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Andrea Pollmeier über Mirinae Lees Romandebüt

Die acht Leben der Frau Mook

Andrea Pollmeier


Mirinae Lee. Foto: wikimedia commons

Welche Gräuel Koreanerinnen während der japanischen Besatzung und des Koreakrieges erleiden mussten, ist in der westlichen Hemisphäre kaum bekannt. Mirinae Lees Romandebüt „Die acht Leben der Frau Mook“ dürfte dies ändern. Für die ebenso fesselnd wie augenöffnend erzählte Lebensgeschichte ihrer fast hundertjährigen Großtante wurde der Autorin große Anerkennung zuteil. Wie Andrea Pollmeier  attestiert, gewährt Mirinae Lee Einblicke in „von Krieg und Besatzung grausam geprägte Leben“ in denen „Lüge und Täuschung zur Überlebensstrategie gehören“.


 „Als ich klein war, habe ich Erde gegessen.“ Wie eine Feinschmeckerin verkostet Mirana Mook einem inneren Drang folgend den Boden ihrer Heimat, prüft dessen Geschmack, Geruch und Textur. Bis zu ihrem Lebensende wird die Frau, die als Japanerin geboren wurde, als Nordkoreanerin lebte und als Südkoreanerin starb, diesen besonderen Geschmack suchen.

Historische Umbrüche beeinflussen das Leben von Menschen existentiell. Wie sehr dies auch auf die bis heute äußerst abgeschirmte Grenzregion zwischen Nord- und Südkorea zutraf, wird in dem Roman der koreanischen, heute in Hongkong lebenden Autorin Mirinae Lee eindrucksvoll deutlich. Es geht um die bewegten Phasen der japanischen Besatzung von Korea (1910-1945), den Koreakrieg (1950-1953) und den Kalten Krieg, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen. Die Erzählung basiert auf realen Ereignissen. Sie ist inspiriert durch die Lebensgeschichte von Mirinae Lees Großtante, die als eine der ältesten Frauen allein über die Grenze Nordkoreas gen Süden geflohen ist. Was sie erlebt und beobachtet hat, spiegelt sich in Lees Erstlingswerk wider, das in der überzeugenden Übersetzung von Karen Gerwig unter dem Titel „Die acht Leben der Frau Mook“ im Unionsverlag erschienen ist und 2024 auf der Longlist des Women’s Prize for Fiction stand.

Mit eindringlicher Genauigkeit schildert Mirinae Lee eine komplexe Realität, in der Lüge und Täuschung zur Überlebensstrategie gehören. Nach Frau Mooks Flucht aus Nordkorea ist sie steten Umbrüchen ausgeliefert, sie wird sich, um von Besatzern nicht vergewaltigt zu werden, als Junge verkleiden, wird mehrfach ihre Namen ändern und zur Mörderin, Spionin, Sklavin und Hochstaplerin werden.

Leben auf der Troststation

Der Roman ist als eine Art Nachruf auf die fast hundertjährige Frau Mook gestaltet und beschreibt sieben Lebensphasen, die die Protagonistin der „Nachruf-Frau“ Lee Sae-ri im Altersheim Golden Sunset, wo Frau Mook ihr achtes Leben verbringt, erzählt. Fiktion und authentisch Erlebtes lassen sich nicht klar voneinander trennen. Anhand dieser Konstruktion greifen im Roman diverse fiktionale Ebenen ineinander, ohne jedoch deren Wahrheitskern grundsätzlich in Frage zu stellen.

Die Nachruf-Erzählerin schildert in nicht-chronologischer Folge einzelne, mit Frau Mook verbundene Lebensphasen aus der Sicht unterschiedlich beteiligter Personen. Durch diesen Zeit- und Perspektivwechsel wird beispielsweise deutlich, was es für ihren späteren „Ehemann“ bedeutete, dass seine Frau namens Yongmal ihn und den einjährigen Sohn völlig unerwartet verlassen hatte. Nach zwei Jahren kehrt die Frau ebenso unerwartet zurück, allerdings wird der Ehemann anhand intimer Details gewahr, dass sich eine andere Frau als die Seine ausgibt. Diese andere, Mirana Mook, war Yongmal 1942 auf einer „Troststation“ japanischer Besatzer begegnet. Dort hatten sie einander in existentieller Not gestützt und durch die Erzählungen von einem früheren Leben Hoffnung bewahrt. Nach dem Tod der Freundin nimmt Mook ihre Identität an und kehrt zu „ihrem“ Mann zurück. Schweigend akzeptiert dieser die Täuschung, denn manchmal sei es „die größte und gütigste Täuschung von allen, sich täuschen zu lassen“. So wird Frau Mook, der man auf der „Troststation“ die Gebärmutter entfernt hat, in ihrem vierten Leben „Mutter“.

Die Erzählung beginnt nach einem Prolog mit dem „fünften Leben“ der Frau Mook im Jahr 1961. Es ist die Zeit nach dem Korea-Krieg. Erzählt wird aus der Perspektive südkoreanischer Jungen, die an der Grenze zu Nordkorea am Imjin-Fluss leben. „Der 38. Breitengrad war so nah, dass man an klaren, windstill Tagen sogar die nordkoreanische Radio-Propaganda hören konnte.“ In der demilitarisierten Zone liegen noch „Minen der Yankees“ verborgen. Hier versteckt sich „Frau Mook“ und wird von den Jungen in ihrer steifen Leinenkleidung als Geisterfrau „Yalu“ wahrgenommen. Bei ersten Annäherungsversuchen entdecken sie eine russische Waffe versteckt in ihrem Höschen, sie wird nun von den südkoreanischen „Patrioten“-Jungs als „Kommie-Maulwurf“ und Feindin betrachtet und verfolgt.

Im dritten Leben, während des Koreakriegs 1950, sind nach der Ankunft der „Yankees“ die menschlichen Fronten noch nicht fest zementiert. Frau Moog spricht von Geschwistermord und kritisiert die westliche Einstufung als „Bürgerkrieg“.  Dieser Krieg sei in Wahrheit viel brutaler gewesen als ein „normaler“ Krieg. „Es begann das, was sie das Auseinandersägen nannten“, Hetze, Verräterjagd, Hinrichtungen und Vergewaltigungen. Frau Mook flieht gen Süden, nach Busan, zum, wie es im Buch heißt, südlichsten Ort, der nicht von den Kommunisten erobert und von Bomben zerstört worden war. Auf einem ehemaligen japanischen Friedhof richtet sie sich – als Junge verkleidet - in der „Stadt der Grabsteine“ eine Bleibe ein. Auf Arbeitssuche gelangt sie als Übersetzer(in) in ein von den US-Besatzern mit zwölf heimatlosen Frauen ausgestattetes „Monkey House“. Sie war nun erneut als „Kriegsproviant“ eingesperrt, jedoch nun von denen, die sie Jahre zuvor aus der „Troststation“ japanischer Besatzer errettet hatten.

Mirinae Lees Roman gibt in klug verschachtelten Geschichten Einblick in extreme, von Krieg und Besatzung grausam geprägte Leben. Es ist ein Buch, das über die rohe Seite des Menschlichen keine Illusionen lässt. „Gift war die wahre Demokratie“, sagt die fast Hundertjährige rückblickend. „Es erwischt alle immer, ob reich oder arm, Kommunist oder Kapitalist, Frau oder Mann.“

 

 

Mirinae Lee
Die acht Leben der Frau Mook
Roman
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Unionsverlag 2025
ISBN 978-3-293-00631-7

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Erstellungsdatum: 28.06.2026