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Felix Philipp Ingold über Erzählkunst und Gedankenspiel

Die ganze Weisheit

Felix Philipp Ingold


Unter den Bonmots strebt der Aphorismus nach künstlerischer Gestalt. In ihm finden inhaltliche Gegensätze, elegant formulierte Bösartigkeiten oder Komplimente, Paradoxa und Wortspiele zur knappen, oft witzig-pointierten Aussage über Personen oder Sachverhalte. Felix Philipp Ingold schreibt über Aphorismen oder solche, die es gar nicht werden sollten, bei Robert Musil, Thomas Mann und Rainer Maria Rilke.

 

Wenn man bei der Lektüre von Erzähltexten gelegentlich zum Stift greift und die eine oder andere Stelle anstreicht, handelt es sich zumeist um eine Sentenz (eine „Weisheit”, eine „Wahrheit”), durch die man sich persönlich angesprochen, bestätigt oder auch irritiert fühlt. In manchen Fällen mag man dazu neigen, solch beiläufige Sprüche als Aphorismen zu verbuchen, doch aphoristisch sind sie, genauer besehen, zumeist nicht, da es ihnen an der entsprechend pointierten Form, an Sprachwitz und Geistesblitz fehlt.

Eigentlich ist der Aphorismus als „kleine Form” ein selbständiges literarisches Genre im Interferenzbereich zwischen Poesie und Philosophie, eine rhetorische Figur mithin, in der Dichten und Denken wechselseitig (dabei gleichberechtigt) verschränkt sind. Durch elaborierte Kürze der Sprachform und Prägnanz der Aussage soll die stets intendierte Allgemeingeltung aphoristischer Rede glaubhaft gemacht werden. Beides, Sprachform wie Sinngehalt, soll in erster Linie neuartig, unerwartet, überraschend sein, das heißt: jäh erhellend oder auch jäh provozierend, jedenfalls sich erfüllend in einem spontanen Aha!-Moment.

Aphoristische Rede ist demnach zumindest im Ansatz als Appell angelegt, darauf also, bei der Leserschaft eine reaktive gedankliche oder emotionale Regung hervorzurufen.

Grammatikalisch entspricht sie einer kurzgehaltenen, linear oder syntaktisch gefügten Aussage, vorzugsweise im Präsens und mit neutralem Subjekt („man”, „wir”, „es”). Die angestrebte Generalisierung wird gern durch Allgemeinbegriffe wie „nirgendwo / überall”, „niemals / immer”, „niemand / jedermann” und durch unterscheidende Redewendungen wie  „wenn … dann”, „entweder … oder”, „ je … desto”. In vielen Fällen gewinnt der Aphorismus (wie ein Vers) poetische Qualität durch Assonanzen, kühne Metaphorik und rhythmische Gliederung.

Diese spezifischen Qualitäten werden durch „beiläufige”, in größere Texte eingelassene Merksätze mehrheitlich nicht erfüllt. Dazu kommt, dass solche Sätze stets auf einen Kontext bezogen sind, aus dem sie ihren Sinn überhaupt erst gewinnen, der jedoch ausgeblendet wird, sobald sie unabhängig davon zitiert werden. Außerhalb ihres jeweiligen narrativen Zusammenhangs sind sie bestenfalls so etwas wie Quasi- oder Pseudoaphorismen. Diese können entweder dem Werkautor selbst oder einem Ich-Erzähler beziehungsweise einem fiktiven Protagonisten zugeschrieben werden. Dass sie einem größeren Textzusammenhang entstammen, ist oft schon daran zu erkennen, dass sie mit einer Konjunktion beginnen (mit „denn”, „weil”, „aber” usf.), die auf vorgängige Aussagen verweisen wie z.B. diese quasiaphoristischen Zitate aus Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”: „Aber nun, da so vieles anders wird, ist es nicht an uns, uns zu verändern?” Oder: „Das Leben selbst aber ist schwer aus Einfachheit.”

Dennoch unterstreicht man solche Sprüche gern – man isoliert sie beim Lesen fast automatisch aus ihrem Kontext und merkt sie sich häufig in leicht bereinigter Form, als handelte es sich dabei um echte, selbständige Aphorismen.

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Naturgemäß neigen intellektuell angestrengte, wissenschaftlich oder philosophisch interessierte Autoren am ehesten dazu, mit „aphoristischen” Versatzstücken zu operieren, derweil andere, die sich bevorzugt an historischen, zeitgeschichtlichen, lebensweltlichen Stoffen abarbeiten, also eher der Beschreibung und Dokumentation verpflichtet sind, auf Merksprüche weitgehend verzichten. Was im übrigen ebenso für experimentelle Prosa gilt, bei der sprachliche Formalismen und kompositorische Ambitionen jeglichem Ideengehalt übergeordnet sind.

Siehe als ergänzende Lektüre:


Felix Philipp Ingold
Der russische Aphorismus: Geschichte, Theorie, Texte
Edition Virgines, Düsseldorf 2025
ISBN 13: 9783910246454

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Erstellungsdatum: 27.06.2026