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Evangelia Kelperis Kommentar zur neuen „Odyssee“-Verfilmung von Christopher Nolan

Die MAGA-Bewegung und die Schönheit der Helena

Evangelia Kelperi


Lupita Nyong'o. Foto: Wikimedia commons

In seiner Verfilmung der „Odyssee“ hat Christopher Nolan die Rolle der Helena mit Lupita Nyong’o besetzt. Die Wahl einer Schwarzen Darstellerin als „schönste Frau der Welt“ löste in den sozialen Medien einen Sturm rassistischer Abwehrreflexe aus. Evangelia Kelperi vermutet, dass er in einer kulturell und politisch polarisierten Welt gezielt Debatten über unseren Schönheitsbegriff entfachen wollte. Wie sie aufzeigt, ist Nolan auch nicht der erste, der aus anderer Perspektive auf antike Texte blickt: denn ihre Bilder sind offener, ihre Kategorien durchlässiger, als es die heutige Empörung wahrhaben will.


Der amerikanische Regisseur Christopher Nolan hat die „Odyssee“ verfilmt. Der Kinostart in Deutschland ist für den 16. Juli 2026 geplant. Die Wahl der Thematik stellt kein Novum in der Filmbranche dar, da es seit der Entstehung des Kinos zahlreiche aufwendige Verfilmungen der „Ilias“ und der „Odyssee“ gegeben hat. Völlig neu ist jedoch die Entscheidung des Regisseurs, die Rolle der schönen Helena mit der Schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong`o zu besetzen. Damit hat Nolan eine heftige kulturelle Debatte über Ästhetik und darüber hinaus über Fragen der Adaption klassischer Stoffe ausgelöst: Wer darf ikonische Figuren des klassischen Repertoires verkörpern, und bis zu welchem Punkt darf ein moderner künstlerischer Ansatz antike Werke neu interpretieren, ohne dass dies als Verfälschung ihrer historischen oder kulturellen Identität angesehen wird?

Nolan schließt sich mit dieser Besetzung einer seit der Antike bis in die Neuzeit beliebten Tradition an, alte Werke neu zu deuten und sie in den zeitgenössischen Kontext des rezipierenden Autors einzubetten. Das berühmte Drama „Antigone“ von Sophokles aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. wurde beispielsweise von Jean Anouilh in die Mitte des 20. Jahrhunderts verlegt. Seine Version basiert zwar auf der gleichnamigen Tragödie des griechischen Dichters Sophokles, doch Anouilh verlagerte die Handlung bewusst ins 20. Jahrhundert, um den französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht zu thematisieren.

Vor einem Jahr wurde in Frankfurt am Main das Werk „Die Ilias. Jetzt erzähle ich“ der Autorin und Regisseurin Barbara Englert aufgeführt, in dem der ursprüngliche Stoff der Dichtung durch die Stimmen der übersehenen Frauen neu erzählt wird. Dies sind nur zwei Beispiele, doch die Liste ließe sich seit der Antike nahezu unbegrenzt fortsetzen. Man kann daher behaupten, dass die ständige Neuinterpretation des Alten ein wesentlicher Bestandteil der literarischen Produktion unserer gemeinsamen Zivilisation ist und dass die Identifikation eines „Urtextes“ oft weder eindeutig noch entscheidend ist.

Meine These lautet, dass Christopher Nolan mit der Besetzung der Helena durch eine Schwarze Schauspielerin bewusst mit dem Genre der altmodischen monumentalen Verfilmungen antiker und biblischer Stoffe brechen wollte. Gleichzeitig scheint er eine Debatte über unseren Schönheitsbegriff in einer kulturell und politisch polarisierten Welt neu entfachen zu wollen. Wie man sieht, ist ihm das gelungen.

Ein wütender Elon Musk schrieb auf X, Nolan habe „auf Homers Grab gepisst“; andere empören sich über eine erneute „Diskriminierung der Weißen“, und der rechte Aktivist Matt Walsh brachte es auf den Punkt: Es sei unmöglich zu behaupten, dass eine Schwarze Schauspielerin „die schönste Frau der Welt“ darstellen könne, wie Homer es beschrieben habe. Doch wie soll die schönste Frau der Welt überhaupt aussehen?
Besser gesagt: Wie verhält sich die homerische Dichtung zu der für uns heute so absolut wirkenden Aussage, eine Frau sei „die schönste Frau der Welt“? Wie sah eigentlich die „Schönste“ bei Homer aus?

Weibliche Schönheit und Feminität in der Dichtung Homers

In der homerischen Dichtung heißt es, dass „Helena den unsterblichen Göttinnen an Aussehen gleicht“ („Ilias“, 3. Gesang, Vers 158). Diese Aussage muss genügen, denn Homer beschreibt das genaue Aussehen Helenas, der fatalen Protagonistin und Ursache des Trojanischen Krieges, überhaupt nicht näher. Es ist beinahe so, als würde die Erwähnung einzelner physiognomischer Merkmale die Wirkung auf die Fantasie der Leser: innen eher einschränken oder enttäuschen. Wir kennen ihre Schönheit nur indirekt – durch die Kommentare derjenigen, die sie betrachten. Helenas Schönheit erscheint daher nicht als Gegenstand individueller Geschmacksurteile oder öffentlicher Debatten. Der Konsens über ihre Attraktivität gilt für beide Kriegsparteien gleichermaßen.

Dennoch gibt es beim Thema weiblicher Schönheit ein bemerkenswertes Problem: Ein Blick auf das gesamte Epos zeigt, dass in der „Ilias“ ebenso wie in der „Odyssee“ überhaupt keine „hässlichen“ Frauen erwähnt werden. Frauen- sowohl Griechinnen als auch Trojanerinnen -existieren dort ausschließlich als schön; ihre Attraktivität wird jedoch häufig miteinander verglichen und steht damit in direkter Konkurrenz zur Attraktivität anderer Frauen. Dies besitzt einen gesellschaftlichen Hintergrund: Frauen erscheinen im Epos primär innerhalb patriarchaler Besitz- und Ehrenstrukturen. Als Bestandteil des Besitzes ihrer Väter und Gatten sollen sie mit ihrer Schönheit zusätzlich den Ruhm der konkurrierenden Familien steigern, die im Epos eine gehobene gesellschaftliche Stellung einnehmen.

Hässlichkeit hingegen ist ein Attribut von Männern, insbesondere von moralisch verwerflichen Männern, die den Kampf scheuen und dem einfachen Volk angehören, wie etwa der griechische Soldat Thersites („Ilias“, 2. Gesang, Vers 212 ff.).

Ein zentrales Schönheitsmerkmal homerischer Aristokratinnen – das vermutlich auch Helena besitzt – ist makellose weiße Haut. Die etwas ältere Penelope, die Gattin des Odysseus, erhält von Athena eine Verjüngungskur, bei der ihre Haut „weiß wie frisch gesägtes Elfenbein“ wird („Odyssee“, 18. Gesang, Vers 196). Weiße Haut ist für die Frauen der Achäer ein typisches Schönheitsideal und beinahe ein Synonym für den weiblichen Teint aristokratischer Frauen, die ihr Leben überwiegend im häuslichen Bereich verbringen. Männer hingegen, die in der Welt des „Draußen“ leben, werden in der antiken Vasenmalerei häufig mit dunklerem Teint dargestellt.

Wenn weiße Haut tatsächlich ein weibliches Schönheitsmerkmal ist, das jede schöne Frau im Epos charakterisiert, dann ist die Besetzung der Helena durch eine Schwarze Schauspielerin nicht „texttreu“. Interessanter und wichtiger ist jedoch die Frage, ob diese Besetzung einen grundlegenden Widerspruch zur Mentalität gegenüber Fremden darstellt, die das Epos und seine zeitgenössische Gesellschaft prägt. Betrachteten die Menschen der homerischen Zeit ethnische Gruppen als geschlossene Einheiten, die eng mit moralischen Werturteilen verbunden waren? Eine nähere Betrachtung der frühgriechischen Dichtung zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist.

 
Homer und der Umgang der griechischen Aristokratie mit dem „Fremden“

In den epischen Texten der frühgriechischen Dichtung nimmt das mythische Volk der Äthiopier: innen (der Name bedeutet „Brandgesichter“ und galt als Sammelbegriff für dunkelhäutige Bevölkerungen) eine bemerkenswerte Stellung ein. Nach homerischer Vorstellung leben sie am äußersten Rand der bewohnten Welt, an den Ufern des Flusses Okeanos. Einige leben im äußeren Osten, dort, wo der Sonnengott morgens seine Auffahrt beginnt, andere im äußeren Westen (Odyssee, 1.Gesang, Vers 23f). Auffällig ist, dass diese geographische und kulturelle Ferne sowie das exotische Aussehen des Volkes nicht mit Abwertung oder Misstrauen verbunden werden. Vielmehr werden die Äthiopier: innen in der „Ilias“ als besonders fromm beschrieben, da sie die Götter durch aufwendige Opferfeste ehren. Diese Frömmigkeit führt sogar dazu, dass die Olympier -ein seltenes Motiv -gemeinsam zu einem festlichen Aufenthalt bei den Äthiopier: innen aufbrechen und dort an ihren Opferhandlungen teilnehmen. Aufgrund des Festes und der langen Reise bleiben die Paläste und der Thron des Zeus auf dem Olymp 12 Tage leer!  (Ilias, 1. Gesang, Vers 423ff).

Auch in der späteren epischen Tradition wird diese positive Darstellung der fremden Äthiopier:innen fortgeführt. In der nur fragmentarisch erhaltenen Äthiopis tritt Memnon, der äthiopische König, als besonders schöner Mann und herausragender Krieger mit heroischem Status auf. Seine Mutter ist die Göttin Eos, wodurch auch er selbst eine halbgöttliche Qualität erhält. Diese ambivalente Identität – König eines fremden, dunkelhäutigen Volkes zu sein und zugleich einen griechischen Heroenstatus zu besitzen – hat ihm in der späteren Kunst eine wechselnde Darstellung von Identität und Hautfarbe eingebracht: Mal erscheint er weiß, mal Schwarz. So stellt ihn die spätere griechische Vasenmalerei als „einen von uns“, nämlich als weißen, dar, während römische Schriftsteller ihn eindeutig als dunkelhäutig bzw. Schwarz bezeichnen.

Schönheit und Tugend bilden damit im epischen Denken einen gemeinsamen Bewertungsrahmen, innerhalb dessen auch „Fremde“ Anerkennung finden können, sofern sie den aristokratischen Wertmaßstäben des Epos entsprechen. Eine detaillierte Beschreibung äußerer Merkmale bleibt dabei weitgehend aus; entscheidend ist nicht ethnische Differenz, sondern die Einordnung in den heroischen Statusdiskurs.

Nun zurück zur neuen filmischen Adaption der „Odyssee“, die den Anlass dieses Kommentars bildet. Christopher Nolan versucht möglicherweise -wie oben erwähnt- mit der Besetzung einer Schwarzen Schauspielerin in der Rolle der „schönsten Frau der Welt“ einen Dialog über ältere und moderne Schönheitsbegriffe zu eröffnen. Ob diese neue „Als-ob-Situation“ die Zuschauer: innen überzeugt oder nicht, hängt letztlich von den Fähigkeiten des Regisseurs ab. Klassische Werke bieten ihre Rezipient:innen jedenfalls genau diese Möglichkeit: Sie sind offen für Neuinterpretationen und Perspektivwechsel, und gerade diese Offenheit macht sie in den Augen der Leser:innen und Zuschauer:innen zeitlos lebendig – trotz aller Proteste dogmatischer und  fundamentalistischer  Art.

 

Homer, Ilias und Odyssee, übers. v. Roland Hampe, Stuttgart 1979

Elon Musk(@elonmusk) 2026 May 13 Plattform X

Matt Walsh (@ MattWalshBlog) 2026 May 12 Plattform X

 


 

 

 

 

 

Erstellungsdatum: 03.06.2026