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Zahlt Bill Gates Tantiemen an Philip Glass?

Die Klangwelt von Updates

Andrea Richter


Philip Glass, 1993. Foto: Pasquale Maria Salerno/Wikimedia Commons

Den Besitzern von Apple Computern mit dem Betriebssystem macOS entgehen eindrückliche Klangerlebnisse der Minimal Music, denn sie hören Update-Vorgänge nicht. Diejenigen, die mit Microsoft Windows arbeiten, können von ganzen Konzerten dieses Musik-Genres überrascht werden. Andrea Richter hat eines gespannt verfolgt.  

 

Gedanken schwirren im Kopf, ordnen sich zu Sätzen, befehlen den Fingern, was sie zu tun haben. Klack, klack, klack, klack. Ansonsten Stille. Keine Kinder auf dem Spielplatz vor dem Haus, also auch keine Stimmen, außer den eigenen inneren, die darüber debattieren, ob das Verb „summen“ oder „brummen“ in genau diesem Moment und Zusammenhang angebrachter wäre. Der die Frage auslösende und abgespeicherte Ton in meinem Kopf liegt irgendwo dazwischen. Er kam von einem Cello. Das Instrument kann beides, summen und brummen, genauso wie es lachen und weinen kann. Ich entscheide mich diesmal für brummen. Grundgütiger, es ist so schwer, Musik in Worte zu fassen. Also brummen, siebenmal klack. Der Computer läuft fast geräuschlos bis auf das Dauer-Surren (oder -Summen oder -Brummen?) etwa auf der Höhe des eingestrichenen Bs (b') im Pianissimo (pppp), so leise, dass ich es beim Denken oder Schreiben schon längst nicht mehr bewusst wahrnehme. Es soll ja Menschen geben, die sich sogar an einen Tinnitus oder Verkehrslärm gewöhnen. Als Mensch, der stark auf Klänge und Töne achtet, hatte ich übrigens schon früher einmal auf dem Klavier die Tonhöhe meines Rechners im Ruhezustand herausgefunden und überlegt, ob wohl alle Rechner sie haben? Das Verb „brummen“ des Textes hat formvollendet seinen Platz auf dem Screen-Blatt gefunden. Den Curser auf „Datei“ ziehen, klick, „Speichern“, klick.
 
Eine unsichtbare Dirigentin erhebt unverzüglich den Taktstock vor dem unsichtbaren Algorithmen-Rechner-Orchester im Laptop und fordert es zu einem kurzen Zwischenspiel auf. Es folgt, brummt (surrt, summt) etwas lauter (pp) und hebt die Tonhöhe in Mikroschritten schätzungsweise auf das nächsthöhere C, also c''.  Dort verharrt es, wie immer, wenn die Nullen und Einsen des Betriebssystems einen Moment brauchen, um sich neu zu sortieren. Gleich wird es in die Ruhephase zurückkehren, steht in meinem Erwartungs-Programmheft geschrieben. Doch der Dirigentin liegt eine andere Partitur vor. Welche? Sie lässt das Orchester weitere Höhen erklimmen und lauter spielen, Mezzoforte (mf). Kurzes Verharren, um bald den Digital-Klangkörper weiter voranzutreiben: höher, lauter, schneller. Im Untergrund ein etwa eine Terz (also drei Töne) tieferer Ton als anhaltendes Ostinato, das sich zusammen mit den höheren Tönen in Mikroschritten weiter hebt. Ich begreife: Die Partitur ist ein digital-sinfonisches Update, Opus-Nummer x-tausend. Komponiert von einem/r der KI-Epigon:innen Steve Reichs oder Philip Glass' im Auftrag von Microsoft: Minimal Music. Jedes Update eine Uraufführung, Verlauf und Dauer ungewiss. 
Seit 1985 arbeite ich mit Computern, die in meinem Fall zunächst nichts weiter können mussten, als mit dem Programm MS-DOS Textdateien zu erstellen und von dort aus auf einen Server zu übertragen, von wo aus auf wunderbare Weise eine Zeitung entstand. Nach meiner Erinnerung kam hin und wieder ein Microsoft Mitarbeiter, der Updates sowohl am Server direkt als auch an unseren PCs vornahm. Jedenfalls erfolgten sie nicht automatisch wie heute. Weiterarbeiten konnte man währenddessen nicht. Zugehört habe ich auf gar keinen Fall, schon deshalb nicht, weil es mich 40 Jahre lang nicht interessierte. Eine klare Missachtung ihrer musikalischen Fähigkeiten! Und nun fasziniert mich plötzlich dieses Digital-Konzert. Die Belüftung setzt ein. Sie rauscht ganz analog, übertönt den Digital-Ostinato. Nicht aber die hohen Töne, die sich in Ton-Abständen weit kleiner als Halbtöne weiter hochschrauben, so wie es ein Klavier nicht, ein Streichinstrument aber durchaus kann. Mindestens das zweigestrichene B (b'') ist erreicht. Das Summen geht in ein Pfeifen über, die Lautstärke ein kräftiges Forte (f). Verharren, ich zähle die Sekunden:  eins, zwei, drei… bis 25. Das Orchester beruhigt sich, fährt Lautstärke und -höhe etwas herunter (e''?), kein Pfeifen mehr, sondern wieder Brummen. Vorbei, jetzt geht's ganz runter, denke ich. Hoffe ich für meinen Laptop, lege meine Hand auf seine Tastatur. Warm. Nun ja, er musste viel arbeiten. Gleich ist es geschafft, denke ich ihm gut zu.

Nichts da, die Dirigentin und das Orchester kleben an ihrer Partitur, die Anton-Bruckner-Länge zu haben scheint. Und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit mit den Werken des Österreichers, der sich auch mit Hingabe dem Repetitiven und der Formlosigkeit verschrieb. Gustav Mahlers Sinfonien schlagen ihn bezüglich der Dauer, sind aber weit entfernt von Formlosigkeit oder Wiederholungen. Den Dauerrekord stellt derzeit allerdings ein Orgelprojekt von John Cage auf, das seit 2000 in Halberstadt läuft und auf 639 Jahre angelegt ist. Einzelne Töne erklingen monate-, sogar jahrelang ununterbrochen, und für Klangwechsel werden neue Orgelpfeifen eingesetzt. Im Jahr 2639 wird es vermutlich keine Computer mehr für den persönlichen Gebrauch in der Form geben, wie wir sie heutzutage kennen, demnach auch keine für uns hörbaren Rechnerkonzerte. Respektive nur solche auf Geräten in Archiven, die dann als wertvolle Objekte von KI- oder gar menschlichen Historikern dem interessierten Publikum erklärt und hin und wieder ausgestellt und bestaunt werden. Scharen von Musikwissenschaftlern weltweit werden sich dem Phänomen der Klangwelt von Updates widmen, die besonders informierten Menschen unter ihnen gar die einzelnen mit Jahreszahl und Nummer (= opus) bezeichnen und die Algorithmen-Änderungen erkennen können, die KI sowieso. Und sie werden betonen, dass die Werke von Steve Reich, Philip Glass, Terry Riley oder La Monte Young und anderen Vertretern des musikalischen Minimalismus von Anfang an als Kompositionen für Instrumente und/oder Stimmen vorgesehen waren und nur einem Zweck dienten: Musik zu schaffen. Ganz anders als bei dem Update- Konzert, das ich gerade höre. Es ist ein völlig unbeabsichtigtes musikalisches Nebenprodukt, das allein durch die für mein Betriebssystem notwendigen Modernisierungs- und Reparatur Maßnahmen und die dadurch entstehenden Bewegungen im Computer zustande kommt. Der Zweck ist also nicht die Erschaffung von Musik, sondern die Verbesserung der Software. Trotzdem kommt, zumindest für meine Ohren, Minimal Music dabei heraus, die es schon seit den 1960er Jahren gab, also gut 15 Jahre vor der Einführung von PCs und Laptops für die breitere Bevölkerung.

Mein Rechner-Orchester hat sich sowohl in Wellenbewegungen als auch einigen größeren Intervallsprüngen in oberste Klangsphären (ungefähr b''') hochgearbeitet und scheint dort, wiederum mit winzigen Wellenbewegungen, bleiben zu wollen. Ein Never-Ending-Pfeifen. Was die Mechanik des Geräts offensichtlich stark belastet. Denn die Belüftung rauscht einen heftigen Ostinato. Die Tastatur ist heiß. Eins, zwei… 50. Aufgehängt? Sicherheitshalber alles runterfahren, bevor das gute Stück einer Kern-Schmelze zum Opfer fällt? 


Abriss eines Gebäudes des Pruitt-Igoe-Wohngebietes 1972. Foto: Wikimedia Commons

 

Mir kommt ein alter Dokumentar-Film in den Sinn, den ich vor Jahren gesehen habe: eine überwiegend dystopische Collage aus Amerika mit Bildern von Umwelt- und Stadtzerstörung, von ungebremstem Fortschrittswahn und Reminiszenzen an die Geschichte, aber auch von ein paar herrlichen Szenen mit Wolkenformationen. Kein Wort wird gesprochen, alles allein von der Musik von Philip Glass unterlegt. Die Kombination von Bild und Klang hat mich seinerzeit sehr beeindruckt. Gerne würde ich jetzt den Film im Internet suchen und nochmals anschauen. Doch jeder Eingabebefehl würde, so meine feste Überzeugung, den Rechner überlasten, weshalb ich ihn sein rasendes Konzert weiterspielen lasse, dabei um sein Überleben fürchte, in die Küche gehe, um den Kaffee-Becher aufzufüllen. Bis der Automat heiß ist und das gewünschte Schwarz herauspumpt, dauert es eine Weile. Wie hieß nur dieser Film? Irgendein unmerkbarer Name. 
Zurück im Arbeitszimmer braust die Lüftung unverändert, aber das hohe Pfeifen ist fort. Stattdessen ein leises Klangwellen-Wogen etwa zwei Oktaven tiefer, kaum zu hören unter der Geräusch-Decke der Lüftung. Doch auch sie verzieht sich. Es bleiben die Wellen im Piano, so als ob sie am Algorithmus-Strand auslaufen und versickern. Zart und sacht.  Bangen, dass in der Partitur ein Dacapo vorgesehen ist, dass die Dirigentin das Orchester im Wartestand hält, um den Taktstock – vielleicht leitet sie das Ganze auch nur mit den Händen, jede hat ihre Spezialität – erneut zu erheben und zu einem weiteren Minimal-Satz zu animieren. Nichts da: Stille. Das Update-Konzert ist beendet, endlich. Ein so Langes hat es noch nie gegeben: fast 20 Minuten. Kein Applaus, nur Aufatmen. Ein Icon mit gelbem Punkt in der Startleiste: Neustart erforderlich. Klick-Befehl: Neustart jetzt. Alles fährt runter und wieder hoch. Außer einem Basisrauschen in tieferen Klangregionen ist nichts zu hören. Ein neues Hintergrundbild erscheint, die Verbindung zum Internet muss wieder hergestellt werden. Fertig.  

Die Recherche nach dem Film beginnt. Klack, klack, klack: Eingabe in die Suchleiste von Google: „Philip Glass Filmmusik“. Klack. Mehrere Optionen, die Wahl fällt auf „Koyaanisqatsi“. Klick mit dem Curser.  Wikipedia erklärt, 1982 erschienen, die Musik genauestens auf das Gezeigte abgestimmt. Das muss er sein! Klack, klack, klack: Youtube: da ist er. Klick. Ein langer Orgelton zu Felszeichnungen, der Ton setzt sich in Bewegung, formt Klang-Wellen mit mal einen ganzen, mal nur einen halben Ton auseinanderliegenden Tönen. Bildschnitt: ein brennendes Raketenteil wirbelt in Zeitlupe durch die Luft, ein monoton, tief singender Männerchor legt sich unter die Orgel-Wellen. Es folgen weitere 80 Minuten Bild-Musik und die Erkenntnis, dass ohne die Musik die Bilder nicht einen Bruchteil der Wirkung entfalten würden. Die 13 Stücke der Komposition, die Namen wie Clouds, Ressource, SloMo People oder Pruitt Igoe tragen, bilden die Klammer für die jeweils thematisch geordneten Film- und Bildfragmente. „The Grid“ ist das Längste und auch Bekannteste. Beim Wiederhören wird mir klar, warum ich das Update-Konzert mit dem Film korrelierte, denn die Musik der Algorithmen wies erstaunliche Ähnlichkeiten mit „The Grid“ auf.  Die sanfte Schlusspassage des Updates scheinen die Microsoft-Programmierer vom letzten Stück „Translations and Credits“ direkt, wenn auch etwas gekürzt von Philip Glass` Komposition übernommen zu haben. Meine Frage: Erhält Philip Glass Tantiemen von Bill Gates? 

Spaß beiseite: Philip Glass hat die Uraufführung seiner 15. Sinfonie im Juni 2026 im Kennedy Center abgesagt. Seit Präsident Trump das Kulturzentrum in Washington unter seine Kontrolle gebracht hat, kam es zu mehreren Absagen von Künstler:innen. Glass erklärte, die aktuellen Werte des Kennedy-Centers stünden im direkten Widerspruch zur Botschaft der Sinfonie über Abraham Lincoln.


 

 

 

 

Erstellungsdatum: 05.04.2026