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120 Jahre Samuel Beckett

Die Rückseite der Schwarzdornhecke

Ria Endres


Samuel Beckett 1977. Foto: Roger Pic (1920-2001). wikimedia commons

120 Jahre nach seiner Geburt erinnert Ria Endres an den irischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Beckett. Er entzog sich zeitlebens jeder Eindeutigkeit in Bezug auf seine biografischen Daten – selbst sein Geburtsdatum bleibt ein Rätsel. Zwischen behüteter Kindheit, düsteren Existenzfragen und literarischer Radikalität entsteht das Porträt eines Autors, der aus innerer Zerrissenheit seine einzigartige Sprachwelt formte.

 

Der scheue irische Autor Samuel Beckett achtete seit seinem Weltruhm besonders darauf, dass so wenig wie möglich biographische Daten an die Öffentlichkeit gelangten. Aber ein Geburtstag hat als Datum ja erst einmal nichts Geheimnisvolles. Trotzdem ist das wahre Datum von Becketts Geburt umstritten. Sogar sein Biograph James Knowlson konnte nicht klären, ob Samuel Barclay Beckett wirklich am 13. April 1906 geboren wurde oder nicht. Seine Geburt wurde nämlich am 16. April in der Irish Times vermerkt und seine Geburtsurkunde gibt den 13. Mai an. Der Autor konnte oder wollte nichts zur Aufklärung beitragen, doch er kommentierte diese merkwürdige Ungeklärtheit: Wieder so eine Peinlichkeit in der Legende meines Lebens. Er sah den 13. April, einen Karfreitag, als Eckpfeiler für Legendenbildung und freute sich wohl insgeheim über die Verwirrung der Forscher.

Im Sommer 1968 erhielt der deutsche Verleger Becketts einen Brief. Darin beschwert sich der Autor Thomas Bernhard vehement, dass sein Buch Verstörung trotz bester Kritiken gerade einmal lächerliche eintausenddreihundert Mal verkauft worden sei und lastet den scheinbare Misserfolg dem Verlag an. Siegfried Unseld widerspricht ihm in einem Brief und schreibt unter anderem, dass die Nummer 1 des Verlags, Samuel Beckett, mit keinem seiner bei Suhrkamp erschienen Prosabücher mehr als eintausenddreihundert Mal verkauft worden sei. Bei der genauen Auflistung zeigt er dann, dass sich einige Verkaufszahlen sogar deutlich unter dieser Grenze befinden, obwohl die Bücher des immer noch weltberühmten Dichters seit Jahren erhältlich sind. Beckett sei aber darüber nicht erzürnt, im Gegenteil; er sei zufrieden, dass die Bücher überhaupt erscheinen könnten.

Samuel Beckett wurde in Foxrock, einem vornehmen Vorort von Dublin 1906 geboren. Sein Geburtshaus trug den Namen Cooldrinagh, was auf Gälisch soviel heißt wie: Rückseite der Schwarzdornhecke. Sein Vater William Beckett, ein wohlhabender Baukalkulator hatte es im Tudorstil erbauen lassen. Die Villa liegt inmitten eines herrlichen Gartens mit großem Baumbestand, darunter eine Gruppe von Lärchenbäumen. Ein Verbenenflor rankt sich um die Pfeiler des Vestibüls. Diele und der Treppenaufgang sind von einer Mahagonitäfelung eingerahmt. Vom Obergeschoß aus sind die Dubliner Berge zu sehen. Beckett wurde in einem Haus höchster Geborgenheit und angenehmster Sinneseindrücke geboren. Die Zeit scheint sich mehr dem 19. als dem 20. Jahrhundert zuzuneigen und die schönen Räume seiner Kindheit sind weit weg vom Weltgeschehen. Trotz aller Erinnerungslücken, mit denen Beckett so gerne in seinen Texten spielt, erinnert sich der Autor noch 1981 in seinem Roman Gesellschaft sehr genau an Cooldrinagh:

Du sahst das Licht der Welt in einem Zimmer, in dem du vermutlich gezeugt wurdest. Das große Erkerfenster ging nach Westen und zum Gebirge. Vor allem nach Westen. Denn als Erkerfenster ging es auch ein wenig nach Norden und nach Süden. Es konnte nicht anders. Ein wenig nach Süden zum Gebirge und ein wenig nach Norden, zum Vorgebirge und zur Ebene.

Cooldrinagh, sein Geburtshaus mit den schöne Kindheitsräumen. Doch zugleich lesen wir in seiner Prosa Aus einem aufgegebenen Werk: 

Nein, ich bedaure nichts, ich bedaure nur, geboren zu sein, Sterben ist eine so lange, mühsame Sache.

Wir wissen aus seinem Roman Der Namenlose und dem Prosatext Wie es ist, dass der Autor sogar Erinnerungen an seine vorgeburtliche Existenz hatte, die für ihn klaustrophobische Zustände suggerierte, aber auch ein merkwürdiges Gefühl von Vor-Leben, das er nach seiner Geburt in diesen Kindheitsräumen mitschleppte. Noch 1970 sagte er in einem Interview: 

Ich habe eine klare Erinnerung an meine Existenz als Fötus. Es war ein Dasein, wo keine Stimme, keinerlei Bewegung mich aus der Agonie und der Dunkelheit, der ich ausgeliefert war, befreien konnte. 

Die behütete Kindheitswelt kommt in seiner frühen und späten Prosa immer als ambivalente Erinnerung vor. Sie ist kein Niemandsland, in ihr befindet sich der irische Untergrund, auf dem auch seine Mutter „wohnt“. Beckett sieht seiner Mutter May sehr ähnlich. Ihre fanatische Liebe verfolgte ihn noch als Erwachsener. Mit ihr ist er nicht fertig geworden. Es entsteht eine Art Hassliebe, die später die Batterien für sein Schreiben speist.

Als junger Mann macht er eine Psychoanalyse bei Dr. Bion, der ihn einmal zu einer Vorlesung von C. G. Jung mitnimmt. Ein einschneidendes Erlebnis, denn nun kann er mit seinem pränatalen Gedächtnis und seiner Geburt anders umgehen. Die Vorstellung, nie ganz geboren worden zu sein, also immer noch in fötaler Abhängigkeit zu verharren, lähmen ihn zwar, aber seine Traumgebrechen werden zugleich Futter für seine Dichtung. Das letztlich Unbegriffene seiner Geburt und seiner Psyche werden sein Kapital.

Für einige Interpreten entstand Becketts Schreiben als ein Sprechen aus dem Mutterleib heraus. Zweifellos ist sein Alter Ego, die berühmte Belacquafigur aus Dantes Göttlicher Komödie aus der Faszination an dessen fötalem Zustand entstanden. Belacqua nämlich musste am Rand des Purgatoriums, gleichsam in embryonaler Stellung, die Arme um die Knie geschlungen, dasitzen. Und dieser Belacqua wandert nun durch Becketts poetische Räume, beobachtet immer wieder Geburt und Sterblichkeit und wird die Hauptfigur in seinen Texten.

Viele Interpreten glaubten, dass Beckett eine grauenhafte Kindheit gehabt haben musste. „Auf einer Party in England“ so berichtet Beckett, „fragte mich ein sogenannter Intellektueller, weshalb ich immer über Not und Elend schreibe. Als ob es pervers wäre, so etwas zu tun! Er wollte wissen, ob mein Vater mich geschlagen oder ob meine Mutter von zu Hause fortgelaufen sei und ich deshalb eine unglückliche Kindheit gehabt hätte. Ich sagte ihm: Nein, ich habe eine sehr glückliche Kindheit gehabt. Darauf fand er mich noch perverser als zuvor."

Unbeirrt, außer durch sich selbst, hat uns Beckett seine Sprachwelt hinterlassen, die immer wieder nach Irland zurückführt:

Die Insel, ich bin auf der Insel, ich habe die Insel nie verlassen, ich Ärmster. Ich hatte geglaubt zu verstehen, dass ich mein Leben damit verbrächte, auf spiraliger Bahn um die Welt zu reisen. Irrtum, ich hörte nicht auf, auf der Insel zu kreisen. Ich kenne nichts anderes, außer der Insel. Auch sie kenne ich nicht, da ich nicht die Kraft hatte, sie anzuschauen..." heißt es im Namenlosen.

Noch drei Jahre vor seinem Tod 1989 erzählt Beckett im Text Stirrings Still von einem einsamen alten Mann, der sich nachts an seinem Tisch in der Klause sitzend selbst zusieht, wie er aufsteht und durch die Landschaft seines Zimmers, die zugleich das Hinterland draußen ist, streift. Die Grenzen zwischen Innen und Außen existieren nicht mehr, die Welt ist unermesslich.

Man sollte jedoch nicht vergessen, dass die Welt seiner Dichtung auch eine soziale Welt ist. Viele Figuren sind von nebenan, uns ähnlich, und das ist schwer zu ertragen. Unruhig haben sie ihre Wege zurückgelegt, beschädigt und scheinbar mit Nebensächlichkeiten beschäftigt, einsam und gebildet. Als armseliges Ding Mensch sitzen sie in der Mülltonne, sind Landstreicher, Irrenhäusler, scheitern in Liebesdingen und im Beruf, verlieren ihre Wohnungen und Utensilien, kriechen als Nachkriegsreisende über den Erdball, versinken im mütterlichen Kosmos, wollen keine Väter werden, zählen Schritte und Kieselsteine, warten, nicht nur auf Godot, stehen wartend mit dem Rücken zum Meer und blicken zugleich in die Apokalypse. Trotzdem lauschen sie auf Stimmen und Musik und haben eine zähe Lebendigkeit in ihrer Paranoia und in ihrem Zeittakt.

Provokativ unsentimental widmete sich der Inselbewohner und Weltreisende in seinem Werk der Möglichkeit zu scheitern, nur nicht zu scheitern mit den Wörtern, die er liebt. 1989 starb der Mann mit der Umhängetasche in Paris. Der tote Dichter wurde am zweiten Weihnachtsfeiertag auf dem Friedhof Montparnasse begraben. Auf diesem Friedhof befinden sich auch die Gräber von Baudelaire, Sartre und Beauvoir. Bei Sartre war ganz Paris auf den Beinen. Bei Beckett standen nur ein paar Freunde und Verwandte am Grab. Er wollte es so.

Der Himmel über den Dächern, so blau, so still, heißt es in seinem letzten Text.

Also wieder einmal in diesen unruhigen Zeiten: Beckett lesen.

 

 

 

 

 

Literatur:

- James Knowlson, Samuel Beckett, eine Biographie

- Eoin O´Brien, The Beckett-Country, Samuel Becketts Irland

 

 

Erstellungsdatum: 09.04.2026