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Ein Nachruf auf Cees Nooteboom

Die Insel der Mönche: Gedichte als Heimat

Stefan Heyer


Cees Nooteboom in Köln, 2011. Foto: Hpschaefer www.reserv-art.de. wikimedia commons

Als sein erster Gedichtband erschien, war er 23 Jahre alt. Als Lyriker hat Cees Nooteboom sich selbst immer gesehen, ungeachtet der Tatsache, dass er seine Bekanntheit, vor allem in Deutschland, seiner Reiseliteratur und seinen Romanen verdankte. 1933 geboren, schlug er sich nach der Klosterschule als Gelegenheitsarbeiter durch und fuhr als Leichtmatrose in die Karibik, um zu heiraten. Der vielgereiste Schriftsteller lebte in Amsterdam und auf Menorca, wo er am 11. Februar 2026 gestorben ist. Stefan Heyer schreibt, wo er dennoch lebt.

 

Umher irrte Odysseus über das Meer, Gefahren, Abenteuer, Sirenen, Zyklopen. Und am Ende die Heimkehr. Das Massaker.

Cees Nooteboom, kaum 19 Jahre alt, setzte die Segel und verließ die für ihn viel zu kleinen Niederlande, das flache Land, meerumtost, kein Berg nirgends, schnallte seinen Rucksack um und vermaß Europa. Nooteboom wurde Kartograph, umsegelte die Welt, legte Linien über das Meer, schlug Kerben in die Wüstenei, ordnete das Chaos der Erde, als wäre sie noch wüst und leer. Tohuwabohu. Als sei die Welt vor der Schöpfung. Finsternis. Nichts als Dunkelheit. Nooteboom hat mit seinen Romanen die Welt vermessen. Hat mit seinen Reiseberichten Linien gezogen. In „Het volgende verhaal“, 1991 (dt. „Die folgende Geschichte“), spannt er den Bogen zwischen Amsterdam und Lissabon, einen Bogen zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod und darüber hinaus und wurde hierfür im Literarischen Quartett mit Lob überschüttet. Schon der erste Roman, „Philip en de anderen, 1955 (dt. „Philip und die anderen“), einen Roman, den Nooteboom selber eher weniger schätzte, hat er seine Vermessung der Welt begonnen. Es treibt den Protagonisten in die Provence auf der Suche nach den Antworten. Welches Ziel hatte die Reise? Welches Ziel hatten die Reisen von Nooteboom? Wer suchte was?

Nooteboom reiste und reiste und wohnte am Ende auf Inseln. Im kühlen Norden, auf Schiermonnikoog, im warmen Süden, auf Menorca.

Weniger beachtet als die Prosatexte sind die Gedichte von Nooteboom. 16 Lyrikbände hat er insgesamt veröffentlicht. Doch gerade in der Kompaktheit seiner Gedichte wird seine Poetik deutlich. Der Gedichtzyklus „Monnikoog“ (dt. „Mönchsauge“), der zum großen Teil auf der Insel Schiermonnikoog entstanden ist und 33 Gedichte enthält, zeigt die Philosophie des Autors, denn immer hat Nooteboom nicht nur die Welt beschrieben, sondern nach dem Warum gefragt: „wie hält sich nun / die Welt im Gleichgewicht?“ Viel mehr noch als Prosa taugt ihm Lyrik für Antworten: „Gedichte kennen kein / Fragezeichen, sie müssen den Wahnsinn / zähmen, nicht abstreiten, sie müssen ihre Form hexen aus leeren Gedanken“.

Die Gedichte von Nooteboom vermessen die Wellen, kämpfen gegen die tosende Nordsee, gegen die wilde Gischt, gegen die Ungeheuer im Schlaf, gegen die dunkelste Nacht.

Inselbewohner ist Nooteboom gewesen, nicht Heimkehrer wie Odysseus. Richtet kein Massaker an. Rächt sich nicht für Unheil.

Auf der Insel der grauen Mönche, auf Schiermonnikoog, hat Nooteboom diese Gedichte geschrieben, die Texte den Wellen abgetrotzt, dem Rauschen des Meers, die „Waage des / Weltalls kippt“, doch die Gedichte, jeweils mit drei Strophen verfasst, geben dem Leser Halt in diesem Tohuwabohu.

In einem dieser Gedichte findet das lyrische Ich einen „angeschwemmten Walfischzahn“. Welch Glück. Wer träumt nicht davon, bei einer Wanderung am Meer solch einen Schatz zu finden. Und welch Glück, die Gedichte von Nooteboom zu lesen.

Das, was Cees Nooteboom in seinem Gedicht BASHO III, erschienen in „Het gezicht van het oog“,1989 (dt. „Das Gesicht des Auges“) über den großen Haiku-Dichter schreibt, scheint, als würde er es zu sich selber sagen: „Nirgends in diesem All hab ich einen festen Wohnsitz, / Schrieb er auf seinen Hut aus Zypressen.“ Unterwegs sein. Hier sein. Dort sein. Im Süden sein. Im Norden sein. Die Kontinente bereisen und doch immer sich selber finden. Und dann, als wäre es ein letztes Wort, ein Testament: „Nur in seinen Gedichten konnte er wohnen.“ So Nooteboom über Basho. Cees Nooteboom, der am 11.02.2026 auf Menorca verstorben ist, lebt in seinen Gedichten. Er, der Inselbewohner, der vom flachen Land kam, hat die Welt bereist, die Meere und die hohen Berge. Hat Kerben eingeschlagen, Linien gezogen, die Welt vermessen, Karten angelegt.

 

 

 

Erstellungsdatum: 16.02.2026