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Isa Bickmann zur Ausstellung „Tirailleurs" im Haus der Kulturen der Welt Berlin

Ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt im Berliner Haus der Kulturen der Welt widmet sich den sogenannten Tirailleurs, jenen Personen aus afrikanischen und anderen Regionen der Welt, die als Kanonenfutter missbraucht und deren militärischer Einsatz für europäische Länder weißgewaschen und vergessen wurde. Das Ergebnis ist eine enorm vielschichtige Präsentation findet Isa Bickmann.
Wir sprechen von Avantgarde, wenn wir die ersten und führenden Vertreter:innen neuer Kunstströmungen benennen wollen. Der Begriff stammt aus dem militärischen Vokabular und meint die Vorhut mit erstem Feindkontakt. In der von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Paz Guevara kuratierten Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt finden Kunst und Militärbegriff zusammen zu einem Forschungsprojekt, das von Gruppen aus Port of Spain, Marseille, Tanger, Taipeh und Dakar aufbereitetes Quellenmaterial im Foyer des Hauses sichtbar macht, und einer Präsentation von 27 künstlerischen Positionen, die auf das Thema des Einsatzes der Tirailleurs auf europäischem und kolonialisiertem Boden reagieren.
1857 gründete der Militärgouverneur des Senegal, Louis Faidherbe die Tirailleurs Sénégalais als Bataillon afrikanischer Soldaten, die nicht alle aus dem Senegal kamen, sondern aus verschiedenen Ländern, aber zumeist über Dakar verschifft wurden. Unter ihnen ehemalige Sklaven, Zwangsrekrutierte und „Freiwillige“, wobei letzter Begriff hier in Anführungsstrichen gesetzt sei, denn fraglich ist, ob bei Freiwilligkeit immer ein freier Wille zugrunde liegt. Im Zusammenhang dazu ist der von einer/m anonymen Autor/in verfasste Text über „Freiwilligkeit“ im Begleitbuch der Ausstellung ein eindrücklicher Beitrag zur Thematik, der den Bogen schlägt von Rousseaus Setzung des Begriffs „volonté générale“ bis hin zu seiner Bedeutung für den Populismus als auch zu den ausführenden Freiwilligen strikter Anweisungen der chinesischen Regierung während der Coronazeit.
Tirailleurs wird in der Ausstellung im erweiterten Sinn verstanden und bezieht sich auch auf den Einsatz nordafrikanischer, karibischer und asiatischer Männer wie Frauen, ist jedoch eigentlich ein sehr herabsetzender Ausdruck. Er galt in Afrika angeworbenen Männern, die nie eine Waffe getragen hatten, nur sehr kurz ausgebildet wurden und daher schlecht schießen konnten. Tir-ailleurs: Sie schossen also überall hin, und zwar weit am Ziel vorbei.

Man brachte ihnen oft nur einfachstes Französisch, „Tirailleurs-Französisch“, bei. In der Ausstellung untersucht Kader Attia den fortwirkenden Rassismus anhand der Werbefigur für das Banania-Kakaopulver, das in Frankreich jeder kennt. Bis 1977 zierte der Kopf eines Tirailleur mit roter Kopfbedeckung und „y’a bon“ rufend, das für „c’est bon“ steht, die Verpackungen.
Den roten Tirailleur-Hut legt die Künstlerin Binta Diaw aus Mailand auf ein Feld aus Erde, in dessen Furchen zarte Maispflanzen gesetzt sind und das sich über den Ausstellungraum hinaus in den Außenbereich ausbreitet. Der Titel „1.12.44-1 Les tirés ailleurs“ verweist auf das Massaker in Thiaroye nahe Dakar am 1. Dezember 1944. Die französische Kolonialarmee schoss auf protestierende senegalesische Soldaten, die ihren ausstehenden Lohn einforderten. Man weiß mittlerweile von mehreren Hundert Toten.
Nicht nur mangelnde Entlohnung, auch die fehlende Würdigung dessen, was afrikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg wie auch im Ersten Weltkrieg und dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 leisteten, fügen sich in die kontinuierliche Diskriminierung und Ausnutzung Schwarzer Menschen. Man spricht von 200.000 Eingezogenen und 35.000 Getöteten im Zweiten Weltkrieg – und doch bleibt das kriegsentscheidende Débarquement de Provence nahe Toulon, das kurz nach der Landung in der Normandie stattfand, mit mehrheitlich aus den Kolonien stammenden Teilnehmenden in den Geschichtsbüchern unerwähnt. Die Nachfahren der Tirailleurs, die heute in Frankreich leben oder in ihrer Not in unsicheren Booten über das Mittelmeer kommen, seien mit Würde zu behandeln, denn ihre Familien haben Europa und insbesondere Frankreich Dienste erwiesen, bekräftigt Direktor Bonaventure Soh Bejeng Ndikung.

Wenige Zeugnisse stammen von weißer Hand. Othon Friesz stellte in einem monumentalen Werk die Schrecken des Krieges 1915 dar und setzt dabei einen Tirailleur als ebenbürtigen Protagonisten ins Bild. Félix Vallotton malt 1917 das Soldatenleben der Tirailleurs und einen riesigen Friedhof namenloser Gräber. Den Kuratoren geht es jedoch nur um die Darstellungen, nicht um die Kunst selbst. So sieht man lediglich Reproduktionen der Gemälde.
Léopold Sédar Senghor, senegalesischer Dichter, Begründer der Négritude und von 1960 bis 1980 erster Präsident des Senegal, kämpfte für Frankreich im Zweiten Weltkrieg, als der Senegal noch zum französischen Kolonialreich gehörte. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und hat die Situation der Schwarzen Soldaten in die Gedichtzeile gefasst: „Et je suis présentement soldat de deuxième classe parmi les humbles des soldats“ (Und gegenwärtig bin ich Soldat zweiter Klasse unter den einfachsten aller Soldaten).
Der aus Loíza stammende Daniel Lind-Ramos fügt in seine schiffsartig getürmte Assemblage aus Frauenkopftüchern, Koffer, Fass und anderen Gegenständen, die den Beitrag der Personen aus der Karibik im Ersten und Zweiten Weltkrieg würdigen soll, die berühmte Schrift von Frantz Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ ein. Auch Fanon kämpfte gegen Nazideutschland und wurde in den Vogesen 1944 verwundet. Und auch er hatte den Rassismus gegen die eigenen Soldaten erlebt.
Die Brutalität der Kriege, die nicht die ihren waren, brachten die afrikanischen Soldaten mit nach Hause. Traumatisiert blieben sie oft stumm über das Erlebte oder kamen gar nicht zurück. Einige Künstler:innen haben im Zuge der Vorbereitung für die Ausstellung überhaupt erst festgestellt, dass eigene Großeltern oder Urgroßeltern betroffen waren, wie z. B. die in Tunis geborene und in Berlin lebende Nadia Kaabi-Linke oder die in Köln geborene und ebenfalls in Berlin lebende Dior Thiam, die väterlicherseits senegalesische Wurzeln hat.

Die Gruppe Slavs and Tatars forschte zu den Publikationen, mit denen das deutsche Kaiserreich im 1. Weltkrieg mit dem Titel „Dschihad“ muslimische Kriegsgefangene gegen England und Frankreich aufhetzen wollte. Mit rassistischen Zitaten aus Hitlers „Mein Kampf“ lockte man übrigens in den afrikanischen Kolonien in den nächsten Weltkrieg.
Die Thematik lässt auch an einen aktuellen Krieg denken, von dem man weiß, dass afrikanische Personen rekrutiert wurden. Mario Pfeifer spricht in seinem neuen Werk "Wutame / Caché", mit zwei Männern aus Kamerun, die nach Russland gelockt wurden, um als Kanonenfutter in die Kämpfe gegen die Ukraine geschickt zu werden. Beide desertierten. Die persönlichen Berichte der beiden anonymisierten Männer lassen den desillusionierenden Gedanken aufkommen, dass diese Form der Rekrutierung Nichtprivilegierter nicht aufhört und keineswegs der Vergangenheit angehört.
Man kann nicht die Geschichte von der Befreiung Europas erzählen, ohne den Betrag dieser Afrikaner – und der anderen Nationen aus den kolonialisierten Ländern, von Indigenen aus Kanada bis Gruppen aus Asien – zu erwähnen. Und freilich wäre auch davon zu reden, dass die Tirailleurs selbst Schuld auf sich geladen haben. Doch eine derartige Ausstellung wird kaum alle Aspekte abdecken können, zumal auch das Thema der sogenannten „Trostfrauen“, d.h. die Zwangsprostitution südkoreanischer Frauen durch Japan, bei Hana Yoo in eine filmischen Arbeit umgesetzt wird. Sie zeichnet ein würdigendes, zugeneigtes Bild dieser Frauen. Und das tut die gesamte Ausstellung: Schaut man von der Empore, wo Kathleen Bomani in der fesselnden Videoinstallation „The Fire Last Time“ Landschaft, Erzählung, Menschen und Pflanzen rund um den Kolonialismus und Ersten Weltkrieg miteinander verwebt, herab in den Ausstellungsraum, zeigen sich Böden und Wände in Currygelb, Orange, Seegrün, Ultramarin und Lila, als wollen die Kuratoren der schweren Kost einen positiven ermunternden (empowernden) Anstrich geben.
Zur Ausstellung sind jeweils in Engl. und Dt. ein Handbuch erschienen, das zum Besuch kostenfrei erhältlich ist, sowie ein lesenswerter Reader.
Tirailleurs
Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat:innen, die Europa befreit haben
21.3.–14.6.2026
Haus der Kulturen der Welt
Berlin
Erstellungsdatum: 27.05.2026