicht, aber ihren Nachname betont man auf der zweiten Silbe, wobei das U wie ein Ü gesprochen wird und der zweite Vokal – das I – durch ein schnelles Anheben der Zungenspitze, die sich dabei an den Gaumenrand schmiegt, vom dämpfenden Konsonanten N geschluckt wird.


Ingrid Thulin und Ingmar Bergman (Wilde Erdbeeren, 1957)

 

Um Ingrid Thulin gerecht zu werden, wollte ich zunächst ihre Autobiografie lesen. Die war 1992 unter dem Titel NÅGON JAG KÄNDE („Jemand den ich kannte“) erschienen. Das Buch wurde – in einer Auflage von 20.000 Exemplaren – ausschließlich in Schweden verlegt und gilt heute als vergriffen. Doch nach langer Suche gelang es mir, tatsächlich EIN Exemplar in Deutschland ausfindig zu machen: in der Bücherei für Skandinavistik an der Humboldt-Universität in Berlin. Wie ich diesem Buch schließlich habhaft werde, ist in meiner filmischen Hommage zu sehen, die insgesamt wie eine rauschhafte Trüffelsuche gestaltet ist und den Titel GESICHT OHNE SCHATTEN trägt. 
Meine Freude darüber, Ingrids Autobiografie in den Händen zu halten, war so groß, wie ich sie schon lange nicht mehr für ein Buch empfunden hatte. Mi Hilfe von künstlicher Intelligenz übersetzte ich die genau 300 Seiten ins Deutsche und Englische, was hervorragend gelang – von einigen irrlichternden Wörtern wie M£mö oder Hi5tory abgesehen. 
Bei der Gelegenheit lernte ich das eine oder andere Wort der schwedischen Sprache kennen, die mich immer wieder staunen ließ. Wenn es etwa in einer Rezension zu SCHREIE UND FLÜSTERN in Bezug auf jene radikale Szene, in der sich Ingrid mit einer Glasscherbe in die Vulva schneidet, folgendermaßen heisst: „… ett slags förvänt kastrationsmoment som bekräftar att Ingmar Bergman alltjämt tycker sig behöva ett inslag av morbidtet.“ Auf Deutsch:„…eine Art unerwarteter Kastrationsmoment, der bestätigt, dass Ingmar Bergman immer noch glaubt, er brauche ein Element der Morbidität.“

Ingrids Buch ließ mich in den folgenden Tagen nicht mehr los. Indem sie scheinbar willkürlich in ihrem eigenen Leben von einem Ort zum anderen springt und dabei die Zeitebenen ständig wechselt, erfasst einen beim Lesen eine Art Fieber. PANTA RHEI sozusagen, alles fließt. So wie das Element Wasser von Beginn an Ingrids Leben geprägt hat. Denn ihre Heimatstadt Sollefteå im Norden Schwedens, wo sie am 27.1.2026 zur Welt kam, wurde von einem übermächtigen, wilden Fluss dominiert – dem Ångermanälven. Und da die hier ansässigen Sägewerke die Stromschnellen des Flusses zum Transportieren von Baumstämmen nutzten, klammerte sich Ingrid – zumeist mit anderen Jungs – an einen der Stämme, um sich flussabwärts treiben zu lassen. Und im Sommer war man selbstverständlich nackt. Das seit ihrer Kindheit vorhandene, unbelastete Körpergefühl konnte Ingrid sich bis ins hohe Alter bewahren und als Schauspielerin sprichwörtlich in Gold verwandeln. Denn sie gehörte zu einer kleinen Riege von Schauspielerinnen, die das neue Bild der selbstbestimmten, sexuell unabhängigen Frau im europäischen Kunstkino erschaffen haben. 

Doch zunächst musste sie eine Kindheit und Jugend überstehen, die von Gewaltausbrüchen des Vaters gegenüber der Mutter überschattet war. Ingrid, das einzige Kind ihrer Eltern, erinnert sich an keine zärtliche Geste, fühlte sich oft einsam und verlassen. Ihre Fantasien kreisten daher früh um das Leben an weit entfernten, fremden Orten. Und sie begann, sich in andere Personen hineinzudenken und zu fühlen.
Mit siebzehn suchte sie schließlich das Weite und ging nach Stockholm, wo sie sich als Büroangestellte über Wasser hielt. Sie lebte zur Untermiete mit anderen Mädchen, die ebenfalls im Büro arbeiteten. Die selbstgenähten Kleider der Mutter waren bald abgewetzt, und viele Abende musste Ingrid hungrig zu Bett gehen. Doch ihr Ziel, Tänzerin und Schauspielerin zu werden, verliert sie nie aus den Augen: Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung am Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm schließt sie die Ausbildung 1950 ab.


Gesicht ohne Schatten. Still © Dirk Schäfer

 

Danach wird es scheinbar still um Ingrid, die jedoch ein erfülltes Leben inmitten vieler Hunde führt, die sie auf der Straße aufgelesen hat. 
Anfang der 2000er Jahre erkrankt sie unheilbar an Krebs und kehrt zum Sterben nach Stockholm zurück. Die Schauspielerin Harriet Andersson, selbst ein Star in Schweden, war Ingrid seit den 1950er Jahren eng verbunden und ist in der Zeit des nahenden Todes hin und wieder an Ingrids Seite. In einem Interview mit der Dokumentaristin Jannike Åhlund spricht Andersson über diese Zeit: „Ich traf sie etwa eine Woche vor ihrem Tod, sie war in einem Hospiz. Plötzlich tauchte sie mit einer riesigen Afro-Perücke auf und sah total komisch aus! Sie wirkte ganz gebrechlich, war durch den Krebs fast geschrumpft, ihr schönes Gesicht war so klein geworden. Und doch war sie immer noch wunderschön… und wir haben viel gelacht!“

Für ihre Todesanzeige, die am 25. Januar in schwedischen Tageszeitungen erschien, hatte Ingrid die Zeilen eines Gedichts des schwedischen Dichters Harry Martinson ausgewählt, denen nichts mehr hinzuzufügen ist:
„Geboren, um ein Schmetterling zu sein, flattert meine kühle Flamme auf dem schweren Samt des Grases. Die Kinder jagen mich. Die Sonne versinkt hinter den Malven und dem Grasbüschel und verwahrt mich für die Nacht. Der Mond geht auf; er ist fern, ich fürchte mich nicht, ich lausche seinen Strahlen. Meine Augen haben Membranen, die sie schützen. Meine Flügel kleben vom Tau, und ich sitze auf einer Brennnessel.“

 

 

Erstellungsdatum: 25.01.2026