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Martin Lüdke über Paul Cassirer in der Alte Nationalgalerie Berlin

Der Kaiser konnte die Bilder nicht leiden. Aber Paul Cassirer und sein Cousin Bruno Cassirer erkannten das Potential der impressionistischen Malerei, die in Frankreich seit 1874 zum Gesprächsstoff gehörten. Sie gründeten in Berlin die Kunst- und Verlagsanstalt, die bald zum Zentrum der Moderne wurde. Die Alte Nationalgalerie hat die Leistung des Kunsthändlers Paul Cassirer thematisiert und damit den Schwerpunkt auf die Geschichte der Förderung und Vermittlung von Avantgardekunst gelegt. Martin Lüdke hat die Ausstellung besucht.
Der Mann war kein Maler, kein Zeichner, kein Bildhauer – sondern Kaufmann. Er hat zwar, in seiner frühen Münchner Zeit, ein Drama, einen Roman geschrieben und auch veröffentlicht, dazu ein paar Texte für einige Zeitschriften. Nur: Ein Künstler war er nicht. Deshalb wird in der Nationalgalerie auch nicht sein Werk ausgestellt, sondern das Werk eines Händlers, des Kunsthändlers Paul Cassirer. Am 1. Oktober 1898 gründete er mit seinem Cousin Bruno Cassirer eine „Kunst-und Verlagsanstalt“. Bereits am 1. November präsentieren sie ihre erste Ausstellung – mit Werken von Degas, Meunier und Liebermann. Sie wird zum Erfolg und erzielt große Aufmerksamkeit. Liebermanns Bild „Schusterwerkstatt“ wird gleich für 25.000 Mark für die Nationalgalerie gekauft. Der Start, gut vorbereitet, bestens inszeniert, ist gelungen.
Durch das Fenster, nicht viel mehr als ein Streifen Sand, dann ungepflegtes Gras und niedrige Sträucher, eher undeutlich zu erkennen, kommt jedenfalls viel Licht in die unaufgeräumte Werkstatt der beiden Schuster, die an einem groben, mit Werkzeug und anderen Utensilien vollgestellten Tisch bei ihrer Arbeit sitzen. Der eine, der offenbar ältere, trägt, neben einem zerschlissenen Kittel und einer Lederschürze darüber, noch eine Schirmschütze, in der Art unseres Altkanzlers Schmidt, als Kopfbedeckung. Der andere, jüngere, mit dichten, fast struppigen, kurzen Haaren, wirkt noch ärmlicher. Beide sind in ihre Arbeit vertieft. An der Wand neben dem Fenster hängt vermutlich eine Decke. Auch diese Wand ist hell, in einem verwischten hellen Grau gehalten. Der ganze Boden ist mit Materialien, offenbar Arbeitsabfällen, bedeckt. Obwohl der Raum hell ist, es also viel Licht gibt, wirkt das Bild eher düster. Das liegt aber nicht nur an den eher dunklen Farben, den vorherrschenden Brauntönen, die sich übergangslos in verwaschenes Grau, ins Gräuliche wenden. Vor allem liegt es an dem, was alles weggelassen worden ist. Zwei Schuster an der Arbeit, ihr Arbeitsmaterial, sonst nichts.

Damit fing es an. Die Erfolgsgeschichte der modernen Malerei in Deutschland. Der große Erfolg Max Liebermanns. Der Erfolg der Kunsthandlung Bruno und Paul Cassirer. Der Kaiser, Wilhelm II., war wenig begeistert von dieser Anschaffung für ‚seine‘ Nationalgalerie, was den Galeristen vermutlich eher noch genutzt als geschadet haben dürfte. Denn das Bürgertum hatte zum Ende des 19. Jahrhunderts bereits ein hinreichend eigenes Selbstbewusstsein entwickelt. Wie auch immer: Der Start der Kunstgalerie Bruno und Paul Cassirer war gelungen. Liebermann hatte den beiden Cousins vermutlich, wie es seine Art war, empfohlen: Nicht Kleckern, Klotzen. Im Oktober 1898 schrieb er: „2 Herren Cassirer gründen einen Kunstsalon Victoriastraße 35 und wollen denselben mit einer Ausstellung von 30 Bildern von Dégas und ebensoviel Sachen von mir einweihn. Es sind zwei junge Leute mit besten Absichten; seit 6 Monaten arbeiten sie an dem Unternehmen, das natürlich riesig viel kostet. Hoffentlich haben sie Erfolg damit.“
Diese Unterstützung von Max Liebermann, selber als Maler renommiert, dabei finanziell völlig unabhängig, aber auch frei in seinem Denken und Handeln, war für die beiden Cassirers von enormer Bedeutung. Er stellte nicht nur eigene Werke zur Verfügung, wie die beschriebene „Schusterwerkstatt“ (1881/82). Er vermittelte Kontakte zu anderen Malern, zunächst zu Lovis Corinth und Max Slevogt, dann aber vor allem nach Frankreich, zu Künstlern und, nicht weniger wichtig, zu deren Galeristen. Liebermann selbst hatte einige Jahre dort gelebt und gearbeitet. So konnten die Cassirers gleich zu Beginn mit Monet, Manet, Renoir & Co. größte Aufmerksamkeit erzielen. Durch „Monet und Manet zu money“ spotteten seinerzeit die „Lustigen Blätter“. Zu recht. Denn das Unternehmen war zwar erfolgreich, aber damals war damit das große Geld noch nicht zu verdienen. Doch die Kunst- und Verlagsanstalt“ der beiden Cousins war auch nur von kurzer Dauer.
Ob die Arbeitsteilung nicht so recht klappte, die Interessen also doch etwas auseinanderlagen, jedenfalls beendeten die beiden Cousins bereits im August 1901 ihre geschäftliche Partnerschaft. Bruno übernahm den Verlag, in dem unter anderem auch der große Schweizer Dichter der kleinen Prosa, Robert Walser, teils illustriert von seinem Bruder, dem Maler Karl Walser, erschienen ist. Paul Cassirer blieb bei der Kunst.

Bereits zum Jahreswechsel 1901/1902 zeigte er in Berlin seine erste Sonderausstellung mit Werken von Vincent van Gogh, der bis 1914 noch zehn weitere Präsentationen von van Gogh folgen sollten. Die Victoriastraße 35 in Berlin W war zur ersten Adresse der modernen Kunst geworden. Und der Direktor der Nationalgalerie, Hugo von Tschudi, wickelte seine Ankäufe fast ausschließlich über Cassirer ab. Mit seiner Ankaufspolitik setzte er sich, formal zwar unabhängig, dem Zorn des Kaisers aus, der verfügte, dass alle Neuanschaffungen, auch Schenkungen, seiner Genehmigung bedürften.
Davon unberührt setzte sich die Erfolgsgeschichte des Unternehmens fort. Cassirer präsentierte in einer klugen Strategie seine Moderne, die Franzosen, die Deutschen. Mit immer größerem Erfolg. Er überzeugte Max Slevogt und Lovis Corinth, von München nach Berlin zu wechseln. Zusammen mit Liebermann, so schreibt Daniel Zamani im Katalog (S.126), fungierten „Slevogt und Corinth als Vorhut einer deutschen Spielart des Impressionismus, die in ihrer radikalen Bejahung des rein Malerischen einen fruchtbaren Keim für ein zunehmend formal-ästhetisches, abstraktes Kunstverständnis lieferte.“ Zamani bringt die Bedeutung Paul Cassirers auf eine griffige Formel: Visionärer Galerist, talentierter Ausstellungsmacher, publikumswirksamer Publizist und strategischer Netzwerker. Anette Hüsch konzediert in ihrem Beitrag, dass, etwas pauschal gesagt, der Durchbruch der Moderne nicht allein das Werk Cassirers gewesen sei. Klar doch. Nur sein Beitrag war in der Tat beträchtlich. Das will die Alte Nationalgalerie mit dieser Ausstellung „würdigen“. Sie zeigt mit über 120 Werken des Impressionismus und der Klassischen Moderne das, wie die „Alte Nationalgalerie“ bekundet „das beeindruckende Engagement Paul Cassirers für die Kunst.“ Die Bilder sind sozusagen chronologisch geordnet, nicht nach dem Zeitpunkt ihrer Entstehung, sondern in der Folge, in der sie bei Cassirer einst ausgestellt worden sind. In der Schau der Alten Nationalgalerie spiegelt sich also die Geschichte der Moderne.
Am 21. Februar 1871, kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches, wird Paul Cassirer in Breslau geboren. Am 5. Januar 1926, während eines Termins bei dem Berliner Rechtsanwalts Dr. Asch, den Cassirer mit seiner (zweiten) Frau Tilla Durieux aufgesucht hatte, um die Scheidungsurkunde seiner Ehe zu unterzeichnen, verlässt Cassirer den Raum und erschießt sich. Er stirbt zwei Tage später, am 7. Januar 1926.
Die Rolle, die Brecht seinem Zöllner zuschreibt, der auf dem Weg des Laotse in die Emigration dem Weisen seine Weisheit erst entrissen habe und darum „bedankt“ sei, hat Paul Cassirer in der deutschen Kunstgeschichte gespielt. Die Inschrift auf Paul Cassirers Grab stammt aber aus dem „Türmerlied“ in Goethes „Faust“ und lautet ganz schlicht: „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.“
Alte Nationalgalerie Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus | 22.5. – 27.9.2026

Für die Alte Nationalgalerie herausgegeben von Anette Hüsch, Josephine Klinger und Franziska Lietzmann
Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus
264 S., 208 Abb., geb.
ISBN-13: 9783777447599
Hirmer Verlag GmbH, München 2026
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Erstellungsdatum: 10.07.2026