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Friedman in der Oper Frankfurt

Die Knie beugen und den Ring küssen

Andrea Richter


Michel Friedman. Foto: APE, Elmar Theveßen. Foto: wikimedia commons

Leoš Janáčeks letzte Oper „Aus einem Totenhaus“ nach den Aufzeichnungen Fjodor M. Dostojewskis aus seinen eigenen Erfahrungen erzählt von den Insassen eines Straflagers. Regisseur David Hermann versetzte das Werk in unsere Gegenwart und zeigt einen Journalisten, der in die Fänge eines repressiven Regimes gerät. Entlang dieser Handlung diskutierte Michel Friedman im Rahmen seiner Gesprächsreihe in der Frankfurter Oper sehr spannend mit dem Leiter des ZDF-Studios in Washington, Elmar Theveßen, die Frage von Opportunismus angesichts der Bedrohung durch autoritäre Staatsideen und -lenker.

 

„Beuget die Knie und küsset den Ring“, so beschrieb Theveßen gleich zu Beginn die Situation in den USA und führte als Beispiel für die Unterwürfigkeit der Geld- und Medien-Tycoons Jeff Bezos an. Dieser hatte beim Erwerb der renommierten „Washington Post“ erklärt, sich aus redaktionellen und Meinungs-Fragen rauszuhalten. Inzwischen greift er zugunsten Trumps ein und hat außerdem die Rechte für eine Dokumentation über Melania Trump (selbst Co-Produzentin!) in Höhe von 40 Millionen Dollar für sein Filmstudio Amazon MGM erworben. Ein Kniefall vor dem König, Bezos will keinen wirtschaftlichen Schaden erleiden, egal wie die Politik von Präsident Trump aussieht.

Was denn ein Opportunist sei, wollte Friedman wissen. Einer, der nur für den eigenen Nutzen sorgt und auch ein Narzisst sei, lautete Theveßens Antwort. Nur wenn es ihm nützlich sei, halte er sich an Regeln. Das sei ihm wieder einmal bewusst geworden, als er die Gedenkstätte des ehemaligen KZs Flossenbürg besucht und sich gefragt habe, wieviel Opportunismus bei den unmenschlich handelnden Nazi-Tätern wohl im Spiel gewesen sein musste. Und das Gegenteil von einem Opportunisten? „Der Fundamentalist“. Er als Journalist in Amerika müsse inzwischen überlegen, ob das, was er sage, einen Nachteil für ihn selbst oder die Kollegen bedeuten könnte. Das sei eine Form von Opportunismus. Andererseits könne er seinen Job nicht machen, wenn er nicht analysiere und nachbohre. Die Frage, ob ein Nicht-Handeln, obwohl Handeln geboten sei, Opportunismus oder Klugheit bedeute, stelle sich immer wieder. Er selbst wisse nicht, ob er beispielsweise während des berühmten Trump-Selenskyj-Gesprächs Ende Februar, an dem Theveßen nur per Übertragung teilnehmen durfte, eine Frage gestellt hätte, die zu seinem Rauswurf geführt und keinen inhaltlichen Mehrwert gehabt hätte. Bewundernswert sei seiner Meinung nach Selenskyj gewesen, der trotz der Abhängigkeit seines Lands von den US-Waffen- und Geheimdienstlieferungen keineswegs unterwürfig aufgetreten sei, sondern von Anfang an seine Position klar vertreten und Trump ihn zunächst ruhig angehört habe. Der Streit sei durch die Einmischung von Vizepräsident J.D. Vance entflammt.

Ob es sich um Opportunismus, Pragmatismus oder Realpolitik handle, wenn von demokratischen Ländern wie Deutschland gegen autoritäre Staaten und Herrscher nicht offen Position bezogen würde? „Niemandsland ist das Land der Opportunisten“, sagte Friedman, Streit sei schließlich der Sauerstoff der Demokratie. Doch die Menschen verhielten sich sowohl im Privaten (Streit mit Familie oder Nachbarn), im Berufsleben (Streit mit Kollegen und Chefs) und im politischen Bereich lieber schweigend und damit opportunistisch als zu streiten und möglicherweise Nachteile zu erleiden. Das sei in seinen Augen Handeln durch Unterlassen. Dadurch werde Lügen der Weg bereitet. Dem stimmte Theveßen zu. Es sei nicht klug, Konflikte zu bemänteln und so zu tun, als gebe es sie nicht, um Streit zu vermeiden. So werde die Demokratie eingeschüchtert und das System könne in ein nicht-demokratisches geändert werden. Die Tragweite des Schweigens werde oft verkannt. Die wirksamste Waffe gegen die Angst vor Auseinandersetzungen sei Bildung, denn nur so könne man lernen, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Wenn der Weg der Offenheit und damit des Streites gewählt werde, müsse man sich vorbereiten. Beispielsweise das Problem der EU mit Ungarns Orban und seiner fragwürdigen Vorstellung von Demokratie. Die EU könne das Problem lösen, indem sie sich ändere und beispielsweise das Modell des 1994 vorgelegten Plans von Wolfgang Schäuble und Karl Lamers für ein Kerneuropa respektive Europa der zwei Geschwindigkeiten realisiere.

Demokratie sei gleichzeitig die stärkste und schwächste Staatsform, weil sie so viele Freiheiten lasse, sagte Theveßen. Derzeit fehle eine Vision für unsere Demokratie, was zu überwiegend reaktiver Politik führe. Es müsse ein neues, visionäres Narrativ an einem Runden Tisch zu den Themen Sicherheit, Wirtschaft, Zuwanderung und Demokratie entwickelt werden. In Talk-Shows werde lediglich darüber debattiert, wer was wie finde. Er persönlich wünsche sich ein neues Talk-Format, in dem Politiker unterschiedlichster Couleur innerhalb von ein oder zwei Stunden eine Lösung für ein strittiges Thema finden müssten. So würde die Demokratie-Fähigkeit der Talk-Gäste unter Beweis gestellt, weil sie anstelle von (opportunistischen) Worten konkret ihre für eine Demokratie unabdingbare Kompromiss-Fähigkeit unter Beweis stellen müssten.

Durch die weltweiten (geo-)politischen Veränderungen werde der Druck auf die Demokratien immer größer und das Zeitfenster für die Rettung dieser Staatsform immer kleiner. Auch in Deutschland. Diese Erkenntnis sei noch nicht in der Breite der Bevölkerung angekommen. Die politisch Verantwortlichen müssten es dringend klarmachen. Dazu gehöre ihrerseits auch der Verzicht auf eigene parteipolitische Forderungen in der neuen Koalition. „Die Zeit drängt, sonst werden wir es nicht schaffen“, mahnte Theveßen. Friedmans letzte Frage: „Sind Sie optimistisch?“ Antwort: „Ich bin immer optimistisch.“

 

 

Friedman in der Oper

Weitere Termine:

6. Mai 2025: Gast: der Jurist und Bestseller-Autor Volker Kitz. Thema: Tod. Anlass: „L`invisible“ von Aribert Reimann
24. Juni 2025: Gast: der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese. Thema: Verführung. Anlass: „Alcina“ von Georg Friedrich Händel.

 

Erstellungsdatum: 27.03.2025