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Anja Bihlmaier (47) gehört zur raren Spezies von Frauen am Dirigenten-Pult, der es gelungen ist, sich international zu profilieren und deren Können von Orchestern, Publikum, Veranstaltern und Opern-Häusern sehr geschätzt und von Kritikern hoch gelobt wird. Es ist absurd, aber den Umweg übers Ausland hat es offensichtlich gebraucht, um sich nun auch endlich hierzulande einen Namen zu machen. Andrea Richter hat sie im Konzertsaal erlebt und mit ihr gesprochen.
In einem Moment schwingt sie wie ein bunter Vogel in der Luft mit dem ganzen Körper und ausgestreckten Armen von einer Seite zur anderen, um im nächsten aufrechtstehend, wie plötzlich eingefroren den Taktstock senkrecht nach unten in die Tiefe zu stoßen. Abrupte Pause des musikalischen Flusses. Anheben des Arms und der Taktstock gibt den Celli zu ihrer Rechten den Einsatz und entlockt gleichzeitig den Geigen zur Linken, mit den Fingern spielend ein feines Piano. Ganzkörper-Einsatz. Die Musiker:innen des Orchesters übernehmen ihren Schwung, machen ihn zum eigenen. Klangerlebnis vom Feinsten fürs Publikum. Ovations.
In schwäbisch-ländlicher Umgebung wuchs sie in einer musikaffinen Familie auf, erhielt musikalische Früherziehung, besuchte ein musisches Gymnasium, spielte im Schulorchester Geige und sang im Chor. In der 12. Klasse wurde sie vom Musiklehrer zu einem mehrwöchigen Chorleiter-Kurs geschickt und durfte anschließend mit 90 beteiligten Schülern eine Kinderkantate einstudieren und dirigieren. „Danach war es um mich geschehen: der „Dirigiervirus" hatte mich gepackt und ich folgte meinem Weg.“ Sprich dem Musikstudium in Freiburg und Salzburg plus vielen Meisterkursen. Von 2006 -2018 arbeitete sie sich in mehreren deutschen Musik-Theatern von der Repetitorin bis zur stellvertretenden Generalmusikdirektorin in Kassel hoch und legte sich ein umfangreiches Opern-Repertoire zu. 2018 wagte sie den Sprung in die Freiberuflichkeit und fokussierte sich aufs symphonische Repertoire. Von Herbst 2020 bis Frühjahr 2024 war sie – als erste Frau in dieser Position – Erste Gastdirigentin der finnischen Sinfonia Lahti, zusätzlich von 2021 bis 2025 Chefdirigentin des Residentie Orkest in Den Haag, wo sie auch lebt, wenn sie nicht gerade unterwegs ist. 2024 wurde sie zur Principal Guest Conductor des BBC Philharmonic Orchestras (Manchester) ernannt, und ihre Karriere nahm geradezu Schwindel erregende Fahrt auf. Es folgten Debüts bei führenden Orchestern in Europa, USA, Kanada, Australien und eben auch in Deutschland. 2025 übernahm sie auch endlich wieder die Einstudierung und musikalische Leitung einer Oper und zwar „Cassandra“ an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin.
Sie auf dem Pult vor einem Orchester zu erleben, bereitet – abgesehen von ihrer tänzerischen Bewegungs-Eleganz – schon deshalb großes Vergnügen, weil sie sich gern auch mal anders als die Kolleg:innen kleidet: mit bunten Damen-Fräcken, die sie sich eigens anfertigen lässt. So farbenreich wie die Klangwelten, die sie entstehen lässt. So unkonventionell wie sie selbst ist. In Gesprächen erweist sie sich keinesfalls als eine vom Erfolg in andere Sphären katapultierte Frau. Im Gegenteil: Unkompliziert, down-to-earth, humorvoll, tiefsinnig und stets leidenschaftlich fokussiert auf das Thema, das gerade zur Debatte steht. Neben dem der Musik selbst setzt sie sich ebenso mit Verve für gesellschaftliche Fragen ein, insbesondere die der Rolle der Frau im Musikbetrieb. Konkret sieht das so aus, dass sie in die von ihr geleiteten Konzert-Programme, wenn irgend möglich das Werk mindestens einer Komponistin aufnimmt. Ganz große Schätze gebe es bei ihnen zu heben, die von den männlichen Kollegen allzu gern übersehen wurden und werden. Ihre besonderen Tipps derzeit: Lily Boulanger, die jüngere Schwester der wesentlich bekannteren Nadia Boulanger, und Galina Ustwolskaja, Lieblingsschülerin von Dimitri Schostakowitsch.
Andrea Richter: Was ist Ihnen beim Dirigieren das Wichtigste?
Anja Bihlmaier: Die Stücke erlebbar zu machen. Das hören der Musik muss für das Publikum zu einem Erlebnis werden und über das Erleben kommt es zu einem tieferen Verständnis. Komponist:innen haben ein Anliegen, sie wählen nicht nur eine Form (und die Form ist entscheidend für den Inhalt!), sie haben vor allem eine Idee, eine Emotion, einen Gedanken, den sie zum Ausdruck bringen wollen. Das sind oft existenzielle Fragen. Zum Beispiel Tschaikowsky, dessen fünfte Sinfonie ich im vergangenen Dezember mit dem Museumsorchester in Frankfurt dirigieren durfte, hat seine Homosexualität, die er in der damaligen Gesellschaft verheimlichen musste, nie offen ausgelebt. Seine Sehnsucht, sein Drang nach Offenheit und Freiheit ist in dieser Musik besonders zu spüren. Oder Prokofjew, dessen zweites Klavierkonzert auch auf dem Programm stand: diese extrem düsteren Farben, das sind Abgründe. Hier geht es wirklich nicht um schönen Klang. Auch wenn mir Eleganz und Schönheit wichtig sind, nicht zuletzt, um die Brüche in der Schwärze deutlich zu machen. Mir kommt es bei alldem besonders darauf an, dass das Orchester sehr kommunikativ unterwegs ist, sie müssen sich untereinander genau zuhören, dann spricht der eine, und der andere antwortet oder kommentiert. Das Publikum muss erleben können, wie beispielsweise eine Melodie von einer Stelle zu einer anderen wandert. Ein bisschen muss es zugehen wie in einer lebendigen Abendgesellschaft und jedes Mal wird es etwas anders. Die Struktur des Stückes und alle Verbindungen haben wir geprobt und den Rahmen festgelegt, im Konzert können dann alle frei musizieren und die Dinge im Moment neu erfinden. Dadurch wird es frisch, und es macht Freude, weil etwas durch Gemeinsamkeit entsteht.
Ein Konzert ist für mich eine Utopie, wie Gesellschaft funktionieren sollte: sehr viele Individualisten mit herausragendem Können, die auf die Sekunde genau zusammenspielen. Präzision und Leidenschaft verbinden sich. Dabei ist mir die Werktreue sehr wichtig, nicht so sehr die absolute Perfektion. Ich halte nichts davon, Fehlervermeidungs-Taktik zu fahren und gehe gern ins Risiko, um das Stück wirklich lebendig zu machen. Der Perfektionswahn, auch aufgrund der Sichtbarkeit im Internet, ist heutzutage meiner Meinung nach problematisch und nicht unbedingt im Sinne der Komponist:innen. Es geht doch darum, welches Bild sie insgesamt zeichnen wollten. Manchmal stört es, wie mit einer hyperguten Kamera heranzuzoomen, sodass man sprichwörtlich vor lauter Bäumen, d.h. vor lauter musikalischen Details und Pixeln, den Wald, den größeren Sinn eines Werkes nicht mehr wahrnimmt. Obwohl die Sichtbarkeit von Konzerten durch die Medien auch große Vorteile bringt, führt sie auf der anderen Seite zu ungeheurem Stress, immer höheren Ansprüchen an Optimierung und Perfektion gerecht zu werden. Vermutlich wir die künstliche Intelligenz darin bald noch perfekter sein als wir. Gerade deshalb denke ich, dass wir an das Menschliche in der Kunst glauben müssen.
AR: Wie ist Ihr Verständnis von Dirigat?
AB: Mein Vorbild ist Claudio Abbado, der das Lucerne Festival Orchester gründete und leitete. Ein Ensemble, in dem Musiker:innen auf Augenhöhe musizieren, fast wie unter Freunden. Mich beeindruckt besonders, wie er Individualität und Eigenständigkeit der Musiker:innen respektiert hat, ohne seine Vision der Werke aus den Augen zu verlieren. Auch in meiner Arbeit ist mir wichtig, dass jede:r Musiker:in als eigenständige Persönlichkeit und in gewisser Weise als Solist:in gesehen wird, auch wenn ich oft als Gastdirigentin vor Orchester trete, wo ich die MusikerInnen zum ersten Mal
sehe und die Probenzeiten kurz sind. Mein Verständnis von Dirigieren bedeutet den Menschen zuzuhören und sie so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte, ihnen Raum für eigene Ideen zu geben und ein angstfreies, kommunikatives Miteinander zu schaffen, wo sich alle beim Musizieren zuhören. Das scheint mir das Wichtigste! Wenn das gelingt, macht es richtig Freude und bringt das gewisse Extra beim Konzert.

AR: Es gibt noch immer sehr wenige Dirigentinnen. Warum?
AB: In Deutschland gibt es derzeit bei 129 öffentlich geförderten Orchestern auf der Chefposition nur drei Frauen. Im nächsten Jahr werden es immerhin vier sein (*). Kapellmeisterinnen haben wir ein paar mehr. An den Musikhochschulen studieren noch immer wesentlich weniger Frauen Dirigieren, auch wenn es viel mehr sind als zu meiner Zeit. Da war ich die Einzige in meiner Hochschule und es gab nicht eine einzige Dirigier-Professorin. Auch in der Konzertlandschaft bekam man nur ganz selten eine Dirigentin zu Gesicht. Der Konzertbetrieb hat sich heute schon wesentlich verändert und die Veranstalter und Orchester bemühen sich, Dirigentinnen einzuladen. Wichtig erscheint mir, dass wir Frauen noch mehr an unsere Führungsqualitäten glauben, uns Führungsposition zutrauen und dafür einstehen sollten. Außerdem beobachte ich immer wieder, dass Männer sich sehr viel stärker gegenseitig unterstützen, als Frauen das tun. Jahrzehntelang war unsere Gesellschaft in allen Bereichen männlich geprägt und ich denke, dass es für Männer selbstverständlicher ist, Netzwerke zu bilden und sich gegenseitig zu fördern, während Frauen lange vom beruflichen und politischen Leben in großen Teilen ausgeschlossen waren. Wenn man zum Beispiel nur daran denkt, dass eine Frau noch in den siebziger Jahren ihren Ehemann um Erlaubnis fragen musste, wenn sie eigenständig Geld verdienen wollte! Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor eine große Herausforderung. Dirigentin zu sein, bedeutet in meinem Fall, dass ich fast jede Woche auf Reisen bin oder die wenige Zeit zwischen den Proben zu Hause nutze, um die nächsten Partituren zu studieren. Da müssen Sie erst mal einen Partner finden, der das wirklich unterstützt.
AR: Welche Rolle spielen Agenturen im Musik-Kultur-Leben?
AB: Agenturen spielen im Musik- und Kulturbetrieb eine wichtige Rolle, auch weil wirtschaftliche Aspekte eine große Bedeutung haben. Für Veranstalter sind bekannte Namen hilfreich, da sie Planungssicherheit und höhere Ticketverkäufe ermöglichen. Entsprechend setzen Agenturen auf
Künstler:innen, bei denen sie Entwicklungspotenzial sehen und manchmal unterstützen sie diese auch mit gezielter PR. Ich selbst habe viele Jahre lang in Opernhäusern dirigiert und mich von kleineren zu größeren Häusern „hochgearbeitet". Von der Position einer Solorepetitorin mit Dirigier-Verpflichtung über zweite Kapellmeisterin bis zur stellvertretenden Generalmusikdirektorin. In dieser Zeit habe ich mich auch bei Agenten vorgestellt, was jedoch wenig erfolgreich war, da ein festes Engagement an Opernhäusern für Agenturen wirtschaftlich oft weniger interessant ist. Später hatte ich das Glück, ein skandinavisches Management zu finden, das mir die Chance gab, mich auch im symphonischen Konzertbetrieb vorzustellen. Durch diese Agentur wurde ich in Skandinavien bei kleineren und größeren Orchestern bekannt. Das hatte den Vorteil, dass man zwar mit kleinen Konzertprojekten begann, dann aber bei guter Zusammenarbeit mit dem Orchester sofort die Möglichkeit erhielt, sich bei regulären Abonnementskonzerten zu beweisen. Dadurch konnte ich schnell und systematisch ein großes, symphonisches Repertoire erarbeiten und mich bei führenden Orchestern vorstellen. Dies wiederum führte zu Interesse bei englischen Agenturen, die mir dann die Chancen boten nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Amerika zu dirigieren.
AR: Ihr Name setzt sich in Deutschland erst jetzt durch. Warum das?
AB: Weil ich nach meinen Anfängen an der Oper meine Chancen im Ausland genutzt und kaum mehr in Deutschland dirigiert habe. Seit drei Jahren habe ich zusätzlich noch eine Berliner Agentur und jetzt genieße ich es sehr, sowohl im Konzert als auch in der Oper in Deutschland präsent zu sein.
AR: Danke für das interessante Gespräch.
(*)
Marzena Diakun, Chefdirigentin des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie Koblenz
Joana Mallwitz, Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin
Ariane Matiakh, Chefdirigentin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen
Marie Jacquot, (ab Mitte 2026) Chefdirigentin des WDR-Sinfonieorchesters in Köln
Erstellungsdatum: 24.01.2026