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Eran Rolnik über das politische Aufschieben in Israel

Die Illusion des Danach

Eran Rolnik


Übermorgen in Zürich. Foto: Bernd Leukert

Wie die Christen, die die Einlösung ihrer Heilsversprechen erst nach ihrem Ableben vorsehen, oder die Kommunisten, die das Arbeiterparadies in die Zeit nach der Revolution verschieben – wo die Mühen der Ebenen endlos sind, hoffen die Israelis, dass die Koinzidenz von Souveränität, Sicherheit, kollektiver Selbstbehauptung und Gerechtigkeit, Gleichheit, universeller Menschenwürde nach den Wahlen Wirklichkeit wird. Eran Rolnik beschreibt die israelische Gesellschaft aus psychoanalytischer Sicht.

 

Wie viele Israelis habe auch ich das Ergebnis der Vorwahl der Demokratischen Partei mit Erleichterung aufgenommen. Es schien ein Beleg dafür zu sein, dass in der israelischen Politik noch etwas lebendig ist: dass integre und verantwortungsbewusste Menschen noch gewählt werden können, dass es noch eine politische Adresse gibt, der man Vertrauen schenken kann. Ich erwähne dies vorweg, weil ich über etwas anderes sprechen möchte: über das, was diese Hoffnung möglicherweise verdeckt.

Seit Monaten beherrscht ein einziges Wort den politischen Diskurs in Israel: danach. Nach den Wahlen. Nach Netanjahu. Nach dieser Regierung der Schrecken.

Dieses Wort trägt Hoffnung in sich. Und Hoffnung ist unverzichtbar. Ohne die Fähigkeit, sich eine andere Zukunft vorzustellen, gäbe es keine Protestbewegung, keine demokratische Mobilisierung und keine politische Verantwortung. Gerade weil Hoffnung so notwendig ist, lohnt es sich zu fragen, was geschieht, wenn das „Danach” zu einem politischen und psychischen Ort wird, auf den wir alles projizieren, was wir in der Gegenwart nicht ertragen können.

Die Wurzeln dieses Denkens reichen tief. Der Aufbau-Zionismus lehrte Generationen, die Zukunft nicht nur als einen späteren Zeitpunkt, sondern als einen Raum der Erlösung zu begreifen. Morgen würde gelingen, was heute noch unmöglich schien. „Ihr werdet sehen, ihr werdet sehen, wie gut es im nächsten Jahr sein wird”, heißt es in einem bekannten israelischen Lied. Diese Zukunftsorientierung besaß eine enorme schöpferische Kraft. Sie ließ Sümpfe trockenlegen, Städte entstehen und Millionen Einwanderer aufnehmen. Zugleich nährte sie aber eine schwer aufzugebende Illusion: dass die Zukunft allein deshalb, weil sie vor uns liegt, die Widersprüche der Gegenwart auflösen werde.

Kaum eine israelische Partei verkörperte dieses Denken deutlicher als Jesch Atid – „Es gibt eine Zukunft”. Bereits ihr Name machte die Zukunft selbst zum politischen Programm. Nicht die Bearbeitung konkreter Ungerechtigkeiten oder die Auseinandersetzung mit moralischen Konflikten stand im Mittelpunkt, sondern die implizite Annahme, dass das Kommende notwendigerweise besser sein werde als das Vergangene. Psychoanalytisch gesprochen wird die Zukunft dabei zu einem Fetisch: zu einem Objekt, das verdeckt, was gegenwärtig noch nicht ausgehalten werden kann. Die politischen Enttäuschungen dieser Partei waren deshalb keineswegs zufällig. Wer seine politische Identität auf die Erlösung durch die Zukunft gründet, hat es schwer, sich der Gegenwart wirklich auszusetzen.

Die Psychoanalyse lehrt, dass Hoffnung nicht immer das Gegenteil von Verleugnung ist. Mitunter ist sie deren raffinierteste Form. Wenn die Wirklichkeit unerträglich wird, weist die Psyche sie nicht zwangsläufig zurück. Häufig verschiebt sie vielmehr die Begegnung mit ihr in eine imaginierte Zukunft. Das „Danach” wird zu einem psychischen Zufluchtsort, in dem sich schließlich alles zum Guten wenden soll – und gerade deshalb die gegenwärtige Krise nicht wirklich verstanden werden muss.

Melanie Klein unterschied zwischen zwei Formen der Wiedergutmachung. Die eine entsteht aus der Anerkennung des angerichteten Schadens, aus Trauer und Verantwortungsübernahme. Die andere bezeichnete sie als manische Wiedergutmachung. Sie verspricht rasche Heilung, ohne den Verlust zu betrauern. Sie möchte die Wunde beseitigen, ohne sie verstehen zu müssen.

Genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Nicht die politische Hoffnung ist problematisch, sondern die Vorstellung, ein Wahlsieg könne all das auflösen, was sich über Jahrzehnte angesammelt hat. Dass der Austausch einer Regierung oder die Ablösung eines destruktiven politischen Führers zugleich jene Widersprüche verschwinden lassen werde, die seine Herrschaft überhaupt erst möglich gemacht haben.

In dem Augenblick, in dem Hoffnung zur Gewissheit wird, verwandelt sie sich in eine Form manischer Wiedergutmachung. Das Böse wird vollständig auf ein politisches Lager projiziert, während sich das eigene Lager als exklusiver Träger der Erneuerung erlebt.

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob Benjamin Netanjahu die Wahlen verliert. Die eigentliche Frage ist, was sichtbar wird, wenn er verliert. In dem Moment, in dem das Objekt verschwindet, um das sich der gesamte Widerstand organisiert hat, tritt jene Realität hervor, die bisher von ihm verdeckt wurde. Sie wird dann nicht erst entstehen. Sie ist längst da.

Hier zeigt sich der Widerspruch, den die manische Wiedergutmachung auszulöschen versucht. Die zionistische Idee war von Beginn an von einer grundlegenden Spannung geprägt. Die eine Seite strebte nach staatlicher Souveränität, Sicherheit und kollektiver Selbstbehauptung; die andere nach sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und universeller Menschenwürde. Beide konnten nur deshalb nebeneinander bestehen, weil sich die Entscheidung zwischen ihnen immer wieder in eine imaginierte Zukunft verschieben ließ. Doch eine solche Zukunft gibt es nicht. Jede wirkliche politische Entscheidung verlangt Prioritäten – und jede Priorität bedeutet Verzicht. Genau um diese Erfahrung der Begrenzung kreist die Trauer, der das politische Denken so häufig ausweicht.

Selbst diejenigen, die die Gefahren religiösen Messianismus zutreffend erkennen, bleiben von dieser Dynamik nicht verschont. Viele setzen voraus, Israel müsse lediglich zum liberalen Zionismus zurückkehren. Doch auch dieser war von Anfang an durch einen eigenen Widerspruch geprägt: durch den Versuch, einen liberalen und universalistischen Rechtsstaat mit dem Anspruch zu verbinden, zugleich Nationalstaat des jüdischen Volkes zu sein, ohne die demokratischen Spannungen dieses Anspruchs vollständig auszutragen. Dieser Konflikt begann nicht mit der gegenwärtigen Regierung – und er wird mit ihrem Ende nicht verschwinden. Die Fantasie, er lasse sich ohne Verlust auflösen, gehört keinem einzelnen politischen Lager.

Schon zu Beginn der zionistischen Bewegung gab es Stimmen, die diese Spannung wahrnahmen. In seinem berühmten Brief an einen Vertreter des Keren Hajessod aus dem Jahr 1930 verweigerte Sigmund Freud seine Unterstützung nicht deshalb, weil er die Idee einer jüdischen Heimstätte ablehnte. Er bezweifelte vielmehr, dass ein solches Projekt allein aus nationaler Leidenschaft Bestand haben könne, ohne im Kontakt mit der Realität einen Preis zu zahlen. Freud sagte die Geschichte nicht voraus. Er beschrieb vielmehr die Grenzen politischer Wunschvorstellungen angesichts der Wirklichkeit.

Ich weiß natürlich nicht, was die Wahlurnen sagen werden. Das Herz der überwältigenden Mehrheit der Israelis, religiös wie säkular, verortet sich tief in der theologischen Rechten – auch wenn ihr Mund von Heilung und Wiedergutmachung spricht. Ein weiterer Wahlsieg der gegenwärtigen Koalition wäre zweifellos eine politische Katastrophe. Gerade weil diese Gefahr so offensichtlich ist, stellen wir jedoch kaum die andere Frage: Was geschieht, wenn das Lager gewinnt, auf dessen Sieg auch ich hoffe? Nicht dieser Sieg bereitet mir Sorge. Sorge bereitet mir die Illusion, der Sieg selbst werde bereits Heilung bedeuten.

Ärzte der Palliativmedizin kennen ein Phänomen, das sie als terminale Luzidität bezeichnen. Kurz vor dem Tod kann ein Patient, der bereits zu entschwinden schien, plötzlich wieder wach und klar erscheinen. Schmerzen lassen nach, das Bewusstsein kehrt zurück, Angehörige schöpfen neue Hoffnung. Erfahrene Ärzte wissen jedoch, dass diese scheinbare Besserung häufig nicht den Beginn der Genesung markiert, sondern den nahen Abschied ankündigt.

Ich behaupte nicht, Israel befinde sich im Sterben. Politische Gemeinwesen kennen keinen endgültigen Schlusspunkt. Mich interessiert vielmehr die psychische Struktur dieses Moments. Nicht jedes Gefühl der Erleichterung bedeutet bereits Heilung. Nicht jeder Augenblick neuer Klarheit markiert einen wirklichen Neubeginn.

Ein gutes Ende – sofern es überhaupt noch möglich ist – beginnt daher nicht mit einem Wahlsieg. Es beginnt erst dann, wenn auch der Sieg nicht länger dazu dient, Trauer und Erkenntnis zu vermeiden. Wenn wir anerkennen, dass nach einem Regierungswechsel dieselben ungelösten Fragen bestehen bleiben werden, dieselben Widersprüche, denen wir so lange ausgewichen sind, und dieselbe Notwendigkeit, die Fantasie einer vollständigen politischen Erlösung aufzugeben.

Die kommenden Wahlen mögen die politische Landschaft Israels verändern. Sie allein können jedoch weder die Tiefenstruktur des Zionismus verändern, noch den Bewohnern dieses Landes zurückgeben, was sie verloren haben. Wie Menschen können auch Nationen nicht „von neuem geboren werden.”

Erstellungsdatum: 10.08.2026