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Eran Rolnik zur Frage, warum Israel den armenischen Genozid erst jetzt anerkennt

Es hat zu lange gedauert, um nicht zu überraschen. Israel erkennt endlich den Völkermord an den Armeniern an. Die Armenier hätten diese Anerkennung vor einem Jahrhundert verdient. Sie erhalten sie heute nicht, weil sich die historische Wahrheit endlich durchgesetzt hätte, sondern weil sie für einen kurzen Moment politisch nützlich wurde – eine weitere Wahrheit, ausgesprochen als Lüge von einer verantwortungslosen Regierung Benjamin Netanjahus, erklärt Eran Rolnik.
„Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun“, erklärte Außenminister Gideon Sa’ar vergangene Woche, als das Kabinett seinen Beschluß zur förmlichen Anerkennung des Völkermords an den Armeniern billigte. Wenn ein Politiker wie Sa’ar plötzlich das moralische Gebot entdeckt, das Richtige zu tun, lohnt es sich zu fragen, ob sich die Bedeutung des Wortes „richtig“ nicht stillschweigend verschoben hat.
„Über die historischen Tatsachen besteht kein wirklicher Streit“, fügte Sa’ar hinzu. In diesem Punkt hatte er recht. Seit dem 24. April 1915 wurden rund eineinhalb Millionen Armenier von den osmanischen Behörden ermordet, vertrieben oder in den Tod getrieben.
Israel verweigerte die Anerkennung dieser historischen Wahrheit nicht, weil es an den Beweisen gezweifelt hätte, sondern weil zunächst die Republik Türkei und später Aserbaidschan als strategische Partner zu wichtig waren.
Filme wurden zurückgehalten, Zeugnisse zensiert und Lehrpläne verändert. Die Wahrheit war bekannt, aber politisch unbequem. Zugleich bedrohte sie den besonderen Rang, den der Holocaust im israelischen öffentlichen Gedächtnis einnimmt.
Man betrachte das größere Bild. In derselben Woche, in der Israel seine moralische Verpflichtung zur Anerkennung des armenischen Genozids verkündete, hielt es zugleich an seinem strategischen Bündnis mit Aserbaidschan fest – dem engsten Verbündeten der Türkei und einem der beharrlichsten Leugner dieses Genozids – und unterstützte Aserbaidschan ausländischen Berichten zufolge weiterhin militärisch.
Gleichzeitig sieht sich Israel selbst internationalen Genozidvorwürfen ausgesetzt. Moralische Anerkennung, militärische Partnerschaft mit den Leugnern und die entschlossene Zurückweisung entsprechender Vorwürfe gegen Israel bestehen nebeneinander, ohne daß daraus auch nur der Eindruck eines Widerspruchs entstünde.
Genau darin liegt das Problem. Ein zynischer Politiker würde den Widerspruch erkennen und verbergen. Zynismus setzt noch voraus, daß Wahrheit existiert und verraten werden kann. Was uns hier begegnet, ist etwas anderes.
Der Widerspruch wird nicht geleugnet – er wird gar nicht erst als solcher erlebt. Die verschiedenen Wirklichkeiten müssen nicht miteinander versöhnt werden, weil sie niemals als zusammengehörig erfahren werden. Genau dieses Muster möchte ich als Borderline-Diplomatie bezeichnen.
In der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie beruht psychische Reife auf der Fähigkeit, den anderen als eigenständiges Wesen mit einer von den eigenen Bedürfnissen unabhängigen Existenz zu erleben. Man kann ihn lieben, hassen, enttäuschen oder verraten – doch seine Existenz hängt nicht davon ab, welchen Nutzen er im jeweiligen Augenblick stiftet.
Selbst die kühlsten Vertreter der Realpolitik bewegen sich innerhalb dieses Rahmens. Sie betrachten ihre Verbündeten als eigenständige politische Akteure; wenn sie sie verraten, dann aus wohlverstandenen Eigeninteressen.
Die Borderline-Diplomatie funktioniert anders. Sie verrät das Objekt nicht; vielmehr vermag sie das Objekt gar nicht erst als eigenständige Realität aufrechtzuerhalten. Die Türkei, Armenien, die historische Wahrheit selbst – sie alle existieren nur insoweit, als sie einem unmittelbaren Bedürfnis dienen. Objekte spalten sich mühelos in absolut gut oder absolut böse und wechseln ohne Kontinuität, Erinnerung oder Schuld von der einen Position in die andere.
Nichts verdeutlicht dies besser als der Zeitpunkt der israelischen Anerkennung. Die Beziehungen zu Ankara verschlechterten sich, die Türkei verlor ihren strategischen Nutzen – und plötzlich trat eine seit hundert Jahren bestehende „moralische Verpflichtung“ zutage. Die historische Wahrheit hat sich nicht verändert. Verändert haben sich allein die israelischen Interessen. Dieselbe politische Logik, die die Anerkennung mehr als ein Jahrhundert lang verhinderte, hat sie schließlich hervorgebracht.
Der Regierungsbeschluss selbst dokumentiert diese Geschichte beinahe unfreiwillig. Unter der Rubrik „Frühere Kabinettsentscheidungen in dieser Angelegenheit“ findet sich ein einziges Wort: Keine. Hundertelf Jahre, eineinhalb Millionen ermordete Armenier – und kein einziger früherer Beschluß. Das war keine Folge von Unwissenheit, sondern Ergebnis einer bewußten Politik, die historische Wahrheit als Instrument der Diplomatie behandelte und nicht als eigenständige moralische Tatsache.
Im Januar 2024 schlug der damalige Außenminister Israel Katz einen ähnlichen Weg ein. Vor dem Hintergrund des türkischen Beitritts zur Klage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag warf er der Türkei vor, „einen Holocaust an den Armeniern“ begangen zu haben.
In diesem Augenblick wurde der Genozid zu einer diplomatischen Waffe. Der Kabinettsbeschluss der vergangenen Woche ist keine Abkehr von dieser Logik, sondern ihre Fortsetzung.
Dasselbe Muster zeigt sich in der Innenpolitik. 2022 setzte sich Sa’ar als Justizminister mit Nachdruck für die Ernennung von Gali Baharav-Miara, der Generalstaatsanwältin Israels, ein – gegen die Vorbehalte des Vorsitzenden des Suchausschusses. Niemand zwang sie ihm auf. Heute arbeitet dieselbe Regierung daran, sie auf verschlungenem Wege aus dem Amt zu drängen und als „Kriminelle“ zu diffamieren. Sie hat sich nicht verändert. Verändert hat sich lediglich der politische Wert ihrer Dienste.
Damit gelangen wir zu Benjamin Netanjahu. 1989 erklärte er als stellvertretender Außenminister: „Es gibt Dinge jenseits der Politik und Dinge jenseits der Diplomatie. Der Völkermord an Völkern gehört dazu.“
Fast vier Jahrzehnte später erkennt Israel unter seiner Führung den Völkermord an den Armeniern erst in dem Augenblick an, in dem der diplomatische Preis dieser Anerkennung praktisch verschwunden ist.
Ich habe an anderer Stelle argumentiert, dass Netanjahus Politik auf einem perversen Verhältnis zur Wahrheit beruht: Er lügt nicht bloß aus politischem Kalkül, sondern untergräbt die Wahrheit selbst als menschlichen Wert.
Sa’ar verkörpert etwas anderes. Die Wahrheit wird nicht geleugnet. Sie wird verwaltet, bewahrt und instrumentalisiert, solange sie politisch nützlich ist – und fallengelassen, sobald ihr Nutzen schwindet. Nicht Perversion, sondern eine Borderline-Struktur.
Diese Regierung vereint beides. Die Perversion des Ministerpräsidenten schafft die Legitimation; die Borderline-Struktur seiner Minister setzt sie politisch um.
„Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun“, sagte Sa’ar. Und tatsächlich: Israels Anerkennung des Völkermords an den Armeniern ist zu begrüßen – so spät sie auch kommt. Doch innerhalb des politischen Systems, das er verkörpert, wird das Richtige erst dann richtig, wenn es zugleich nützlich geworden ist – und wenn es erlaubt, einem anderen zu schaden.
Die Armenier hätten diese Anerkennung vor einem Jahrhundert verdient. Sie erhalten sie heute nicht, weil sich die historische Wahrheit endlich durchgesetzt hätte, sondern weil sie für einen kurzen Moment politisch nützlich wurde – eine weitere Wahrheit, ausgesprochen als Lüge von einer verantwortungslosen Regierung.
Und unseren armenischen Freunden sei gesagt: Sollten Sie aufgrund Ihrer Verfolgung jemals eine historische Verbundenheit mit den Juden empfunden haben, dann gilt heute – jedenfalls gegenüber jenen, die im Namen der Holocaust-Erinnerung sprechen:
Mit solchen Freunden braucht man keine Feinde mehr.
Der Beitrag erschien zuerst am 3. Juli 2026 in Haaretz.
Erstellungsdatum: 20.07.2026