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Andrea Pollmeier über den Roman „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe

Vier Generationen von Frauen, geprägt von Ausgrenzung, Rassismus und gesellschaftlichen Vorurteilen: In ihrem Debütroman „Unerwünschte Töchter“ (Hanser, 2026) verwebt Miriam Carbe persönliche Erinnerungen mit den Tagebüchern ihrer Ahninnen zu einer bewegenden Familiengeschichte. Ein Roman über vererbte Traumata, die Macht der Vergangenheit und die erschreckende Aktualität alter Denkmuster. Andrea Pollmeier hat den Roman gelesen.
Im Jahr 1976 hatte die Autorin Miriam Carbe als Neunjährige diesen Albtraum: „Ich stand auf einem hohen Hügel mit weitem Blick über eine graue Trümmerlandschaft. Ich war unerwünscht in diesem Land und musste es verlassen, allein, und wäre doch gern geblieben, aber rund um mich herum wollte mich jeder töten“. Bis heute ist unklar, schreibt sie in ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ woher dieses Bild stammt, warum sie sich als Grundschülerin als tödlich Verfolgte erlebte.
Miriam Carbe ist die Tochter der Autorin Monika Carbe und des Akpan Udo Akang. Sie wurde 1967 in Gießen geboren und verbrachte dort die ersten Wochen in einem Kinderheim, damit ihre Eltern ihr Studium in Marburg beendet konnten. „Unerwünschte Töchter“, ist ihr erster Roman. Das 574 Seiten umfassende Werk, publiziert im Hanser Verlag, wurde für die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises nominiert. Der Roman erzählt die Lebensgeschichten von vier Frauen, die jede unverheiratet gezeugt worden sind. Wie ein genetisch festgelegtes Muster prägte dieser als Makel empfundene Sachverhalt ihr Leben und wurde von Generation zu Generation weitergetragen. Die Ahninnen - Urgroßmutter Margarete, Großmutter Marianne und Mutter Monika - waren wie Miriam engagierte Schreibende, mit Sorgfalt haben sie ihre Erlebnisse und Gefühle in Tagebüchern festgehalten und so einen enormen Fundus geschaffen, aus dem Miriam Carbe für ihren Roman schöpfen kann. Das älteste „Material“ stammt von 1908, sechs Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs.
Miriam Carbe hat auf der Basis dieser Tagebuch-Texte eine Art autofiktionalen Roman geschrieben. Wie eine allwissende Erzählerin schildert sie die Erlebnisse dieser Mütter, deren Vornamen alle mit „M“ beginnen, und deren Leben schicksalhaft verbunden sind. Die Erzählerin, Miriam, ist von dieser prägenden Wirkkraft besonders massiv betroffen. Drei Jahre wird ihre Existenz gegenüber der Urgroßmutter verheimlicht, Mutter und Großmutter haben Angst, die Urenkelin aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe der strengen Urgroßmutter vorzustellen. Sie sind, wie Carbe den Tagebüchern entnimmt, durch die Lehre des Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg geprägt und folgen der Vorstellung, dass sich eine „Rassenseele“ in der Kultur eines Vokes zeige. Der Glaube daran war, so Carbe, für ihre Familie „etwas ganz Natürliches,“ die Großmutter habe immer wieder „angstvoll nach Spuren davon in mir gesucht.“ Ihre größte Sorge war, „meine Hautfarbe könnte mich zur Unmoral prädestinieren.“
Im Rückblick wird anhand zahlloser Puzzle-Teile erkennbar, welche Denkhaltungen das Schreckensbild der Neunjährigen ausgelöst haben können. Carbe erzählt nicht streng chronologisch, sie verknüpft immer wieder assoziativ eigene Erlebnisse mit den Geschichten ihrer Vorfahren. So dringt der Zeitgeist der Vergangenheit intim und scheinbar unkontrolliert durch alle Ritzen. Eine erzähltechnische Abgrenzung bleibt nahezu aus, die Distanz der Lesenden zu den rassistischen und antisemitischen Vorstellungen des letzten Jahrhunderts werden möglicherweise vorausgesetzt. Diese Erzählweise wirkt authentisch und ermöglicht es, sich tief in die Mütterleben einzufühlen. Ihr Effekt ist jedoch nicht unproblematisch. So erzählt Carbe beispielsweise aus der Perspektive der Erzählerin, wie ihre Urgroßmutter als junge Frau die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden besucht. Schautafeln zur „Rassenhygiene“ werden erwähnt, ohne sie inhaltlich einzuordnen. Auch das Schicksal der besten Freundin Ada, die in die Kolonie Deutsch-Südwest ausgewandert ist, „bei den Negern wohnte“, und nach dem Ersten Weltkrieg „keine Deutsche mehr“ ist, wird beiläufig erzählt, ganz so, wie es der Erinnerungsbogen der Tagebuch-Vorlage offenbar vorgegeben hat. Bei einer Reise nach Kopenhagen findet Großmutter Marianne im Gästebuch ihrer Tante die Nazi-Variante des Kinderliedes „Zehn kleine N*erlein…“, dessen zynisch-rassistischer Text vollständig zitiert wird. Auch die Präambel zum „Ahnenpass“, den Marianne als Arbeitssuchende in der Zeit des Nationalsozialismus ausfüllen muss, wird entsprechend zitiert. Diese Passagen sind erschütternd und machen deutlich, wie existentiell rassistische Ideologie in den Alltag jeder Person eingedrungen ist.
Eindrucksvoll nachvollziehbar sind auch der wirtschaftliche Abstieg und die Herabwürdigungen, die gerade Mütter, deren Ehemänner im Krieg gefallen sind, aushalten mussten. Ihre Sorgen spiegeln sich in minutiös erzählten Baby- und Kindergeschichten. Klassismus und arrogante Gefühlskälte werden zwischen Verwandten, aber auch in der Schule beschrieben. Monika Carbe, die später eine anerkannte Übersetzerin und Autorin wird, darf als „Schlüsselkind“ (die Mutter ist berufstätig) das für sie geeignete Gymnasium nicht besuchen, sie muss ungewöhnlich oft mit ihrer alleinerziehenden Mutter umziehen und reagiert zunehmend psychisch auf Stresssituationen.
Viele Sprüche, die im Roman zitiert werden, wirken erschreckend vertraut. „Du klingst ja immer noch, wie frisch aus dem Osten“, sagte man beispielsweise vorwurfsvoll zu Monika, nachdem sie mit ihrer Mutter aus der traditionsreichen Theaterstadt Meiningen in Thüringen nach Ostwestfalen umgezogen war. Herablassung, Ausgrenzung und soziale Not sind Stichworte, die diesen auf das vergangene Jahrhundert zurückblickenden Roman wie ein Stimmungsbild der Gegenwart erscheinen lassen.
Erstellungsdatum: 02.11.2026