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Anmerkungen zur Tschechow-Inszenierung am Berliner Ensemble

Die „Drei Schwestern“ und wir

Claus Leggewie


Anton Tschechow 1901. Foto: wikimedia commons

Am 31. Januar 1901 wurde unter der Regie von Konstantin Stanislawski am Moskauer Künstlertheater Anton Tschechows „Drei Schwestern“ uraufgeführt. Seitdem ist das Endzeit-Drama auf den Bühnen der Welt aktuell. In Gesellschaften mit eingeschränkter Bewegungsmöglichkeit scheint der Ennui zeitlos zu sein. Und Tschechows künstlerisches Gespür hielt ihn so geschickt am Bühnenleben, dass er bis heute Publikum an sich bindet. Claus Leggewie hat das Stück am Berliner Ensemble gesehen.

 

„Wo ist das alles hin? Wo ist die Freude und die Hoffnung geblieben, die ich hatte, als ich jung war. Wovon werden wir so langweilig, nutzlos, gleichgültig, unglücklich...? Unsere Stadt hat hunderttausend Einwohner und keiner unterscheidet sich vom anderen, es gibt keine Bewegung. Es gibt keinen einzigen Menschen, der Neid erregen würde oder den starken Wunsch, ihm nachzueifern... Es wird nur gegessen, getrunken, geschlafen, gestorben. Und es werden die Nächsten geboren, die auch nur essen, trinken, schlafen, sich gegenseitig betrügen und belügen und dann so tun, als ob sie nichts merken, nichts hören. Und diese grenzenlose Geschmacklosigkeit erdrückt die Kinder, der göttliche Funke erlöscht in ihnen, sie werden zu lächerlichen, einander gleichenden Leichen, genau wie ihre Väter und Mütter. Die Gegenwart ist widerlich, aber wenn ich an die Zukunft denke, wird mein Herz leicht. Weit entfernt schimmert ein Licht und ich sehe die Freiheit.“

Das ist Originalton Anton Tschechow in seinem bis heute speziell auf deutschen Bühnen gern gegebenen Stück „Drei Schwestern“ von 1901, in dem sich unklar die bevorstehende Revolution und ein Katastrophenjahrhundert ankündigt. Vermutlich sind schon einige theaterwissenschaftliche Dissertationen über die mannigfachen Aufführungs- und Deutungsvarianten der herausragenden Regisseure geschrieben worden, die sich an dem Stück seit der Uraufführung durch den großen Regiemeister Stanislawski versucht haben. Tschechow soll entsetzt gewesen sein über dessen rührselige Interpretation, an die viele Anverwandlungen der „russischen Seele“ angeknüpft haben.


BE Drei Schwestern. Foto Jörg Brüggemann

 

Die aktuelle Aufführung am Berliner Ensemble folgt dieser Interpretation ausdrücklich nicht. Die slowenische Erfolgsregisseurin Mateja Koležnik stellt die komisch-grotesken Elemente der in provinzieller Depression verweilenden Schwestern (gespielt von Bettina Hoppe, Constanze Becker und Lili Epply) und ihrer peinlich pathetischen und/oder langweiligen Männer heraus, deren Sehnsucht „Nach Moskau!“ sich nie erfüllen wird. Das großartige Ensemble präsentiert die tragikomische Szenerie in heutiger Sprache mit einigen aktuellen Einschüben, doch zu lachen gibt es nicht viel. Die zitierte Jeremiade von Andrej (Paul Herwig) kann man als Unlust träge gewordener Bürger oder als Unfähigkeit der russischen Intelligenz inszenieren, die mit ihrem Godot-artigen Warten aus der Unfreiheit des Zarenreiches in den Terror des Bolschewismus rutschen sollten. Er zum Beispiel hat seine Professorenkarriere verpasst, sich in einer Amtsstube im Hinterland lebendig begraben und einer herrisch-dummen Frau Natascha (Marina Galic) unterworfen. Und nebenbei die Schwestern betrogen, deren Haus er im Kasino verspielt hat.

Auch bei Tschechow spielt sich das alles vor dem Hintergrund des Militärstützpunktes ab, den der verstorbene Vater als Brigadegeneral geführt hat. Mateja Koležnik rückt das Militär nur auf die Hinterbühne, von der dann immer wieder rauflustige und krawallbereite Soldaten in den Vordergrund drängen. Und je länger je mehr entfaltet sich eine Vorkriegsstimmung, die immer krasser wird, wenn Bomber über das von Klaus Grünberg bunkerartig eingerichtete Haus donnern und Artilleriefeuer ertönt. Das Ende ist ein Knall. Mitten in Olgas Schlussmonolog „Oh, meine lieben Schwestern, unser Leben ist noch nicht vorbei. Und ich glaube, schon bald werden wir erfahren, wofür wir leben, wofür wir leiden... Man weiß es einfach nicht, man weiß es nicht. Man weiß es einfach nicht, man weiß es nicht“ fährt ein ohrenbetäubender Kanonenschlag hinein und ein Blackout, der das Premierenpublikum erstarren ließ, bevor es sich langsam steigernd zum begeisterten Applaus durchrang.


BE Drei Schwestern. Foto Jörg Brüggemann

 

Was manchen als übertriebene Vorführung deutscher „Kriegsuntüchtigkeit“ erscheinen mag, haben Koležnik und das auch in Nebenrollen (die es bei Tschechows ineinander verschachtelten Monologen nicht gibt) glänzend besetzte Ensemble keineswegs plakativ vergegenwärtigt. Das offenbar zeitlose Stück könnte im Russland der Jahrhundertwende genauso spielen wie in einer Garnisonstadt des auslaufenden Realsozialismus, aber auch einen bevorstehenden Angriff antizipieren, dessen Möglichkeit alle schlafwandlerisch ausgeschlossen haben. Was draußen spätestens beim Einschalten oder Scrollen der Nachrichten bewusst wird. „Die Gegenwart ist widerlich, aber wenn ich an die Zukunft denke, wird mein Herz leicht. Weit entfernt schimmert ein Licht und ich sehe die Freiheit“? Andrej und seine Schwestern haben es nicht nach Moskau geschafft.

Ohne platte Aktualisierung führt die Inszenierung des 125 Jahre alten Theater-Stücks in die Gegenwart. Individuelle Resignation und kollektive Schwarzseherei lähmen nostralgische und zukunftsblinde Gesellschaften, sich der drohenden Eskalation eines längst im Gang befindlichen Krieges und dessen Kollateralschäden couragiert entgegenzustellen und endlich, wie es so schön im Dauersprech der Talkshows heißt, ins Handeln zu kommen.

 

Berliner Ensemble

 

 

Siehe auch:
Thomas Rothschild über Tschechows „Drei Schwestern“

 

 

Erstellungsdatum: 29.04.2026