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Doron Rabinovicis kleiner Versuch über die Hoffnung

Die Unverdrossenen

Doron Rabinovici


Doron Rabinovici. Foto: Alexander Paul Englert

Das volkstümliche Lied „Hoffnung“, Mitte des 19. Jahrhunderts komponiert von Ferdinand von Hiller, beginnt mit den Zeilen: „Wenn die Hoffnung nicht wär', / So lebt' ich nicht mehr.“ Als Lebens- und Überlebensmittel wird die Hoffnung besungen, aber auch, mit Kant: „Alles Hoffen geht auf Glückseligkeit.“ Doch so weit ging es beim Literaturfest Textland in Frankfurt am Main, wo man sich über die Hoffnung austauschte, dann doch nicht. Der österreichische Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici, der dort am 30. Oktober 2026 den Impulsvortrag hielt, spürt darin der ewigen Unverdrossenheit nach.


Nur keine falschen Hoffnungen. Wer hier auf Beschönigung wartet, wird enttäuscht. Wir erleben, so wird allseits verkündet, eine Zeitenwende. Die Grundlagen, die lange den Frieden Europas sicherten, brechen nieder. Despoten und Tyrannen wüten gegen den Rechtsstaat. Sie erklären der Demokratie den Kampf. Ich weiß, wovon ich rede. Das Land meiner Geburt, das vielen heiliger ist als das Leben, ist im Krieg. Wer inmitten des Leids von Verständigung redet, stößt auf Verbitterung und Missmut, als sei obszön, wer noch an Versöhnung glaubt.

Kennen Sie den? Was ist der Unterschied zwischen einem jüdischen Pessimisten und einem jüdischen Optimisten? Nun, der jüdische Pessimist sagt: „Es kann gar nicht mehr schlimmer werden.“ Darauf der jüdische Optimist: „Doch, doch!“

Ironie ist ein Ausweg, um nicht der Verzweiflung zu verfallen. Solange rundum Zufriedenheit herrscht, muss der Wunsch nach einem Happy End nicht allzu groß werden. Wenn aber die Gegenwart widerwärtig ist, wenn Seuchen, Plagen oder Kriege die Menschen heimsuchen, dann wächst die Sehnsucht nach Verheißung. Dann wollen viele in jeder Fata Morgana die Quelle der Rettung sehen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber damit ist nur gesagt, dass dann, wenn alles längst dahin und vorbei ist, wir es immer noch nicht wahrhaben möchten. Solch eine Hoffnung wäre trügerisch. Ein Lichtblick, der nur auf Vorspiegelung falscher Tatsachen beruht, ist nichts als ein Blendwerk. Hellsichtig ist, wer die Finsternis benennt, ohne zu verzagen.

Max Brod schildert an einer Stelle einen Austausch mit seinem Freund Franz Kafka. Brod schreibt: „Ich erinnere mich eines Gesprächs mit Kafka, das vom heutigen Europa und dem Verfall der Menschheit ausging.“ Kafka habe gemeint, unsere Welt sei „nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechter Tag“. Brod fragte: „So gäbe es außerhalb dieser Erscheinungsform Welt, die wir kennen, Hoffnung?“ Kafka habe, so Brod, gelächelt und geantwortet: „Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, — nur nicht für uns.“

Wenn ich von jenem Gespräch zwischen Brod und Kafka lese, kann ich nicht anders, als an den Mord an Millionen zu denken. Ich meine damit nicht, Kafka habe hier die Vernichtung vorausgesehen. Das wäre zu einfach. Seine Worte strahlen in mehrere Richtungen aus. Der Satz enthält auch eine tiefere Wahrheit. Ist eine Spekulation über das Dasein. Zugleich aber frage ich mich, ob Kafka hier auch unbewusst ausdrückte, was sich in den Zwanzigern des vorherigen Jahrhunderts bereits zusammenbraute.

Aber selbst nach dem Weltkrieg und der Vernichtung war nicht alles für immer verloren. Nach der Befreiung wartete auf die Überlebenden eine Zukunft. Meine Eltern waren eben der Auslöschung entronnen, da waren sie bereits davon überzeugt, wir, die Kinder, würden es dereinst besser haben. In guter Hoffnung, das war meine Mutter leibhaftig, als sie mit meinem Bruder und nachher mit mir schwanger ging. Leicht waren die Zeiten nicht. Im Armenviertel von Tel Aviv wurden wir, die zwei Söhne, geboren. Aber die Eltern ließen sich nicht unterkriegen, sondern bauten auf eine neue Welt. Die Hymne des jungen Israel wurde „Hatikva“ geheißen, was im Hebräischen nichts anderes bedeutet als „die Hoffnung“. Vater und Mutter kämpften gegen den Hass. Sie setzten bis zu ihrem Tod auf Verständigung, auf Frieden und Gerechtigkeit.

Sie waren von der Überzeugung bestimmt, es gehe bergauf und tatsächlich wurden nicht nur für meine Familie in jenen Jahren so manche Träume wahr. Die Not nahm ab, der Wohlstand stieg. In Europa fanden einstige Feinde zueinander. Selbst der Kalte Krieg ging irgendwann vorbei und die ganze Welt, die geteilt gewesen war in Ost und West, schien mit einem Mal so eins und einig wie noch nie. Grenzen, die früher die Völker getrennt hatten, fielen. Manche meinten gar, das sei das Ende der Geschichte.

Aber längst sind die Aussichten nicht mehr so rosig. Krisen ziehen auf. Wie noch Hoffnung schöpfen, wenn die Stärke des Rechts derzeit immer mehr dem Recht des Stärkeren weicht, wenn Nationen zu Festungen werden, wenn Schutzbefohlenen die Rettung verwehrt wird, wenn nur Gier zählt und der Erdball dabei heiß läuft? Die Meeresspiegel steigen. Ganze Länder drohen unterzugehen.

Wer nun noch von einer Vision spricht, dem wird nicht selten beschieden, er brauche einen Arzt. Aber die Vorstellung, es könne das, was ist, auch anders sein, befähigt uns erst zu einem anderen Blick auf die Wirklichkeit. Das, was einen empört, muss nicht so sein, wie es ist – und das, was uns zerstört, darf nicht so bleiben. Hoffnung ist eben nicht die Illusion, die uns den Blick verstellt, um nicht zu sehen, was der Fall ist, sondern die Erinnerung daran, dass alles auch anders werden kann. Gäbe es die Hoffnung auf Versöhnung nicht, würden überall Kriege geführt werden bis zum bitteren Ende.

Wenn die Generation der Überlebenden, die Übriggebliebenen, nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern wieder Mut fassen konnten, um weiterzuleben, wie sollten wir dann nicht imstande sein, daran zu glauben, Auswege zu finden in unserer kriegerischen Zeit? Wenn in Diktaturen manche fähig waren, alles zu riskieren und die Hoffnung auf ein Dasein in Gerechtigkeit nicht aufgaben, dann kann es doch heute, da einem nicht das Gefängnis oder der Galgen droht, nicht gar so schwer sein, an den Menschenrechten festzuhalten und gegen den Hass auf Asylsuchende und Andersgläubige die Stimme zu erheben.

Es geht nicht darum, die Katastrophen, die über uns hereinbrechen, zu verleugnen. Aber wenn Demokratie und Rechtsstaat bedroht sind, gilt es die eigene Haltung nicht zu verraten. Der Kampf gegen Ressentiment und Repression, gegen Terror und Krieg geht weiter. Die Geschichte kennt keinen Schlusspunkt. Es gibt keine unwiderrufliche Erlösung und auch die allumfassende Apokalypse findet nicht statt. Der Dichter Aleš Šteger bringt es auf den Punkt: „Es gibt kein Ende – nur die Gletscher sterben.“

Selbst über das Leben hinaus reicht die Hoffnung für jene, die wir lieben, und für das, woran uns liegt. Jedes Testament ist ein Beweis. Es gibt ein Geben nach dem Tod und ein Vererben nach dem Versterben.

Es geht nicht darum, die Hoffnung mit einer Erwartung zu verwechseln. Kafkas Aussage, es gebe mehr als genug an Hoffnung, nur nicht für uns, war nicht Schwarzseherei. Er drückte damit aus, welche Bürde und Würde den Menschen in der Moderne auszeichnet. Wir leben nicht mehr aufgehoben in einem höheren Sinn. Jeder Satz, den Kafka schrieb, und jedes Wort, das er festhielt, ist ein Zeugnis dafür, dass er nicht der Resignation verfallen war. Kafka ließ daran keinen Zweifel. In seinen Tagebüchern ist zu lesen: „Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren.“


Auf dem Textland-Podium zum Thema „Hoffung als Widerstand" v.l.n.r.: Leon Joskowitz, Doron Rabinovici und Joana Osman. Foto: Alexander Paul Englert


In dieser Widerspenstigkeit liegt eine Hoffnung, die stärker ist als alle Traumtänzerei. Die Partisanen im Warschauer Ghetto wussten, dass sie nicht siegen konnten. Sie kämpften – unverdrossen und bis ins Ende hinein – der Aussichtslosigkeit zum Trotz, um wehrhaft und nicht als bloße Opfer zu sterben.

Von Václav Havel stammt der Satz: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Entscheidend ist – im Sinne Havels – nicht die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs, sondern das Bewusstsein, das Richtige zu tun. Aber Havels Schicksal beweist auch, wie das, was zunächst unbezwingbar scheint, letztendlich unterliegen kann. Unverhofft kommt oft. Wer hätte zu denken gewagt, es könnte der Stalinismus gestürzt werden durch eine samtene Revolution, der Eiserne Vorhang würde fallen, als hätte es ihn nie gegeben, und am Hradschin könnte ein Schriftsteller namens Václav Havel residieren, doch, so wusste schon Bertolt Brecht, der einst selbst noch Lobeshymnen auf Stalin gedichtet hatte: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Nun, ob und wann es wieder heller wird in unserer Zeit, darüber mag wohl noch gerätselt werden, aber zweifellos lohnt es, Ausschau zu halten nach mehr Licht.

Erstellungsdatum: 05.11.2026